mini|hochkant=1.4|Newstead Abbey, Westfassade mini|hochkant=1.4|Schematischer Lageplan von Newstead Abbey
Newstead Abbey ist ein Herrensitz im englischen Nottinghamshire. Er liegt rund sieben Kilometer südlich von Mansfield und etwas über zwei Kilometer nordöstlich des Ortes Newstead im Herzen des ehemaligen Sherwood Forest. Anders als der Name es vermuten lässt, war Newstead niemals eine Abtei, sondern nur ein Priorat der Augustiner-Chorherren. Trotzdem wird die Anlage schon seit dem 15. Jahrhundert so genannt. Sie gelangte nach ihrer Auflösung im 16. Jahrhundert in den Besitz der Adelsfamilie Byron, die das Kloster zu einem Landsitz () umgestaltete. Bekannt wurde das Anwesen durch den englischen Dichter Lord Byron, der das bis dahin kaum veränderte Landschloss 1798 erbte. Über Thomas Wildman, einen alten Schulfreund Byrons, gelangte der Besitz an die Familie Webb. Sowohl die Wildmans als auch die Webbs nahmen zahlreiche Umbauten und Veränderungen an den Gebäuden und den Schlossgärten vor und gaben ihnen ihr heutiges Aussehen: eine geschlossene Vierflügelanlage im viktorianischen Stil, deren Trakte einen Innenhof umgeben und an den beiden südlichen Ecken Erweiterungsbauten aus dem 19. Jahrhundert besitzen. Östlich und südlich davon erstrecken sich auf 10 Hektar Gesamtfläche insgesamt elf verschiedene Gärten, die zum großen Teil von der Familie Webb im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt oder neu gestaltet worden sind.
1925 erwarb Sir Julian Cahn Newstead Abbey und schenkte es 1931 der Stadt Nottingham. Diese ließ umfangreiche Restaurierungen vornehmen und betreibt im Schloss heute ein Museum mit Erinnerungsstücken zum Schriftsteller und Exponaten im Zusammenhang mit den Besitzerfamilien sowie der Geschichte des Hauses. Das Anwesen steht in seiner Gesamtheit als Grade-II*-Listed-Building seit dem 1. Januar 1986 unter Denkmalschutz. Das vierflügelige Herrenhaus ist – wie viele andere Bauten des Anwesens auch – seit dem 14. Mai 1952 noch einmal separat als Grade-I-Einzeldenkmal in der Denkmalliste aufgeführt.
Geschichte Klosterzeit
Der englische König Heinrich II. gründete am Ort des heutigen Schlosses zwischen 1163 und 1173 das Priorat St. Mary of Newstead. Seine Gebäude wurden im späten 13. Jahrhundert umgebaut und erweitert. So wurde unter anderem die Klosterkirche vergrößert und der Ostflügel samt Kapitelhaus sowie der Südflügel der Anlage vollständig neu errichtet. Während des 15. Jahrhunderts erfuhr der Komplex eine erneute Erweiterung, bei der ein Dormitorium, der Große Saal und eine Unterkunft für den Prior hinzukamen. Außerdem wurde der Kreuzgang vollständig neu aufgebaut. Als im Zuge der Englischen Reformation zahlreiche katholische Klöster in England aufgelöst wurden, blieb das Priorat in Newstead zunächst davon verschont, obwohl sein Jahreseinkommen unter 200 Pfund lag und somit eigentlich eine Zwangsauflösung für die Institution vorgesehen war. Als John Blake das Priorat leitete, wurde es am 21. Juli 1539 schließlich doch aufgelöst, und der Klosterbesitz fiel an die englische Krone.
