Die Norges Kommunistiske Parti (Abk. NKP; deutsch Kommunistische Partei Norwegens) ist eine 1923 entstandene kommunistische Partei in Norwegen. Sie vertritt einen marxistisch-leninistischen Standpunkt. Vorsitzende ist seit 2015 Runa Evensen.
Geschichte Vorgeschichte Die 1887 gegründete Arbeiderpartiet (dt. Arbeiterpartei) radikalisierte sich unter dem Einfluss der Folgen des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution, welche in Norwegen großen Einfluss erlangte. So kam es am 6. Juni 1917 zum ersten Generalstreik des Landes, in welchen ein Ende der Teuerung gefordert wurde.Bull, E.: "Arbeiderbevægelsens stilling i de tre nordiske land 1914 - 1920". Kristiania, 1922. S. 30 Der spätere norwegische Ministerpräsident Einar Gerhardsen berichtete rückblickend davon, dass „die Entwicklung des revolutionären Rußland [...] die linken Kräfte in der norwegischen Arbeiterpartei [unterstützte]. Der russischen Revolution wurde außerordentliches Interesse entgegengebracht. In Christiania und im ganzen Land fanden Versammlungen in brechend vollen Räumen statt.“"Die Proletarische Solidarität der Werktätigen im Kampf für den Frieden (1917 - 1924)". Moskau, 1958. S. 35 Ebenfalls 1917 entstanden auch erste Arbeiterräte, die bis zum Frühjahr 1918 bereits 60.000 Arbeiter vertraten. Diese fanden Unterstützung in der Gewerkschaftsbewegung und dem Sozialdemokratischen Jugendverband Norwegens. Am 5. März 1918 fand auf einen Aufruf dieser Arbeiterräte hin die bis dahin größte Massendemonstration Norwegens statt. Im Laufe des März 1918 fand ebenfalls die erste landesweite Konferenz der Arbeiterräte statt. Dabei erhobene Forderungen waren u. a. die gesellschaftliche Kontrolle der Produktion, Bekämpfung der Teuerung, Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit, die Einführung des 8-Stunden-Tages und die Demobilisierung der Armee. Ende 1918 wurden die Arbeiterräte aufgelöst."Die internationale Arbeiterbewegung. Fragen der Geschichte und Theorie. Vierter Band". Moskau, 1983. S. 182 Im Juni 1919 schloss sich die von Martin Tranmæl geführte Arbeiterpartei der Kommunistischen Internationale (KI) an.
Gründung 1923 kam es jedoch zum Bruch, da die Arbeiterpartei den Führungsanspruch der KI zurückwies und darauf bestand, ihre Politik vollkommen eigenständig zu planen und durchzuführen. Die Partei entschied daher am 4. November 1923 auf einem Sonderparteitag, die KI zu verlassen. Eine Minderheit der Mitglieder gründete noch am selben Tag Norges Kommunistiske Parti, welche Nachfolgerin der Arbeiterpartei als norwegische Sektion der KI wurde. Immerhin fast die Hälfte der 29 Repräsentanten der Arbeiterpartei im Storting, dem norwegischen Parlament, wechselte in die neue Partei.
Bis 1945 Zulauf erhielt sie zudem auch aus Gewerkschaftskreisen. Dennoch erreichte die Partei bei der Parlamentswahl des Jahres 1924 nur 6,1 Prozent der Stimmen, während die Arbeiterpartei auf 18 % kam und die Sozialdemokraten auf rund 9 %. In den Folgejahren verlor die NKP weiter an parlamentarischen Rückhalt in der Bevölkerung. Zwischen 1930 und 1945 hatte sie deshalb kein Storting-Mandat mehr inne.Jahn Otto Johansen, Die Kommunistische Partei Norwegens. – In: Åke Sparring (Hg.), Kommunisten im Norden. Köln 1966, S. 75–124, hier: S. 78 ff.
Den Zweiten Weltkrieg sah die NKP angesichts des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vom August 1939 im Gegensatz zur Arbeiterpartei als imperialistischen Krieg, dessen Ausbruch nicht nur Deutschland, sondern auch die Westmächte durch fehlende Sicherheitsabkommen mit der Sowjetunion verschuldet hätten. Im finnisch-sowjetischen Winterkrieg unterstützte die NKP die Sowjetunion. Als der Krieg Norwegen mit der Eroberung durch die Wehrmacht ab dem 9. April 1940 erreichte, rief die NKP öffentlich dazu auf, Widerstandshandlungen gegen die Besatzer zu unterlassen. Selbst als die NKP im August 1940 als erste Partei überhaupt von den deutschen Okkupanten verboten wurde, war die Haltung ihnen gegenüber nicht eindeutig. Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 und der Reorganisation der Partei infolge eines heimlichen Parteitages am 31. Dezember 1941 begann die NKP mit deutlichen Widerstandshandlungen.Vgl. Johansen, S. 80 f.
