Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag (MWT) war von August 1931 bis 1944 ein Interessenverband der führenden deutschen Konzerne, Banken und Wirtschaftsverbände, der zunächst das Ziel verfolgte, den mitteleuropäischen Markt wirtschaftlich zu erobern und politisch indirekt zu beherrschen. Nach der Hegemonie über den süd- und osteuropäischen Markt sollte in einer zweiten Stufe der Kampf um den Weltmarkt aufgenommen werden.Alfred Sohn-Rethel: „Ja. Nicht, daß dies [die Schaffung eines großdeutschen Binnenmarktes] das Ziel der Expansion war, sondern es war die Schaffung eines Glacis, von dem aus das deutsche Kapital mit dem nötigen Spielraum an Absatz und Ausdehnungsfähigkeit in Europa seinen Kampf um den Weltmarkt führen wollte. Der Kampf war immer gegen Amerika.“
„Darüber wurde auch gesprochen?“
„Ja. Das machte Hahn mir und anderen klar. Denn darüber wurden sehr viele Angriffe gegen ihn und den MWT gemacht: was das für ein Unsinn wäre, dass man die wichtigen überseeischen Märkte aufgäbe, nur deswegen, um diese kleinen Murksstaaten, diese Donaustaaten zu erobern. Das sei ein vollkommenes Mißverständnis, sagte er. Das sei doch nur das Hinterland, das wir brauchten, um wirklich vorzustoßen.“In: «Einige Unterbrechungen waren wirklich unnötig.» Gespräch mit Alfred Sohn-Rethel. In: Mathias Greffrath: Die Zerstörung einer Zukunft. Campus, Frankfurt a. M. 1989, 221f. Der MWT betrieb damit nicht primär mit militärischen Mitteln, sondern in erster Linie mit wirtschaftlichen und handelspolitischen Maßnahmen eine geopolitische Strategie.
Während die frühe Forschung den MWT nur als einen Teil der deutschen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung betrachtete, sieht die neuere Forschung den MWT in Opposition zum militärischen Imperialismus des inneren Kabinetts um Hitler. Nach Darstellung des MWT-Mitarbeiters Alfred Sohn-Rethel und der MWT-Forschung steht der Mitteleuropäische Wirtschaftstag für eine bis dahin historisch einmalige Konzentration von deutschen Wirtschaftsinteressen, da dieser Zusammenschluss die führenden Vertreter der wichtigsten Institutionen in Wirtschaft, Militär und Staatsbürokratie für dieses konkrete politische Programm bis Ende 1935 vereinen konnte.Sohn-Rethel 1992, 68; 155; Seckendorf 2001, 121; Drews 2002, 204f., GoogleBooks. Im Laufe der NS-Diktatur verlor der MWT zunehmend seinen Einfluss auf die politische Strategiebildung, doch der Hitler-Stalin-Pakt brachte noch einmal das Primat der Politik vor dem Krieg vorübergehend zur Geltung. Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gilt zugleich als das endgültige Scheitern und das Ende dieser ökonomischen Strategie,Seckendorf 1993, 31: „Auf dem Tiefpunkt des Einflusses endete auch die konzeptionelle Arbeit. Dieser Punkt wurde im Juli 1941 erreicht.“ Engdahl 2009, 221: „An diesem Scheidepunkt im Juni 1941 brach die gesamte Strategie von Wilmowskys MWT zusammen; der MWT verlor jeglichen Einfluß auf die deutsche Politik.“Drews 2002, 210; da bald darauf der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg gegen das „Dritte Reich“ erfolgte. Danach beschränkte sich der MWT auf wirtschaftliche Aktivitäten und ordnete sich der von Hitler durchgesetzten militärischen Expansion unter.
Für eine Liste der Mitglieder siehe: Liste der Mitglieder des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages.
Geschichte mini|hochkant=1.2|Staaten der Kleinen Entente in SO-Europa
Seit dem Wirtschaftstheoretiker Friedrich List gab es in Deutschland eine Kontinuität an europastrategischen Überlegungen und Bestrebungen.Reinhard Opitz: Europastrategien des deutschen Kapitals 1900–1945. Pahl-Rugenstein, Köln 1977, S. 28f. Wegen der seit dem späten 19. Jahrhundert mit Deutschland rivalisierenden Industriestaaten und Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich im Westen Europas richtete sich das deutsche Hegemonialinteresse vorwiegend nach Mittel- und Südosteuropa.vgl. Seckendorf 1993, 14. Der Begriff Mitteleuropa ist in der politischen Debatte stets diffus geblieben, er lässt sich „weder geographisch noch politisch noch kulturell eindeutig verorten“.Wolfgang Mommsen: Die Mitteleuropaidee und die Mitteleuropaplanungen im Deutschen Reich vor und während des Ersten Weltkrieges. In: Richard G. Plaschka, Horst Haselsteiner, Arnold Suppan, Anna Drabek, Birgitta Zaar (Hrsg.): Mitteleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Verlag der Oesterreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1995, ISBN 3-7001-2138-5, 3–24, S. 4 Bereits 1904 gründeten deutsche Industrielle und Verbände (vorwiegend aus Sachsen und Schlesien) den Mitteleuropäischen Wirtschaftsverein (MEWV).Mitteleuropäischer Wirtschaftsverein, Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 