Nikolai Pawlowitsch Anziferow (; * auf dem Gut Sofiewka im Kreis Uman im damaligen Gouvernement Kiew; † 2. September 1958 in Moskau) war ein russischer Historiker, Stadtforscher und Schriftsteller.
Leben Sein Vater Pawel Grigorjewitsch Anziferow (1851–1897) war Direktor der Schule für Landwirtschaft und Gartenbau auf dem Gut Sofiewka des Grafen Potocki und ab 1891 Direktor des Nikitaer botanischen Gartens auf der Krim. Seine Mutter Jekaterina Maximowna, geborene Petrowa, (1853–1933) war die Tochter eines Bauern aus Twer, der als Heizer im Winterpalais angestellt war. Nach dem Tod des Vaters lebte seine Mutter mit den Kindern in Puławy und später in Kiew, wo Nikolai das „Erste Kiewer Gymnasium“ besuchte.
Von 1908 bis 1915 studierte er Geschichte mit der Spezialisierung auf Mediävistik an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. Danach war er Assistent bei seinem akademischen Lehrer Iwan Grews und unterrichtete an verschiedenen Schulen in St. Petersburg.
1914 heiratete er die Historikerin Tatjana Nikolajewna Oberuchewa (1889–1929), 1915 Geburt der Tochter Natalja, 1918 wird der Sohn Pawel geboren. Beide Kinder sterben in den Epidemien des Jahres 1919. 1921 Geburt des Sohnes Sergej, 1924 der Tochter Tatjana.
1917–1929 war er Mitarbeiter der Rossica-Abteilung an der Russischen Nationalbibliothek. Dort traf er auf den Philosophen Alexander A. Mejer (Александр Александрович Мейер, 1874–1939) und trat dessen Sonntagskreis bei. Diese zwischen 1918 und 1929 bestehende linksgerichtete, philosophisch-religiöse Gruppe entwickelte sich zu einem der geistigen Mittelpunkte der Petersburger Intelligenz.
1921–1924 Lehrtätigkeit am Petrograder Exkursionsinstitut, das auf Initiative Iwan Grews’ geründet wurde und sich der systematischen Erfassung der kulturellen Topographie Sankt Petersburgs widmete, jedoch 1924 geschlossen wurde. Als Mitarbeiter des Zentralbüros für Landeskunde leitete er zwischen 1925 und 1928 Landeskundler in zahlreichen russischen Städten an.
Die Jahre von 1921 bis 1929 waren für Anziferow eine außerordentliche fruchtbare Schaffensperiode, in der er 15 Monographien und zahlreiche Aufsätze zur Landeskunde und Stadtforschung veröffentlichte, darunter auch sein bekanntestes Buch, „Die Seele Petersburgs“ (Душа Петербурга), das 1922 im Verlag Brockhaus-Efron erschien.
Nach einer ersten Verhaftungswelle von Mitgliedern des Sonntagskreises im Dezember 1928 wurde Anziferow im April 1929 verhaftet und zu drei Jahren Erziehungs- und Arbeitslager im Sonderlager Solowezki verurteilt. Während er in Untersuchungshaft saß, starb seine Frau in Detskoje Selo an Tuberkulose. Nach einer falschen Denunziation wurde die Strafe um ein Jahr verlängert. Im Zuge der Ermittlungen zur Akademie-Affäre (Академическое дело) wurde er im Sommer 1930 nach Leningrad überstellt. Als Teil eines angeblichen Netzwerks, zu dem laut Anklage zahlreiche bedeutende Wissenschaftler und Gelehrte der alten Hauptstadt gehörten,Zu den angeblichen Verschwörern gehörten u. a. der Historiker Jewgeni Wiktorowitsch Tarle, der Orientalist Sergei Fjodorowitsch Oldenburg, der Mineraloge Alexander Jewgenjewitsch Fersman, der Philologe Nikolai Jakowlewitsch Marr, der Geograph Weniamin Petrowitsch Semjonow-Tjan-Schanski, der Historiker Sergei Fjodorowitsch Platonow und der Historiker Iwan Grews. Sogar der deutsche Generalstab und der Vatikan sollten an der Verschwörung beteiligt sein. wurde er zu fünf Jahren Arbeitslager unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt. 1931 kam er in das Weißmeer-Ostsee-Besserungs-Arbeitslager (BelBaltLag, Беломорско-Балтийский исправительно-трудовой лагерь), das für den Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals eingerichtet wurde. Nach Fertigstellung des Kanals kehrte er im Herbst 1933 nach Leningrad zurück. Aus Furcht vor erneuter Verhaftung zog er 1934 nach Moskau und wurde dort Abteilungsleiter im Museum von Moskau. Im gleichen Jahr heiratete er die Historikerin Sofja Alexandrowna Garelina (1899–1964). Ab 1936 arbeitete er im Staatlichen Literaturmuseum (Государственный литературный музей), wurde jedoch im Herbst 1937 erneut verhaftet und in das Straflager Bamlag (Байка́ло-Аму́рский исправи́тельно-трудово́й ла́герь, Baikalo-Amurskij isprawitelno-trudowoj lager) am Ussuri deportiert.
