mini|hochkant=1.3|Staaten, in denen Nouruz gefeiert wird

Nouruz (, ; kurdisch: , , , , ; übersetzt „Neuer Tag“), auch Nowruz und Nauruz, ist das Neujahrs- und Frühlingsfest, das vor allem im persischen Kulturraum mit dem Frühlingsbeginn zur Tag-und-Nacht-Gleiche, dem Tag des astronomischen Eintritts der Sonne in den Frühlingspunkt, gefeiert wird. Der Tag fällt auf den 20. oder 21. März und sein Beginn entsprechend dem Beginn der Tag-und-Nacht-Gleiche auf unterschiedliche Uhrzeiten. Vor gut 2000 Jahren war der Frühlingspunkt aufgrund der Präzession der Erdachse noch an der Grenze zwischen dem Sternbild Fische und dem Sternbild Widder, die die Sonne an diesem Tag in Richtung Sternbild Widder überquerte.

Etymologie mini|hochkant=1.3|Der Kampf zwischen Stier (Symbol für die Erde) und Löwe (Symbol für die Sonne) als Sinnbild des zoroastristischen Nouruz, Persepolis, Iran

Wörtlich übersetzt heißt Nouruz ‚neuer Tag‘ (nou oder nau ‚neu‘; ruz ‚Tag‘). Die Wörter , oder in iranischen Sprachen, die für ‚Tag‘ stehen, gehen auf das ur-indoiranische Rauça (sprich „Rautscha“) zurück, was wiederum vom ur-indoeuropäischen *Leuk- stammt, woraus auch das Wort „Licht“ im Deutschen entstanden ist. In iranischen Sprachen erfolgte eine Lautverschiebung von nach und von nach .

Im altiranischen Avestisch wurde Raôçah tatsächlich für Licht benutzt, ‚neu‘ hieß navā. Die altpersische Form lautete Rauçah. Auf Alt-Indoarisch war Roçiş (sprich Rotschisch) in Verwendung. Es ist zudem ein Kognat des modernen, zum Beispiel persischen rošan (روشن).

Der heutige Begriff Nou-Roz wurde zum ersten Mal im 2. Jahrhundert erwähnt.

Geschichte Bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. markierte im iranischen Hochland die Sommersonnenwende den Jahreswechsel, der mit großen Erntefesten begangen wurde. Unter den Achämeniden (6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) wurde die Frühlings-Tagundnachtgleiche zum offiziellen Jahresbeginn. Bei den iranischen Völkern in Iran, Tadschikistan und Afghanistan wird dieser Zeitpunkt bis heute von Astronomen auf die Stunde und Minute genau berechnet. An diesem Tag wurde die landwirtschaftliche Grundsteuer (Charadsch) erhoben. Die Tradition des Neujahrsfestes hat sich bis heute erhalten und bis nach Ostafrika ausgebreitet.

Eine der bekanntesten Versionen zur Entstehung des Neujahrsfestes hat der persische Dichter Firdausi (um 940 bis 1020/1026) in seinem Schāhnāme („Königsbuch“) festgehalten. Firdausi legt die Einsetzung des Neujahrsfestes Nouruz in die Regierungszeit von Dschamschid. Dschamschid war der vierte König aus dem mythischen Herrschergeschlecht der Kayaniden. Er gebot über alle Bestien, Dämonen und Engel. Er war König und gleichzeitig oberster Priester des Ormozd (mittelpersisch für Ahura Mazda). Firdausi schreibt über Dschamschid:

