hochkant=1.2|mini|Gedicht und Kalligraphie von Lǐ Bái (8. Jahrhundert)
Chinesische Literatur bezeichnet das in chinesischer Sprache geschriebene und veröffentlichte Schrifttum. Nicht dazu gehören insbesondere anderssprachige Werke der in der Volksrepublik China lebenden nationalen Minderheiten, sehr wohl aber im Ausland publizierte chinesische Texte. Wie Literatur in nahezu allen Kulturen war und ist die chinesische Literatur nicht nur eine Reflexion der jeweiligen Gesellschaft und des Lebens, sondern auch oft selbst ein Politikum. Exzellente Lese- und Schreibfähigkeiten und Beredsamkeit führten oft zu hohem Beamtenstatus. Diese Position erlaubte meist auch, aktiv zur Entwicklung der chinesischen Philosophie beizutragen. Auch einige Kaiser betätigten sich erfolgreich als Dichter und Literaten.
Mit der Sprache hat sich im Lauf der Zeit auch die Literatur gewandelt. Nicht nur die Wortwendungen oder Satzstrukturen haben sich geändert, sondern auch die Aussprache. So ist zum Beispiel zu erklären, warum sich die Gedichte aus der Zeit vor der Qin-Dynastie mit einer modernen chinesischen Lesung heute nicht mehr reimen. Gerade wegen der Dichtung lassen sich aber klassisch- oder antikchinesische Aussprachen wieder anhand der Dichtungsregeln rekonstruieren.
Die chinesische Literatur übte auch einen Einfluss auf die umgebenden Regionen aus, vor allem auf die Literaturen Koreas, Japans und Vietnams. Zugleich hat sie auch immer wieder Einflüsse von außen in sich aufgenommen. Viele bedeutende Literaten wie Li Bai waren außerhalb von China geboren. Einen wesentlichen Impuls verdankte sie u. a. dem Kontakt mit westlichen Völkern über die Seidenstraße sowie mit Völkern aus dem Süden.
Die Anfänge Aus der Shang-Dynastie stammen Inschriften auf Orakelknochen. Die ersten chinesischen Schriftdokumente, die als Literatur im eigentlichen Sinn bezeichnet werden können, stammen aus der Zhou-Dynastie. An deren Ende war bereits eine Vielzahl von Werken entstanden, von philosophischen Abhandlungen über Geschichtsbücher bis zu Gedichtsammlungen. Einige dieser Texte stammen wahrscheinlich aus noch früheren Zeiten und geben uns einen flüchtigen Blick in jene dunklen Zeiten.
Zu den wichtigsten Philosophen, deren Texte auch literarischen Wert besitzen, zählen unter anderem Konfuzius (孔子, Kǒngzi, „Meister Kong“), Laotse (老子, Lǎozi, „Meister Lao“, Verfasser des Tao Te King, 道德經), Zhuangzi (莊子, Zhuāngzi, „Meister Zhuang“), Mengzi (孟子, Mèngzi, lat. Mencius, „Meister Meng“) und Mozi (墨子, Mòzi). Auch das Werk von Sunzi (孫子, Sūnzi), Die Kunst des Krieges (孫子兵法, Sunzi bingfa) ist nicht nur ein Handbuch für Militärführer, sondern besitzt zugleich auch einen hohen literarischen Wert.
Den größten Einfluss übten die Werke von Konfuzius aus, allein schon wegen der staatsreligionsartigen Stellung, auf die der Konfuzianismus während der Han-Zeit gehoben wurde. Nicht zu Unrecht können die Werke um ihn und die Ru 儒-Schule als politische Handbücher zur korrekten Staatsführung verstanden werden. Seine Werke wurden in der Song-Dynastie zusammen mit anderen konfuzianischen Werken in den Fünf Klassikern und Vier Büchern zusammengefasst. Bei den Fünf Klassikern handelt es sich dabei um Textsammlungen der Zhou-Zeit oder sogar davor. Hier ist vor allem das Shi Jing, das chinesische Buch der Lieder, hervorzuheben, in dem Lieder jener Zeit gesammelt wurden. Es beginnt mit den Liedern, die bei religiösen Riten im Königshaus gesungen wurden und endet mit Volksliedern aus den Fürstenstaaten. Alle Lieder haben pro Zeile genau vier Schriftzeichen. Besonders die Volkslieder werden gelegentlich auch heute noch zitiert.
Eine einzigartige Stellung erlangt der Dichter Qu Yuan (屈原) mit seinen Chuci oder Elegien aus Chu (楚辭, zusammengestellt im 2. Jahrhundert n. Chr.), die sich durch ihre langen, relativ freien und emotionsgeladenen Gedichte auszeichnen.
Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) Das Buch Aufzeichnungen eines Großhistorikers (史記, Shĭ Jì) des Sima Qian (司馬遷) ist nicht nur ein bedeutendes Werk der chinesischen Geschichtsschreibung, zugleich ist es auch ein literarisch sehr hochstehendes Werk, das heute noch in den chinesischen Schulbüchern für klassisches Chinesisch zitiert wird.
Während der Han-Zeit haben sich die Gedichtformen weiterentwickelt, wobei zwei Traditionen entstanden. Die eine Tradition folgte dem Stil der ungebundenen Lyrik von Qu Yuan und wird Fu (賦, Fù) genannt. Auch in der Stimmung (Trauer oder Unmutsäußerungen) ahmte diese Tradition das Vorbild Qu Yuans nach. Die andere Tradition entwickelte sich aus den sehr strengen prosodischen Regeln folgenden Gedichten des Buches der Lieder. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich hier Gedichte mit fünf oder sieben Silben pro Verszeile (五言古詩, Wuyan Gushi, bzw. 七言古詩, Qiyan Gushi), die zu den „Gedichten im Alten Stil“ (古詩, Gushi) gezählt werden. Diese beiden Versmaße sollten sich in weiterentwickelter Form (近體詩, Jintishi oder „Gedichte im Neueren Stil“) besonders während der Tang-Dynastie entfalten. Die Han-Kaiser hatten sich auch bemüht, Volkslieder (樂府, Yuefu) aus allen Teilen des Reiches zusammenzutragen.
Eine andere große Gattung der Literatur war die Prosa. Die meisten dieser Texte äußerten sich zu einem bestimmten politischen Thema oder gaben Ratschläge für den Kaiser. Nach der heutigen Interpretation können sie zur Gattung der politischen chinesischen Essays gezählt werden.
Die Zeit zwischen Han und Tang (220–618) mini|Cao Pi, Detail aus der Dreizehn-Kaiser-Rolle, 7. Jahrhundert
Zum Ende der Östlichen Han-Dynastie erreichte die pentasyllabische Gedichtform (fünf Schriftzeichen pro Zeile) ihren Höhenpunkt. Selbst Staatsmänner wie Cao Cao und dessen Söhne Cao Pi und Cao Zhi schrieben Werke in dieser Gedichtform und erreichten ein hohes Niveau darin. Die Dichterin Cai Wenji, die zur gleichen Zeit lebte, schrieb in dieser Form ein langes Gedicht über ihre Erlebnisse in der Gefangenschaft der Xiongnu, das eine Länge von über hundert Zeilen erreichte. Auch Volkslieder bedienten sich dieser Gedichtform. Das bekannteste Beispiel ist das Gedicht Mulan Ci (木蘭辭), welches die Geschichte der jungen Frau Hua Mulan erzählte, die an Stelle ihres Vaters zur Armee ging und gegen die Hunnen kämpfte. Durch die (den Handlungsverlauf allerdings stark verändernde) Disney-Verfilmung ist die Geschichte auch in der westlichen Hemisphäre bekannt geworden. Alles in allem ist die literarische Produktion während der Unruhezeiten zwischen Han- und Tang-Dynastie im Vergleich zu den Epochen davor und danach etwas dünn gesät.
Tang-Dynastie (618–907) Die Tang-Dynastie gilt von jeher als der Gipfel der chinesischen Kaiserzeit, so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass aus dieser Zeit zahlreiche literarische Werke bis heute überdauert haben. Der gesellschaftliche Reichtum, die soziale Sicherheit und eine ungewöhnliche politische Meinungsfreiheit besonders zu Anfang der Tang-Zeit haben ein Feuerwerk literarischen Schaffens hervorgebracht.
Lyrik Besondere Blüte erlebten die penta- und heptasyllabischen Gedichtformen, vor allem das Lüshi (律詩, „regelmäßiger Achtzeiler“) und das Jueju (絕句, „Vierzeiler“). Ein in der Qing-Dynastie zusammengetragener Gedichtband Alle Tang-Gedichte (全唐詩) enthält über 48.900 Gedichte von über 2200 Dichtern. Herausragende Vertreter dieser Epoche sind die drei Dichter Li Bai (李白), Du Fu (杜甫) und Bai Juyi (白居易).
