mini|Die Iwanhorod-Einsatzgruppen-Fotografie zeigt die Erschießung von Juden durch Einsatzgruppen nahe Iwanhorod in der Ukraine (vermutlich 1942).
Die Einsatzgruppen (Egr) der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) waren ideologisch geschulte, teils mobile, teils stationäre „Sondereinheiten“, die der Reichsführer SS Heinrich Himmler im Auftrag Adolf Hitlers für Massenmorde beim Überfall auf Polen 1939, im Balkanfeldzug 1941 und vor allem im Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945 aufstellen und einsetzen ließ. Die Einsatzgruppen dienten der schrittweisen Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenideologie und VölkermordpolitikWolfgang Benz, Konrad Kwiet (Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin): Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Bände 7–8, Campus, 1998, S. 71. und waren mit anderen Tätergruppen wesentlich am Holocaust (Schoah) und am Völkermord an den Sinti und Roma beteiligt. Sie waren gegliedert in sogenannte Einsatzkommandos (EK), die im „rückwärtigen Heeresgebiet“ operierten, sowie Sonderkommandos (SK), die im „rückwärtigen Armeegebiet“ eingesetzt wurden, und umfassten insgesamt bis zu 3000 Mann.
Im Herrschaftsbereich der Sowjetunion und auf dem Balkan ermordeten sie in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht ab 1941 Juden, Roma (damals „Zigeuner“ genannt), Kommunisten, tatsächliche und vermeintliche Partisanen, „Asoziale“ sowie psychisch Kranke, geistig oder körperlich Behinderte. Die gesamten Opferzahlen belaufen sich auf mindestens 600.000 bis 1,5 Millionen. Die Haupttäter waren Angehörige der Sicherheitspolizei (Sipo) – bestehend aus Geheimer Staats- (Gestapo) und Kriminalpolizei (Kripo) –, des Sicherheitsdienstes (SD), der Ordnungspolizei (Orpo) und der Waffen-SS.
In mehreren Prozessen wurden ab 1948 einzelne Angehörige der Einsatzgruppen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation verurteilt. Records of the United States Nuremberg War Crimes Trials, Vol. 4, United States Government Printing Office, District of Columbia 1950, S. 568–570.
Einsatzgruppen vor dem Zweiten Weltkrieg Himmler hatte seit seiner Ernennung zum „Reichsführer SS“ (1929) begonnen, die SS, eine Unterorganisation der NSDAP, zu einer bewaffneten, paramilitärischen Elitetruppe auszubauen. Dazu hatte Reinhard Heydrich seit 1931 den „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD) übernommen und ausgebaut. Ab Frühjahr 1933 erhielt er als eine zentrale, deutschlandweite Organisation seine eigentliche Bedeutung als Institution der Machtsicherung mit allen Mitteln. Nach dem Röhm-Putsch 1934 wurde Himmler auch Chef der politischen, 1936 auch der sonstigen deutschen Polizei. Er strebte mit Heydrich eine enge Verbindung von SS, SD und Polizei an. Für besondere Aufgaben vor fast jeder Gebietsexpansion ließ Himmler aus den Reihen der ihm unterstellten Organisationen seit 1938 besondere „Einsatzkommandos“, auch „Sonder-“ oder „Spezialeinheiten“ genannt, aufstellen.Josef Fiala: „Österreicher“ in den SS-Einsatzgruppen und SS-Brigaden. Die Tötungsaktionen in der Sowjetunion 1941–1942. Diplomica Verlag, 2010, ISBN 3-8428-5015-8, S. 18. Zuständig für ihren Aufbau war bis 1940 SS-Obergruppenführer Werner Best.Barbara Distel: Best, Werner. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 2/1: Personen A–K. Walter de Gruyter/Saur, ISBN 3-598-44159-2, S. 75. Diese Gruppen sollten zeitgleich mit dem jeweiligen Einmarsch deutscher Truppen in ein neues Gebiet dort die „Bekämpfung der Reichsfeinde“ übernehmen, vor allem durch Ermittlungen, Festnahmen und später auch Massenerschießungen sowie Deportation. Sie hatten bereits vor September 1939 konkrete Mordaufträge, die aber oft Einzelpersonen betrafen und mit Kriegsbeginn erhebliche Handlungsspielräume bei der Auslegung der ihnen erteilten Befehle.Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt 2003, S. 48. Ihre Aufstellung markierte den Übergang zu einer systematischen Verfolgung aller tatsächlichen und vermeintlichen Gegner des NS-Regimes in diesen Gebieten.Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938–1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2006, ISBN 3-486-57980-0, S. 191.
