mini|hochkant|Hermann Geißler (2010) Hermann Geißler FSO (* 12. Juni 1965 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer römisch-katholischer Theologe und Ordenspriester. Er war neuneinhalb Jahre Leiter der Lehrabteilung der Kongregation für die Glaubenslehre in Rom und trat Anfang 2019 nach dem Öffentlichwerden von Vorwürfen der sexuellen Belästigung einer Ordensfrau von seinem Amt zurück. Er wird außerdem als Direktor des „Internationalen Zentrums der Newman-Freunde“ genannt,Schreiben von Benedikt XVI. an P. Hermann Geißler vom 18. November 2010, veröffentlicht auf der Internetseite des Vatikans. einer von Mitgliedern der geistlichen Familie „Das Werk“ (FSO) geleiteten Einrichtung in Rom.
Leben Werdegang Hermann Geißler stammt aus einer Tiroler Bergbauernfamilie.Josef Bruckmoser: Der Zölibat wird nicht aufgegeben. In: Salzburger Nachrichten, 9. Oktober 2012, S. 11. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie am Collegium Rudolphinum in Heiligenkreuz bei Wien ab 1983 und nach seiner Promotion an der Lateranuniversität in Rom mit dem Thema Gewissen und Wahrheit bei Kardinal John Henry Newman wurde er 1991 zum Priester geweiht und wirkte anschließend für zwei Jahre als Seelsorger in einer österreichischen Pfarrei in der Diözese Feldkirch. Für seinen theologischen Weg prägend war nach eigener Aussage die Lektüre des Buches Rapporto sulla fede (deutsch: Zur Lage des Glaubens), das ein im Sommer 1984 geführtes Gespräch des damaligen Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger mit dem italienischen Autor Vittorio Messori enthält.Interview mit Włodzimierz Rędzioch, in: Niedziela (kath. poln. Sonntagszeitung), Nr. 16, Czenstochau 2017 (italienisch). Seit 1988 gehört Geißler zur geistlichen Familie „Das Werk“ (Familia Spiritualis Opus), einer 1938 von Julia Verhaeghe gegründeten und 2001 päpstlich anerkannten geistlichen Gemeinschaft, die sich besonders dem „Dienst an der gesunden Glaubenslehre“ widmet. Um Ostern 1993 wurde er von seinen Oberen nach Rom berufen und Kardinal Ratzinger vorgestellt, der den 27-jährigen Priester als Mitarbeiter der Kongregation für die Glaubenslehre aufnahm, wo er fast 26 Jahre tätig blieb. In Rom übernahm er auch die Leitung eines von seiner Gemeinschaft geführten internationalen Begegnungszentrums. In der Glaubenskongregation arbeitete Geißler von 1993 bis 2005 an der Seite Kardinal Ratzingers und erwarb sich einen Ruf als dessen ausgezeichneter Kenner.Papst-Kenner Pater Hermann Geißler: Benedikt XVI. ist unser Lehrmeister. Titelgeschichte in: PUR-Magazin Nr. 6 (Juni 2005), fe-Medienverlag, Kißlegg. Er besaß auch nach Ratzingers Papstwahl Zugang zu dessen Sekretär Georg Gänswein.Primizkelch hat den päpstlichen Segen. In: Offenburger Tageblatt, 7. Februar 2008, abgerufen am 22. Januar 2019. 2008 war er als Nachfolger des von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone entlassenen Deutschen Christoph Kühn für die Leitung der deutschsprachigen Abteilung der Allgemeinen Sektion des Staatssekretariats des Heiligen Stuhls im Gespräch, scheiterte aber am Widerstand der ehemaligen Chefhaushälterin Ratzingers, Ingrid Stampa, die im Staatssekretariat angestellt war.Alexander Smoltczyk: Die Pompadour des Vatikans. In: Der Spiegel, 3. Juni 2008, abgerufen am 29. Januar 2019. Am 4. August 2009 wurde Geißler von Papst Benedikt XVI. zum Amtschef (Capo Ufficio) ernannt, einem der drei Abteilungsleiter in der Glaubenskongregation. Er trat Anfang 2019 von diesem Amt zurück.Vatikan: Österreicher steigt in der Glaubenskongregation auf. In: Radio Vatikan, 4. August 2009, abgerufen am 22. Januar 2019.
Seit 2021 ist Geißler Dozent für Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI.
