Die Orgel von St. Peter und Paul in Cappel (Niedersachsen) wurde 1680 von Arp Schnitger für die Hamburger St. Johannis-Klosterkirche gebaut und befindet sich seit 1816 in Cappel. Sie gilt als die vollständigste und klanglich besterhaltene historische Orgel aus dem späten 17. Jahrhundert in Norddeutschland.Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 168. Das Werk verfügt über zwei Manuale, Pedal und 30 Register, von denen nur zwei nicht vollständig erhalten sind. Weltberühmt wurde das Instrument durch Helmut Walchas Schallplattenaufnahmen der Orgelwerke Bachs (1950–1952).Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 11 (online) (PDF; 2,9 MB). Die Angaben zu Walchas Registrierungen wurden von Harald Vogel nach dem Gehör rekonstruiert: Harald Vogel: Die Registrierungen von Helmut Walcha in Cappel. In: Förderungs- und Spendengemeinschaft zur Erhaltung der Arp-Schnitger-Orgel zu Cappel (Hrsg.): 200 Jahre Arp-Schnitger-Orgel in der St. Peter und Paul Kirche zu Cappel. Cappel 2016, S. 22–39.

Baugeschichte Neubau durch Schnitger 1680 mini|links|Autographer Dispositionsentwurf von Schnitger mini|Spieltisch der Orgel in Cappel Die Orgel entstand für die Hamburger Klosterkirche St. Johannis (an der Stelle des heutigen Rathausmarktes).Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 33. Die Johanniskirche war Teil des von den Dominikanern begründeten Johannisklosters, welches seit der Reformation von der Gelehrtenschule des Johanneums genutzt wurde. Zu dessen bekannten Kantoren gehörten unter anderem Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach.

Der Vertragsabschluss erfolgte vermutlich 1679.Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 8 (online) (PDF; 2,9 MB). Schnitgers eigenhändiger Dispositionsentwurf wurde 1989 in Basedow wiederentdeckt. Von April bis Dezember 1680 wurde die Orgel mit Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal in neun Monaten in Schnitgers Stader Werkstatt gebaut.Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 6 (online) (PDF; 2,9 MB). Das Pedal erhielt seinen Platz direkt hinter dem Hauptwerk-Gehäuse, das keine Rückwand aufwies.Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 169. Schnitger übernahm zehn Register aus der Vorgängerorgel, einem Instrument eines unbekannten Erbauers aus der Spätrenaissance (vermutlich aus dem Jahr 1567). So integrierte Schnitger alle tieferen Gedackt-Register in seine Orgel.

Die relativ breiten Gehäuse von Hauptwerk und Rückpositiv sind fünfachsig und entsprechen sich in der Form. Der jeweils überhöhte polygonale Mittelturm wird mit den seitlichen Spitztürmen durch zweigeschossige Flachfelder verbunden, in denen stumme Pfeifen aufgestellt sind (wie in der Schnitger-Orgel in Nieuw Scheemda). Die Seitentürme und Flachfelder der beiden Manualwerkgehäuse werden unter einem gemeinsamen Kranzgesims im Kompositstil vereint. Aufwendig gestaltete Konsolen vermitteln zu dem schmaleren Untergehäuse mit dem Spieltisch.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 24. Die reich geschmückten Gesimse, Ständer und Friese des Prospekts knüpften an das Aussehen des bisherigen Instruments an oder es wurden Teile der alten Verzierung übernommen.Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 167. Das Schnitzwerk schuf der Hamburger Bildhauer Christian Precht.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 152. Im Rankenwerk der Schleierbretter sind im Hauptwerk ausschließlich florale Elemente, im Rückpositiv neben Blüten und Früchte auch Fratzen und stilisierte Tierköpfe und im Unterzug des Rückpositivs drei Engelsköpfe eingearbeitet.Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. 2015, S. 260, 263.

