mini|Eine von vielen Fantasiedarstellungen der „Bestie“: Dieser 1765 entstandene deutsche Druck zeigt, dass die Angriffe des Raubtiers, das im Bildtext „Hyäne“ oder „Vielfraß“ genannt wird, auch außerhalb Frankreichs Aufsehen erregten. Dargestellt sind Phasen des Angriffs auf eine Gruppe von sieben jungen Hirten unweit des Dorfes Villeret am 12. Januar 1765. mini|Lage des heutigen Départements Lozère mini|Skulptur der „Bête du Gévaudan“ bei Saugues

Bestie des Gévaudan () ist die Bezeichnung für ein Raubtier, dessen Angriffen in den Jahren 1764 bis 1767 im Gévaudan (Südfrankreich) und in angrenzenden Gebieten etwa 100 Kinder, Jugendliche und Frauen zum Opfer fielen. Das Gévaudan war eine dünn besiedelte historische Provinz im Zentralmassiv; seine Grenzen entsprachen weitgehend denen des heutigen Départements Lozère. Einige Historiker gehen davon aus, dass mehrere Tiere an den Angriffen beteiligt waren.

Die historischen Ereignisse mini|Akteneintrag zum ersten Überfall: „L’an 1764 et le 1 Juillet, a été enterrée, Jeane BOULET, sans sacremens, ayant été tuée par la bette féroce, présans Joseph RIEU et Jean REBOUL.“ In den Überlieferungen der Ereignisse mischen sich nachweisbare Tatsachen mit Mythen. Als Quellen existieren folgende zeitgenössische Dokumente:

die Kirchenbücher aller betroffenen Pfarreien, in denen die Namen von Opfern verzeichnet sind der Briefverkehr zwischen den Polizeiverantwortlichen der Auvergne in Clermont und des Languedoc in Montpellier mit ihren örtlichen Vertretern im Gévaudan zahlreiche Berichte über die vom König befohlenen Treibjagden zeitgenössische Zeitungsartikel und Zeichnungen

Die Opfer

mini|Darstellung mehrerer Attacken der Bestie vom Gévaudan. mini|In Auvers erinnert eine moderne Plastik an den Angriff auf die 19-jährige Marie-Jeanne Vallet, die sich auf einer Flussinsel mit einer Lanze verteidigte. Das durch die Metallklinge verletzte Raubtier ließ von seinem Opfer ab und rollte sich im Wasser.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 379. Die Zahl der bekannten Todesfälle variiert je nach Quelle von 78 bis 99, die der Verletzten von 50 bis 80.Jean-Marc Moriceau: La bête du Gévaudan. L’histoire comme un roman. Paris 2009. Pos. 3957. Das jüngste Opfer war drei Jahre alt, das älteste wahrscheinlich 68 Jahre.François Fabre: La bête du Gévaudan. Edition complétée par Jean Richard. Clermont-Ferrand 2002, Anhang: Tableau des victimes de la Bête. Etwa jedes vierte Todesopfer war älter als 16 Jahre; in dieser Altersgruppe wurden ausschließlich Frauen getötet.Jean-Marc Moriceau: La bête du Gévaudan. L’histoire comme un roman. Paris 2009. Anhang: Liste des victimes tuées de 1764 à 1767. Doch attackierte die Bestie in einigen Fällen auch Männer. Im Bergland der Margeride stürzte sie sich auf einen Mann, der mit zwei weiteren Männern Maultiere führte; der angegriffene Mann hatte sich zuvor der von ihm entdeckten Bestie bis auf etwa 20 Schritt genähert und dann eine Schrotladung auf sie abgefeuert.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 411. Im Vergleich zu Statistiken über das Lebensalter der Opfer von WolfsangriffenJohn D. C. Linnell et al.: The Fear of Wolves: A Review of Wolf Attacks on Humans. Norsk Institutt for Naturforskning (NINA). Trondheim 2002. S. 38. attackierte die Bestie prozentual gesehen mehr als sechs Mal so häufig Erwachsene; Kinder unter zehn Jahren machten im Vergleich zu den Wolfsdaten nur ein Drittel aus.Karl-Hans Taake: Biology of the ‘Beast of Gévaudan’: Morphology, Habitat Use, and Hunting Behaviour of an 18th Century Man-Eating Carnivore. ResearchGate 2020. S. 7. doi:10.13140/RG.2.2.17380.40328

Der erste behördlich registrierte Angriff fand am 30. Juni 1764 statt: Die Leiche der 14-jährigen Hirtin Jeanne Boulet aus der Pfarrei Saint-Étienne-de-Lugdarès im Haut-Vivarais, jenseits der Grenze des Gévaudan, wurde am folgenden Tag zerfleischt aufgefunden. Sehr wahrscheinlich lässt sich jedoch bereits ein nicht genau zu datierender Angriff auf eine Hirtin im Frühjahr 1764 in Saint-Flour-de-Mercoire, im Osten des Gévaudan, der Bestie zuordnen.Pierre Pourcher: The Beast of Gevaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2007. S. 9; Giovanni Todaro: The Maneater of Gévaudan. When the Serial Killer Is an Animal. Raleigh 2013. Pos. 164.