Amtschef der Lehrabteilung Als Amtschef, der in der Hierarchie des Dikasteriums auf der vierten Leitungsebene unmittelbar hinter dem Präfekten, dem Sekretär und dem Untersekretär der Kongregation rangierte,Robert Mickens: Former nun claims CDF official made sexual advances on her during confession. In: La Croix, 30. November 2018, abgerufen am 22. Januar 2019 (englisch). nahm Geißler Einfluss auf Entscheidungen und Diskussionen diverser Lehr- und Sittenfragen.. In: Zenit, 15. Januar 2015, abgerufen am 27. Januar 2019. So war er im April 2018 zusammen mit dem Präfekten, Erzbischof Luis Ladaria, als Repräsentant der Glaubenskongregation an einem in kirchlichen Medien stark wahrgenommenen Treffen mit Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz in Rom beteiligt, bei dem es um Klärung eines Lehrstreits unter den Bischöfen über den Kommunionempfang nichtkatholischer christlicher Ehepartner von Katholiken ging.Thomas Söding, Wolfgang Thönissen: Ein Gespräch führen. Kurze Einführung in die „Orientierungshilfe“. In: dies. (Hrsg.): Eucharistie – Kirche – Ökumene. Aspekte und Hintergründe des Kommunionstreits (QD 298). Herder, Freiburg i. B. 2019, ISBN 978-3-451-02298-2, S. 41–64 (hier: S. 44).
Der eng mit den Angelegenheiten der Glaubenskongregation vertraute Vatikankorrespondent Guido Horst berichtete im Zusammenhang mit dem Rücktritt Geißlers im Januar 2019 von Spekulationen, wonach er als Amtschef im Herbst 2018 auch in die versuchte Absetzung des wiedergewählten Rektors der Jesuitenhochschule St. Georgen, Ansgar Wucherpfennig SJ, durch Verweigerung des Nihil obstat involviert gewesen sein könnte.Guido Horst: Hexenjagd. In: Die Tagespost, 30. Januar 2019, abgerufen am selben Tag. Der damalige Untersekretär der dafür eigentlich zuständigen Bildungskongregation des Vatikans, Friedrich Bechina, ist ebenfalls Österreicher und FSO-Mitglied.
Am 29. Januar 2019 bestätigte der Präfekt der Glaubenskongregation den Amtsverzicht Geißlers, den dieser am Vortag eingereicht hatte, „um weiteren Schaden von der Glaubenskongregation und von seiner Gemeinschaft abzuwenden“.
Vorwürfe, Untersuchungen, kirchlicher Freispruch Anfang 2019 führte die Glaubenskongregation nach Angaben des Vatikansprechers Untersuchungen durch,Missbrauch: Hoher Mitarbeiter der Glaubenskongregation blieb im Amt. In: Katholisch.de, 22. Januar 2019, abgerufen am selben Tag. nachdem im Herbst 2018 einer breiteren Öffentlichkeit die seit 2012 erhobenen sexuellen Belästigungsvorwürfe einer ehemaligen Schwester bekannt geworden waren, die derselben Gemeinschaft wie Geißler angehörte.Joshua J. McElwee: Accused priest resigns from Vatican’s doctrinal congregation. In: National Catholic Reporter, 29. Januar 2019, abgerufen am selben Tag (englisch).Evelyn Finger, Wolfgang Thielmann, Veronika Völlinger, Marc Widmann: Das Schweigen. In: Die Zeit, Nr. 40/2018, 27. September 2018. Es geht um einen Vorfall aus dem Jahr 2009, bei dem der Priester die Frau bei einer Beichte bedrängt haben soll.Geistlicher soll Ordensfrau bei Beichte sexuell belästigt haben. In: Stuttgarter Zeitung, 29. Januar 2019, abgerufen am selben Tag. Als brisant an dem Fall wird die Tatsache eingeschätzt, dass die Glaubenskongregation innerhalb des Vatikans diejenige Stelle ist, die mit der Untersuchung von Fällen sexueller Missbräuche durch Kleriker befasst und für kirchenrechtliche Maßnahmen bei Missbrauchsdelikten zuständig ist. Allerdings war Geißler nicht selbst in der betreffenden Abteilung tätig.
