mini|260px|DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH Werk Dessau mini|260px|Repräsentations-Lok des Werks Das Werk Dessau ist ein Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn in der sachsen-anhaltischen Stadt Dessau-Roßlau. Es gehört unternehmensorganisatorisch zur DB Fahrzeuginstandhaltung und ist innerhalb des DB-Konzerns für die sogenannte schwere Instandhaltung von Elektrolokomotiven und deren Komponenten zuständig.

Lage

mini|211 001 auf dem Prüfgleis (1979) Das Instandhaltungswerk liegt im Stadtteil Süd, westlich des Eisenbahnhaltepunkts Dessau Süd der Bahnstrecke Trebnitz–Leipzig. Im südlichen Gleisfeld des Hauptbahnhofs Dessau zweigt ein Anschlussgleis zum Ausbesserungswerk ab. Dieses verläuft südwärts bis in Höhe der Ludwigshafener Straße parallel zur Bahnstrecke nach Leipzig, wo es dann in das Werksgelände einbiegt und sich in einer Gleisharfe aufgliedert.

Zwischen Bahnstrecke und Werksgelände verlief ein 1929 errichtetes und ursprünglich 1,3 Kilometer langes Probegleis, auf dem Elloks nach der Instandhaltung getestet wurden. Mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Möglichkeit der Einspeisung von unterschiedlichen Spannungen geschaffen. Heute ist das Gleis weitgehend abgebaut, eine Informationstafel erinnert an dessen Geschichte.

Geschichte

Anfang des 20. Jahrhunderts rückte neben der Dampflokomotive eine neue Traktionsvariante in das Blickfeld der Eisenbahntechnik – die elektrische Traktion. Der preußische Staat entschied sich zur Erprobung dieser Technologie für zwei Eisenbahnstrecken – eine Gebirgs- und eine Flachlandstrecke. Die Wahl fiel einmal auf die Strecke Lauban – Königszelt und einige abzweigende Nebenstrecken – eine Eisenbahnstrecke im niederschlesischen Bergland (Lauban-Marklissa) und auf die Strecke von Dessau nach Bitterfeld. Für die Instandhaltung der elektrischen Fahrzeuge benötigte man Erhaltungskapazitäten. Zunächst wurde im Ausbesserungswerk Halle (Saale) eine elektrotechnische Abteilung eingerichtet. Mit dem Wiederaufbau der elektrischen Zugförderung nach dem Ersten Weltkrieg und ihrer vorgesehenen Ausweitung zeigte sich jedoch, dass kein vorhandenes Ausbesserungswerk im mitteldeutschen Gebiet Kapazitäten für die zusätzliche Erhaltung von Elektrolokomotiven hatte. Deshalb wurde ein neues Werk geplant. Die Instandsetzung aller mitteldeutschen und niederschlesischen elektrischen Triebfahrzeuge erfolgt bis 1929 im Ausbesserungswerk Lauban.

Bau

mini|Werkhalle 1 mini|Schiebebühne und Arbeitsgrube 1922 waren die Planungen abgeschlossen und die Entscheidung auf die Stadt Dessau gefallen, da die Stadt am elektrifizierten Streckennetz in Mitteldeutschland lag und die Grundstückspreise in der Stadt niedrig waren. Projektiert wurde das Reichsbahnausbesserungswerk von Wilhelm Sorger, Regierungsbaurat der Reichsbahndirektion Halle. Es sollte ein Werk nach den modernsten Anforderungen entstehen, dazu zählten unter anderem: die spätere Erweiterbarkeit des Werkes, möglichst kurze Förderwege und die Anordnung der Werkstätten nach dem technologischen Fluss. Im März des nächsten Jahres begannen dann die Bauarbeiten im Auftrag der Stadt, aber auf Rechnung der Reichsbahn. Als erstes entstand der Haltepunkt Dessau Süd. Gleichzeitig wurde der Bahnhof Haideburg für den Reiseverkehr geschlossen. Zwischen 1924 und 1925 entstanden unter anderem die Schiebebühnengrube, die Achssenke und das Kellergeschoss für das Kesselhaus. Auch die Fundamente für die Stahlkonstruktion wurden fertiggestellt. In der nächsten Zeit wuchs die Werkhalle 1 in die Höhe. Die Werkhalle 1 ist in sieben Längs- und zwei Querhallenschiffe untergliedert, hat eine Grundfläche von 30.385 m² und ist 19 Meter hoch. Die Hallenhöhe ermöglichte die Anordnung von mehreren Kranbahnen übereinander und das Heben von Lokkästen über andere Lokomotiven hinweg. Mit den Lokhebekränen war es möglich, Einzellasten bis zu 160 Tonnen anzuheben. Die Länge der Arbeitsstände für Lokomotiven betrug 26 m. Im Hallenschiff V fährt eine Schiebebühne und ermöglicht den Wechsel zwischen den nördlich und südlich der Schiebebühne gelegenen Lokständen. Unter der Schiebebühne befindet sich eine Grube, die in vier gleich große Räume unterteilt ist und bis heute als Lager genutzt wird. Der gesamte Bau samt maschineller Ausrüstung kostete 30 Millionen Reichsmark. S. 4ff