Die meisten Opfer wurden auf Viehweiden oder Feldern überfallen, andere vor ihren Häusern, in Gärten, auf Straßen, in einer Schlucht, auf einer Flussinsel oder im bewaldeten Land. Manche Angriffe der Bestie ereigneten sich in schneller Folge im selben Gebiet. Andererseits wechselte die Bestie ihre Angriffsorte häufig über Distanzen von mehreren Kilometern beziehungsweise verlagerte ihre Aktivität in ein neues Angriffsgebiet.Jean-Marc Moriceau: La bête du Gévaudan. L’histoire comme un roman. Paris 2009. Pos. 774. Die Angriffe ereigneten sich bei Tageslicht beziehungsweise in der Dämmerung zu praktisch allen Tageszeiten und nur ausnahmsweise nachts. Die Spuren der Bestie und ihre Rufe zeigten jedoch, dass sie sich auch nachts Dörfern und Weilern näherte, allerdings hielten sich Menschen in der Dunkelheit selten im Freiland auf.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 136. Viele Opfer wurden verschleppt, einige lebend. Manche der Angegriffenen erlitten neben Bisswunden Verletzungen durch Krallen.Jean-Marc Moriceau: La bête du Gévaudan. L’histoire comme un roman. Paris 2009. Pos. 314. 15 Opfer wurden enthauptet, einige Köpfe wurden verschleppt.François Fabre: La bête du Gévaudan. Edition complétée par Jean Richard. Clermont-Ferrand 2002, Anhang: Tableau des victimes de la Bête. In einigen Fällen verschleppte die Bestie nicht den abgetrennten Kopf, sondern den enthaupteten Körper.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 81, 464.

Etlichen Angegriffenen gelang es, verletzt oder unverletzt zu entkommen. Häufig eilten Helfer herbei, oft bewaffnet mit Lanzen oder landwirtschaftlichem Gerät, und vertrieben die Bestie. In manchen Fällen verteidigten Kinder oder Jugendliche, stets unter Einsatz ihres Lebens, angegriffene Geschwister oder Kameraden. Berühmt wurde der zwölfjährige Jacques André Portefaix, der am 12. Januar 1765 gemeinsam mit sechs weiteren Kindern im Bergland der Margeride attackiert wurde. Die Bestie griff aus dieser Gruppe kleiner Hirten, die Lanzen mit Metallklingen trugen, den achtjährigen Jean Veyrier an und verschleppte ihn in ein Sumpfgebiet. Jacques setzte sich gegenüber seinen Kameraden mit seiner Aufforderung durch, Jean nicht im Stich zu lassen, und er nahm als erster die Verfolgung der Bestie auf. Die Bestie war im Sumpf in ihrer Bewegungsfreiheit beeinträchtigt, sie hielt Jean mit einer Pranke fest. Während die Kinder mit ihren Lanzen auf die Bestie einstachen, konnte Jean mit einer Armverletzung entkommen.Pierre Pourcher: The Beast of Gevaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2007. S. 71ff; Jay M. Smith: Monsters of the Gévaudan. The Making of a Beast. Cambridge 2011. S. 161ff. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt das Ereignis wie folgt:

Wegen der heldenhaften Verteidigung ihrer Kinder bei einem Angriff am 13. März 1765 im Hügelland der Gemeinde Saint-Alban wurde die etwa 35-jährige Jeanne Jouve in ganz Frankreich geehrt. Jeanne kämpfte in ihrem Garten gegen die Bestie, die abwechselnd ihren sechsjährigen Sohn und ihre zehnjährige Tochter mit den Zähnen gepackt hielt. Es gelang Jeanne immer wieder, der Bestie die Kinder zu entreißen. Jeanne versuchte, die Bestie an der Flucht mit ihrem Sohn zu hindern, unter anderem, indem sie wiederholt auf den Rücken der Bestie sprang, jedoch immer wieder abgeschüttelt wurde. Schließlich entkam die Bestie mit dem Sechsjährigen über eine Mauer. Jeannes 13-jähriger Sohn wurde auf das Drama aufmerksam und verfolgte die Bestie mit dem Hütehund der Familie. Als der Hund die Bestie attackierte, ließ sie das schwerstverletzte Kind los; es starb sechs Tage später. Sowohl Jacques Portefaix und seine Kameraden als auch Jeanne Jouve wurden von König Ludwig XV. für ihre Tapferkeit ausgezeichnet und erhielten eine Geldprämie.Pierre Pourcher: The Beast of Gevaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2007. S. 71ff; Jay M. Smith: Monsters of the Gévaudan. The Making of a Beast. Cambridge 2011. S. 167f.