1939 kam er frei, kehrte nach Moskau zurück und arbeitete bis zum Eintritt in den Ruhestand 1956 wieder am Staatlichen Literaturmuseum. 1943 wurde er in den Schriftstellerverband der UdSSR aufgenommen. Sein Sohn Sergej starb 1942 während der Leningrader Blockade, seine Tochter Tatjana (1924–2013) wurde während des Krieges in ein Arbeitslager nach Deutschland deportiert. Erst 1948 erfuhr er, dass sie überlebt hatte und in die USA gegangen war.
Nikolai Anziferow starb am 2. Oktober 1958 in Moskau und wurde auf dem Wagankowoer Friedhof beigesetzt.
Werk und Wirkung Anziferow und sein akademischer Lehrer Iwan Grews gehören zu den Begründern der russischen historischen Landeskunde ().Im Deutschen gibt es verschiedene Bezeichnung für das Fach und seine Teilgebiete: Landeskunde, Landesgeschichte, Regionalgeschichte, Lokalgeschichte (local history), Heimatgeschichte, Orts- oder Stadtgeschichte, , Heimatkunde. Das Petrograder Exkursionsinstitut war eine Pionierinstitution der sowjetischen „urban studies“ und der Alltagsgeschichte. Als Gegenpol zur eng gefassten „industriellen“ Regionalgeschichte wurde in Petersburg das Konzept der „humanistischen Regionalgeschichte“ entwickelt, in dem die Region und die Stadt als „kollektive Persönlichkeit“ betrachtet wurden. Anziferow sah die Stadt als urbanes Gebilde, als soziales Institut und als Kristallisation der Zivilisation.
Die 1920er Jahre waren das »Goldene Zeitalter der Landeskunde« in Russland, einer Massenbewegung mit Tausenden von Filialen und Abertausenden von Mitgliedern. Russland, dessen historiographische Tradition in starkem Maße eine der Staatsgeschichte und der Fixierung auf den Staat war, erlebte damit erstmals eine Geschichtswahrnehmung von unten. Die Landeskundler waren ein fester Bestandteil jenes Prozesses, den man als die Bildung der Zivilgesellschaft in Russland bezeichnen kann. 1922 wurde das Zentralbüros für Landeskunde (Центральное бюро краеведения, Zentralnoje Bjuro Krajevedenia, ZBK) gegründet, eine gemeinnützige Organisation zur Koordinierung der landeskundlichen Arbeit. In dessen Auftrag leitete Anziferow zwischen 1925 und 1928 Landeskundler in zahlreichen russischen Städten an, darunter in Jaroslawl, Kostroma, Tula, Rjasan, Kursk, Witebsk, Twer, Kaluga und Smolensk. Im Dezember 1927 wurde er zum ordentlichen Mitglied des ZBK gewählt.
Anziferow wandte die neuen Methoden der Krajewedenie auf die Stadtgeschichte Petersburgs, später auch Moskaus an, und bereicherte sie um Untersuchungen zum Bild der Stadt in der russischen Literatur. Aus Iwan Grews Exkusionsmethode, die Anziferow selbst am Exkursioninstitut gelehrt hatte, entwickelte er seine literarischen Exkusionen und veröffentlichte in dichter Folge die Ergebnisse seiner Arbeit. „Anziferov war weniger Lokalhistoriker als vielmehr ein Dichter seiner Region und betrachtete seine Stadt im Kontext der Kultur des gesamten Landes.“ Im Buch „Die Seele Petersburgs“ (Душа Петербурга), das 1922 erschien, entdeckte er Petersburg mit den Augen der Dichter. Die Stadt hatte die größten Autoren Russlands von Puschkin über Gogol und Lermontow bis zu Achmatowa und Wladimir Majakowski zu Gedichten und Erzählungen inspiriert. Mit einer Fülle von Beispielen aus der russischen Literatur verfolgt er die Veränderung des Petersburgbildes. Es folgten weitere Bücher zum Petersburgbild einzelner Dichter, zur Stadtforschung und zur Landeskunde.
