mini|Grenzgänger während der Rast auf einem Frühstücksplatz (2012)
Der Grenzgang in Biedenkopf ist ein traditionsreiches Volksfest, welches alle sieben Jahre in der Kleinstadt Biedenkopf im Hessischen Hinterland stattfindet. Ziel des „Grenzgangs“ ist, während einer Wanderung durch den Stadtwald den Verlauf der Stadtgrenze zu „kontrollieren“. Aus diesem ursprünglich administrativen Vorgang der Grenzbegehung, der bis in das 17. Jahrhundert zurückreicht, entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts ein großes, dreitägiges Volksfest, das neben den umfangreichen Traditionen auch mit Festwirtschaft und Vergnügungspark aufwartet. Inzwischen gilt der Biedenkopfer Grenzgang als eines der größten Volksfeste in Oberhessen und der ländlichen Umgebung und lockt zu jeder Ausrichtung mehrere zehntausend Besucher nach Biedenkopf.
Ähnliche Volksfeste gibt es etwa unter der Bezeichnung „Schnadegang“ in einigen weiteren Regionen, jenes in Biedenkopf nimmt jedoch aufgrund seines Charakters, der Historie und Dimension eine herausragende und führende Rolle bezüglich vergleichbarer Veranstaltungen ein und gilt als größtes und bekanntestes Fest dieser Art in Deutschland und darüber hinaus. Es ist identitätsstiftend für die Stadt und wird traditionell von mehreren Tausend ehrenamtlichen Akteuren bestimmt, die sich im Wesentlichen in Männergesellschaften und Burschenschaften organisieren und aus deren Reihen wesentliche Funktionsträger zur Organisation und Gestaltung dieses Volksfestes gestellt werden.
Der Grenzgang findet jeweils am dritten August-Wochenende statt; nach der letzten Ausrichtung vom 13. bis 15. August 2026 soll das nächste Grenzgangsfest im Jahr 2033 folgen.
Geschichte mini|Aufstellung auf dem Marktplatz 1900 mini|links|hochkant|Urkunde über Grenzstreitschlichtung von 1688 mini|Ansichtskarte vom Grenzgang in Biedenkopf 1900 mini|links|hochkant|Werbung für den Grenzgang 1907, Federzeichnung von Otto Ubbelohde
Entstehung und herrschaftliche Zeit Im Mittelalter kam es zwischen der Stadt Biedenkopf und ihren Nachbargemeinden immer wieder zu Grenzstreitigkeiten um die zahlreichen Waldungen verstärkt dadurch, dass der Biedenkopfer Herrenwald damals Jagdgebiet des hessischen Landgrafen gewesen war. Gelegentlich wurden dabei die Grenzmarkierungen zu Ungunsten der Stadt versetzt. Die früheste urkundliche Erwähnung eines Grenzstreits wird auf 1525 datiert. Um die korrekte Lage dieser Markierungen zu überprüfen, fand daher alle sieben Jahre eine Grenzbegehung statt. Die erste Erwähnung einer solchen Grenzbegehung findet sich im Jahr 1693. Neben den Bürgern der Stadt waren auch die Verantwortlichen der Nachbargemeinden zugegen, um Unstimmigkeiten direkt vor Ort klären zu können.
Bereits im Jahr 1743 ist es erstmals belegt, dass Kosten für die Stadtmusikanten angefallen sind, was einen frühen festlichen Charakter vermuten lässt.
Wandlung zum Volksfest Nachdem im 18. Jahrhundert die Markierungen durch 275 schwere Grenzsteine ersetzt und im 19. Jahrhundert Kataster entstanden waren, spätestens aber mit einem Vertrag mit den Landesherren von 1832, verlor die Grenzbegehung ihren eigentlichen Zweck. Sie wandelte sich aber durch Übernahme seitens der Biedenkopfer Bürger anschließend zu einem Volksfest. Im Jahr 1816 untersagte die genehmigende Behörde in der Provinzhauptstadt Gießen die Ausrichtung des Grenzganges. Wie die Quellen besagen, schätzte sie das Fest als zu kostspielig ein und betonte, dass es „Anlass zu Exzessen“ gebe. In der damaligen Stellungnahme des zuständigen Amtmannes werden auch Mohr und Wettläufer erstmals erwähnt, müssen also mindestens seit der vorangegangenen Begehung im Jahr 1809 zum Grenzgang dazu gehören, wobei die Formulierung „seit alters her“ vermuten lässt, dass sie schon deutlich länger eine Rolle spielen.
