2666 ist der Titel des letzten, 2004 postum veröffentlichten Romans des 2003 nach vielen Jahren der Krankheit verstorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño. Die deutsche Übersetzung von Christian Hansen erschien am 7. September 2009 im Carl Hanser Verlag, München. Zentrum der labyrinthartigen Handlungen und Zielpunkt der zufälligen Reisen der Protagonisten (Teile 1–3) ist Santa Teresa, eine fiktive Stadt in Nordmexiko, in der von den 1990er Jahren an bis in die Roman-Gegenwart unter mysteriösen Umständen viele Frauen ermordet wurden (Teil 4).

Handlung Das Werk besteht aus fünf Teilen, die in sich jeweils abgeschlossen, aber personell und thematisch lose miteinander verwoben sind und sich zunehmend auf die Kriminalfälle konzentrieren.

Der Teil der Kritiker Vier Literaturwissenschaftler, der Franzose Jean-Claude Pelletier, der Spanier Manuel Espinoza, der Italiener Piero Morini und die Engländerin Liz Norton, erforschen in den 1990er Jahren die Romane des wenig bekannten deutschen Schriftstellers Hans Reiter, der unter dem Pseudonym Benno von Archimboldi veröffentlicht und den sie für den bedeutendsten deutschen Autor des 20. Jahrhunderts halten. Sie treffen sich immer wieder auf Kongressen über deutsche Literatur, halten Vorträge über ihr Spezialgebiet und diskutieren über ihre Veröffentlichungen. Da sie in ihren Analysen weitgehend übereinstimmen, bilden sie gegenüber anderen Kollegen eine Fraktion, freunden sich an, telefonieren häufig miteinander und besuchen sich. Berufliches und privates mischt sich in der auf Symposien miteinander konkurrierenden, oft selbstreferentiellen Wissenschaftsszene. So werden ihre Beziehungen immer intimer und Norton geht eine sexuelle Beziehung sowohl mit Pelletier als auch mit Espinoza ein.

Durch weitere Romanveröffentlichungen und auch durch die Übersetzungen und Publikationen der Germanisten ist der inzwischen 80-jährige Archimboldi in der Literaturszene bekannt und Nobelpreis-Kandidat geworden. Da über sein Leben und seine Aufenthaltsorte nichts bekannt ist, entwickeln die Forscher den Ehrgeiz, ihn aufzuspüren und mit ihm über seine Werke zu sprechen. Nach wenig ergiebigen Recherchen bei seinem Verlag erfahren sie, dass er sich in Mexiko aufhalten soll. Norton, Pelletier und Espinoza folgen der Spur und reisen, während der an Multiple Sklerose leidende und auf einen Rollstuhl angewiesene Morini zu Hause bleibt, in die fiktive Stadt Santa Teresa in der nordmexikanischen Provinz Sonora. Dort hilft ihnen der an der Universität der Stadt lehrende chilenischen Professor Óscar Amalfitano bei der letztlich erfolglosen Suche. Nachdem sie erfahren, dass in Santa Teresa Frauen ermordet wurden, mehr als zweihundert Opfer, und viele Taten immer noch nicht aufgeklärt sind, bricht Liz Norton den Aufenthalt ab und reflektiert über ihr Leben, das ihr angesichts der Probleme Mexikos eitel und weltfremd vorkommt. Sie hat erkannt, dass sie den zurückhaltenden Morini liebt und mit ihm zusammenleben will. Pelletier und Espinoza verbringen vor ihrer Rückreise noch einige Zeit in Santa Teresa. Während der Spanier die Hoffnung aufgegeben hat, den Schriftsteller zu finden, und eine Affäre mit der jungen Teppichverkäuferin Rebeca hat, studiert Pelletier Romane Archimboldis und ist fest davon überzeugt, dass sich der Autor in Santa Teresa versteckt hat.