Familie Byron
mini|Ostansicht des Herrenhauses auf einem Gemälde von 1758
Heinrich VIII. verkaufte Haus, Kirche, Kirchturm und Kirchhof von St. Mary mit 750 Acres Land am 28. Mai 1540 für 810 Pfund an Sir John Byron of Colwick, den Lieutenant von Sherwood Forest. Seine Familie blieb fast 280 Jahre lang Eigentümerin. Im Gegensatz zu vielen anderen, die ehemaligen Kirchenbesitz von der Krone kauften, ließ John Byron das Kloster aber nicht abreißen, sondern baute es zu einem Landsitz seiner Familie um. Lediglich die Kirche, die den nördlichen Teil der Anlage ausmachte, ließ er – mit Ausnahme der Westfassade aus dem 13. Jahrhundert – niederlegen. Das ehemalige Dormitorium wurde zu Schlafzimmern umgebaut, und das Refektorium diente in veränderter Form als Esszimmer sowie als großer Salon. Auch der umgebaute Große Saal wurde zu Wohnzwecken genutzt, während das ehemalige Kapitelhaus eine Umnutzung zur Familienkapelle erfuhr. Byrons Enkel, der fünfte Sir mit Namen John, wurde 1643 von König Karl I. von England zum Baron erhoben. Weil er kinderlos starb, gelangte der Besitz über seinen Bruder Richard und dessen Sohn William 1695 an den vierten Baron Byron, der ebenfalls den Namen William trug. Er legte im frühen 18. Jahrhundert Gärten, Teiche und Seen im weitläufigen Schlosspark an. Außerdem initiierte er Ende des 17. oder Anfang des 18. Jahrhunderts an der südöstlichen Ecke des bisherigen Gebäudes einen Anbau im Stil der Neorenaissance, nachdem bereits seine Vorgänger im 16. und 17. Jahrhundert diverse kleinere Änderungen an der Nord- und Ostfassade hatten vornehmen lassen. William Byron wurde 1736 von seinem gleichnamigen Sohn beerbt, als dieser erst 14 Jahre alt war. Wie viele Adelige seiner Zeit unternahm der Erbe eine Grand Tour und brachte von seiner Reise italienische Handwerker mit, die für ihn das heutige Musikzimmer einrichteten. Auch ließ der fünfte Lord den genannten See im Schlosspark in den späten 1740er Jahren stark vergrößern und an dessen Westseite zwei Follys in Form von Schein-Forts errichten. Sie dienten als Staffage für inszenierte Seegefechte, die der fünfte Baron Byron mit Miniaturkriegsschiffen auf dem See zur Unterhaltung seiner Gäste veranstaltete. Um 1770 ließ er die am Ostufer des Sees gelegenen Ställe zu einem dritten Fort umbauen. Allerdings ließ er den Besitz am Ende seines Lebens immer mehr verkommen. Zur Tilgung seiner hohen Schulden mussten zahlreiche Bäume auf dem Landbesitz gefällt und das Holz sowie das Damwild aus den Wäldern verkauft werden. Bei seinem Tod 1798 war das Anwesen ruiniert. Sein Sohn war 1776 – ebenso wie sein Enkel 1794 – vor ihm verstorben, und so wurde Williams Großneffe George Gordon Byron, der später als Dichter unter dem Namen „Lord Byron“ bekannt wurde, sein Nachfolger.
mini|hochkant|Lord Byron ließ zwar Instandsetzungen vornehmen, hielt sich aber nie lang in Newstead Abbey auf; Porträt von 1873.
Der erst 10-jährige sechste Lord Byron erbte einen hoch verschuldeten Besitz, der zudem stark heruntergekommen war. Das jährliche Einkommen des Anwesens lag unter 800 Pfund, und es waren zahlreiche Reparaturen an den Gebäuden nötig. Seine Eindrücke des Erbes schrieb der Dichter 1806 in seiner Elegie auf die Abtei Newstead () nieder. Lord Byrons Mutter entschied, mit ihrem Sohn nicht in Newstead zu wohnen, sondern bezog eine Wohnung in Nottingham. Ab Januar 1803 wurde die Anlage bis zur Volljährigkeit des Dichters 1808 an Henry Edward Yelverton, 19. Baron Grey de Ruthyn, verpachtet. Danach ließ Lord Byron Renovierungen und Instandsetzungen an einigen Räumen vornehmen. Für ihn wurden Zimmer in der Nordwest-Ecke des Hauses hergerichtet, während überarbeitete Räume in der Südost-Ecke für Gäste vorgesehen waren. Allerdings waren die Arbeiten mehr kosmetischer denn substanzieller Art, sodass Feuchtigkeit schon wenige Jahre später alle Bemühungen Lord Byrons wieder zunichtegemacht hatte. Der Dichter nutzte Newstead Abbey auch nie als dauerhaften Wohnsitz, sondern hielt sich immer nur zeitweilig dort auf. Trotzdem hatte dieser Besitz große Bedeutung für ihn und sein Werk, was daran deutlich wird, dass sich zahlreiche Gedichte Lord Byrons mit dem Schloss und seiner Umgebung befassen oder Anleihen daran in ihnen zu finden sind. Im Herbst des Jahres 1814 fand sein letzter Besuch statt. Wegen seiner immensen Schulden hatte er zuvor versucht, das Anwesen zu verkaufen. Eine Versteigerung am 14. August 1812 war aber ohne Ergebnis geblieben. Als sich anschließend mit Thomas Claughton doch ein Käufer gefunden hatte, der bereit war, 140.000 Pfund für den Besitz zu zahlen, platzte das Geschäft, weil Claughton nur einen Teil des vereinbarten Abschlags zahlte. Ende Juli 1815 startete ein neuer Versuch, das Anwesen zu versteigern, doch wieder erfolglos. Im Dezember 1817 erhielt Lord Byron dann ein Angebot von einem alten Schulfreund: Major (später Colonel) Thomas Wildman, dessen Vermögen von Zuckerrohrplantagen auf Jamaika stammte, bot ihm 94.500 Pfund für Newstead Abbey. Byron, der sich zu jener Zeit in Venedig aufhielt, unterschrieb den Kaufvertrag im November des darauffolgenden Jahres.