mini|Grenzgangs-Zimmer im Hinterlandmuseum Seit dem ersten Grenzgangsfest 1839 wird nicht mehr die Grenze der Biedenkopfer Gemarkung, sondern die des Stadtwaldes umgangen. Weitere Feste folgten in den Jahren 1848, 1857 und 1864. Wegen einer Missernte wurde der im Jahre 1871 geplante Grenzgang auf 1872 verschoben. Im Jahre 1879 fand aus mangelndem Interesse kein Grenzgang statt. Aufgrund des Einsatzes engagierter Bürger, die 1881 ein Grenzgangs-Komitee gründeten, wurde der Grenzgang 1886 wieder durchgeführt. Aus diesem Jahr stammt die Stadtfahne (siehe unten). Seither sollte der siebenjährliche Turnus eingehalten werden, sofern nicht Krieg oder wirtschaftliche Not einer Durchführung widersprachen. Aber schon der nächste Grenzgang musste wegen einer erneuten Missernte von 1893 auf 1894 verschoben werden. Dem folgten die Grenzgänge 1900 und 1907. Der Beginn des Ersten Weltkriegs verhinderte den Grenzgang 1914. Wegen der damaligen Inflation und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Problemen musste auch der Grenzgang 1921 abgesagt werden. 1928 und 1935 fanden wieder Grenzgänge statt. Aufgrund des Zweiten Weltkrieges entfiel der Grenzgang 1942.
Der Grenzgang 1949 musste wegen der zuvor erfolgten Währungsreform und der noch anhaltenden wirtschaftlichen Probleme der Nachkriegszeit auf 1950 verschoben werden. Aus der Zeit des ersten Grenzgangs nach dem Zweiten Weltkrieg stammt das seither beliebte Grenzgangslied, das mit der Zeile beginnt „Aus Traum und Nacht, ist unser Grenzgang erwacht“. Dem siebenjährlichen Turnus folgend fand der nächste Grenzgang 1956 statt. Seither konnte dieser Turnus ungebrochen beibehalten werden; es folgten Grenzgänge in den Jahren 1963, 1970, 1977, 1984, 1991, 1998, 2005, 2012, 2019 und 2026.
Im Herbst 2012 wurde Teile des Grenzganges für die Dreharbeiten des ARD-Grimmepreisträger-Films Grenzgang, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Stephan Thome, an den Originalschauplätzen nachgestellt (siehe unten).
Im Juli 2026 wurde bekannt, dass beim Aufstellen eines Schutzzauns gegen die Afrikanische Schweinepest 31 der historischen Grenzsteine schwer beschädigt oder komplett zerstört wurden, als mit einem Häcksler die Schneise für den Zaun freigelegt wurde. Acht Steine sind dabei komplett verschwunden.
Spätestens seit dem Grenzgang 2012 gibt es öffentliche Kritik am Fest und seinen Traditionen (siehe Abschnitt „Kritik“).
Das Grenzgangs-Zimmer im Hinterlandmuseum auf Schloss Biedenkopf bietet einen Einblick in die Geschichte des Grenzgangs in Biedenkopf.
Vorbereitungen mini|Teil eines Grenzsteins von 1777
„Bildung“ der Gesellschaften und deren Aktivitäten Gegen Ende des Vorjahres eines Grenzgangs findet eine Mitgliederversammlung des Grenzgangsvereins in festlichem Rahmen statt, in der darüber entschieden wird, ob der Grenzgang „’naus gieht“, also stattfinden soll. Nach Ostern des Grenzgangsjahres ruft der Vorstand des Grenzgangsvereins das Grenzgangskomitee dazu auf, Männergesellschaften und Burschenschaften zu bilden. Faktisch werden selten neue Gesellschaften gebildet, sondern die von vorherigen Grenzgängen bestehenden Gesellschaften beginnen damit, sich regelmäßig in ihren Stammlokalen zusammen zu finden, um sich für das bevorstehende Fest zu rüsten.
Sie wählen ihre Führer; dabei richtet sich die Anzahl der Führer nach der Gesamtzahl der Männer bzw. Burschen: Pro 30 Mitgliedern wird ein Führer gewählt. Weiterhin werden Schriftführer, Rechner und Fahnenträger gewählt und Reiter benannt. Weitere auszufüllende Rollen sind meist Damen- bzw. Mädchen-Führer, Fassmeister und Platzwart. In Versammlungen der Männer- und Burschenführer, der Reiter und des Komitees werden die Offiziellen gewählt: Bürgeroberst, Männerhauptmann, Burschenoberst, Burschenhauptmann, Mohr, Wettläufer und Sappeure.
Die Männergesellschaften sind nach Stadtteilen bzw. Straßen benannt. Die Zugehörigkeit eines Bürgers zu einer Männergesellschaft richtet sich im Allgemeinen nach seinem Wohnsitz. Zum Teil trifft das auch für die Burschen und Burschenschaften zu, traditionell ist diese Zuordnung aber freier; oft auch an die jeweilige Stammkneipe gebunden.
