Tatarstan (offiziell Republik Tatarstan; tatarisch Татарстан Республикасы, / Respublika Tatarstan; deutsch auch Tatarien) ist eine autonome Republik im östlichen Teil des europäischen Russlands. Tatarstan ist eine der bevölkerungsreichsten autonomen Republiken Russlands und galt bis 2017 als besonders eigenständig. Diese Eigenständigkeit wurde 2023 durch die Regierung in Moskau stark eingeschränkt.
Die Bezeichnung Tatarstan kam erst im 19./20. Jahrhundert auf. Der ältere Begriff Tatarei bezeichnete einen wesentlich größeren Raum.
Geographie
Tatarstan liegt westlich des Uralgebirges in der osteuropäischen Ebene am Zusammenfluss der Flüsse Wolga und Kama, der hier durch den Kuibyschewer Stausee seeartig verbreitert ist. Die maximale Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 290 km, die maximale Ost-West-Entfernung 460 km. Tatarstan grenzt an acht Regionen der Russischen Föderation: im Norden an die Oblast Kirow, im Nordosten an Udmurtien, im Osten an Baschkortostan, im Süden an die Oblast Orenburg, Oblast Samara, Oblast Uljanowsk, im Westen an Tschuwaschien und Nordwesten an Mari El.
Rund 18 Prozent der Fläche sind von Wäldern bedeckt, die überwiegend aus Laubsorten wie Eichen, Linden oder Birken bestehen. Nadelwälder beinhalten Kiefern und Tannen. Die Republik Tatarstan verfügt auch über große Wasserressourcen. Das Flussnetz bilden neben der Wolga und der Kama unter anderen die Belaja, die Wjatka, die Swijaga, die Mjoscha, die Schischma, der Ik, die Tojma, der Isch, der Stepnoj Saj. Insgesamt gibt es 3000 Flüsse. Die Binnenwasserfläche beträgt 4400 km² oder 6,4 Prozent des Republikterritoriums. Auf dem Territorium der Republik Tatarstan befindet sich ein großer Teil des größten Stausees Europas, des Kuibyschewer Stausees mit einer Fläche von 6450 km².
Die lokale Fauna ist durch 430 Wirbeltierarten repräsentiert. Das Klima ist gemäßigt-kontinental, mit warmem anhaltendem, manchmal heißem und dürrem Sommer und gemäßigt kaltem Winter. Die Durchschnittstemperaturen liegen im Januar bei −14 °C und im Juli bei +19 °C. Die Frostperiode dauert von Mitte November bis Anfang April. Die jahresdurchschnittliche Niederschlagsmenge beträgt 430 bis 500 mm.
Die Republik Tatarstan ist reich an Bodenschätzen, Erdöl ist das wichtigste Rohstoffvorkommen (Fördermenge 1999: 26,34 Millionen Tonnen). Auf dem Territorium der Republik gibt es auch Gips (Gesamtreserven betragen 72 Millionen Tonnen), Bitumenöl (nachgewiesene Reserven 12,5 Milliarden Tonnen), Torf, Ziegelton (73,5 Millionen Kubikmeter), Kalkstein und Dolomit. Im Südwesten Tatarstans gibt es noch Vorkommen an Brennschiefer.
Bevölkerung
Bei der Volkszählung 2010 betrug die Einwohnerzahl Tatarstans 3.786.000. Die Tataren (Wolga-Ural-Tataren) machten knapp über die Hälfte der Einwohnerschaft aus. Nicht ganz 40 % der Bevölkerung sind Russen. Eine weitere bedeutende Volksgruppe sind die Tschuwaschen. Größere Nationalitäten innerhalb der Republik sind zudem die Udmurten, Mordwinen, Mari, Ukrainer und Baschkiren.
Die Tataren sind ein Turkvolk, welches aus der Ethnogenese der einheimischen wolgabulgarischen Bevölkerung mit kiptschak-türkisch sprechenden Völkern, die infolge der Invasion der Mongolen in die Region einfielen, entstand. Noch um 1990 betrug der Anteil der Tataren an der Bevölkerung Tatarstans (Tatarische ASSR) nur etwa 48,5 %, er steigt allerdings wegen der geringfügig höheren Geburtenrate der ethnisch tatarischen Bevölkerungsanteile leicht an. Amtssprachen in Tatarstan sind die russische und die tatarische Sprache. Letztere wird sowohl mit dem kyrillischen wie auch mit dem lateinischen Alphabet geschrieben. Offiziell ist allerdings nur die kyrillische Schreibweise der tatarischen Sprache.