Bei der Okkupation Österreichs 1938 wurde das im gleichen Jahr zusammengestellte Einsatzkommando Österreich in Deutschland vorbereitet, ausgerüstet und von deutschem Territorium aus eingesetzt. Es bestand aus deutschen Sicherheitspolizei-, SS- und SD-Angehörigen und wurde von SS-Standartenführer Franz Six geführt. Seine Aufgabe war die Festnahme von Gegnern des „Anschlusses“ nach vorbereiteten Fahndungslisten.Franz Weisz: Die geheime Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Wien 1938–1945. Organisation, Arbeitsweise und personale Belange. Diss. Universität Wien, Wien 1991, S. 23. Die Erstellung dieser Listen erfolgte durch Kräfte der Gestapo, des Sicherheitsdienstes in Zusammenarbeit mit dem Militärattaché an der deutschen Botschaft in Wien.
Bei der Besetzung des Sudetenlandes im September 1938 taucht erstmals der Begriff Einsatzgruppe in der NS-Verwaltungssprache auf: Er bezeichnete die Einsatzgruppe Dresden, die aus fünf Einsatzkommandos unter SS-Standartenführer Heinz Jost bestand, und die Einsatzgruppe Wien mit zwei Einsatzkommandos unter SS-Standartenführer Walter Stahlecker. Beide wurden von der Gestapo aufgestellt und entsandt, die Zuständigkeit beanspruchte, weil die Sudetendeutschen als Reichsbürger definiert wurden. Die Kommandos sollten in einem „Sondereinsatz“ relativ selbständig alle Gestapo-Aufgaben in ihrem Bereich durchführen, also „reichsfeindliche“ Personen mittels einer „Sonderfahndungsliste“ und Anzeigen von Sudetendeutschen festnehmen, ihre Unterlagen beschlagnahmen, ihre Einrichtungen auflösen, tschechoslowakische Polizeistellen besetzen und den Post- und Fernsprechverkehr überwachen. Das Misshandeln und Töten festgenommener und Schikanieren unbeteiligter Personen war ihnen streng verboten, weil dieses Verbot nötig erschien.Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938–1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2006, S. 191–193. Sie nahmen etwa 10.000 Menschen fest und vertrieben zusammen mit sudetendeutschen Organisationen zahlreiche Tschechen aus ihren Wohngebieten.
Für die Besetzung von Böhmen und Mähren (der „Rest-Tschechei“) im März 1939 wurden die Einsatzgruppe I Prag und die Einsatzgruppe II Brünn aufgestellt. Sie waren wiederum in mehrere Einsatzkommandos unterteilt: Budweis, Prag, Kolin, Pardubitz, Brünn, Olmütz, Zlin, das Einsatzkommando 9 Mies unter SS-Hauptsturmführer Gustav vom Felde und das Sonderkommando Pilsen. Auch sie nahmen etwa 10.000 Menschen fest.
Polen mini|Angehörige einer Einsatzgruppe in Polen (September 1939) mini|Polnische Frauen werden zu einer Massenexekution in einen Wald in der Nähe von Palmiry geführt (1940).
Aufstellung und Aufgabe Am 11. April 1939 erteilte Hitler der Wehrmacht die „Weisung Nr. 1“, den Überfall auf Polen militärisch vorzubereiten („Fall Weiß“).Horst Rohde: Hitlers erster „Blitzkrieg“ und seine Auswirkungen auf Nordosteuropa. In: Klaus A. Maier u. a., Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 2: Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent. DVA, Stuttgart 1979, S. 82. Das ermöglichte Himmler und Heydrich, SS, SD und Sicherheitspolizei auch außerhalb deutscher Reichsgebiete für eine rassistische Bevölkerungspolitik (genannt „völkische Flurbereinigung“) einzusetzen. Dazu beschloss eine Konferenz unter Leitung Heydrichs am 5. Juli 1939, zunächst fünf Einsatzgruppen aufzustellen. Sie wurden den fünf für den Überfall auf Polen vorgesehenen Armeen der Wehrmacht zugeordnet und dem Oberkommando des Heeres (OKH) unterstellt.