Während dieser Versammlungen der Gesellschaften werden – auf humorvolle Weise – „Strafen“ für (meist vorsätzlich begangenes) ungebührliches Verhalten der Anwesenden ausgesprochen, deren Betrag in „Litern“ bemessen wird. Ein Liter entspricht einem Euro; diese Einheit entstammt einer Zeit, in der ein Liter Bier eine Deutsche Mark (als damaliger Währungseinheit) kostete. Auch weitere Anlässe unterschiedlicher Art werden in der Zeit der monatelangen Vorbereitung genutzt, um die Kassen der Gesellschaften zu füllen. Ziel dabei ist, dass während der Grenzgangstage die Bürger und Burschen für die notwendige Getränkeversorgung nicht zahlen müssen.
Die Burschenschaften und Mädchengesellschaften tragen in den Monaten vor dem Grenzgang sportliche Turniere aus.
Einen Höhepunkt in der Vorbereitungszeit der Gesellschaften stellt die „Schleifenüberreichung“ dar. In einer gemeinsamen Veranstaltung von Bürgern und Frauen bzw. Burschen und Mädchen wird in festlicher Atmosphäre eine von den Frauen bzw. Mädchen erstellte „Schleife“ überreicht und an die Fahne der Gesellschaft angebracht. Diese „Schleife“ ist ein textiler, meist kunstvoll bestickter und mit der aktuellen Jahreszahl versehener Stoffstreifen oder -Wimpel. Damit wird die Verbundenheit der Frauen zu ihrer lokalen Männergesellschaft bzw. der Mädchen zu „ihrer“ Burschenschaft bekundet.
Bei einem „Musikreiten“ am Festplatz „auf der Bleiche“ werden die Pferde der Reiter an bislang ungewohnte Klänge der Musikkapellen und das Peitschenknallen der Wettläufer gewöhnt. Dies ist der erste öffentlichkeitswirksame Vorbote für den Grenzgang, sozusagen eine inoffizielle Generalprobe. Dabei präsentieren sich erstmals auch alle Würdenträger in voller Uniform.
Unmittelbar vor den Festtagen mini|„Der Wald kommt in die Stadt“ – hier am Beispiel der geschmückten Hintergasse in der Oberstadt 2012 Die Vorfreude auf den Grenzgang ergreift die Stadt für gewöhnlich in allen möglichen Bereichen und Altersgruppen, so führte beispielsweise 2026 die örtliche Grundschule einen „Mini-Grenzgang“ um ihr eigenes Gelände durch, wobei sich die Offiziellen den Kindern präsentieren konnten.
In den letzten Tagen vor dem Grenzgangsfest wird die Stadt von den Grenzgangsgesellschaften und den Anwohnern der jeweiligen Straßen aufwändig geschmückt. Unter anderem werden von den Frauen und Mädchen Girlanden aus Fichtenzweigen gebunden und in den Straßen und an den Häusern angebracht. Fahnen und Wimpel schmücken Gebäude und Zäune, die Straßen werden gekehrt, Schaufenster werden festlich hergerichtet. Außerdem wird das historische Stadttor, die Marienpforte (benannt nach der historischen Marienkapelle, real gestanden von 1385 bis 1837), die den Marktplatz von der Oberstädter Stadtgasse trennt, seit dem Grenzgang 1984 aus Styropor jedes Mal temporär wiederhergestellt. Die Verbundenheit der Bewohner Biedenkopfs mit ihrem Wald (historischer Ausruf in Hinterländer Platt: „Da Waald es inser!“) wird auch dadurch verdeutlicht, dass Hunderte von Bäumen, insbesondere Birken, im Stadtwald geschlagen werden und für die Dauer des Grenzgangsfestes die Straßen der ehemaligen Kreisstadt schmücken. Die Einheimischen sprechen nun davon, dass der Wald in die Stadt komme: „Da Waald kimmt ih de Stoad!“
Das Finale der Vorbereitungszeit findet am Vorabend des ersten Grenzgangstags statt, dem sogenannten „Kommers“. Am frühen Mittwochabend findet man sich am Marktplatz und in den umliegenden Straßen ein, um in zwangloser Atmosphäre erste Begegnungen mit angereisten Besuchern und Musikkapellen zu machen. Immer wieder reisen hunderte mit Biedenkopf verbundene Personen extra aus dem Ausland oder entfernteren Regionen an, um am Grenzgang teilhaben zu können.
Ablauf der Festtage mini|Grenzverlauf|links mini|Morgendliche Aufstellung der Männergesellschaften und Burschenschaften auf dem Marktplatz (2012)
Überblick