Volksgruppe VZ 1926 VZ 1939 VZ 1959 VZ 1970 VZ 1979 VZ 1989 VZ 2002 VZ 2010 2 Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Tataren 1 1.262.383 48,7 % 1.421.514 48,8 % 1.345.195 47,2 % 1.536.430 49,1 % 1.641.603 47,6 % 1.765.404 48,5 % 2.000.116 52,9 % 2.012.571 53,2 % Russen 1.118.834 43,1 % 1.250.667 42,9 % 1.252.413 43,9 % 1.328.738 42,4 % 1.516.023 44,0 % 1.575.361 43,3 % 1.492.602 39,5 % 1.501.369 39,7 % Tschuwaschen 127.330 4,9 % 138.935 4,8 % 143.552 5,0 % 153.496 4,9 % 147.088 4,3 % 134.221 3,7 % 126.532 3,3 % 116.252 3,1 % Udmurten 23.873 0,9 % 25.932 0,9 % 22.657 0,8 % 24.533 0,8 % 25.330 0,7 % 24.796 0,7 % 24.207 0,6 % 23.454 0,6 % Mordwinen 35.084 1,4 % 35.759 1,2 % 32.932 1,2 % 30.963 1,0 % 29.905 0,9 % 28.859 0,8 % 23.702 0,6 % 19.156 0,5 % Mari 13.130 0,5 % 13.979 0,5 % 13.513 0,5 % 15.643 0,5 % 16.842 0,5 % 19.446 0,5 % 18.787 0,5 % 18.848 0,5 % Ukrainer 3.143 0,1 % 13.087 0,4 % 16.099 0,6 % 16.868 0,5 % 28.577 0,8 % 32.822 0,9 % 24.016 0,6 % 18.241 0,5 % Baschkiren 1.752 0,07 % 931 0,03 % 2.063 0,07 % 2.888 0,09 % 9.256 0,3 % 19.106 0,5 % 14.911 0,4 % 13.726 0,4 % Deutsche 615 0,02 % 1.083 0,04 % 1.427 0,05 % 1.351 0,04 % 2.352 0,07 % 2.775 0,08 % 2.882 0,08 % 2.200 0,06 % Andere 7.888 0,3 % 13.390 0,5 % 20.566 0,7 % 20.328 0,6 % 28.436 0,8 % 38.952 1,1 % 51.510 1,4 % 60.671 1,6 % Einwohner 2.594.032 100 % 2.915.277 100 % 2.850.417 100 % 3.131.238 100 % 3.445.412 100 % 3.641.742 100 % 3.779.265 100 % 3.786.488 100 % 1 einschließlich Keräschen (christliche Tataren) (1926 99.041, 2002 18.760 und 2010 29.962 Personen) 2 6.052 Personen konnten keiner Volksgruppe zugeteilt werden. Diese Leute verteilen sich vermutlich anteilmässig gleich wie die ethnisch zugeschiedenen Einwohner.Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten nach Nationalität 2010 (russisch) https://demoscope.ru/weekly/ssp/rus_etn_10.php?reg=47
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Islam Die am weitesten verbreitete Religion in der Republik Tatarstan ist der Islam, dem 54 Prozent der Bevölkerung angehören.Roman A. Silantjew: Islam w sowremennoj Rossii, enziklopedija. Algoritm, Moskau 2008, S. 205–220. Der Islam wurde bereits 922 zur offiziellen Religion im Reich der Wolgabulgaren. Wichtigste muslimische Organisation Tatarstans ist die 1992 gegründete Geistliche Verwaltung der Muslime der Republik Tatarstan (Duchownoje uprawlenije musulman Respubliki Tatarstan; DUMRT). Sie vertritt ca. 900 Gemeinden in Tatarstan, unterhält die zentrale Kul-Scharif-Moschee und ist dem Russischen Muftirat angeschlossen.Vgl. Shireen Hunter: Islam in Russia: The Politics of Identity and Security. Center for Strategic and International Studies, Armonk, New York, 2004, S. 61 f. Die Organisation, die seit 2013 von Kamil Samigullin geleitet wird, gibt mehrere Zeitschriften heraus und umfasst insgesamt acht Abteilungen: 1. Wissenschaft, 2. Erziehung, 3. islamische Mission, 4. internationale Angelegenheiten, 5. Architektur- und Bauangelegenheiten, 6. Beziehungen zu staatlichen Institutionen, 7. Abteilung für Haddsch-Angelegenheiten, und 8. Abteilung für Halāl-Zertifizierung.Vgl. Usmanova et al.: Islamic Education in Soviet and Post-Soviet Tatarstan. 2010, S. 51–53. 1998 gründete die DUMRT zusammen mit dem Russischen Muftirat in Kasan die „Russische Islamische Universität“ (Rossijski Islamski Uniwersitet) als islamische Hochschule. Sie besteht bis heute als Russisches Islamisches Institut (Rossijski Islamski Institut) weiter.
