Der Sekretär (Sagittarius serpentarius) ist eine große Greifvogelart, die weite Teile des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara bewohnt. Er besiedelt offene und halboffene Savannenlandschaften und ernährt sich überwiegend von Großinsekten und kleinen Säugetieren, die er mit Fußtritten der langen Beine tötet. Aber auch andere Kleintiere gehören zu seiner Beute. Unter anderem ist er auch in der Lage, giftige Schlangen zu erjagen. In Gebieten mit günstigen Bedingungen besetzen manche Paare über viele Jahre ein Revier, anderswo lebt die Art stark nomadisch. Bruten finden meist zur Regenzeit statt, wenn die meiste Nahrung verfügbar ist. In den Kronen niedriger Bäume werden dann große Nestplattformen errichtet, die denen von Störchen ähneln. Aufgrund starker Bestandsrückgänge wird die Art von der IUCN als gefährdet (“vulnerable”) angesehen.
Wegen seines einzigartigen Körperbaus, der zum Teil eher an Seriemas, Trappen oder Kraniche erinnert und ihn von allen anderen Greifvögeln unterscheidet, wird der Sekretär in eine eigene, monospezifische Familie gestellt. Manche Autoren gehen sogar so weit, ihm eine eigene Ordnung Sagitariiformes zuzuweisen. Meist wird er heute jedoch bei den Greifvögeln (Accipitriformes) als eigene Familie geführt.A. C. Kemp: Family Sagittariidae (1994 / 2013), Abschnitt Systematics, siehe Literatur
Beschreibung Der Sekretär ist ein sehr großer, oft am Boden schreitender Greifvogel, der wegen seiner langen, stelzenartigen Beine an Trappen oder Kraniche erinnert. Er ist mit etwa 1,20 m Höhe im Stehen etwa kranichgroß. Die Körperlänge liegt zwischen 125 und 150 cm, das Gewicht zwischen etwa 2,3 und 4,3 kg. Die Flügelspannweite beträgt zwischen 1,91 und 2,15 m, die Flügellänge zwischen 610 und 675 mm.
Der verhältnismäßig kleine Kopf wirkt adlerähnlich mit recht großen Augen und hakenförmigem, blaugrauem Schnabel, gelber Wachshaut und einer lebhaft orangen, nackten Hautpartie um das Auge. Im Unterschied zu anderen Greifvögeln sind die oberen Lider lang bewimpert.
Das Nackengefieder ist zu einer charakteristischen, langen und schütteren Haube verlängert, die aufgestellt oder an den Nacken angelegt werden kann. Die einzelnen Federn sind zur Spitze hin schwarz und spatelförmig. Möglicherweise geht der Name „Sekretär“ auf dieses Merkmal zurück, da die Federn der Haube wie hinter das Ohr gesteckte Federkiele wirken.
Der Hals ist recht kurz, sodass der Vogel damit nur bis zum Intertarsalgelenk reicht und sich komplett herabbücken muss, um den Boden zu erreichen. Die langen, dunkelrosa Beine sind bis zum Intertarsalgelenk mit schwarzen „Hosen“ befiedert. Der Tarsometatarsus ist zwischen 27,8 und 34,2 cm lang und mit kräftiger, grober Schuppung versehen, die insbesondere die Vorderseite schützt. Die Zehen sind kurz und kräftig mit ebenso kurzen, herabgebogenen Krallen. Sie erreichen nur etwa ein Fünftel der Länge derer von Adlern vergleichbarer Größe. Die beiden äußeren Vorderzehen sind gleich lang, die Hinterzehe sehr viel kleiner. Der Sekretär kann mit seinen Füßen nicht greifen, sondern tötet die Beute mit Tritten oder Schlägen von oben.
mini|Sekretär im Flug mini|Neben der charakteristischen Federhaube fallen beim Sekretär der langbeinig schreitende Gang und die verlängerten mittleren Steuerfedern auf. Diese Merkmale, die an einen Bürodiener in schwarzen Beinkleidern, weißer Weste und langen Rockschößen erinnern mochten, haben dem Vogel mutmaßlich seinen deutschen Trivialnamen eingebracht.
Im Flugbild ist der Sekretär nahezu unverkennbar mit kleinem Kopf und langgestrecktem Hals. Die Flügel sind lang und breit, mit gerundeten Enden und vor allem für den Segelflug ausgelegt. Die Handschwingen sind adlerähnlich „gefingert“. Die äußeren Steuerfedern sind gestuft, sodass sie einen Keil bilden, über den das verlängerte mittlere Paar um etwa 20 cm hinausragt. Sie ragen auch beim fliegenden Vogel über die Füße hinaus. Der Schlagflug ist träge, langsam und wenig fördernd. Ohne ausreichende Thermik kann der Vogel ihn nicht allzu lange durchhalten. Befindet er sich aber erst im Segelflug, ist er schnell und wendig.
