mini|hochkant|Grab von Curt Kosswig Carl Ferdinand Curt Kosswig, auch Curt Koßwig geschrieben (* 30. Oktober 1903 in Berlin; † 29. März 1982 in Hamburg), war ein deutscher Zoologe und Genetiker. Nach seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus war er im Exil von 1937 bis 1955 Professor für Zoologie an der Universität Istanbul und von 1955 bis 1969 an der Universität Hamburg. Curt Kosswig gilt als Vater der türkischen Universitäts-Zoologie und ist Entdecker bzw. Gründer des westtürkischen Vogelparadieses am See von Manyas. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt war die Zoologie der Amphibien.

Leben Jugend und Ausbildung Curt Kosswig war der Sohn des Geheimen Oberfinanzrats Curt Koßwig und seiner Frau Amalie, geb. Bürckner und wuchs in Berlin auf. Während seiner Schulzeit war er ein führendes Mitglied des Deutschnationalen Jugendbundes.Michael Grüttner, Ausgegrenzt: Entlassungen an den deutschen Universitäten im Nationalsozialismus, Berlin/Boston 2023, S. 171. Nach dem Abitur am Hohenzollerngymnasium in Berlin-Schöneberg (1922) studierte er Philosophie und Naturwissenschaften an der Universität Berlin. Während seines Studiums wurde er Mitglied der Landsmannschaft Marchia Berlin (heute: Landsmannschaft Marchia Berlin zu Osnabrück). 1926 erhielt er eine Assistentenstelle am Institut für Vererbungslehre der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin. 1927 wurde er mit einer Arbeit "Über die Vererbung und Bildung von Pigment bei Kaninchenrassen" an der Universität Berlin promoviert. Danach wurde er Assistent am Zoologischen Institut der Universität Münster, wo er sich 1930 bei dem Zoologen Leopold von Ubisch habilitierte, der 1935 von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben wurde und nach Norwegen emigrierte.

Im Nationalsozialismus Kosswig wurde zum 1. April 1933 als planmäßiger außerordentlicher Professor für Allgemeine Biologie und Zoologie an die Technische Hochschule Braunschweig berufen. Seit 1934 leitete er auch das Naturhistorische Museum in Braunschweig. Im November 1933 trat er in die SS ein und wurde Schulungsleiter in dem von Walther Darré geleiteten Rasse- und Siedlungsamt der SS. Im August 1936 trat er aus der SS wieder aus. auf aleph99.org Auch zuvor pflegte er trotz seiner SS-Mitgliedschaft weiterhin freundschaftliche und fachliche Kontakte zu Kollegen jüdischer Herkunft wie Alfred Heilbronn oder Leopold von Ubisch, die aus Deutschland emigrieren mussten. Dies blieb nicht unbemerkt. 1937 wurde er wegen dieser Kontakte im Braunschweiger Volksbildungsministerium einem regelrechten Verhör unterzogen: „Seit wann ist Ihnen die jüdische Abstammung des Herrn v. Ubisch bekannt?“ – „Haben sie von dem Zeitpunkt an, wo Ihnen die jüdische Abstammung des Herrn von Ubisch bekanntgeworden war, Ihre Beziehungen zu ihm in der alten Weise weiter aufrecht erhalten?“ – „Sehen Sie nicht vom Standpunkt eines nationalsozialistischen Beamten etwas Bedenkliches oder Unmögliches in dem nach 1933 fortgesetzten Verkehr mit einem Juden?“ Wenig später erhielt Kosswig ein Schreiben des Ministerpräsidenten Dietrich Klagges, der sein Verhalten missbilligte und ihn aufforderte, „diese Angelegenheit“ zu ordnen.Zit. in: Michael Grüttner, Ausgegrenzt: Entlassungen an den deutschen Universitäten im Nationalsozialismus, Berlin/Boston 2023, S. 33. Daraufhin entschloss Kosswig sich zur Emigration.