Durch zahlreiche Sabotageakte gegen die Deutschen während der zweiten Hälfte des Krieges konnte die NKP ihre Popularität steigern. In der ersten Nachkriegswahl erreichte sie einen Stimmenanteil von 11,9 Prozent. Ideologische Auseinandersetzungen gegen Ende der 1940er Jahre schwächten die Partei jedoch zusehends. So wurde Peder Furubotn, der maßgeblich für die Widerstandpolitik gegen die Deutschen ab 1942 verantwortlich gezeichnet hatte, wegen „titoistischer“ Tendenzen und „imperialistischen Agententums“ aus der Partei ausgeschlossen.Vgl. Johansen, S. 83.
Nach 1945 Den von Chruschtschow eingeleiteten Prozess der Entstalinisierung kommentierte die NKP mit großer Zurückhaltung.Vgl. Johansen, S. 87 ff. Den Ungarischen Volksaufstand von 1956 bezeichnete die Partei als Konterrevolution und erwies sich damit als linientreu.Vgl. Johansen, S. 89 f. Als der Konflikt zwischen der KPdSU und den chinesischen Kommunisten ihren Höhepunkt erreichte, vermieden es die NKP und ihr langjähriger Vorsitzender Emil Løvlien, klar Stellung zu beziehen.Vgl. Johansen, S. 94 f. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei zur Zeit des Prager Frühlings bewog die Partei zu einer kritischen Haltung und damit erstmals zu einer Distanzierung von der Politik Moskaus. Der nach Ansicht mancher Gemeinderepräsentanten nicht völlig überwundene Stalin-Kult führte aber noch 2004 zu Konflikten und Parteiaustritten.
Anfang der 1970er Jahre sprach sich die NKP vehement gegen eine Mitgliedschaft Norwegens in der Europäischen Gemeinschaft aus. 1973 ging die Partei mit Sosialistisk Folkeparti (Sozialistischen Volkspartei) und Demokratiske Sosialister (Demokratischen Sozialisten) ein Wahlbündnis ein, das 11,6 % der Stimmen und 16 Mandate erringen konnte. Im Parlament saß damit für vier Jahre auch der NKP-Vorsitzende Reidar T. Larsen.
Seit Ende der siebziger Jahre hat sich die NKP, zum Teil wegen interner Flügelkämpfe, zu einer Splitterpartei entwickelt. Bei der Parlamentswahl 2021 erhielt sie nur noch 308 Stimmen (0,0 Prozent).Tall for hele Norge, valgresultat.no, 2017 (abgerufen am 5. Juli 2020).
Von ihrer Gründung 2013 bis zu ihrer Auflösung 2023 war die NKP Mitglied der Initiative kommunistischer und Arbeiterparteien Europas.
Programm mini|Stand in der Osloer Innenstadt vor der Wahl 2009 Die Grundlage für die politische Arbeit der Partei liefert seit ihrer Gründung der Marxismus-Leninismus.Prinsipprogram, nkp.no, abgerufen am 20. September 2009. Nach Ansicht der NKP bedrohen drei „Hauptprobleme“ die Menschheit: die soziale Ungerechtigkeit, die Umweltzerstörung und das Militärwesen bzw. die Kriege, die überall auf der Welt entfacht werden. Diese Probleme könne man nur lösen, indem der Kapitalismus bekämpft und überwunden wird. Das kapitalistische System soll dabei durch eine demokratisch legitimierte Planwirtschaft ersetzt werden, die den grundlegenden Bedürfnissen der Menschen Rechnung trage. Hierzu wird unter anderem das Recht auf Arbeit und Ausbildung gezählt.Arbeidsprogram, nkp.no, abgerufen am 20. September 2009.
Im 1997 konzipierten „Arbeitsprogramm“ werden private Bildungseinrichtungen und Kindergärten abgelehnt. Kostenfreie Kindergartenplätze sollen garantiert werden. Der christliche Religionsunterricht ist nach Auffassung der Partei abzuschaffen und gegen allgemeinen Ethik-Unterricht zu ersetzen.
Die NKP tritt für eine staatliche kontrollierte Energiewirtschaft ein, die die Stromversorgung nicht transnational operierenden Unternehmen überlässt. Die Erdölförderung in der Barentssee wird abgelehnt. In der Fischereipolitik sollen Konzessionen nur an lokale, nicht börsennotierte Reedereien vergeben werden.
Der Kampf gegen die Europäische Union gilt als aktive Friedenspolitik. Eine EU-Mitgliedschaft Norwegens wird nach wie vor ebenso abgelehnt wie eine Teilnahme des Landes am Schengener Abkommen. Die NKP verlangt den Austritt Norwegens aus der NATO. Die norwegische Waffenproduktion soll nach dem Willen der Partei eingestellt werden.
