mini|hochkant|Stadtkirche Michelstadt mini|hochkant|Blick durch das Mittelschiff zum Chor

Die Stadtkirche ist eine evangelische Kirche in Michelstadt. Sie entstand im Wesentlichen in der Spätgotik als pseudobasilikale Hallenkirche, enthält aber noch Teile eines karolingischen Vorgängerbaus. Schon das Vorgängergebäude war Grablege vieler Schenken und Grafen von Erbach. Bedeutend ist sie wegen der zahlreichen Grabdenkmäler vom Hochmittelalter bis zur Neugotik.

Die Kirchengemeinde gehört zum Dekanat Odenwald der Propstei Starkenburg der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Vorgängerbauten

Aus der Schenkungsurkunde über die Mark Michelstadt von Ludwig dem Frommen an Einhard, den Vertrauten und Biographen Karls des Großen, aus dem Jahr 815 geht hervor, dass sich in Michelstadt damals eine „modica basilica lignea“Johannes Sommer: Der Einhardsbau von 821 in der Stadtkirche, S. 19 in: Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490, also eine kleine hölzerne Kirche befand. Es wird angenommen, dass es sich bei diesem Bauwerk um eine Kirche handeln könnte, deren Bau auf das Wirken missionierender iroschottischer Mönche zurückgeht. Genannt wird der Hl. Kilian,Philipp Buxbaum: Michelstadt, S. 43 der 689 im Würzburger Raum ermordet worden sein soll. Tatsächlich heißt der Bach, der in der Nähe der Stadtkirche nach einer längeren unterirdischen Strecke wieder zutage tritt, seit Jahrhunderten Kiliansfloss. Die hölzerne Kirche dürfte wohl zum Zeitpunkt der Übertragung der Mark Michelstadt an Bischof Burkhardt von Würzburg im Jahr 743 schon bestanden haben. Nach dem Fund eines Pfostenlochs bei Grabungen in den 1960er Jahren wurde auf eine Länge des rechteckigen hölzernen Baus von 10,60 Metern bei einer Breite von 7,60 Metern geschlossen.Johannes Sommer: Der Einhardsbau von 821 in der Stadtkirche, S. 24 in: Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490

mini|links|Dachgesims der karolingischen Chornordwand von außen, heute Nordwand des Vorchors und spätmittelalterlich überbaut Einhard ließ 821 diese hölzerne Kirche durch einen Steinbau ersetzen. Dieser Bau wurde quasi um die alte Holzkirche herumgebaut, möglicherweise diente der alte Bau als Gerüst für die Errichtung der neuen Steinkirche. Der karolingische Bau war ebenfalls rechteckig, verfügte aber bereits über einen separierten Chor. Seine äußere Länge maß inklusive des Chores 22,60 Meter bei einer äußeren Breite von 10,40 Metern.Johannes Sommer: Der Einhardsbau von 821 in der Stadtkirche, S. 22 in: Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 Reste dieses Baus wurden ergraben. Die Wand des nördlichen Vorchores ist neben den Mauerkernen der südlichen und nördlichen Triumphbogenansätze das einzige bis heute erhaltene aufgehende karolingische Mauerwerk. mini|Die Inschrift von 1475 am Treppenturm der WestfassadeAbschrift bei Sebastian Scholz: Die Inschriften des Odenwaldkreises. Wiesbaden 2005, Inschrift Nr. 46, S. 39 Veränderungen am karolingischen Bauwerk fallen in ottonische Zeit,Wolfram Becher: Michelstadt und Erbach, S. 72 etwa um das Jahr 1000.Johannes Sommer: Der Einhardsbau von 821 in der Stadtkirche, S. 26 in: Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 Der karolingische Chorraum wurde um eine halbrunde Apsis ergänzt und das Kirchenschiff auf der Westseite verlängert. Die Baumaßnahmen gingen zweifelsfrei auf die seit dem 10. Jahrhundert als Ortsgeistliche anwesenden Benediktinermönche zurück. Ihr Abt Gerbodo errichtete 951 in unmittelbarer Umgebung ein steinernes Haus für ihre Unterbringung. Aus dieser Zeit stammen die beiden links und rechts des Portales aufgestellten Steinsarkophage. In ihnen wurden bei der Auffindung noch die Gebeine der Bestatteten gefunden; es handelte sich um zwei Männer, der eine etwa 40 bis 45 Jahre alt, der andere erreichte ein Lebensalter von etwa 65 Jahren.Johannes Sommer: Der Einhardsbau von 821 in der Stadtkirche, S. 30 in: Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 miniatur|Blick in die Eberhardskapelle mit dem davor stehenden barocken Taufstein

Baugeschichte

Die heutige Kirche erhielt ihre Gestalt in der Spätgotik. Davor lagen allerdings noch verschiedene frühere Baumaßnahmen, so die Errichtung nördlicher und südlicher Seitenschiffe und eines nordöstlichen Kapellenbaus. Dieser ist heute verschlossen, da er die gräfliche Gruft enthält (auf einem tieferen Niveau, über eine schmale Treppe zu erreichen). Die Kapelle wurde Ende des 14. Jahrhunderts errichtet.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 31 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 Die zuvor angefügten nördlichen und südlichen Seitenschiffe haben sich heute nicht erhalten oder wurden überbaut. Ebenfalls in dieser Zeit wurde der karolingische Chorraum teilweise sowie die ottonische Rundapsis niedergelegt und abermals durch eine schlichte Ostwand ersetzt.

