mini|Stalindenkmal in Berlin-Friedrichshain, 1951
Das Berliner Stalindenkmal war ein überlebensgroßes Bronzestandbild des sowjetischen Diktators Josef Stalin, ein unsigniertes Werk des sowjetischen Bildhauers Nikolai Tomski. Enthüllt wurde das Denkmal am 3. August 1951 von Walter Ulbricht, dem Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Der Standort, die Stalinallee im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain, hatte seinen Namen bereits im Dezember 1949 erhalten. Aufgestellt gegenüber der Deutschen Sporthalle, gehörte das Monument zum Schauplatz zentraler Kundgebungen und Demonstrationen, bis es die SED-Führung in der Nacht zum 14. November 1961 abräumen ließ. An seiner Stelle entstand eine Grünanlage. Die Stalinallee bekam am selben Tag vom Alexanderplatz bis zum Frankfurter Tor den Namen Karl-Marx-Allee. Das Material der eingeschmolzenen Skulptur diente der Herstellung von Bronzefiguren für den Tierpark Berlin. Mit ihm gingen 1961 in der DDR auch alle übrigen Stalindenkmäler unter.
Vorgeschichte mini|hochkant|Nach der Denkmalsenthüllung, 1951 mini|Trauermarsch am Stalindenkmal anlässlich des Todes von Stalin, 1953
Berlin hatte Ende der 1940er Jahre mit dem Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Großen Frankfurter Straße nach Plänen des Stadtbaurats Hans Scharoun im Internationalen Stil begonnen. Nach Gründung der DDR änderte deren Regierung die Pläne in programmatischem Sinn. Nun sollte eine repräsentative Ost-West-Magistrale nach sowjetischem Vorbild in einem „nationalen“ Stil entstehen. Mit Stalins 70. Geburtstag hatte wenige Wochen nach der Staatsgründung zugleich die umfassende Verehrung Stalins als „Genius der Menschheit“, dem „besten Freund des deutschen Volkes“, den „genialen Führer des Weltfriedenslagers“ und „Führer und Lehrer der Menschheit im Kampf für Frieden, Demokratie und Sozialismus“ durch die SED- und Staatspropaganda eingesetzt.Andreas Engwert: Ikonografie des Stalin-Kultes in der DDR (Lit.), dort auch alle Zitate, S. 133–136 Die SED nahm Stalins 70. Geburtstag am 21. Dezember 1949 zum Anlass, im Rahmen einer Massenkundgebung die ersten Neubauten einzuweihen und die Große Frankfurter Straße in Stalinallee umzubenennen.
Für die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, die in Berlin am 5. August 1951 beginnen sollten, war die Stalinallee als Repräsentations- und Demonstrationsmeile vorgesehen. Zu ihrer Zierde erwarb im Juli 1951 Ulbricht in Zusammenarbeit mit dem DDR-Vertreter in Moskau, Rudolf Appelt, eine Stalin-Statue in der Sowjetunion. Statt der gewünschten 16 Meter hohen Statue konnte die Sowjetunion Ende Juli nur den Nachguss einer 4,80 Meter hohen Bronzestatue Tomskis aus einer Leningrader Gießerei liefern. Dort hergestellte weitere Exemplare befanden sich in Taschkent, Simferopol, Rostow am Don und Ulan-Bator. Der Transport in die DDR erfolgte auf dem Luftweg. Die Bezahlung des Ganzen übernahm die DDR-Regierung. Auf Wunsch des SED-Politbüros durften zwei leihweise mitgeschickte Gipsrepliken, die für Innenräume bestimmt waren, in der DDR bleiben.Andreas Engwert: Ikonografie des Stalin-Kultes in der DDR (Lit.), S. 130
Die SED-Propaganda hielt die Autorenschaft Tomskis geheim, um zu verschleiern, dass die Skulptur kein Einzelstück war.Denkmalfachleuten war unklar, welcher sowjetische Künstler die Statue geschaffen hatte. Wortlaut (russisch) einer Rede Nikita Chruschtschows zu den Stalin-Denkmälern vor dem ZK der KPdSU vom 26. Mai 1953, wonach dies Tomski war, bestätigte der Tagesspiegel am 26. Januar 2018 mit dem Bericht von Bernhard Schulz: Statue des Sowjet-Diktators wieder in Berlin. Neue Ausstellung widmet sich dem Stalin-Kult. zur Leihgabe eines identischen Monuments aus Ulan-Bator für eine Ausstellung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Es trägt die auf dem Exemplar in Berlin fehlende Original-Signatur Tomskis. Sie setzte eine Legende in Umlauf, wonach eine Leningrader Komsomoldelegation dem Berliner Magistrat die Skulptur zum Geschenk gemacht habe.