Die Bestie mini|Dieses Bild zeigt wahrscheinlich den tödlichen Angriff auf Marianne Hébrad am 6. August 1764 in Saint-Jean-la-Fouillouse; Marianne wurde „am helllichten Tag am Dorfeingang“ attackiert.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 20. In der Bildunterschrift heißt es unter anderem, an der „Gestalt des wilden Tieres“ sei nicht zu zweifeln. Abbé Petit habe diesen Angriff so wie abgebildet „aus einer Distanz von zwei Gewehrschüssen“ gesehen. mini|Die vorwiegend mit Strauch- und Grasvegetation bestandenen, von Felsen durchsetzten Hochebenen des Aubrac waren eine der Regionen im französischen Zentralmassiv, in denen die Bestie Menschen attackierte. Über Größe, Aussehen und Verhalten der Bestie ist eine Fülle von Details überliefert. Die Größe des Tieres wurde oft mit der eines einjährigen Rindes verglichen; ein Trittsiegel war 16 Zentimeter lang.François Fabre: La bête du Gévaudan. Edition complétée par Jean Richard. Clermont-Ferrand 2002. S. 142. Der Körper der Bestie war vorn massiger als hinten, ihre Kopfoberseite war flach. Das Tier hatte oberseits rötliches, unterseits weißliches Fell, an den Flanken Flecken und entlang der Wirbelsäule einen dunklen Streifen. Das Fell am Vorderkörper war lang, die Bestie trug an Hinterkopf und Nacken einen Haarschopf, das Schwanzende war auffallend dick.Pierre Pourcher: The Beast of Gevaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2007. S. 23, S. 44, S. 262ff; Jean-Marc Moriceau: La bête du Gévaudan. L’histoire comme un roman. Paris 2009. Pos. 2958.

Die enorme Kraft der Bestie ist unter anderem dadurch belegt, dass sie auch erwachsene Menschen verschleppte; außerdem wurde anhand von Trittsiegeln ein Sprung von neun Meter Weite rekonstruiert.Pierre Pourcher: The Beast of Gevaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2007. S. 258. Die Bestie jagte in einer Region, deren wasserundurchlässiger Untergrund durch Gesteine vulkanischen Ursprungs geprägt ist. Auf dieser geologischen Basis entwickelte sich im Gévaudan eine vielfältige Landschaft mit einem Mosaik aus Hügeln, Vulkankegeln, Grasland, Wäldern, Gewässern, Sümpfen und Felsformationen, die der Bestie vielerorts Deckung bot und ihre Verfolgung erschwerte. David Bressan: How An Ancient Volcano Helped A Man-Eating Wolf Terrorize 18th Century France. Forbes, 28. Juni 2017. Abgerufen am 3. Juli 2017. Die Bestie hielt sich dort vorrangig in offener Landschaft auf. Sie durchstreifte Wiesen, Gehölze, Moore und Heidegebiete; als ihr bevorzugter Aufenthaltsort galten Weizenfelder.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 25, 51, 295, 399, 444, 477. Pierre Pourcher: The Beast of Gévaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2006. S. 363. Die Bestie versteckte sich zwischen Ginster und Wacholder, hinter Feldsteinmauern sowie unter oder zwischen Felsen.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 146, 222, 478. Pierre Pourcher: The Beast of Gévaudan. La Bête du Gévaudan. Bloomington 2006. S. 19. Felsen und andere Erhebungen nutzte sie auch, um von dort das Geschehen in Tälern, auf Viehweiden und in Siedlungen zu beobachten. Flussufer nutzte sie als Leitlinien bei Streifzügen, Flüsse durchquerte sie schwimmend.Alain Bonet: La Bête du Gévaudan. Chronologie et documentation raisonnées. 2008–2011. S. 102, 291, 379, 478. Berühmt wurde ihre Flucht durch die Truyère, mit der sie einem gigantischen Aufgebot von Duhamel dirigierter Jäger entkam.