Da Norwegen eines der reichsten Länder der Welt sei, könne es bedeutend mehr Flüchtlinge aufnehmen, als dies gegenwärtig der Fall ist. Dem Sameting, der parlamentarischen Vertretung der Samen, soll ein Vetorecht gegen alle Gesetze zugestanden werden, die diese offiziell anerkannte Minorität betreffen.
Medien Von 1923 bis 1929 gab die Partei die Tageszeitung Norges Kommunistblad (dt.: Kommunistische Zeitung Norwegens) heraus.
Von 1929 bis 1940 war die Tageszeitung Arbeideren (dt.: Der Arbeiter) das Zentralorgan der Partei.
Seit 1941 gibt die Partei die Zeitung Friheten (dt.: Die Freiheit) heraus, welche mittlerweile eine Wochenzeitung ist und 2009 eine Auflage von 1.500 Exemplaren erreichte.
Wahlergebnisse Wahljahr ProzentHistorische Übersicht, Prozent Statistics Norway. SitzeHistorische Übersicht, Sitze Statistics Norway. Sitze gesamt 1924 6,1 6 150 1927 4,0 3 150 1930 1,7 150 1933 1,8 150 1936 0,3 150 1945 11,9 11 150 1949 5,8 150 1953 5,1 3 150 1957 3,4 1 150 Wahljahr ProzentHistorische Übersicht, Prozent Statistics Norway. SitzeHistorische Übersicht, Sitze Statistics Norway. Sitze gesamt 1961 2,9 150 1965 1,4 150 1969 1,0 150 1973 Listenverbindung 1 155 1977 0,4 155 1981 0,3 155 1985 0,2 157 1989 Listenverbindung 165 1993 0,0 165 Wahljahr ProzentHistorische Übersicht, Prozent Statistics Norway. SitzeHistorische Übersicht, Sitze Statistics Norway. Sitze gesamt 1997 0,1 165 2001 0,1 165 2005 0,0 169 2009 0,0 169 2013 0,0 169 2017 0,0 169 2021 0,0 169
Parteivorsitzende 1923–1925: Sverre Støstad 1925–1930: Peder Furubotn 1931–1934: Henry Wilhelm Kristiansen 1934–1946: Adam Egede-Nissen 1946–1965: Emil Løvlien 1965–1975: Reidar T. Larsen 1975–1982: Martin Gunnar Knutsen 1982–1987: Hans I. Kleven 1987–1991: Kåre André Nilsen 1991–1993: Ingve Iversen 1993–1998: Terje Krogh, Per Lothar Lindtner, Kjell Underlid 1998–2000: Per Lothar Lindtner, Kjell Underlid 2000–2001: Per Lothar Lindtner 2001–2010: Zafer Gözet 2010–2013: Svend Haakon Jacobsen 2013–2015: Jørgen Hovde seit 2015: Runa Evensen
Parteitage Bezeichnung DatumI. (Gründungs-)Parteitag4. November 1923II. Parteitag30. Mai – 2. Juni 1925III. Parteitag9. – 13. Februar 1929IV. Parteitag24. – 27. März 1932V. Parteitag12. April 1936VI. Parteitag8. – 10. Juni 1946VII. Parteitag4. – 5. Februar 1949außerordentlicher Parteitag20. – 22. Februar 1950VIII. Parteitag20. – 22. März 1953IX. Parteitag1. – 3. März 1957X. Parteitag17. – 19. März 1961 Bezeichnung DatumXI. Parteitag26. – 28. März 1965XII. Parteitag22. – 28. März 1968XIII. Parteitag23. – 25. April 1971XIV. Parteitag2. – 4. November 1973XV. Parteitag31. Oktober – 2. November 1975XVI. Parteitag1978XVII. Parteitag4. – 6. Dezember 1981XVIII. Parteitag1984XIX. Parteitag24. – 26. April 1987Neues Denken für eine neue Zeit (norw.)XX. Parteitag1990XXI. Parteitag1993 Bezeichnung DatumXXII. Parteitag1. – 2. April 1995XXIII. Parteitag1998XXIV. Parteitag2001XXV. Parteitag21. – 22. Februar 2004XXVI. Parteitag26. – 28. Mai 2007XXVII. Parteitag2010XXVIII. Parteitag2013XXIX. Parteitag5. – 6. November 2016XXX. ParteitagJuni 2019XXXI. ParteitagJuni 2022Prinsipprogram for Norges Kommunistiske Parti (norw.) nkp.no
Literatur deutsch Nils Ørvik: Die Norwegische Linke. In: Hans Rühle, Hans-Joachim Veen (Hrsg.): Sozialistische und kommunistische Parteien in Westeuropa. Veröffentlichung des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung. Band 2: Nordländer (= Uni-Taschenbücher. Bd. 762). Leske + Budrich (UTB), Opladen 1979, ISBN 3-8100-0241-0. S. 79–121. Jahn Otto Johansen: Die Kommunistische Partei Norwegens. In: Åke Sparring (Hrsg.): Kommunisten im Norden. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1966, S. 75–124. englisch