Denkmalsaufstellung Am 3. August 1951 enthüllte Walter Ulbricht in Anwesenheit des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck und des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl feierlich das Denkmal. Es zeigte den sowjetischen Partei- und Regierungschef als nur mit dem Orden Held der sozialistischen Arbeit geschmückten Marschall der Sowjetunion. Stalins unter die Knopfleiste geschobene rechte Hand erinnerte an Napoleon Bonaparte, während die linke eine Schriftrolle hielt, die ihn als Planer der Großbauten des Kommunismus oder Verfassungsgeber auswies. Der leicht konisch zulaufende, etwa drei Meter hohe Sockel aus Marmor,Kurzinfo zum Stalindenkmal. In: Friedrichshainer Chronik; abgerufen am 14. September 2009. Beton oder SandsteinAusstellung im Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72 stand auf einem gemauerten Podest. Das Denkmal an der Freifläche zwischen den im Spätherbst 1952 vollendeten Neubaublöcken B-Süd an der Andreasstraße und C-Süd an der Koppenstraße erhielt als Hintergrund ein halbkreisförmig angelegtes, lichtes Tannenwäldchen. Geplant war, das Denkmal 1956 auf den Strausberger Platz bei dessen Fertigstellung zu versetzen.
Zwischen Aufstellung und Abriss 1952 wurde neben dem Denkmal von der DSF noch ein Pavillon der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft errichtet, den letztlich andere Organisationen für ihre Ausstellungen nutzten.
Das Stalindenkmal war bei zahlreichen Anlässen im Festkalender der DDR das Ziel von Berliner und auswärtigen Delegationen, hohe Besucher passierten es bei der Fahrt über die „Protokollstrecke“ in Ost-Berlin. Bei Großereignissen in geschlossenen Räumen, wie der Festveranstaltung der SED zum 28. Todestag Lenins am 21. Januar 1952 im Berliner Friedrichstadt-Palast oder dem IV. Parlament der FDJ im Mai 1952 auf dem Leipziger Messegelände, begrüßten Gips-Repliken die Teilnehmer.Der Augenzeuge 1952/05; 1. Beitrag
Stalin starb am 5. März 1953. Am Tage seiner Beisetzung in Moskau am 9. März war das Denkmal in Ost-Berlin Ziel eines mehr als siebenstündigen Trauermarsches. Am 1. Mai 1953 gab eine der Gipsrepliken am Standort des abgeräumten Denkmals Friedrichs des Großen auf dem Boulevard Unter den Linden den Feiernden eine zweite Gelegenheit, des Verstorbenen zu gedenken.
Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR hatte am Vortag mit Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen der Bauarbeiter der Stalinallee begonnen. Am Morgen des 17. Juni formierte sich der Demonstrationszug der Ost-Berliner Arbeiter am Strausberger Platz und kam auf seinem Weg in die Innenstadt nicht am Stalindenkmal vorbei.Kirsten Otto: Berlins verschwundene Denkmäler. Eine Verlustanalyse von 1918 bis heute. Lukas, Berlin 2020, ISBN 978-3-86732-357-4, S. 161. Dort kam es nur vereinzelt zu kritischen Situationen.Chronik Friedrichshain zum 17. Juni 1953; abgerufen am 14. September 2009 Das Denkmal wurde mit Steinen beworfen, aber nicht beschädigt.Film von Artem Demenok und Andreas Schmidt: Helden ohne Ruhm. Der 17. Juni 1953. Sendemanuskript; abgerufen am 15. September 2009
Schon im Dezember 1954 hatte Nikita Chruschtschow im Machtkampf um die Stalinnachfolge auf einer Allunionsbaukonferenz in Moskau die Abkehr von der stalinschen Architekturauffassung eingeleitet, indem er an ihrer Stelle das „industrielle Bauen“ forderte.Christine Hannemann: Die Platte Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR. Vieweg u. Teubner, Wiesbaden 1996, ISBN 978-3-322-91762-1, S. 56 ff. Der sowjetischen Vorgabe folgte Ulbricht als Hauptredner auf der 1. Baukonferenz der DDR im April 1955 in taktisch gewundenen Formulierungen. Die Rede rief für Architektur und Stadtplanung der DDR zunächst einen Stillstand hervor.Valentina Vlasic: Die Kunstauffassung Walter Ulbrichts und die Folgen. Verlag am Park, Berlin 2007, ISBN 978-3-89793-135-0, S. 129–134 Klar war, dass mit der Kehrtwende die Umsetzung des Stalindenkmals auf den Strausberger Platz ausgeschlossen war.