Der Teil von Amalfitano Der zweite Teil spielt nach der Ankunft des chilenischen Philosophie-Professors Óscar Amalfitano und seiner Tochter Rosa in Santa Teresa. Nach dem Ende seines Vertrags in Barcelona hat der 50-Jährige eine Anstellung an der Universität in Santa Teresa angenommen, aber er fühlt sich in der neuen Umgebung unwohl. Die Universität kommt ihm wie ein Friedhof vor, „der plötzlich in haltloses Reflektieren verfällt.“Roberto Bolaño: 2666. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011, S. 248. Er ist müde und bedrückt, hat Ängste, wacht nachts aus Alpträumen auf, fühlt sich beobachtet und kontrolliert das Haus. Durch die Nachrichten von der Entführung und Ermordung junger Frauen ist er in Sorge um seine 17-jährige Tochter, die mit seiner Kollegin Silvia Pérez, einer alten Bekannten aus Argentinien und Spanien, die ihm bei der neuen Anstellung behilflich war, für eine Forcierung der schleppenden Aufklärung der Morde demonstriert. Er hört Stimmen, die ihn nach seiner Persönlichkeit, seiner Familiengeschichte, homosexuellen Neigungen usw. befragen, und fürchtet, dies seien Anzeichen eines beginnenden Wahnsinns. Auch kann er sich nicht erinnern, warum er ein Buch des galizischen Dichters Rafael Dieste über Geometrie mit nach Mexiko genommen hat, und hängt es, wie in einer „Readymade“- Aktion Duchamps, in seinem kleinen Garten an eine Wäscheleine, um die vom Wind bewegten Blätter zu beobachten. Er spekuliert über einen möglichen Jetlag als Ursache seiner Schmerzen. Diese Phantastereien verwandelten „den lange währenden, natürlichen und stets siegreichen Schmerz […] in einzelne Erinnerung, die menschlich ist und kurz und sich irgendwann davonstiehlt. Verwandelten eine barbarische Geschichte von Ungerechtigkeiten und Übergriffen, ein unzusammenhängendes Geheul ohne Anfang und Ende, in eine gut strukturierte Geschichte, in der die Möglichkeit, sich umzubringen, gewahrt blieb. […] Verwandelten die Flucht in Freiheit, mochte die Freiheit auch nur noch dienen, die Flucht fortzusetzen. Verwandelten das Chaos in Ordnung, wenngleich um den Preis dessen, was man gemeinhin Vernunft nennt“.Roberto Bolaño: 2666. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011, S. 254. Der sargähnliche Schatten von Diestes Buch erscheint „eindeutiger, gefestigter und vernünftiger als alles, was er in der Umgebung von Santa Teresa und in der Stadt selbst gesehen hatte, […] Bilder ohne Halt, Bilder, in denen die ganze Verwaistheit der Welt enthalten war, Fragmente, Fragmente“.Roberto Bolaño: 2666. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011, S. 277. Er erinnert sich immer wieder an Chile, seine Flucht vor der Pinochet-Diktatur und seine Ehe mit der Spanierin Lola, die ihn ca. 1986, zwei Jahre nach der Geburt Rosas verlassen hat, um einen von ihr geliebten wahnsinnigen Dichter aus der Anstalt MondragonAnspielung auf den spanischen Dichter Leopoldo María Panero, der Ende der 1980er Jahre in der psychiatrischen Klinik von Mondragon behandelt wurde. 1987 erschien bei Hiperion, Madrid, sein Lyrikband Poemas del manicomio de Mondragón: Joaquin Marco: 2666. El culturel, 11. November 2004. bei San Sebastian zu befreien, die dann jahrelang durch Frankreich vagabundiert ist und ihn 1991 noch einmal Aids-krank besucht hat.

Der Teil von Fate Hauptfigur des dritten Teils ist der für das Resort Politik und Gesellschaft bei der afroamerikanischen Zeitung „Schwarzen Morgen“ in Harlem, New York, schreibende 30-jährige schwarze Journalist Quincy Williams, der seine Artikel unter dem Namen Oscar Fate veröffentlicht. Als er gerade in Detroit den Schriftsteller Barry Seaman interviewt, erhält er den Auftrag, für eine Reportage über den Boxkampf von Count Pickett, einem Halbschwergewichtler aus New York, gegen den Mexikaner Merolino Fernández nach Santa Teresa zu reisen.