Neben der DUMRT existiert noch eine „Zentrale Geistliche Verwaltung der hanafitischen Muslime der Republik Tatarstan, Sibiriens und des Wolgagebiets“ (Zentralnoje Duchownoje uprawlenije musulman-chanifitow Respubliki Tatarstan, Sibiri i Powolschja), die der ZDUM untersteht. Sie kontrolliert allerdings nur drei Gemeinden der Republik Tatarstan.
Rolle des Islam Der Anfang der 1990er Jahre zeichnete sich durch institutionelle Entwicklung des Islam in Tatarstan aus, die ihren Niederschlag in erster Linie im sprunghaften Anstieg muslimischer Gemeinden fand. Während 1988 nur noch 18 islamische Verbände registriert waren, wuchs deren Zahl 1992 auf 700. 2014 waren knapp 1500 Gemeinden registriert. Seit Jahren beobachten das russische Innenministerium und der Inlandsgeheimdienst FSB eventuelle islamistische Tendenzen in Tatarstan und versuchen diese rechtzeitig zu bekämpfen. Dennoch kam es 2010 zu Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und örtlichen Muslimen in der Stadt Nurlat. Im Juli 2012 wurde ein Attentat auf den Mufti Tatarstans, Ildus Fajsow, den Anführer der gemäßigten Kräfte (Traditionalisten), verübt. Kurz zuvor war sein Stellvertreter Waliulla Jakupow ermordet worden. In dieser Zeit verschärfte sich der Konflikt zwischen den „Traditionalisten“, die sich für liberale, „euroislamische“ Werte einsetzen, und den u. a. aus dem Nordkaukasus stammenden Extremisten, die Jugendliche in Tatarstan radikalisieren und für potenzielle Terroranschläge werben.
Andere Religionen Die zweitwichtigste Religion ist das russisch-orthodoxe Christentum. Die orthodoxe Kirche trat Mitte des 16. Jahrhunderts nach der Eroberung des Kasaner Khanats durch das Russische Zarentum in Erscheinung. Zu dieser Religion bekennen sich 1,6 Prozent der Tataren, die sogenannten Kriaschen („Getaufte“), die Russen, Tschuwaschen, Mari, Mordwinen und Udmurten. Es gibt kleine Kirchengemeinden, die sich zu anderen Richtungen des Christentums bekennen: Altorthodoxe, Katholiken, Lutheraner und Baptisten.
Katholische Pfarreien bestehen in Kasan und Nabereschnyje Tschelny. Sie gehören zum Bistum St. Clemens in Saratow.
Daneben sind Anhänger der jüdischen Religion und des Buddhismus in geringer Zahl vertreten. 1 Prozent der Tataren (jene in Sibirien) sind Anhänger des althergebrachten Tengrismus.
Geschichte mini|links|Turm der Teufelsburg aus der Zeit der Wolgabulgaren mit Blick auf Jelabuga mini|links|Rathaus in Kasan mini|Gemälde der Eroberung Kasans durch Iwan den Schrecklichen mini|Straße in Kasan Anfang des 20. Jahrhunderts Die Besiedlung des Gebietes Tatarstans begann bereits im Paläolithikum, vor etwa 100.000 Jahren. Der erste Staat, das Reich der Wolgabulgaren entstand um das Jahr 900 n. Chr. Im Jahre 922 wurde der Islam zur Staatsreligion, wodurch das Wolgabulgarenreich unter Einfluss des Arabischen Kalifats geriet. Nach hartnäckigem Widerstand gegen die Mongolischen Einfälle fiel das hochentwickelte Reich der Wolgabulgaren 1236 an die Goldene Horde.
Durch innere Zerrüttung zerfiel die Horde in halbunabhängige Emirate. Auf dem Territorium des heutigen Tatarstan bildete sich 1438 das Nachfolgekhanat Kasan. Die Beziehungen zwischen dem Kasaner Khanat und dem nahe gelegenen Moskau waren kriegerischer Natur (vgl. Moskau-Kasan-Kriege). Der stärker gewordene russische Staat eroberte schließlich unter Iwan dem Schrecklichen das Khanat. Nach der russischen Eroberung wurde die bisherige herrschende Schicht entmachtet und das Khanat Kasan vollständig in den russischen Staatsverband eingegliedert. Der Islam als Religion wurde jedoch toleriert, wenngleich der Einfluss des Christentums zunahm, da sich mehr und mehr Russen im Gebiet des heutigen Tatarstan ansiedelten. Einzelne Versuche zur Missionierung der Tataren durch die Russisch-Orthodoxe Kirche vor allem im 19. Jahrhundert blieben weitgehend erfolglos. Die tatarische Kaufmannschaft behielt auch unter russischer Herrschaft ihre wirtschaftliche Bedeutung vor allem im Handel zwischen Osteuropa und den muslimischen Staaten Zentralasiens. Dadurch wurde Kasan zu einem der wichtigsten industriellen und kulturellen Zentren Russlands und 1708 zum Zentrum des Gouvernement Kasan erklärt.