miniatur|Vergleich der Hemisphären des Endhirns von Mensch und Schimpanse:a) Hinterer Lappenb) Seitenventrikelc) Hinteres Hornx) Hippocampus minor. Die Hippocampus-Debatte war eine Kontroverse zwischen den britischen Biologen Richard Owen und Thomas Henry Huxley über die taxonomische Einordnung des Menschen in das Tierreich.

Sie wurde im Sommer 1860, zwei Tage vor der Huxley-Wilberforce-Debatte, auf der Jahrestagung der British Association for the Advancement of Science in Oxford ausgelöst, als der bedeutendste britische Anatom Richard Owen erneut behauptete, dass sich der Mensch von den anderen Primaten durch bestimmte morphologische Besonderheiten im Gehirnaufbau, insbesondere das Vorhandensein eines Hippocampus minor, unterscheide und er eine eigene Unterklasse in der Klasse der Säugetiere bilde. In der Diskussion trat Thomas Henry Huxley dieser Auffassung entgegen und versprach, Owens Behauptung zu widerlegen.

Zum Teil von Huxley initiiert, erschien in der Folgezeit eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen an Primatengehirnen, die Owens Darstellungen widersprachen. Owen beharrte jedoch mehrfach auf seiner Einschätzung der Untersuchungsergebnisse. Die Auseinandersetzung, die von der britischen Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgt wurde, ebbte 1863 nach dem Erscheinen von Huxleys Werk Evidence as to Man’s Place in Nature ab.

Der öffentliche Streit zwischen dem „Britischen Cuvier“ Owen und „Darwin’s Bulldog“ Huxley war ein wichtiger Schritt zur Anerkennung von Charles Darwins Evolutionstheorie und beschädigte Owens Ruf als Wissenschaftler nachhaltig.

Hippocampus minor Der Hippocampus minor befindet sich im Seitenventrikel des Endhirns. Er ist eine Vorwölbung der medialen Wand des im Hinterhauptslappen gelegenen Hinterhorns (Cornu posterius), die durch die tief einschneidenden Kalkarina (auch Spornfurche genannt) gebildet wird.Karl-Josef Moll: Anatomie: Kurzlehrbuch zum Gegenstandskatalog 1. Abschnitt 9.9.1 Seitenventrikel. Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2005, ISBN 978-3-437-41743-6. Da sie an den Sporn eines Vogels erinnert, erhielt sie die Bezeichnung Calcar avis.

Bei der Überarbeitung der Gehirn-Nomenklatur im Jahr 1786 benannte Félix Vicq d’Azyr die Calcar avis in Hippocampus minor um. Den 1564 von Giulio Cesare Aranzi entdeckten Hippocampus bezeichnete er hingegen als Hippocampus major. Johann Christoph Andreas Mayer verwendete 1779 in einer Arbeit irrtümlich die Bezeichnung „Hippopotamus“ (Flusspferd). Andere Autoren wiederholten diesen Fehler, bis Karl Friedrich Burdach 1829 den Sachverhalt aufklärte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren Calcar avis und Hippocampus minor synonym in Gebrauch.Charles G. Gross: Brain, vision, memory: tales in the history of neuroscience. S. 143.

Vorgeschichte miniatur|Richard Owen, 1850 miniatur|Thomas Henry Huxley, 1860 Lebende Menschenaffen gab es bis zu Beginn der 1830er in den europäischen zoologischen Gärten kaum. Der 1828 gegründete Londoner Zoo im Regent’s Park erhielt seinen ersten Orang-Utan 1830, den ersten Schimpansen 1835 und den ersten Gibbon 1839.Wilfrid Blunt: The ark in the park: The Zoo in the nineteenth century. Tryon Gallery, Hamilton 1976, S. 38–40. Der junge Orang-Utan starb bereits drei Tage nach seiner Ankunft aus Indien an einer Lungenentzündung.Leonard G. Wilson: The Gorilla and the Question of Human Origins: The Brain Controversy. S. 186–187. Richard Owen untersuchte den Kadaver und publizierte die Ergebnisse in der ersten wissenschaftlichen ArbeitRichard Owen: On the Anatomy of the Orang-Utan (Simia satyrus, L.). In: Proceedings of the Committee of Science and Correspondence of the Zoological Society of London. Band 1, London 1830, S. 4–5, 8–10, 28–29, 67–72. Online seiner Laufbahn. Der 1835 aus Sierra Leone eingeführte Schimpanse verstarb ebenfalls schnell und Owen erhielt die Erlaubnis, das Tier zu untersuchen.Richard Owen: On the Osteology of the Chimpanzee and Orang Utan. In: Transactions of the Zoological Society of London. Band 1, London 1835, S. 343–379. Online Owen stellte fest, dass das Skelett des Schimpansen dem des Menschen mehr ähnelte als das des Orang-Utans, wies jedoch die von Jean-Baptiste de Lamarck aufgestellte These, dass der Mensch ein Nachfahre des Affen sei, zurück.Leonard G. Wilson: The Gorilla and the Question of Human Origins: The Brain Controversy. S. 188.