Inbetriebnahme

Am 2. Dezember 1929 wurde nach etwa sechs Jahren Bauzeit das Ausbesserungswerk in Betrieb genommen. Das Werk war damals eine Betriebsabteilung des Reichsbahnausbesserungswerkes (Raw) Halle und besaß eine Belegschaft von 180 Personen. Die erste auszubessernde Lokomotive war die am 20. November 1929 im Bahnhof Dessau verunfallte E 50 50. Die Deutsche Reichsbahn teilte dem Werk zuerst die Lokomotivbaureihen E 01, E 06, E 30, E 71 sowie die E 77 zu. Zudem erfolgten auch die Hauptuntersuchungen der elektrischen Lokomotiven des niederschlesischen Netzes. Anfang der 1930er Jahre folgten Kleinlokomotiven (bis 100 PS), Verbrennungsmotortriebwagen, Omnibusse und deren Anhänger sowie andere Personenkraftwagen. S. 6

Selbstständigkeit

miniatur|Wandrelief am Verwaltungsgebäude 1 mit dem Schriftzug Reichsbahnausbesserungswerk

Am 1. August 1933 wurde das Werk nach einem Beschluss der Deutschen Reichsbahn ein eigenständiges Reichsbahnausbesserungswerk. Die Anzahl der Mitarbeiter war auf über 400 gestiegen. Im Herbst des gleichen Jahres musste das Werk mehr als die Hälfte seiner Hallenflächen für einen Pachtzins in Höhe von 100.000 Reichsmark an die Junkerswerke vermieten. Die anfallenden Instandhaltungsarbeiten mussten nun auf einer deutlich geringeren Grundfläche erledigt werden, das wiederum führte bei der Verwaltung dazu, dass man dem Werk 1,5 Millionen Reichsmark zur Erweiterung des Werkes bewilligte. Man nutzte diese Gelder zum Bau zweier Verwaltungsgebäude, einer Kantine und einer Werkhalle für Triebwagen (heute Halle 2). Bis 1936 folgten ein Verbrennungsmotorprüfstand, Prüffeld für Triebwagen sowie eine Außenschiebebühne. S. 7

Zweiter Weltkrieg

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 veränderte an den prinzipiellen Aufgaben des Werkes nichts, da die elektrische Zugbeförderung im Krieg keinen höheren Stellenwert im Vergleich zu den Vorkriegsjahren besaß. Den ersten Bombenangriff, der vermeintlich dem Werk galt, gab es am 16.Januar 1945. Drei Sprengbomben trafen beim Angriff das Werk, weitere 27 fielen in 50 bis 200 Metern Entfernung. Die schwersten Zerstörungen erfuhr das Werk jedoch beim Bombardement auf die Stadt Dessau am 7.März 1945. Die Stadt wurde dabei zu großen Teilen zerstört und das Werk war zu 60 Prozent schwer beschädigt. Das Kriegsende erlebte das Ausbesserungswerk nach achttägiger Belagerung am 21.April 1945 – amerikanische Truppen besetzten die Stadt und auch das Raw Dessau. Die Amerikaner fanden die Halle 1 nach Bombardement, Belagerung und Brand stark beschädigt vor. Die Oberlichter, Fenster und die Büros am Ostgiebel waren zerstört. Die Halle 2 und die Kantine waren völlig ausgebrannt. Bereits durch die Kriegshandlungen waren zahlreiche technische Unterlagen, Maschinen und Messmittel verbrannt oder zerstört. Die kritische Lage wurde mit dem Abtransport erhaltener technischer Unterlagen durch die amerikanischen Besatzer noch verstärkt. Erst in den Anfangsjahren der DDR, 1954, konnte die Deutsche Reichsbahn die Unterlagen zurückkaufen. Am 9.Juli 1945 fand der verabredete Gebietsaustausch zwischen den Siegermächten statt. Die anhaltischen Gebiete kamen zur sowjetischen Besatzungszone unter deren Militäradministratur. S. 8f

