mini|Wassenberg im 17. Jahrhundert

Als Wassenberger Prädikanten wird eine Gruppe von Predigern bezeichnet, die während der Reformation im Maasland zwischen dem Hochstift Lüttich und dem Herzogtum Kleve die neue Lehre predigten, wegen der zunehmenden Verfolgung in das vorerst sichere Wassenberg und Umgebung fliehen mussten und später in das Täuferreich von Münster zogen, wo sie sich für die Gläubigentaufe aussprachen. Dort hatten sie einen maßgeblichen Einfluss. Ein Großteil der Wassenberger Prädikanten erlitt in den Jahren nach 1534 den Märtyrertod.

Der Begriff Prädikant mini|Das heutige Wassenberg im Kreis Heinsberg

Im deutschen Sprachraum und besonders in den lutherischen Kirchen bedeutet das Wort Prädikant „Laienprediger“. Es handelte sich in diesem Fall aber bis auf eine Ausnahme um Theologen, die bereits Seelsorger tätig waren, überwiegend vor ihrem Übergang zur Reformation für die Römisch-katholische Kirche. Wassenberg liegt im sprachlichen und politischen Grenzgebiet der Provinz Limburg (Niederlande) und Deutschland. Noch Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte Wassenberg zu den Burgundischen Niederlanden. Es handelt sich hier um die niederländische Bedeutung des Wortes, nämlich um professionelle evangelische Seelsorger und nicht um Laienprediger.

Vorgeschichte: Aufstieg der Reformation auch im Maasland mini|Titelseite der 46 Artikel des Frankfurter Zunftaufstandes 1525

In den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts erreichte die erste Welle der Reformation das Maasland. Schon 1503 nennt ein Theologe einen der Gründe, warum die Reformation auch bei den Menschen im Maasland gut ankam: „Aus langer Weile bei ihrem Amte verfallen sie anstatt auf Bücher aufs Spiel, Schwelgen und unzüchtiges Leben, ohne sich aus der allgemeinen Verachtung etwas zu machen. Das Evangelium nennt den Weg zum Himmel enge, sie aber machen ihn breit und lustig.“Johann Arnold von Recklinghausen, Reformations-Geschichte der Länder Jülich, Berg, Cleve, Meurs, Mark, Westfalen und der Städte Aachen, Cöln und Dortmund, Bd. I, S. 7Rembert, S. 61 Etwa zur gleichen Zeit, um 1525, wütete in Kastilien in den Jahren 1520–1521 der Comuneros-Aufstand (Aufstand der freien Städte), im südlichen Deutschland der Deutsche Bauernkrieg und der Frankfurter Zunftaufstand. 1533 oder 1534 sollte Gerhard Westerburg in Münster vom Prädikanten Heinrich Roll aus der Gruppe der Wassenberger getauft werden. Dieser Westerburg war der wahrscheinliche Autor einer Liste von 46 Artikeln, die der Stadtrat von Frankfurt am 22. April 1525 gezwungen wurde zu verabschieden, eines der frühesten revolutionären Dokumente mit Forderungen auf dem Gebiet von Menschenrechten, Sozialpolitik und Religionsfreiheit. Diese Revolten waren sowohl sozial als auch religiös motiviert und auch im Maasland bekannt. Für das gemeine Volk waren sie eine Quelle der Hoffnung, für den Hochadel ein Grund zur Sorge. Denn einige der Prediger entwickelten neue Ideen nicht nur über die Religion, sondern auch über die Missstände in der Kirche und der Gesellschaft. Infolge dieser Europaweit wirkenden soziale und wirtschaftliche Faktoren der Reformation wurde besonders die Verfolgung dem radikalen Flügel der Reformation stark intensiviert. Dazu gehörten die Täufer, die Antitrinitarier (Unitarier) und Spiritualisten („Schwärmer“).

Theologische Entwicklung der Prädikanten im Maasland Die ersten Prediger, die die neuen Ideen im Maasland und ab 1517 auch im Jülich reformatorisches Gedankengut propagierten, wurden von verschiedenen theologischen Strömungen beeinflusst: Lutheraner, Sakramentariern, Zwinglianern, Antitrinitariern und Spiritualisten. Sie machten zudem individuell eine stürmische Entwicklung durch. Es ist daher schwierig festzustellen, zu welcher Zeit sie welcher Richtung angehörten. Dies spielte für die Behörden meist sowieso keine Rolle, es wurde kaum zwischen den verschiedenen reformatorischen Strömungen unterschieden; sie alle wurden der Einfachheit halber alle Lutheraner oder später Wiedertäufer genannt.Rembert, S. 75 Der Mehrheit der Bevölkerung wurde der Unterschiede erst ein halbes Jahrhundert später klar. Die gleiche Verwirrung herrschte im Hochstift Lüttich.Lenoir, Histoire de la réforme dans le pays de Liège, S. 21