mini|links|hochkant=0.7|Lǐ Bái, Tuschmalerei von Liáng Kǎi
Li Bai, der in der Blütezeit der Tang-Herrschaft lebte, wurde schon zu Lebzeiten als ein Genie gefeiert und war ein gerngesehener Gast in der gehobenen Gesellschaft (einschließlich des Kaiserhofs). Sein ungezügelter und undisziplinierter Lebensstil versperrte ihm den Zugang zu einer Beamtenlaufbahn. Dafür wanderte er durch das ganze Reich und besang das Land und die Menschen in seinen Gedichten. Obwohl diese sehr exakten Silbenzahlvorgaben und Betonungsschemata folgen, wirken sie ungekünstelt und sind durchdrungen von Li Bais Freiheitsdrang, manchmal erahnt man auch einen gewissen Hochmut in seinen Zeilen. Li Bai genießt in China bis heute den Status eines „Heiligen der Dichtung“. Du Fus Lebenszeit überschneidet sich zum Teil mit derjenigen Li Bais. Du Fu erlebte, wie die Tang-Dynastie durch die An Lushan-Rebellion und die nachfolgenden Kriege schwer geschwächt wurde. Er schilderte in seinen Gedichten das reale Leben der Menschen jener Zeit. Viele seiner Gedichte haben sich von den Einschränkungen des vier- oder achtzeiligen Versmaßes befreit, sie sind lange Erzählgedichte. Zudem sind sie in einer allgemeinverständlichen Sprache geschrieben. Bai Juyi lebte gegen Ende der Tang-Zeit. Auch er schrieb längere Gedichte, die freier wirken als die Gedichte aus früheren Zeiten.
Eine literarische Strömung der Tang-Zeit ist die Antike-Sprache-Bewegung (古文運動). Die Vertreter dieser Bewegung propagierten die Rückbesinnung auf die ungeschmückte, knappere und sachlichere Sprache der Han- und Vor-Han-Zeit. Sie wandten sich gegen den gekünstelten Sprachgebrauch, der seit der Zeit der Zeit der Nord- und Süd-Dynastien in China seine Blüten trieb. Viele Literaten dieser Bewegung sind hervorragende Essayisten. Besonders berühmte Vertreter dieser Strömung sind Han Yu (韓愈) und Liu Zongyuan (柳宗元). Es hat in der chinesischen Geschichte mehrfach Strömungen gegeben, deren Schlachtruf eine Rückführung auf eine frühere, einfachere und konzisere Sprache war. Die Antike-Sprache-Bewegung der Tang-Zeit war die erste und auch eine der nachhaltigsten.
Tang-Novelle Die Novellen der Tang-Dynastie sind von vergleichsweise komplexer Erzählstruktur und werden traditionell in vier Gruppen unterschieden, nämlich in Liebesgeschichten, historische Geschichten, Heldenerzählungen und phantastische Geschichten.
Bekannt geworden ist die Epoche indes hauptsächlich für ihre phantastischen Novellen, die üblicherweise als Chuanqi (傳奇, wörtlich „Überlieferungen von seltsamen Ereignissen“) bezeichnet werden. Sie spielen zwar mit in der realen Welt der Tang-Zeit und nehmen häufig Bezug auf bekannte Örtlichkeiten insbesondere in der Hauptstadt Chang’an, bringen den Protagonisten aber häufig in Kontakt mit übersinnlichen oder phantastischen Welten. Zu nennen ist insbesondere Die Geschichte vom Gouverneur des Südbezirks (南柯太守傳, Nánkē tàishǒu zhuàn) von Li Gongzuo (李公佐), in der der Erzähler in einem Traumerlebnis in einem Ameisenhaufen einen vollendeten Staat vorfindet. In Fräulein Ren (任氏傳, Rènshì zhuàn) von Shen Jiji (沈既濟) aus dem Jahre 781 wird von der Begegnung eines jungen Mannes mit einem weiblichen Fuchsgeist berichtet.
Als Beispiel für eine historische Novelle sei Du Guangtings (杜光庭; 850–933) Der Alte mit dem lockigen Bart (虯髯客傳, Qiuranke zhuan) genannt, die den Gründer der Sui-Dynastie, Kaiser Wen, glorifiziert. Zu den bekanntesten Liebesgeschichten der Epoche gehört Leben des Fräulein Li (李娃傳, Lǐ Wá zhuàn), die von der Liebe eines jungen Gelehrten zu einer liederlichen, am Ende aber geläuterten Kurtisane handelt.
Es existieren auch umfangreiche Novellensammlungen; zu nennen sind insbesondere die Berichte von Geheimnisvollem und Außergewöhnlichem (玄怪錄, Xuanguai lu) von Niu Sengru (牛僧孺; 780–848), die Berichte aus dem Palastgemach (宣室志, Xuanshi Zhi) von Zhang Du (張讀; 834 [?] – 882) sowie die Sammlung von Unerhörtem (异闻集, Yiwen Ji) des Chen Han (陈翰).
Song-Dynastie (etwa 960–1279) Die Song-Dynastie ist zwar in der chinesischen Geschichte eine relativ schwache, und auch recht instabile Dynastie, nichtsdestoweniger war sie eine Glanzzeit der chinesischen klassischen Kunst, wahrscheinlich auch begünstigt durch die starke Förderung der Song-Kaiser. So war zum Beispiel Kaiser Huizong von Song selbst ein begabter Maler und Kalligraph und hatte viele Künstler zu hohen Beamten bestellt, die allerdings alle in ihren Ämtern versagten und so das Schicksal der Nördlichen Song-Dynastie besiegelten.