In Santa Teresa erfährt er von den rätselhaften Frauenmorden, vermutet einen großen Stoff für seine Zeitung und bietet seiner Redaktion an, einige Zeit in der Stadt zu bleiben und zu recherchieren. Die aus der Hauptstadt angereiste Journalistin Guadalupe Roncal weist ihn auf die gefährliche Mission hin und bittet ihn, sie ins Gefängnis zu begleiten. Sie soll für einen mit der Untersuchung beauftragten und daraufhin ermordeten Kollegen einen seit einiger Zeit inhaftierten Hauptverdächtigen, einen US-Amerikaner, besuchen und herausfinden, ob die Anschuldigungen gegen ihn nur als Ablenkungsmanöver der Behörden dient, um eventuell von einflussreichen mafiösen Gruppen abzulenken.Im vierten und fünften Romanteil wird die Geschichte des Angeklagten Klaus Haas, des Neffen Archimboldis, erzählt. Fate gerät in eine abenteuerliche Situation, als er beim Boxkampf durch Chucho Flores, Journalist einer Lokalzeitung und beim Rundfunk, die schöne Tochter des Professors Amalfitano kennenlernt und sich in sie verliebt. Rosa hat gerade ihr Verhältnis mit Flores wegen dessen Eifersuchtsattacken und Besitzansprüchen beendet, trifft sich aber weiterhin mit ihm, ihrer Freundin Rosa Méndez und ihren reichen Junkie-Freunden in der Disco-Party-Szene. Zum Abschluss des Abends fahren alle zum Haus des Videoladen-Besitzers Charley Cruz und zeigen Fate den Porno-Filmraum. Fate, für gesellschaftlich prekäre Situationen und geheime Machtstrukturen sensibilisiert, schöpft Verdacht, als die Frauen verschwunden sind. Er findet Rosa apathisch im Kokain-Rausch, kann sie überreden, nach Hause zu gehen und bringt sie gegen den Widerstand der Männer aus der Villa.

Professor Amalfitano fürchtet eine Racheaktion, denn alle könnten irgendwie in die Mordfälle verwickelt sein. Er rät Fate zur sofortigen Rückkehr in die USA und bittet ihn, seine Tochter über die Grenze mitzunehmen und zum nächsten Flughafen zu bringen, um nach Barcelona zu fliegen.

Der Teil von den Verbrechen Der vierte Teil handelt von aufsehenerregenden Kriminalfällen in Santa Teresa zwischen 1993, beginnend mit dem Leichenfund der 13-jährigen Esperanza Gómez Saldaña, und 1997. Im Mittelpunkt stehen die Vergewaltigungen und Morde an jungen Frauen, vor allem an entführten Mädchen, Prostituierten, Kellnerinnen, Maquiladora-Arbeiterinnen und Migrantinnen. Durch die in diesem Zusammenhang erzählten zahlreichen Einzel- und Familienschicksale entsteht ein breites Mosaikbild der heterogenen Gesellschaft und der schwer durchschaubaren kriminellen Strukturen in der Grenzregion zu den USA mit ihrer hohen Bevölkerungsfluktuation. Von den Morden betroffen sind vor allem Frauen der unteren sozialen Schichten mit ihrem ungesicherten Leben in den ärmlichen Unterkünften am Stadtrand, bei denen Vergewaltigungen ohne Todesfolge eine Alltagserscheinung sind und nicht angezeigt werden.sich abwechselnde Stimmen über die weibliche Ahnenreihe des Polizisten Lalo Curas: Roberto Bolaño: 2666. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011, S. 733 ff.

Die Beschreibung der sozialen Situation dieser Menschen ist verbunden mit der oft ergebnislosen Aufklärungsarbeit der durch die verschiedensten Delikte, unter anderem Kirchenschändungen eines vermutlich Sakrophobie-Wahnsinnigen, überforderten Polizeiapparates, der zunehmend unter Erfolgszwang gerät und trotz harter Verhörmethoden meist nur die offensichtlichen Beziehungstaten von eifersüchtigen Verlobten oder Ehemännern aufklären kann. In vielen Fällen sind die Tatspuren an den oft in Außenbezirken der Stadt und auf Müllkippen gefundenen Leichen durch Verstümmelung oder Verwesung verwischt, was die Identifizierung erschwert oder unmöglich macht, zumal viele Frauen nicht als vermisst gemeldet wurden und in der Stadt unbekannt sind.