Bei den Parsen in Indien heißt dieser Tag daher immer noch Dschamschēd-i Nawrōz. In Persien war der Tag über die Jahrhunderte der wichtigste weltliche Feiertag, aber auch in den kurdischen Provinzen des Osmanischen Reiches galt er als gesetzlicher Feiertag. Er wurde als großes Volksfest begangen, bei dem Reiterspiele stattfanden und sich die Menschen auf Plätzen und in den Straßen versammelten, Feuer anzündeten und sich gegenseitig mit Wasser bespritzten. Zu Zeiten der Achämeniden war an Nouruz die Bevölkerung für eine gewisse Zeit nicht mehr steuerpflichtig. Der Tag war aber auch aus ganz anderen Gründen wichtig. Denn an Nouruz kamen Vertreter der unterworfenen Völker nach Persien und brachten dem persischen König Geschenke. Nach dem Untergang des vorislamischen Sassanidenreichs Mitte des 7. Jahrhunderts und der folgenden Islamisierung Persiens wurde Nouruz an unterschiedlichen Tagen begangen. Zunächst lag Nouruz auf dem 18. Juni. Der Kalif al-Mutawakkil verlegte den Tag auf den 17. und al-Mu'tadid auf den 11. Juni. Bei einer Kalenderreform unter dem Seldschukenherrscher Malik Schah I. wurde Nouruz im Jahre 1079 auf den 15. März festgelegt. Heute wird Nouruz am 20. oder 21. März gefeiert. In Iran und bei den Kurden hat sich bis heute sein Charakter als Übergangsritual erhalten. Zur Vorbereitung auf den neuen Lebensabschnitt werden neue Kleider angezogen und als Zeichen für das Winterende werden Lagerfeuer angezündet, über die gesprungen wird und um die herum vor allem die Jungen tanzen und singen. Die Frauen bereiten ein Festessen vor und gemeinsam gehen Verwandte und Freunde in einen Park oder zu einem Ausflugsort. Manchmal wird eine Musikkapelle engagiert, meistens ziehen die Musiker von einer Versammlung zur nächsten und spielen je nach Geschmack traditionelle, politische oder Liebeslieder.

Mit der Verbreitung nationalistischer Ideen im 20. Jahrhundert erhielt das Fest bei den Kurden eine stärkere politische Bedeutung. Sie feiern das Neujahr am 21. März als Symbol des in der iranischen Mythologie überlieferten erfolgreichen Widerstandes gegen Unterdrückung. Im Zentrum dieser Vorstellung stehen die Legenden um den unter anderem als kinderfressenden Drachenkönig vorgestellten Tyrannen Zohak (Dahak, Dahaq) und seinen Bezwinger, den Schmied Kaveh. Gemeinsam mit der Bevölkerung zog Kaveh los und erschlug Zohak. Aus Freude entfachten die Menschen ein Feuer, das die Nachricht im ganzen Land verbreitete. Dies hat sich der Überlieferung nach am 21. März im Jahr 612 v. Chr. zugetragen. Historisch korrespondiert dieses Jahr mit dem Sieg der Meder über die Assyrer bei Ninive. In einer ebenfalls gängigen Form wird die Legende zum Ursprungsmythos erweitert.

Im Bahai-Kalender ist Nouruz (Naw-Ruz) einer von neun Feiertagen, er markiert den Beginn des neuen Jahres und das Ende der neunzehntägigen Fastenzeit der Bahai.

Seit dem letzten Jahrhundert hat sich Nouruz weit über Iran, die Türkei, den Irak, Syrien und Zentralasien verbreitet. Außerdem feiern heute Menschen Nouruz in Russland und auf dem Balkan. Jedes Land hat seine spezifische Schreibweise und Aussprache des Begriffs „Nouruz“. Seit dem 10. Mai 2010 ist Nouruz auf Beschluss der 64. Generalversammlung der Vereinten Nationen als „internationaler Nouruz-Tag“ anerkannt. Die Generalversammlung stellte in ihrer Erklärung fest, dass „Nouruz ein Frühlingsfest ist, das von mehr als 300 Mio. Menschen seit mehr als 3000 Jahren auf der Balkanhalbinsel, in der Schwarzmeerregion, im Kaukasus, in Zentralasien und im Nahen Osten gefeiert wird“. Am 30. September 2009 nahm die UNESCO den Nouruz-Tag in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Bräuche und Zeremonien Haft Sin mini|Haft Sin ist eine der Traditionen des von den iranischen Völkern gefeierten Neujahrsfests. mini|Haft Mewa

Nouruz findet am Frühlingsanfang, am 20. oder 21. März statt ( oder Sperli ‚Frühling‘, ). Wichtigster Bestandteil des Neujahrsfestes ist die Zubereitung des , dessen Teile mit dem persischen Anfangsbuchstaben Sīn („S“) beginnen müssen. Das sind: Sekke – Münzen; Sib – Apfel; Somach – ein persisches Gewürz (Gewürzsumach); Sombol – die Hyazinthen; Sir – Knoblauch; Sabseh – ‚Grünzeug‘, typischerweise keimender Weizen, Gerste, Kresse oder Ähnliches; und Serke – Essig. Ebenso wichtig ist das aus sieben Früchten bestehende Neujahrsgetränk Haft Mewa. Es werden sieben Speisen zubereitet, die möglichst mit dem Buchstaben „S“ beginnen sollten und die sieben Tugenden des Zoroastrismus symbolisieren, und zusammen mit Samanak (Keimlinge aus sieben Getreidesorten), einem Spiegel, einer Kerze und einem heiligen oder wichtigen Buch (dem Koran bei Muslimen, der Bibel bei Christen, der Avesta oder einem Bild Zarathustras bei Zoroastriern oder einem Gedichtsbuch) auf einem Tisch gedeckt.