Owen, seit 1856 Superintendent der naturgeschichtlichen Sammlung des Britischen Museums und durch seine zahlreichen Veröffentlichungen eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Knochenkunde der Primaten, hielt am 17. Februar und 21. April 1857 zwei VorträgeRichard Owen: On the Characters, Principles of Division, and Primary Groups of the Class Mammalia. In: Journal of the Proceedings of the Linnean Society of London. Band 2, London 1858, S. 1–37. Online vor der Linné-Gesellschaft von London. Wie schon Charles Lucien Bonaparte vor ihmNicolaas A. Rupke: Richard Owen. Biology without Darwin. S. 188. schlug er vor, die Säugetiere anhand von Merkmalen des Gehirns zu klassifizieren. Owen unterschied vier Unterklassen der Säugetiere. Die niedrigste Entwicklungsstufe der Gehirne bilden die Unterklasse „Lyencephala“ (d. h. lose zusammenhängende Hirnpartien). Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass die beiden Hirnhälften relativ klein und äußerlich gewöhnlich glatt und nur lose durch Querbahnen miteinander verbunden sind. Zu ihr gehören die Kloakentiere und die Beutelsäuger. Die nächste Stufe der Gehirnentwicklung wird durch die Unterklasse „Lissencephala“ (d. h. glatte Gehirne) repräsentiert, welcher die Nagetiere, Spitzmäuse, Fledertiere und Faultiere angehören. Bei ihnen sind die Gehirnhälften durch einen Balken verbunden. Die Gehirnoberfläche ist glatt und weist keine oder wenige Hirnwindungen auf. Der nächste Entwicklungsschritt der Gehirne, die Unterklasse „Gyrencephala“ (d. h. gewundene Gehirne), ist durch eine relative Größenzunahme des Gehirns charakterisiert. Diese Gehirne erstrecken sich mehr oder weniger weit über das Kleinhirn, und ihre Oberfläche weist meist zahlreiche Gehirnwindungen auf. In diese Unterklasse gehören die Huftiere, Wale, Fleischfresser und die Vierhändigen („Quadrumana“), also die Menschenaffen, Affen und Halbaffen. Als einzige Art stellte Owen den Menschen in die vierte Unterklasse „Archencephala“ (d. h. herrschendes Hirn). Das menschliche Gehirn zeige eine plötzliche Vergrößerung der relativen und absoluten Größe der Hirnhälften und des Schädelvolumens. Thomas Gondermann: Evolution und Rasse: Theoretischer und institutioneller Wandel in der viktorianischen Anthropologie. S. 108.Christopher Cosans: Anatomy, Metaphysics, and Values: The Ape Brain Debate Reconsidered S. 141–144.

Im Gegensatz zu Carl von Linnés Auffassung, der den Menschen in die Ordnung der Primaten stellte, folgte Owen einem Vorschlag Johann Friedrich Blumenbachs, der 1779 in seinem Werk Handbuch der Naturgeschichte für den Menschen die Ordnung „Bimana“ (Zweihändige) geschaffen und alle anderen Primaten der Ordnung „Quadrumana“ (Vierhändige) zugewiesen hatte. Dieser Standpunkt wurde später insbesondere durch Georges Cuvier popularisiert.Nicolaas A. Rupke: Richard Owen. Biology without Darwin. S. 186–187 In einem Brief an Joseph Dalton Hooker kommentierte Charles Darwin die von Owen vertretene Sonderstellung des Menschen mit den Worten: Charles Darwin an Joseph Dalton Hooker, 5. Juli 1857, Brief 2117 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 14. August 2009).