Am 31.August 1945 befahl die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (kurz: SMAD) dem Präsidenten der Zentralverwaltung des Verkehrswesens, die Reparatur von Lokomotiven und Wagen zu organisieren. Allein in der sowjetisch besetzten Zone gab es knapp 5000 Lokomotiven und 33.000 Wagen. Dies war der Startschuss für die Wiederaufnahme des Betriebes im Ausbesserungswerk. Im Werk arbeiteten im Oktober 1945 bereits wieder 845 Mitarbeiter, aber die Zahl der Mitarbeiter war immer noch niedriger als während des Krieges. So arbeiteten beispielsweise im Januar 1945 1066 Personen im gesamten Werk. Die Wiederaufnahme des Betriebes war auf Grund fehlender oder nicht zuordenbarer Ersatzteile, fehlender Zeichnungsunterlagen und beschädigtem Maschinenpark sehr schwierig. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass einige Mitarbeiter des Technischen Büros während der letzten Kriegstage Zeichnungen versteckt oder Skizzen angefertigt hatten. S. 9

Die ersten Ausbesserungsarbeiten fanden an Verbrennungstriebwagen, Steuer- und Beiwagen sowie Güter- und Kleinbahnwagen statt. Später folgten auch Dampfkessel und Schlepptender, sogar zwei Dampflokomotiven (381713 und 2958) wurden aufgearbeitet bzw. ausgebessert.S. 10f.

Demontage

Nach dem Potsdamer Abkommen, das besagte, dass alle Kriegsbetriebe zu demontieren seien, fiel auch das Ausbesserungswerk Dessau unter diese Bestimmung, da dort auch Teile für die damals dem Luftfahrtministerium und somit quasi der Wehrmacht unterstellten Junkers Flugzeug- und Motorenwerke gefertigt wurden. 1946 begann die Demontage im Werk mit dem Abbau der Einrichtungen für die elektrische Zugförderung. Die im Werk eingerichtete Demontageaufsicht ließ 85 Prozent der Ausrüstung abbauen und in die Sowjetunion versenden. Darunter fielen unter anderem Lokhebekräne, Radsatzdrehmaschinen und Stromerzeugungsanlagen. Zu guter Letzt wurden auch die verbliebenen elektrischen Lokomotiven gesammelt, zu Lokzügen zusammengestellt und ebenfalls abtransportiert. Die Demontage endete nach neun Monaten am 31.Dezember.

Neubeginn und DDR-Zeit

miniatur|Eine E 44 auf dem Werksgelände

Erst Ende 1952 konnte mit der Rückführung der beschlagnahmten Lokomotiven, Anlagen und Ersatzteile aus der Sowjetunion die elektrische Zugförderung wieder aufgenommen werden. Das Werk war nun ein Werk im Instandhaltungskonzept der Deutschen Reichsbahn. Auch wurden die Werkhalle 2, die Verwaltungsgebäude und der Speisesaal wieder aufgebaut, weil man in das Werk wieder Arbeiten für die Flugzeugindustrie einlagern wollte. Die Episode Flugzeugbau war nach dem 17. Juni 1953 beendet. Das Raw Dessau erhielt den Auftrag, die zurückgeführten Ellok aufzuarbeiten. Der Zustand der Maschinen war schlecht, die neueren der Reihen E 44 und E 94 waren für den Versuchsbetrieb bei Perm auf russische Breitspur und SA3-Mittelpufferkupplungen umgebaut worden, obwohl sie für beide Änderungen konstruktiv nicht ausgelegt waren. Die Drehgestelle mussten daher mit hohem Aufwand in den Lieferzustand gebracht werden. Die übrigen Lokomotiven, darunter sämtliche mit Stangenantrieb, waren seit ihrer Abgabe 1946 unkonserviert und ungeschützt im Freien abgestellt. Außerdem waren die etwa 5000 Zeichnungen, die die Luftangriffe überstanden hatten, ebenfalls mit abgeliefert und nicht zurückgeführt worden. Wiederaufgebaut wurden neben 46 E 44 und 23 E 94 zwölf E 04, zwei E 17, drei E 18, zwei E 21, zehn E 77, drei E 95 sowie das Einzelstück E 05 103. Es wurden auch Treib- und Kuppelstangen für Dampf- und teilweise auch Elektrolokomotiven gefertigt. Die ausgebesserten Elektrolokomotiven mussten wegen der fehlenden Fahrleitung zur Probefahrt bis in den März 1958 nach Köthen überführt werden. Auf der Bahnstrecke Köthen–Halle stand die Fahrleitung schon seit 1955 wieder unter Spannung, die Strecke Dessau–Bitterfeld folgte erst am 17. März 1958. Bereits am 26. Juli 1957 konnte dank der weiter ausgebauten Infrastruktur innerhalb des Werkes die 50. instandgesetzte Ellok dem Betrieb übergeben werden.S. 11ff.

miniatur|Die 218 031 vor der Werkhalle 1