Das Gefieder ist oberseits überwiegend hellgrau. Dazu kontrastieren die schwarzen Schwingen, der Unterbauch und die Beinbefiederung. Die Unterseite ist ansonsten weiß wie auch die Unterflügel-, Ober- und Unterschwanzdecken. Die Steuerfedern sind an der Basis dunkel gewölkt und sonst grau, mit breiter schwarzer Subterminalbinde und weißem Endsaum.
Die Geschlechter unterscheiden sich kaum. Männchen sind etwas größer, oberseits etwas bläulicher grau mit längerer Haube. Vögel im Jugendkleid sind kurzschwänziger und haben eine kürzere Haube. Die Unterflügel- und Unterschwanzdecken sind graubraun gebändert, das Gesicht ist weniger intensiv gefärbt. Insbesondere Weibchen zeigen am Rücken bräunliche Federsäume.
Stimme Der Sekretär ist meist wenig ruffreudig. Der häufigste Ruf ist ein tiefes, kehliges Krächzen, das auch oft gereiht wird und das sich bei Erregung zu einem langgezogenen, heiseren Knurren steigern kann. Manchmal wird dann auch der Kopf zurückgeworfen. Diese Laute sind vorwiegend während der Flugbalz oder bei Kämpfen am Boden zu vernehmen, aber auch bei der Begrüßung der Partner am Nest. Junge äußern sie bisweilen gegenüber Feinden.
Der Alarmruf ist ein einfaches, hohes Krächzen. Bei Bedrohung werden tiefere Krächzlaute vorgebracht. Am Nest hört man von den Partnern auch ein weiches Gackern oder tiefe Pfiffe. Miauende oder pfeifende Laute wurden bei Vögeln am Schlafplatz beobachtet.
Der Bettelruf der Jungvögel ist in der ersten Zeit ein weiches Fiepen, das mit dem Heranwachsen zu einem fordernden Gackern, Miauen oder Quieken wird und später zu einem Schreien. Die Rufe sind auch oft des Nachts zu hören.
Verbreitung mini|Verbreitungsgebiet (rot) des Sekretärs
Das Verbreitungsgebiet des Sekretärs erstreckt sich über große Teile der Afrotropis, wobei die Art im Regenwaldgürtel, am Horn von Afrika und auf Madagaskar fehlt. Es reicht vom südlichen Mauretanien, Senegal, Gambia und dem nördlichen Guinea ostwärts durch Mali, Burkina Faso, Ghana, Togo, Benin, die südlichen Regionen von Niger, Tschad, Sudan und die nördlichen Regionen Nigerias, Kameruns und der Zentralafrikanischen Republik bis nach Äthiopien und ins nordwestliche Somalia. Südwärts verläuft es durch den Nordosten und Südosten der Demokratischen Republik Kongo, durch Uganda, Kenia und Tansania sowie von Angola, Sambia, Malawi und Mosambik bis zum Kap der Guten Hoffnung.
Lebensraum Der Sekretär besiedelt vor allem offene und halboffene Savannenlandschaften, ist gelegentlich aber auch auf Getreideanbauflächen und in Halbwüsten mit schütterem Bewuchs zu finden. Am häufigsten ist er in relativ kurzgrasigen Dornstrauchsavannen mit zerstreuten Schirmakazien, die als Schlafplatz oder Nestbaum dienen können. Die Höhe des Grases liegt dabei meist um 50 cm. Stellen mit einem Bewuchs über 1 m Höhe werden genauso wie allzu dicht mit Büschen bestandene oder felsige Bereiche gemieden. Hier besteht – neben der schlechten Übersicht – die Gefahr, dass die Vögel bei Gefahr wegen der Hindernisse nicht schnell genug auffliegen oder davonlaufen können. Nur selten ist die Art daher auch auf größeren Waldlichtungen anzutreffen. Die Höhenverbreitung reicht von Seehöhe bis etwa 3000 m.
Ernährung Der Sekretär ernährt sich von kleinen bis mittelgroßen Beutetieren, die mit kräftigen Fußtritten mithilfe der kurzen, robusten und krallenbewehrten Zehen getötet werden. Die Größe reicht dabei von kleinen Faltern bis hin zu Hasen. Den zahlenmäßig größten Anteil stellen wohl Insekten wie Käfer und Heuschrecken, den gewichtsmäßig größten Teil hingegen kleinere Säugetiere wie vor allem Mäuse, aber auch Igel, Mangusten, Erdmännchen, Hörnchen und Hasen dar. Hinzu kommen Echsen, Schlangen, Chamäleons, Kleinvögel und Jungvögel größerer Arten, Eier, Haushühner, Amphibien, Krabben und kleine Schildkröten. Größere Kadaver sind für die Art nicht von Interesse.