Amu Nouruz, Naneh Sarma und Hadschi Firuz mini|Ein kurdisches Mädchen aus einem Dorf in Iran. Sie hält anlässlich des Nowruz-Festes einen Stab zum Entzünden des Neujahrsfestfeuers in der Hand. Zu den Neujahrsfeierlichkeiten sind auch die Reise und Geschenke von Amu Nouruz bekannt, der von einem tanzenden, scherzenden und musizierenden Hadschi Firuz begleitet wird und nach der Tradition nur einmal im Jahr zu Nouruz in die Nähe seiner geliebten Gattin Naneh Sarma kommt, von der er sonst das ganze Jahr über getrennt ist. Er trifft sie schlafend an und entfernt sich wieder, so dass sie wieder ein Jahr auf seine Rückkehr warten muss.

Tschahar Schanbe Suri mini|Tschahar Schanbe Suri ‚Mittwochsfeuer‘ bei einer kurdischen Nouruzfeier in Istanbul

Am Vorabend des letzten Mittwochs vor Nouruz wird das Tschahar Schanbe Suri ‚Mittwochsfeuer‘ angezündet. Dieser altiranische (zoroastrische) Brauch gehört zu den wichtigsten Ritualen des persischen Neujahrfestes. Am Abend davor gehen manchmal verkleidete Kinder und Jugendliche von Haus zu Haus, schlagen dabei auf Töpfe und Topfdeckel und erhalten Süßigkeiten oder andere kleine Geschenke von den Bewohnern.Fattaneh Haj-Seyed-Javadi: Der Morgen der Trunkenheit. Insel, Frankfurt am Main 2000, S. 414.

Sizdah bedar mini|Iraner in den Niederlanden feiern Sizdah Bedar, April 2011

Sizdah bedar ist ein Brauch, bei dem man sein Haus verlässt, um in der Öffentlichkeit zu feiern. Dies geschieht am dreizehnten () Tag des Monats Farwardin im Iranischen Kalender (entspricht dem 1. oder 2. April), dem letzten Tag der Feierlichkeiten zum Nouruz. Dabei wird unter anderem das Sabseh des Haft Sin in einen Fluss geworfen.

Verbreitung mini|Novruz in Aserbaidschan mini|Nouruz in Tekeli, Kasachstan

Die Begehung des Festes lässt sich zurückverfolgen bis zu den zoroastrischen Vorfahren der heutigen iranischen Völker. Nouruz ist offizieller Feiertag im Nord-Irak (Autonome Region Kurdistan), in Iran, Aserbaidschan, Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan, teilweise und inoffiziell in Pakistan, Syrien, Tadschikistan, Turkmenistan, in der Türkei, in Usbekistan (zwei Tage), Georgien (ein Tag) und Indien bei den Parsen als Jamschidi-Fest (siehe auch Holi). Gefeiert wird Nouruz auch bei den verbliebenen osmanisch-türkischen Bevölkerungsgruppen im südosteuropäischen Raum (Balkan) wie in Albanien (wo es als einzigem Land in Europa ein staatlicher Feiertag ist und vor allem von der Bektaschi-Gemeinde begangen wird), Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Moldau, Nordmazedonien und Rumänien. Nouruz genießt eine sehr hohe Bedeutung bei allen kurdischen sowie belutschischen Stämmen und anderen hier nicht genannten iranischen Völkern.

Vor der Kalenderkorrektur durch den Astronomen Omar Chayyām 1079 wurde das Frühlingsfest zwischen Ende Februar und Ende März etwa 40 Tage lang gefeiert. Das Fest wird seit der Islamisierung der Gegend am Mausoleum, genannt nach dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed ʿAlī ibn Abī Tālib, in der nordafghanischen Stadt Masar-e Scharif der Provinz Balch (ehemals Baktra) vierzig Tage lang unter dem Titel Melâe Gole Sorx (Melā-ye gol-e sorch, „Tulpenfest“) gefeiert. Dort soll sich ein zoroastrischer Tempel befunden haben. Die Stadt ist eine heimliche Hauptstadt des Nowruz-Festes. Auch während der Talibanherrschaft wurde dort das Fest und dessen Zeremonien gefeiert.

Nowruz in den einzelnen Staaten