Die zinnernen Prospektpfeifen sind neben denen aus Oederquart die einzigen von Schnitger, die vollständig erhalten sind und 1917 nicht für Rüstungszwecke abgeliefert werden mussten.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 26. Klanglich zeichnen sie sich durch einen eleganten und obertonreichen Klang aus. Die polyphon konzipierten Mixturen spiegeln die Tradition der Renaissance-Mixturen ohne hohe Chöre im Diskant wider. Aufgrund des Reichtums an gemischten Stimmen sind vielfältige Plenumklänge möglich. Dass Schnitgers Pedalmixtur (mit einem Terzchor) erhalten blieb, ist ungewöhnlich, da sie bei anderen Schnitger-Orgeln in der Regel dem Zeitgeschmack entsprechend später ersetzt wurden. Bemerkenswert ist auch die chromatische Aufstellung der Pfeifen auf der hinten frei stehenden Pedallade, die sich durch die Schräge der Westmauer in St. Johannis erklärt. Dass Schnitger Zungenregister aus älteren Instrumenten übernommen hat, ist ansonsten ungewöhnlich. Insgesamt ist die originale Intonation Schnitgers weitgehend erhalten und wurde nicht wesentlich durch Umarbeitungen und Restaurierungen verändert.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 153.

Überführung nach Cappel 1816 durch Georg Wilhelmy mini|Johannes der Täufer mit zwei flankierenden Engeln mini|Unterer Abschluss des Rückpositivs Im Zuge der französischen Besatzungszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts diente die Klosterkirche als Magazin. Die Orgel wurde 1813 von Joachim Wilhelm Geycke abgebaut und ausgelagert und die Johanniskirche 1829, später das Kloster abgerissen. Die Orgel wurde von der Hamburger St. Petrikirche für 600 Reichstaler nach Cappel verkauft,Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 34. wo nach dem Kirchenbrand 1810 eine neue Kirche erbaut worden war (1815–1816), sich die Gemeinde aber keine neue Orgel leisten konnte. Eine Cappeler Delegation reiste am 16. Juni 1816 nach Hamburg, um die Orgel abzuholen.Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 10 (online) (PDF; 2,9 MB). Geycke und Johann Heinrich Wohlien verpackten die Orgel in Holzkisten, die von Hamburg nach Cuxhaven mit dem Schiff transportiert wurden. Am 29. Juni 1816 war die Überführung der Orgel abgeschlossen. Mit Johann Georg Wilhelm Wilhelmy (Stade) schloss man einen Kontrakt, in dem er sich verpflichtete, die Orgel für 385 Reichstaler wieder aufzubauen und einzurichten. Dabei musste das Hauptgehäuse eingekürzt werden. Für die Flammenornamente vor den Füßen der Prospektpfeifen im Mittelturm des Rückpositivs, die ein stilistisch auffallend fremdes Element darstellen, benutzte Wilhelmy zerbrochene Teile von Engelsflügeln, die heute den Engeln auf dem Rückpositiv fehlen.Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. 2015, S. 289. Eine zeichnerische Rekonstruktion der Schnitger-Orgel in der St. Johannis-Klosterkirche befindet sich auf S. 291. Die runden Segmente neben dem Mittelturm des Rückpositivs gehen wahrscheinlich auf die Aufstellung von Wilhelmy in Cappel zurück. Zusätzlich wurde Wilhelmy beauftragt, einen Zimbelstern einzubauen. Aufgrund der niedrigeren Deckenhöhe gegenüber Hamburg konnten die Christus- und Engelfiguren nicht mehr auf dem Hauptwerk platziert werden und fanden fortan auf dem Kanzelaltar Verwendung. Seitdem weist Johannes der Täufer, die mittlere Figur auf dem Rückpositiv, mit seinem Zeigefinger nicht mehr auf die Christusfigur, sondern ins Leere. 1890 ersetzte der Stader Orgelbauer Johann Hinrich Röver die Balganlage Schnitgers durch drei große Keilbälge, die in der Bauweise denen von Schnitger ähnelten und eine vergleichbare, atmende Windversorgung garantierten. Bis 1927 wurden das Instrument durch verschiedene Orgelwerkstätten aus Stade gewartet, ohne dass Eingriffe in die Substanz erfolgten.