Ein maßgeblicher Vertreter der neuen Ideen war der Antitrinitaner Johann Campanus. Schon 1521 hielt er sich auf Einladung des Wassenberger Drosten Werner IV. von Palant auf dessen Burg auf. Nach seinem Studium in Wittenberg kam er zunehmend im Widerspruch zur lutherischen Richtung der Reformation. Anfang der 1520er Jahre beriefen sich auch die anderen Prediger im Maasland zunächst vor allem auf Luther, übernahmen dann aber, unter dem Einfluss von Heinrich Roll, zunehmend Ansichten von Huldrych Zwingli. Unter dem Einfluss der Sakramentarier verteilten sie das Abendmahl in beiden Formen und verneinten jedwede gnadenbringende Wirkung. Von Roll erschien dazu das Büchlein De Slotel van dat Secret des Nachtmaels (Der Schlüssel zum Mysterium des Abendmahls). Die Taufe stand noch nicht zentral. Roll und Campanus waren ursprünglich nicht vollständig täuferisch, sondern sie schlossen sich nach und nach dieser Richtung an.Rembert, S. 87 Dies gilt auch für die anderen Prädikanten, die in den 1530er Jahren nach Wassenberg flüchten sollten. Aber auch danach ist die Vielfalt theologischer Einflüsse noch zu erkennen, wie aus vielen Vernehmungsprotokollen von „Wiedertäufern“ hervorgeht, vor allem in Maastricht. Einstimmigkeit herrschte nur in einigen sehr zentralen Punkten, wie über die Taufe und der zunehmenden Ablehnung derer, die sie nicht für wahre Christen hielten. Die katholische Kirche, aber genauso auch die lutherische und die calvinistische Kirche wurden als Gräuel angesehen und sie sahen sich als die ersten wahren Christen seit der Zeit des Urchristentums, die die wahre Kirche wiederherstellen mussten.Christiaan Sepp, Kerkhistorische studiën, Leiden 1885, S. 6–7 Der erste im Maasland, der diese Idee der Wiederherstellung der Apostelkirche und den dafür verwendeten Begriff Restitution zum Ausdruck brachte, war nach Rembert Johann Campanus. Diese Idee stand im Mittelpunkt des gesamten sogenannten „radikalen“ Flügels der Reformation. Campanus schrieb 1531: „Die wahre Kirche hat seit 1400 Jahren nicht existiert. Aber jetzt ist die Zeit der Restitution gekommen.“Rembert, S. 244.Friedmann, Robert, Campanus, Johannes (ca. 1500-1575). Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. 1953. Sie lehnten eine zentrale kirchliche Autorität ab. Campanus nannte Luther den Papst von Sachsen.Willem Bax, Het Protestantisme in het bisdom Luik en vooral te Maastricht, 1505-1557, ’s-Gravenhage 1937, Uitg. Martinus Nijhoff, S. 44 Sie hatten also auch kein theologisches Zentrum, wie Wittenberg mit Martin Luther oder Genf mit Johannes Calvin, und somit auch keines für eine einheitliche Lehre. Darüber hinaus glaub(t)en die Täufer, dass auch Laien als Prediger auftreten und taufen können. Der Schweizer Konrad Grebel (1498–1526), ein Laie, tat dies als erster und wurde deshalb als Taufvater bezeichnet. Tatsächlich wurde damit der Unterschied zwischen Laien und Geistlichen aufgehoben.Sepp, S. 20 Auch die Sakramentarier und Anti-Trinitarier hatten keine zentrale Führung und es ist unmöglich, diese Richtungen scharf zu unterscheiden.

Die Maasländischen Anabaptisten und die Obrigkeit Auch aus diesem Grund spielte die Einstellung zur Obrigkeit eine immer wichtigere Rolle. Zum Beispiel wussten die Behörden der vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg schon zum Zeitpunkt der Kirchenvisitation 1533, welche Frage sie bei der Prüfung einer möglichen Täufersympathie stellen mussten: Ob denn die Obrigkeit abgelehnt würde.Rembert, S. 73 Die Täufer hinterfragten offen das Recht der Obrigkeit, in Gewissensfragen zu entscheiden, und sie ernannten auch eigene Friedensrichter. Inspiriert von den Waldensern plädierten sie für die Abschaffung von Zinsen und Zehnten, sie weigerten sich, Eide abzulegen und Militärdienst zu leisten, und viele befürworteten auch die Gütergemeinschaft (in verschiedenen Formen), wie sie ihrer Ansicht nach bei den Aposteln vorherrschend war.Rembert, S. 94 Die Gütergemeinschaft und die Abneigung gegen die „Obrigkeit der Heiden“ standen aber im Widerspruch zu den Lehren des Laienpredigers und Propheten der Täuferbewegung, Melchior HofmannW.I. Leendertz, Melchior Hofmann, Haarlem 1883, S. 354