Geißler bestritt beim Einreichen seines Amtsverzichts am 28. Januar 2019 die erhobenen Vorwürfe und bat darum, das kanonische Verfahren bis zur Klärung fortzusetzen. Ausweislich von Dokumenten, die der liberalen katholischen Onlinezeitung National Catholic Reporter vorgelegt wurden, soll er allerdings vor Februar 2014 schon Übergriffigkeiten eingeräumt haben. Die konservative katholische Wochenzeitung Die Tagespost berichtete, bereits 2012/13 habe eine kanonische Untersuchung des Falls unter Federführung des damals für „schwerwiegende Delikte“ (delicti graviora) zuständigen Kirchenanwalts der Glaubenskongregation, Charles Scicluna, stattgefunden, die Geißler entlastet habe.Josef Bordat: Vatikan: Pater Hermann Geißler tritt zurück. In: Die Tagespost, 28. Januar 2019, abgerufen am Tag darauf. Das Opfer wurde nach eigenen Angaben weder in dem damaligen noch in dem neuen Verfahren angehört.Patricia Averesch: „Wir Opfer üben Druck aus“. In: FAZ, 25. Februar 2019, abgerufen am 27. Februar 2019 (Interview mit Doris Reisinger). Erst im Februar 2019 erhielt sie von der Apostolischen Signatur, dem höchsten Gerichtshof des Vatikans, eine Einladung, um in dem Fall vernommen zu werden.
Der Jesuitenpater Klaus Mertes hatte bereits 2015 unter Verweis auf eine Buchveröffentlichung des Opfers darauf hingewiesen, dass ein Abteilungsleiter in der Glaubenskongregation zu den mutmaßlichen Tätern aus dem Orden gehört, die von dem ehemaligen Mitglied beschuldigt werden. Er warf dem damaligen Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, in diesem Zusammenhang Untätigkeit und Schweigen vor, da er von dem damals in der Öffentlichkeit namentlich noch nicht bekannten Beschuldigten wisse und nichts unternehme.„In der Glaubenskongregation sitzen Täter“. In: regensburg-digital, 4. Juni 2015, abgerufen am 30. Januar 2019. Der Journalist Guido Horst sprach nach dem Rücktritt Geißlers hingegen von einer kirchenpolitisch instrumentalisierten „Hexenjagd“ und bestritt, dass die vorgeworfenen Handlungen „in der Schublade ‚sexueller Missbrauch‘ abzulegen“ seien, wiewohl man sie als unklug oder peinlich bezeichnen könne.
Wenige Tage nach Geißlers Rücktritt kam es zu einer medial beachteten Begegnung zwischen dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn und dem Missbrauchsopfer Doris Wagner im Bayerischen Rundfunk.Bayerischer Rundfunk: Schönborn im Gespräch mit Missbrauchsopfer. Meldung auf Kathpress, 6. Februar 2019, abgerufen am 11. Februar 2019. Schönborn bekannte, er glaube ihr die Darstellung ihrer Missbrauchserfahrungen.Gudrun Sailer: Missbrauch: Kardinal Schönborn spricht mit Ex-Ordensfrau. In: Vatican News, 7. Februar 2019, abgerufen am 11. Februar 2019. Auch das Verhalten Hermann Geißlers wurde in dem Gespräch mit Wagner thematisiert. Auf ihre Frage, wie man es sich zu erklären habe, dass Geißler sein Tun leugnet und sich ausweislich der Vatikanverlautbarung sogar „rechtliche Schritte“ vorbehalten will, sagte Schönborn: „Er hat sein Gewissen, er muss das verantworten, was er sagt. Ja. So wie Sie verantworten, was Sie gesagt haben.“Eine Frau kämpft um Aufklärung. BR-Mediathek 6. Februar 2019 (online abrufbar bis 6. Februar 2020), Zitat bei Minute 28. Die Vorarlberger Gemeinschaft „Das Werk“ reagierte mit Unmut auf die Ausstrahlung des Gesprächs, warf Wagner eine „Kampagne mit unwahren Behauptungen“ vor und kritisierte Kardinal Schönborn wegen der nach Meinung der Institutsleitung „zu pauschalen Aussagen“.Vorarlberger Ordensgemeinschaft kritisiert Schönborn. In: ORF.at, 8. Februar 2019, abgerufen am 11. Februar 2019.Kloster „betroffen“ von Schönborn-Aussage. In: ORF.at, 9. Februar 2019, abgerufen am 11. Februar 2019. Demgegenüber betonte Schönborn, es sei wichtig, Opfer erfahren zu lassen, dass sie gehört werden und dass ihnen geglaubt wird und dass es Konsequenzen gibt.Schönborn: „Das Opfer bin nicht ich“. In: ORF.at, 8. Februar 2019, abgerufen am 11. Februar 2019.