Restaurierungen mini|Gambe spielender Engel Im Jahr 1928 wies Christhard Mahrenholz in einem Gutachten auf die besondere Bedeutung der Orgel hin und empfahl eine Renovierung und Instandsetzung der zwischenzeitlich stillgelegten Register.Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 11 (online) (PDF; 2,9 MB). Für dieses Jahr ist ein Ankaufversuch nachgewiesen, weitere Versuche folgten zwischen 1932 und 1935. Im Jahr 1932 baute die Orgelwerkstatt P. Furtwängler & Hammer ein elektrisches Gebläse ein.Förderverein der Orgel in Cappel, abgerufen am 13. Februar 2017.

Ab 1939 erfolgte eine erste Instandsetzung durch Paul Ott, der auch 1950–1952 die Orgel bei den Aufnahmen von Helmut Walcha betreute. 1976/1977 wurde die Orgel von Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg) nach Heizungsschäden instand gesetzt und die historische Substanz gesichert. Die seit 1816 bestehende gleichstufige Temperatur wurde beibehalten. Bei dem Cornet 2′ musste die obere Oktave ergänzt werden, da das Register zwischenzeitlich als Trompete 4′ umgesetzt war. Die Cimbel wurde in der ursprünglichen Zusammensetzung ergänzt.Bericht von Beckerath (PDF-Datei; 4,8 MB), abgerufen am 2. März 2018. Im Jahr 2009 wurde die Balganlage von Beckerath restauriert und die Kirchenrückwand saniert. (Archiv), abgerufen am 2. März 2018.

Disposition seit 1939 (= 1680)

I Rückpositiv CDE–c3Mit gebrochener Oktave (Fis und Gis auf geteilten Obertasten). Principal 4′ S Gedact 8′ V Quintadena 8′ S Floit 4′ S Octava 2′ S Siffloit ′ S Sesquialtera II S Tertian II S Scharff IV–IV S Dulcian 16′ S II Hauptwerk CDE–c3 Principal 8′ S Quintadena 16′ V Hollfloit 8′ V Octava 4′ V Spitzfloit 4′ S Nasat 3′ V Gemshorn 2′ V Rauschpfeife II S Mixtur V–VI S Cimbel III B/S Trompet 8′ V Pedal CD–d1 Untersatz 16′ VAus Blei. Octava 8′ V Octava 4′ S Nachthorn 2′ S Rauschpfeife II S Mixtur IV–VI S Posaun 16′ S Trompet 8′ V Cornet 2′ B/S V = aus der Vorgängerorgel der Spätrenaissance (1567?) S = Schnitger (1680) B = Beckerath (1977)

Koppeln: Manual-Schiebekoppel (außer Betrieb) Tremulant (B) Cimbelstern (V)

Anmerkungen

Technische Daten 30 Register, 51 Pfeifenreihen

Windversorgung:

3 Keilbälge (Röver) 3 Sperrventile (Schnitger) Winddruck: 68 mmWS Windladen: Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal (Schnitger)

Traktur: Klaviaturen: Manuale (Schnitger), Pedal (Beckerath) Tontraktur: Mechanisch Registertraktur: Mechanisch Stimmung: Gleichstufige Stimmung (seit 1816) Tonhöhe ca. Ton über a1 = 440 Hz

Literatur

Dietrich Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. Die Arp-Schnitger-Orgel in Cappel im Lande Wursten. In: Jahrbuch der Männer vom Morgenstern. 94, 2015, S. 229–311 (online, PDF).

Förderungs- und Spendengemeinschaft zur Erhaltung der Arp-Schnitger-Orgel zu Cappel (Hrsg.): 200 Jahre Arp-Schnitger-Orgel in der St. Peter und Paul Kirche zu Cappel. Cappel 2016.

Aufnahmen/Tonträger Vollständigkeit anstrebende Diskografie.

Weblinks

Förderverein der Orgel in Cappel Infos auf arpschnitger.nl Arp Schnitger Orgel Datenbank Orgel in Cappel bei NOMINE e. V. Orgelatlas von H.-W. Coordes Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde Die berühmteste Schnitger-Orgel, NDR-Sendung vom 24. Februar 2019

Einzelnachweise

Kategorie:Orgel in Deutschland Kategorie:Arp Schnitger Kategorie:Kultur (Wurster Nordseeküste) Kategorie:Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser Kategorie:Erbaut 1680