Die Schule Anziferows war im Zuge der Dogmatisierung der Geschichtsschreibung Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre „unter die Räder der stalinschen Repression“ geraten. Erst nach zehnjähriger Unterbrechung durch Gerichtsprozesse, Lagerhaft und berufsfremde Tätigkeiten konnte Anziferow seine Forschungen 1940 wieder aufnehmen, jetzt als Leiter einer Abteilung am Staatlichen Literaturmuseum in Moskau. Dort erarbeitete er Ausstellungen über Alexander Puschkin, Alexander Herzen, Nikolai Gogol, Alexander Gribojedow, Michail Lermontow, Michail Lomonossow und andere russische Schriftsteller und Dichter. Er war an der Gründung der Museen für Herzen, Dostojewski, Iwan Turgenjew und Anton Tschechow beteiligt. Im Jahr 1944 verteidigte er am Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften seine Doktorarbeit mit dem Titel „Probleme des Urbanismus in der russischen Belletristik“. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Fachartikel, darunter im Jahr 1950 Москва Пушкина. (Puschkins Moskau) und Петербург Пушкина. (Puschkins Petersburg).
Im Januar 1958 schloss Anziferow das Manuskript seiner Memoiren Из дум о былом – Воспоминания (Gedanken über Vergangenes – Erinnerungen) ab und widmete es seinen Enkeln. Das Buch erschien erst 1992 in Moskau.
Nachruhm Anziferow-Vorlesungen Zu Ehren Anziferows finden seit 1989 in Petersburg die Anziferow-Vorlesungen () statt, eine Reihe wissenschaftlicher Konferenzen zur Stadtgeschichte und Stadforschung. Seit 2012 werden sie in Moskau vom Staatlichen Literaturmuseum in Zusammenarbeit mit dem Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet.Der aktuelle Stand (2026) ist nicht zu ermitteln, weil einschlägige russische Webseiten nicht mehr erreichbar sind.
Anziferow-Preis Der Anziferow-Preis () ist eine internationale Auszeichnung, die alle zwei Jahre verliehen wird für herausragende wissenschaftliche Arbeiten und Artikel zur Geschichte St. Petersburgs sowie seit 1998 auch für den Gesamtbeitrag zum Forschungsfeld der St.-Petersburg-Studien.
Werke Душа Петербурга. Петроград: Брокгауз и Ефрон, 1922. deutsche Ausgabe: Die Seele Petersburgs. Hanser, München 2003, ISBN 3-446-20317-6 Петербург Достоевского. (Dostojewskijs Petersburg) , 1923 Быль и миф Петербурга. (Geschichte und Mythos Petersburgs), 1924 Город, как выразитель сменяющихся культур. (Die Stadt als Ausdruck wechselnder Kulturen), 1926 Современные города. (Moderne Städte), 1926 Жизнь города. (Das Leben der Stadt), 1927 Пушкин в Царском селе. (Puschkin in Zarskoje Selo), 1929 Пути изучения города, как социального организма. (Wege zur Erforschung der Stadt als sozialer Organismus), 1925 Теория и практика литературных экскурсий. (Theorie und Praxis literarischer Exkusionen), 1926 Теория и практика экскурсий по обществоведению. (Theorie und Praxis von Exkursionen zur Sozialkunde), 1926 Краеведный путь в исторической науке: Историко-культурные ландшафты. (Der Weg der Heimatforschung in der Geschichtswissenschaft: Historisch-kulturelle Landschaften), 1928 Москва Пушкина. (Puschkins Moskau), 1950 Петербург Пушкина. (Puschkins Petersburg), 1950 Из дум о былом – Воспоминания. (Gedanken über Vergangenes – Erinnerungen), Москва 1992, ISBN 5-85042-060-6. (Volltext PDF bei Andrey Nikitin-Perenskys elektronischer Bibliothek)
Weblinks Анциферов Николай Павлович Biografie beim Sacharow-Zentrum (russisch) Dmitri Sergejewitsch Lichatschow: Biografie Anziferows in der Elektronischen Bibliothek Alexander Belousenko (russisch belousenko.com) Biografie in der Solowki-Enzyklopädie. Band 9, Menschen der Solowezki-Inseln (russisch solovki.ca) Nikolai Pawlowitsch Anziferow Biografie bei der Lichatschow-Stiftung (russisch)
Einzelnachweise Nikolai P. Anziferow: Die Seele Petersburgs. Hanser, München 2003, ISBN 3-446-20317-6. Karl Schlögel »Die Seele Petersburgs« von Nikolai P. Anziferow - Ein legendäres Buch und sein unbekannter Autor. In: Nikolai Anziferow: Die Seele Petersburgs. Hanser, München 2003, S. 7–46, ISBN 3-446-20317-6. Karl Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt. C.H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-71511-2 Biografie Anziferows in der Datenbank „Erinnerungen an den Gulag und seine Autoren“, 1997–2026 des Sacharow-Zentrums (Biografie, russisch).