Eine bedeutende Erweiterung erfuhr die Kirche ab 1461. Schenk Adolar zu Erbach begann in diesem Jahr mit der Neuerrichtung des Chores, so wie er sich heute darstellt. Am nordöstlichen Strebepfeiler des Chorraumes befindet sich bis heute die Inschrift: „Anno d(omini) m cccc lxi den ersten stei(n) dies chors hat geleit Schenk adolaris herre von Erpach“.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 34 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490. Auch eine Sakristei könnte neugebaut und später mit dem Turm südöstlich überbaut worden sein.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 35 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490.

An diese Baumaßnahme schlossen sich von etwa 1470 bis 1475 die völlige Neuerrichtung des südlichen Seitenschiffs sowie die Neuerrichtung des nördlichen Seitenschiffs an, etwa zeitgleich von 1472 bis 1475.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 38 bis 40 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 Bauherren waren wohl der Bruder Schenk Adolars, Schenk Georg I. zu Erbach und Schenk Johannes IV. zu Erbach. Die Gewölbe beider Seitenschiffe sind in etwa gleich ausgeführt, typisch spätgotische Sternrippengewölbe, wobei das nördliche etwas einfacher ausfällt als das südliche. Schenk Philipp II. von Erbach schließlich beteiligte sich an den Kosten der ebenfalls in diese Zeit fallenden Errichtung des südwestlichen Treppenturms. Eine dort angebrachte Schrifttafel gibt Auskunft über die Erneuerung der Kirche durch die genannten Schenken. 1475 wurde die Bautätigkeit vorübergehend eingestellt, die Gründe sind unbekannt. Die Westfassade war 1475 erst bis kurz unterhalb des heutigen zweiten Gesimses ausgeführt. Es ist auch nicht geklärt, ob das Mittelschiff jemals überwölbt worden ist. Die Westfassade wurde u. a. durch den bekannten Baumeister Konrad von Mosbach ausweislich des Meisterzeichens im Schild der Giebelspitze erst 1490 fertiggestellt. In diesem Jahr wurde die Kirche auch geweiht. Am nördlichen Strebepfeiler des Westgiebels findet sich erneut die Jahreszahl 1490, versehen mit einem nicht genau zuzuordnenden Meisterzeichen, eventuell eines Sohnes des Konrad von Mosbach.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 46 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490

Die ursprünglichen Planungen zur Errichtung des Turmes an der Südwestecke wurden wohl aufgegeben. Das mag mit den Sichtverhältnissen nach der Fertigstellung des Michelstädter Rathauses 1484 zusammenhängen.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 47 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 Er wurde nunmehr unter Niederlegung der vermuteten Sakristei an der südöstlichen Ecke der Kirche bis 1507 ausgeführt. Eine lateinisch abgefasste Inschrift aus diesem Jahr gibt Auskunft darüber; sie lautet in der Übersetzung: Dem allerhöchsten Gott, dem allervortrefflichsten großen Erzengel Michael und dem hl. Kilian zu Ehren ist dieses Baues Grund gelegt unter Papst Julius, Maximilianus, römischer Kaiser, Erzbischof Jakobus zu Mainz, Eberhard und Valentin, Freien Herren und Herren zu Erpach und Bickenbach, Vettern, da Theodorikus Ribeysen Pfarrer war. Im Jahre des Heils 1507 am ersten April.Übersetzung nach Hermann Bernbeck, zitiert in Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 48 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490 Die Vollendung des Turmes zog sich bis 1537 noch Jahre hin. Erste Glocken wurden ab 1535 gegossen.

Die nächste Erweiterung war der Anbau der Eberhardskapelle zwischen dem Glockenturm und dem äußeren östlichen Strebepfeiler des südlichen Seitenschiffes. Auch diese Kapelle wurde mit einem Rippengewölbe versehen. Im Schlussstein findet sich ein Allianzwappen Erbach/Wertheim. Bedeutend ist der Schlussstein, weil er das Meisterzeichen des bekannten Baumeisters Moritz Lechler enthält.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 51 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490

mini|Das Kreuzrippengewölbe des Chors von 1543 Der Chor wurde im folgenden Jahr, 1543, ebenfalls durch Moritz Lechler neu überwölbt. Statische Probleme hatten sich bereits zuvor durch die Niederlegung der Sakristei zugunsten des Neubaus des Turmes ergeben. Der Chor behielt die nördliche (karolingische) Mauer, nur die südliche wurde weitgehend abgetragen. Das Chorgewölbe ruht auf mit Wappen verzierten Konsolsteinen. Für die Ausführung wählte er ein Kreuzrippengewölbe, die Kreuzungen sind jeweils mit Wappensteinen verziert. Für seine Tätigkeit erhielt er nach dem überlieferten Vertrag 245 Gulden und 10 Malter Korn.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 53 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490

Insgesamt finden sich für die Bautätigkeit von 1461 bis 1543 Steinmetzzeichen von 41 Meistern.Falk Krebs: Zur Baugeschichte der Stadtkirche Michelstadt, S. 52 in Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahre 1490.

Die letzten größeren Instandsetzungsarbeiten fanden in den Jahren 1909/10 statt (umfassende Innenrestaurierung). Die Ausmalung schufen Rudolf und Otto Linnemann aus Frankfurt. Eine Außen- und Innenrenovierung wurde von 1964 bis 1969 vorgenommen, ein neuer Außenanstrich wurde 1990 angebracht und von 2006 bis 2012 wurden der Dachstuhl und das Innere renoviert.

Ausstattung