917. Der MEWV vertrat partikularistische Interessen und stand für den Vorrang einer wirtschaftlichen Beherrschung des mitteleuropäischen Marktes, was jedoch auf den Widerstand der Reichsregierung traf, die den freien Welthandel bevorzugte und sich der wirtschaftlichen Herausforderung der USA stellen wollte.Hans-Peter Ullmann: Der Bund der Industriellen. Organisation, Einfluß und Politik klein- und mittelbetrieblicher Industrieller im deutschen Kaiserreich 1895–1915. Universität Köln, Dissertation, 1975; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, ISBN 978-3-525-35972-3, S. 205f. Demgegenüber bildete sich während des Ersten Weltkriegs unter dem Primat der militärischen Beherrschung ein „Donau-, Balkan- und Schwarzmeerländerverband“ (Dubvid). Ebenfalls unter militärischen Prämissen gab ein „Wirtschaftsausschuß Ukraine“, eine „Deutsch-Finnländische Vereinigung“, eine „Deutsch-Georgische Gesellschaft“ sowie ein „Deutsch-Nordischer Verband“ von 1916 bis 1918 die Zeitschrift Osteuropäische Zukunft heraus.Osteuropäische Zukunft. Zeitschrift für Deutschlands Aufgaben im Osten und Südosten. Untertitel: Amtliches Organ der …, es folgen die beteiligten Vereine, herausgegeben von einer Veröffentlichungsstelle für die verbündeten Osteuropäischen und Morgenländischen Vereine Berlin. Verleger waren Julius Friedrich Lehmann (bis 1917) und Callwey. Die von 1915 bis 1918 existierende Reichsdeutsche Waffenbrüderliche Vereinigung verfolgte ebenso eine militärisch durchzusetzende Dominanz eines Mitteleuropa unter deutscher Führung.
Hinter der 1916 von Emil Georg von Stauß und Arthur von Gwinner aus der Taufe gehobenen MITROPA stand bereits das Konzept eines von Deutschland beherrschten Wirtschaftsraumes Mitteleuropa.Christopher Kopper: Bankiers unterm Hakenkreuz. Wien 2005, S. 137.
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Industrie durch eine Reihe von Einschränkungen gezwungen – erst vorwiegend durch die Reparationsforderungen und dann ab 1929 durch die Weltwirtschaftskrise – ihre ökonomischen Aktivitäten immer mehr auf Mitteleuropa zu verlagern. Eine der wirtschaftlichen Ursachen für den Zwang zu einer Umorientierung in handelspolitischer Hinsicht war ein hoher Grad an Überkapazitäten vor allem in der hochrationalisierten und dennoch defizitären eisen- und stahlverarbeitenden Industrie. Daher wurde von der Schwerindustrie für die handelspolitische Umorientierung mit dem Schlagwort der „Umlagerung des Außenhandels“ geworben, was vor allem in der Reichswehr „spontan“ und gut aufgenommen wurde.Sohn-Rethel 1992, 77.
Die Initiative zum Aufbau des MWT ging Ende der 1920er-Jahre von der rheinischen Schwerindustrie aus. Als maßgebliche Auftraggeber für den MWT nennt der Industrielle Tilo von Wilmowsky seinen Schwager Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und Paul Reusch,Tilo von Wilmowsky: Rückblickend möchte ich sagen … an der Schwelle des 150jährigen Krupp-Jubiläums. Stalling, Oldenburg 1961, S. 188; 190. der MWT-Mitarbeiter und der als Marxist unerkannt gebliebene Alfred Sohn-Rethel führt allgemein die „Krupp-Werke“ an.Alfred Sohn-Rethel: Industrie und Nationalsozialismus. Aufzeichnungen aus dem »Mitteleuropäischen Wirtschaftstag«. Wagenbach, Berlin 1992, S. 83. Der Historiker Seckendorf grenzt die Urheber auf wenige Mitglieder der Ruhrlade ein.Martin Seckendorf: Entwicklungshilfeorganisation oder Generalstab des deutschen Kapitals? In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 8 (3), 1993a, S. 17, Fn. 35. 1928 begann die Suche nach einer geeigneten Organisationsform mit politisch neutralem Ansehen, unter deren Dach die wirtschaftliche Expansion und politische Hegemonie Deutschlands in Mitteleuropa konzentriert durchgesetzt werden konnte. Ihr Ergebnis war die unauffällige institutionelle Unterwanderung und wirtschaftspolitische Neuausrichtung der seit September 1925 bestehenden Mitteleuropäischen Wirtschaftstagung (MEWT) in Wien. Die MEWT ging auf die Initiative des Wiener Großkaufmanns und Lebensmittelindustriellen Julius Meinl und des ungarischen ehemaligen Staatssekretärs und Ökonomen Elemér Hantos zurück. Die Mitglieder der MEWT setzten sich aus den Vertretern von mehreren Landesgruppen unter anderem aus Österreich, der Tschechoslowakei, aus Ungarn und Großbritannien zusammen.Drews 2002, 204. Sie vertraten einen freihändlerischen Kurs, der zunächst in den Nachfolgestaaten der früheren Habsburgermonarchie etabliert werden sollte. 1926 zog sich Meinl wieder zurück, da er seine Idee einer Wiederherstellung der austriazentrischen Zollunion nicht durchsetzen konnte.Schwarzenau 1974, I, 45. Hantos arbeitete danach „im Auftrag der Kleinen Entente“ und „erhielt von der ČSR reichlich Mittel“.Schwarzenau 1974, I, 73.
Gründung und Struktur