Die Nahrung wird ausschließlich am Boden gesucht, wobei der Vogel am Tag zwischen 20 und 30 km zurücklegen kann. Dabei schreitet er – oft mit aufgerichteter Haube – mit einem Tempo von etwa 3 km/h oder 100 bis 120 Schritten pro Minute und nimmt praktisch alle geeigneten Beutetiere, die ihm unter die Augen kommen. Bisweilen verfolgt er diese in kurzen Sprints, wobei er die Flügel halb öffnet, um die Balance zu halten. Hin und wieder versucht er, Beutetiere durch stampfende Tritte, beispielsweise auf Grasbüschel, aufzuschrecken. Vogelnester mit Eiern oder Jungen werden gezielt gesucht und ausgeräumt. Hierbei tritt der Vogel nicht nach der Beute, sondern verschluckt sie im ganzen. Seltener werden Insekten von Sträuchern abgelesen. Häufig jagt der Sekretär in der Nähe von Buschbränden, bei denen eine Menge fliehender Kleintiere, aber auch Aas zu finden ist.
Die Art ist auch in der Lage, giftige Schlangen wie Puffottern oder Kobras zu erjagen. Sie werden mit gezielten Fußtritten gegen den Kopf getötet, wobei der eigene Kopf außer Reichweite gehalten wird. Experimente mit einem Vogel in Gefangenschaft ergaben, dass die tödlichen Tritte mit einer sehr hohen Geschwindigkeit erfolgen. Der Kontakt mit der Beute dauert mit 15 ms nur ein Zehntel der Zeit des Lidschlags eines Menschen und erfolgt mit einer Wucht von 195 Newton, was dem fünffachen Körpergewicht des Vogels entspricht.Steven J. Portugal, Campbell P. Murn, Emily L. Sparkes, Monica A. Daley: The fast and forceful kicking strike of the secretary bird, Current Biology, Volume 26, Issue 2, S. 58–59, Januar 2016, doi:10.1016/j.cub.2015.12.004 und Secretary Birds can kick a snake to death in the blink of an eye, Pressemitteilung des Royal Veterinary College vom 25. Januar 2016 (mit Video) Größere Beute wird bisweilen mit dem Fuß festgehalten und mit dem Schnabel zerrissen oder eine Zeit lang zwecks Vorratshaltung unter Büschen versteckt. Im Allgemeinen würgt der Sekretär aber seine Beute im Ganzen den sehr dehnbaren Schlund herunter. Unverdauliche Reste werden als Gewölle von 40 bis 45 mm Durchmesser und 30 bis 100 mm Länge hervorgewürgt. Besonders häufig sind diese in der Nähe von Schlafplätzen oder Nestern zu finden, können jedoch überall und jederzeit ausgewürgt werden.
Fortpflanzung mini|Sekretäre errichten große Nistplattformen in den Kronen meist niedriger Bäume. Die Brutzeit des Sekretärs korreliert zum Teil mit den Regenzeiten, wenn in der Savanne die meiste Nahrung verfügbar ist. Aber auch außerhalb derselben kann es unter günstigen Nahrungsbedingungen – beispielsweise in recht feuchten Jahren oder bei Massenvermehrungen von Nagetieren und Heuschrecken – zu weiteren Bruten kommen. Zudem gibt es Paare, die von den üblichen, regionalen Brutzeiten komplett abweichen.A. C. Kemp: Family Sagittariidae (1994 / 2013), Abschnitt Breeding, siehe Literatur Man kann also im gesamten Verbreitungsgebiet ganzjährig mit Bruten rechnen; von Sambia aus ergibt sich jedoch mit zunehmender Deutlichkeit nach Süden hin eine Hauptbrutzeit, die zwischen August und März liegt.Ferguson-Lees / Christie: Raptors of the World (2001), S. 795, siehe Literatur
Die Reviergröße eines Paares liegt meist zwischen 25 und 45 km²,A. C. Kemp et al.: Secretarybird (Sagittarius serpentarius) (1994 / 2014), Abschnitt Breeding, siehe Literatur der Abstand zwischen den Nestern benachbarter Paare zwischen 4,5 und 15 km.
Zu Beginn einer Brut fallen die Vögel durch ihre Flugbalz auf, bei der sie hoch über dem Nest kreisen und rufen. Bei „Pendelflügen“, die bis zu 15 Minuten dauern können, lassen sich einer oder beide Partner nach einem Abbremsen in der Luft fallen, um dann wieder aufzusteigen und so fort.