Thomas Wildman
Wildman investierte weitere 100.000 Pfund in das Anwesen, um es in der Zeit von 1818 bis etwa 1829 instand zu setzen und umbauen zu lassen. Er gab dem Herrenhaus im Wesentlichen sein heutiges Aussehen. Die Entwürfe für die weitgehende architektonische Umgestaltung lieferte der Londoner Architekt John Shaw, der zuvor für den Wiederaufbau der Kirche St Dunstan-in-the-West verantwortlich zeichnete. Die Süd- und Westfassade erhielten eine grundlegend andere Gestaltung. Im Westen verlegte Shaw den bisher mit Treppenanlage ausgestatteten Eingang im ersten Geschoss hinunter ins Parterre. Das nicht mehr benötigte Portal aus dem 16. Jahrhundert versetzte er an die Ostseite. Als Erweiterungen kamen an der südwestlichen Ecke des Hauses nach Shaws Vorschlägen der sogenannte Sussex-Turm, ein wuchtiger Vierecksturm im neonormannischen Stil, und ein Küchenbau hinzu. Im Inneren ließ Wildman den Großen Saal sehr frei im Stil der Neugotik instand setzen, und auch die Schlafzimmer im Ostflügel wurden restauriert. Gleichzeitig mit dem Gebäude ließ Thomas Wildman auch den Garten verändern. Aus seiner Zeit als Schlosseigentümer stammen der Mönchsgarten, der Amerikanische Garten, der Küchengarten und der Garden Lake genannte See südlich des Herrenhauses. Die Arbeiten waren 1829 größtenteils beendet.
Familie Webb
mini|Newstead Abbey auf einem kolorierten Stich von 1880
Nach Wildmans Tod im Jahr 1859 veräußerte seine Witwe Newstead Abbey zwei Jahre später an William Frederick Webb, der gut befreundet war mit dem Afrikaforscher David Livingstone. Dieser besuchte Webb in seinem neuen Domizil und wohnte während jener Zeit in einem Zimmer im Sussex-Turm, das heute nach ihm benannt ist. Dort schrieb Livingstone sein Buch The Zambezi and Its Tributaries (). Webb modernisierte das Herrenhaus, indem er fließend Wasser und Strom installieren ließ. Zudem wurde unter ihm die Kapelle im Ostflügel von Charles Alban Buckler neu gestaltet. Auch ließ er die Inneneinrichtung und das Mobiliar einiger Räume verändern. So stammen die heute in Newstead Abbey zu sehenden Möbel mehrheitlich aus der Zeit der Familie Webb. Am nachhaltigsten hinterließen die Webbs aber ihre Spuren in den Gärten Newsteads. Die meisten von ihnen wurden im Verlauf von mehr als 40 Jahren von William Fredericks Frau Emilia Jane und seinen Töchtern angelegt. Dazu zählen der Farngarten (1864 bis 1865), die lange Staudenrabatte am Nordrand des Gartenareals (um 1870), Venetias Garten (ca. 1874), der Spanische Garten (1896), der (1898), der Japanische Garten (1899) und der Subtropische Garten (Anfang des 20. Jahrhunderts). Der bereits bestehende Amerikanische Garten wurde 1874 zu einem Rhododendrongarten umgestaltet, und der Französische Garten erhielt unter den Webbs 1916 eine einfachere Gestaltung. An Neubauten kamen unter anderem 1862–1863 ein neuer Stallkomplex und ebenfalls in den 1860er Jahren die drei Lodges an den Eingangstoren Newstead Abbeys sowie ein Gärtnerhaus im Küchengarten hinzu.
Nach Frederick Williams Tod ging das Anwesen nacheinander an seine vier Kinder; zuerst an Geraldine, dann an Ethel und nachfolgend an Roderick, ehe seine älteste Tochter Augusta, verheiratete Fraser, den Besitz 1916 erbte. Sie wohnte jedoch nicht selbst auf Newstead, sondern vermietete es an Sir Arthur Markham und seine Frau Lucy, geborene Cunningham, die auch nach Markhams plötzlichem Tod weiter in Newstead Abbey blieb.
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