mini|Verbrennung der Täuferin Anneken Hendriks im Oktober 1571

Zunehmende Verfolgung der Täuferbewegung Aufgrund ihrer Abneigung nicht nur gegen die alte Kirche, sondern auch gegen die anderen Reformatoren und vor allem gegen die Obrigkeit wurden die Täufer zunehmend auch im Maasland verfolgt.Als Ursache für ihre wachsende Verzweiflung und Wut schreibt der Historiker Friedrich Nippold, dass die „grässliche Verfolgung“, der „die zu Verbrechern gestempelten Schwärmer seit einer Reihe von Jahren ausgesetzt gewesen, aus den Schwärmern schliesslich notwendig Verbrecher machen musste“.Friedrich Nippold, David Joris von Delft, in: Zeitschrift für die historische Theologie 1863 S. 523, zitiert von Rembert auf S. 385 Und weiter: „Die Menschen waren noch nicht mit der grausamsten Strafe, mit der schlimmsten Folter zufrieden, sondern forderten noch härtere Maßnahmen.“ Schon bis zum Jahre 1530 wurden in Deutschland mehr als 2000 „Wiedertäufer“ hingerichtetSebastian Franck, Chronik, Fol. 445., zitiert von Rembert auf S. 448Dr. Ludwig Keller, zu seiner Zeit Staatsarchivar in Münster, schrieb dazu: „Es lag in der Natur der Verhältnisse und wird durch gleichzeitige Berichte von gegnerischer Seite bestätigt, dass die unerhörten Grausamkeiten, welche die regierenden Gesellschaftsklassen gegen die armen verführten Menschen sich hatten zu Schulden kommen lassen, den leidenschaftlichen Wunsch nach Rache in den zurückgebliebenen erweckt hatten.“Dr. Ludwig Keller, Zur Geschichte der Wiedertäufer nach dem Untergang des Münsterschen Königreichs. Artikel in Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst, I 1882 S. 437 Gemeint sind wohl die Hinterbliebenen.

Seit Mitte der 1520er Jahre hatte die Verfolgung im gesamten Maasland zugenommen. So auch in Maastricht, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum des Maaslandes nördlich von Lüttich. Die Entwicklungen in Maastricht und rund um Wassenberg können nicht separat betrachtet werden. Wahrscheinlich waren die Maastrichter Zünfte, und besonders die der Schmiede, so allgemein zum täuferischen Glauben und verwandten Richtungen übergetreten, dass sie auf ihren Versammlungen frei über Glaubensfragen sprechen konnten. Es kamen Täuferflüchtlinge aus den umliegenden Gebieten, auch aus dem Herzogtum Jülich.Rembert, S. 75 ff. (hoofdstuk 5: Die Anfänge des Täufertums in Maastricht) Aber auch in Maastricht wurde die Verfolgung immer stärker. Am 9. Dezember 1528 wurde ein Buchhändler namens Adriaan verhört. Ihm wurde vorgeworfen, ketzerische Bücher verkauft zu haben, wie zum Beispiel Übersetzungen des Alten und Neuen Testamentes (!). Er wurde gezwungen, die Namen seiner Kunden preiszugeben. Damit begann dort die massive Verfolgung.Bax, S. 77

mini|Schloss von Wassenberg, gebaut ca. 1420

Zuflucht in Wassenberg und Umgebung So mussten viele Prediger aus dem Maasland fliehen, und zwar nach Wassenberg und Umgebung. Denn da fanden sie Zuflucht bei Werner von Palant und in einigen benachbarten Herrschaften. Es strömten auch ihre Anhänger in großer Zahl aus dem ganzen Maasland herbei, um weiterhin ihren Prädikanten zuhören und das Abendmahl nach ihren eigenen Vorstellungen feiern zu können.Bax, S. 37 Die Protokolle der Vernehmungen der zahlreichen Häftlinge in Maastricht und der Kirchenvisitation von 1533 in den vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleef-Berg zeigen, wie stark die Verbindung zwischen Maastricht und der Umgebung von Wassenberg war, wie auch den wachsenden Einfluss dieser Wassenberger Prädikanten, die den Schutz durch vier lokale Herren genossen.Rembert, Die „Wiedertäufer“, S. 83 ff.

Die Asylgebenden