Wenige Wochen nach der Enthüllung des letzten Stalindenkmals in der DDR in Hettstedt benannte in Moskau der Parteivorsitzende Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 in seiner Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen Auswüchse des Stalinkultes und Verbrechen Stalins. Ohne dass es in der DDR zu einer öffentlichen Diskussion kam, dämpfte die SED vorsichtig die bisher alltäglich geübte Stalinverehrung.
Das vollständige Ende des Stalinkults in der Sowjetunion und ihren Bruderländern ging vom XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961 aus. Nach einer Verdammung Stalins ließ die Partei am Schlusstag, dem 31. Oktober, den mumifizierten Leichnam des Diktators aus seinem Glassarg im Mausoleum am Roten Platz in Moskau entfernen und unter einer Porträtherme in einem Einzelgrab der Nekropole an der Kremlmauer beisetzen. Die Ehrungen Stalins in Wort und Bild, Lied, Film und Denkmal verschwanden in den nächsten Wochen und Monaten aus dem öffentlichen Raum. Die nach ihm benannten Städte, Berge, Institutionen und Betriebe, Straßen und Plätze erhielten neue Namen.
Das Verschwinden des Denkmals mini|hochkant|Kopie von Stalins gerettetem Ohr im Café Sibylle (etwa 20 cm hoch) Im Oktober 2025 enthält die Vitrine auch eine Kopie der Bartspitze sowie Informationstexte. mini|Dreifach-Brunnenbecken am ehemaligen Standort des Stalindenkmals, 2009
Die SED schloss sich sofort der Beendigung des Stalinkults an. Am 7. November 1961 erteilte das Politbüro der SED dem Berliner Magistrat entsprechende Anweisungen. Als am Morgen des 14. November 1961 das Zentralorgan der SED Neues Deutschland unter der Überschrift „Mitteilung des Magistrats von Groß-Berlin“ bekannt gab, dass dieser in seiner Sitzung am 13. November 1961 beschlossen habe, „nach Kenntnisnahme der Materialien des XXII. Parteitages der Kommunistischen Partei der Sowjetunion […] in bezug auf die in der Periode des Personenkults Stalins erfolgten Verletzungen der revolutionären Gesetzlichkeit und der daraus entstandenen schweren Folgen“, die Stalinallee mit dem gleichnamigen S- und U-Bahnhof umzubenennen, das Stalindenkmal zu entfernen sowie in der Bezeichnung des VEB Elektroapparatewerkes J. W. Stalin den Zusatz J. W. Stalin zu streichen, waren über Nacht an der Stalinallee überall der Name Stalins mitsamt seinem Denkmal entfernt worden. Während die Stalinallee sichtbar ab sofort Karl-Marx-Allee (westlicher Abschnitt) und Frankfurter Allee (östlicher Bereich) hieß, schwieg der Magistrat zum Verbleib des Denkmals.Stefan Wolle: Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961–1971. Ch. Links, Berlin 2011, ISBN 978-3-86153-619-2, S. 128 f.
Es war von Pionieren der Nationalen Volksarmee mit einer Planierraupe vom Sockel gestoßen und anschließend mit einem Tieflader in eine Halle des Betriebes Bauunion gebracht worden. Hier hatten Mitglieder einer Baubrigade unter Leitung des Brigadiers Gerhard Wolf, bewacht von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), den Bronzekörper zu zerkleinern. Der Beauftragte des MfS gab die Anweisung: „Das Denkmal ist bis zur Unkenntlichkeit zu zerkleinern. Die Mitnahme von Bruchstücken ist verboten. Über die Angelegenheit wird nicht geredet.“ In den frühen Morgenstunden ebneten Pioniere den Denkmalsockel ein. Die Skulptur wurde eingeschmolzen und ihr Material beim Guss von Tierfiguren für den Berliner Tierpark wiederverwendet, vermutlich für ein Eselchen, einen Elch und einen Säbelzahntiger.Stefan Wolle: Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961–1971. Ch. Links, Berlin 2011, ISBN 978-3-86153-619-2, S. 129
Die historische und topografische Literatur der DDR zur Geschichte und Landeskunde Berlins verschwieg von 1961 bis zu ihrem Ende den Namen „Stalinallee“ und die Existenz des Stalindenkmals. Selbst das Fotografieren der durch seine Beseitigung in der Karl-Marx-Allee entstandenen Leerstelle war untersagt.Kirsten Otto: Berlins verschwundene Denkmäler. Eine Verlustanalyse von 1918 bis heute. Lukas, Berlin 2020, ISBN 978-3-86732-357-4, S. 166.
Nachspiel und Erinnerung