Türkei Durch die Vermittlung von Alfred Heilbronn wurde Kosswig 1937 an die Universität Istanbul berufen. Bei der Ausreise entging er nur knapp einer Verhaftung und dem Entzug seines Reisepasses durch die Gestapo.Ute Deichmann: Biologen unter Hitler. Vertreibung, Karrieren, Forschungsförderung. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 1992, ISBN 978-3-593-34763-9, S. 44. In Istanbul wurde er als ordentlicher Professor und Direktor des Instituts für Zoologie und Hydrobiologie zum Begründer einer eigenständigen türkischen zoologischen Forschung. auf tu-braunschweig.de Zu seinen Doktoranden gehörte die Ichthyologin und spätere Hochschullehrerin Fahire Battalgil. Mit dem ebenfalls aus Deutschland gekommenen Zahnmediziner Alfred Kantorowicz hatte er zum Teil den gleichen täglichen Weg von Bebek zur Galata-Brücke, teilte allerdings nicht dessen Streit- und Diskussionsleidenschaft. Befreundet waren Kosswig und Kantorowicz auch mit Alfred Heilbronn, der später die türkische Staatsbürgerschaft annahm.Ali Vicdani Doyum: Alfred Kantorowicz unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in İstanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde). Medizinische Dissertation, Würzburg 1985, S. 268–270.

Hamburg Im Jahre 1955 wurde Kosswig als Professor an die Universität Hamburg berufen. Diesem Ruf folgte er und war als ordentlich-öffentlicher Professor bis zu seiner Emeritierung 1969 Direktor des staatlichen Zoologischen Instituts und des Zoologischen Museums der Universität Hamburg. 1957/1958 war er Präsident der Deutschen Zoologischen Gesellschaft.

Curt Kosswig starb am 29. März 1982 in Hamburg und wurde seinem letzten Willen entsprechend in der Türkei, seiner zweiten Heimat, deren Landessprache er wie kein anderer seiner emigrierten Kollegen beherrschte, auf einem Friedhof „Aşiyan-Rumeli Hisarı“ in Istanbul beigesetzt.Ali Vicdani Doyum: Alfred Kantorowicz unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in İstanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde). 1985, S. 269.

Wissenschaftliches Werk Curt Kosswig war ein bedeutender Zoologe und Genetiker. Seine wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen lagen im Bereich Geschlechtsbestimmung, Krebsentstehung, konstruktive und regressive Evolution, Genetik der Haustiere, Zoogeographie und Systematik.

Ehrungen Ehrendoktorwürde der Universität IstanbulKlaus Velten: Die Emigration deutscher Wissenschaftler in die Türkei 1933–1945. Diplomica Verlag, Hamburg 1998 1968 Ehrendoktor der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität des Saarlandes 1970 Ehrendoktorwürde der Universität Gießen Aus Anlass der 100. Wiederkehr des Geburtstages von Curt Kosswig im Oktober 2003 veranstalteten die Fakultäten für Naturwissenschaften und für Fischerei-Wissenschaft der Universität Istanbul sowie das Zoologische Institut und Zoologische Museum der Universität Hamburg ein gemeinsames Gedenksymposium zu Ehren des Verstorbenen. (PDF; 476 kB) auf egefish.ege.edu.tr

Veröffentlichungen (Auswahl) Liste der Publikationen: (PDF; 186 kB)

Literatur Dierk Franck: Curt Kosswig. Ein Forscherleben zwischen Bosporus und Elbe, Hamburg 2012, ISBN 9783862180370. Michael Grüttner: Ausgegrenzt: Entlassungen an den deutschen Universitäten im Nationalsozialismus. Biogramme und kollektivbiografische Analyse, de Gruyter/Oldenbourg, Berlin/Boston 2023, ISBN 978-3-11-123678-0, S. 32 f., 171. Michael Wettern / Daniel Weßelhöft: Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Technischen Hochschule Braunschweig 1930 bis 1945, Hildesheim 2010, ISBN 978-3-487-14359-0, S. 151–153.

Einzelnachweise

Kategorie:Zoologe Kategorie:Hochschullehrer (Technische Universität Braunschweig) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Istanbul) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Hamburg) Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Deutscher Emigrant in der Türkei Kategorie:Ehrendoktor der Universität Istanbul Kategorie:Ehrendoktor der Justus-Liebig-Universität Gießen Kategorie:Ehrendoktor der Universität des Saarlandes Kategorie:Person (deutsch-türkische Beziehungen) Kategorie:Landsmannschafter Kategorie:Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1903 Kategorie:Gestorben 1982 Kategorie:Mann