Thomas Henry Huxley, seit 1854 Professor für Paläontologie an der Royal School of Mines, befand sich 1857 unter den Zuhörern von Owens Vorlesungen. Er begann sich nach den Veranstaltungen mit anthropologischen Themen auseinanderzusetzen.Leonard G. Wilson: The Gorilla and the Question of Human Origins: The Brain Controversy. S. 191. Seine Vorlesungsreihe The Principles of Biology (Die Prinzipien der Biologie), die er im ersten Quartal 1858 vor der Royal Institution abhielt,Thomas Henry Huxley: The Principles of Biology. Royal Institution, 19. Januar – 23. März 1858. ergänzte er im Frühjahr 1858 um eine Vorlesung über die „Unterscheidungsmerkmale des Menschen“ (The Distinctive Characters of Man). Vor Abbildungen und Gehirnen, die von Menschen, Gorillas und Pavianen stammten, gelangte er zu dem Schluss: .Adrian Desmond: Huxley: From Devil’s Disciple to Evolution’s High Priest. S. 240–241. In einer weiteren Vorlesung vor der Royal Institution, die Huxley im Februar 1860 über die „Arten und Rassen und ihre Entstehung“ hielt und die Darwins Theorie gewidmet war,Adrian Desmond, James Moore: Darwin. S. 553. stellte er erneut fest, dass Thomas Henry Huxley: On Species and Races, and Their Origin. In: Medical Circular. Nr. 401, 7. März 1860, S. 149–150. Online

Verlauf der Debatte Oxford 1860 miniatur|Ende Juni 1860 kam es in den Räumen des neu eröffneten Oxford University Museum of Natural History zur ersten öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Richard Owen und Thomas Henry Huxley. Die Jahrestagung der British Association for the Advancement of Science (BAAS) fand im Sommer 1860 in Oxford in den Räumen des neuen Oxford University Museum of Natural History statt. Am 28. Juni 1860Leonard Huxley (Hrsg.): Life and Letters of Thomas Henry Huxley. 3 Bände. 2. Auflage, Macmillan and Co., London 1908, Band 1, S. 260–261. referierte Charles Daubeny vor der für Zoologie und Botanik einschließlich Physiologie zuständigen „Sektion D“ über die Sexualität der Pflanzen und nahm dabei besonders Bezug auf Charles Darwins Ende November 1859 erschienenes Werk Die Entstehung der Arten.Charles Daubeny: Remarks on the Final Causes of the Sexuality of Plants, with particular reference to Mr. Darwin’s Work ‚On the Origin of Species by Natural Selection‘. In: Report of the thirthieth Meeting of the British Association for the Advancement of Science held at Oxford in June and July 1860. John Murray, London 1861, S. 109–110. Online John Stevens Henslow, der die Präsidentschaft der „Sektion D“ innehatte, forderte Huxley auf, sich zu äußern. Huxley lehnte es jedoch ab, vor dem versammelten Publikum zu sprechen. Owen, der zu dieser Zeit einer der wenigen europäischen Primaten-Experten war und als oberste Autorität für Primaten-Osteologie (Knochenkunde) galt, ergriff das Wort und wiederholte seine 1857 gemachten Äußerungen über die besondere Stellung des Menschen im Tierreich: Allein der Mensch weise im hinteren Bereich einen dritten Hirnlappen, ein hinteres Horn an der Nebenkammer und einen Hippocampus minor auf und bilde daher eine eigene Unterklasse.Adrian Desmond, James Moore: Darwin. S. 513.[Anonym]: The Athenaeum. Nr. 1706, 7. Juli 1860, S. 25–26. In seinem Diskussionsbeitrag griff Owen Huxleys Position zur Frage der Stellung des Menschen im Tierreich offen an.Adrian Desmond: Huxley: From Devil’s Disciple to Evolution’s High Priest. S. 276 Huxley, der sich durch die Behauptungen Owens herausgefordert fühlte, reagierte darauf mit einer direkten und uneingeschränkten Widerrede und versprach sich andernorts für sein ungewöhnliches Vorgehen zu rechtfertigen.Leonard Huxley (Hrsg.): Life and Letters of Thomas Henry Huxley. 3 Bände. 2. Auflage, Macmillan and Co., London 1908, Band 1, S. 261.[Anonym]: Science: British Association. In: The Athenaeum. Nr. 1706, 7. Juli 1860. S. 26.

Huxleys „Natural History Review“ miniatur|Die reformierte Zeitschrift Natural History Review wurde zum Sprachrohr von Thomas Henry Huxley. Titelblatt der Ausgabe von 1861.