Die insgesamt 16 Einsatzkommandos bestanden aus je 120 bis 150 Mann mit einer Gesamtstärke von 2700Helmut Krausnick: Hitlers Einsatzgruppen. Frankfurt am Main 1989, S. 28. Dabei ist die Einsatzgruppe „z.b.V.“ nicht mitgezählt: S. 255, Fn 10. bzw. 3000 Mann.Christopher Browning: Die Entfesselung der Endlösung. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939–1942. List Taschenbuch, 2006, ISBN 3-548-60637-7, S. 36.
Werner Best organisierte ihren Aufbau und ihre Ausrüstung. Daraufhin wurden aufgestellt: Einsatzgruppe I unter SS-Standartenführer Bruno Streckenbach. Sie bestand aus vier Einsatzkommandos unter: (1) SS-Sturmbannführer Ludwig Hahn, (2) SS-Sturmbannführer Bruno Müller, (3) SS-Sturmbannführer Alfred Hasselberg, (4) SS-Sturmbannführer Karl Brunner. Einsatzgruppe II unter SS-Standartenführer Emanuel Schäfer bestand aus zwei Einsatzkommandos unter: (1) SS-Obersturmbannführer Otto Sens, (2) SS-Sturmbannführer Karl-Heinz Rux. Einsatzgruppe III unter SS-Obersturmbannführer und Regierungsrat Hans Fischer bestand aus zwei Einsatzkommandos unter: (1) SS-Sturmbannführer Wilhelm Scharpwinkel, (2) SS-Sturmbannführer Fritz Liphardt. Einsatzgruppe IV unter SS-Brigadeführer Lothar Beutel (ab 23. Oktober 1939 SS-Obersturmbannführer Josef Meisinger) bestand aus zwei Einsatzkommandos unter: (1) SS-Sturmbannführer und Regierungsrat Helmut Bischoff, (2) SS-Sturmbannführer und Regierungsrat Walter Hammer Einsatzgruppe V unter SS-Brigadeführer Ernst Damzog bestand aus drei Einsatzkommandos unter: (1) SS-Sturmbannführer und Regierungsrat Heinz Gräfe, (2) SS-Sturmbannführer und Regierungsrat Robert Schefe, (3) SS-Sturmbannführer und Regierungsrat Walter Albath.
Die fünf Einsatzgruppen waren hierbei von Süden nach Norden sortiert; Einsatzgruppe I war der 14. Armee zugeteilt, Einsatzgruppe II der 10. Armee, Einsatzgruppe III der 8. Armee, Einsatzgruppe IV der 4. Armee und Einsatzgruppe V der 3. Armee.
Der Auftrag dieser Gruppen ist nach Quellenlage noch nicht restlos geklärt. Nach den einvernehmlich mit der SS beschlossenen „Richtlinien“ des OKH vom 5. Juli 1939 sollten sie „die Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente im Feindesland rückwärts der fechtenden Truppe“ durchführen. Dieser bewusst vage Auftrag erlaubte den Einsatzgruppenleitern, ihr Vorgehen weitgehend selbst zu bestimmen und ihre Opfer selbst auszuwählen.Carsten Dams, Michael Stolle: Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich. C.H. Beck, München 2011, ISBN 3-406-62898-2, S. 140. Laut Nachkriegsaussagen beteiligter Zeugen erklärten Himmler und Heydrich ausgewählten Einsatzgruppenführern Mitte August 1939, ihnen sei „im Rahmen der Bekämpfung von Widerstandsbewegungen und -gruppen alles erlaubt …, also sowohl Erschießungen als auch Verhaftungen.“ Dabei hätten sie die polnischen „Intelligenzler“ (Inteligencja) nicht ausdrücklich erwähnt.Klaus-Michael Mallmann, Jochen Böhler, Jürgen Matthäus (Hrsg.): Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 3-534-21353-X, S. 121. Jedoch erwarteten Wehrmacht und SS Widerstand gegen die Deutschen seit Mai 1939 besonders seitens Angehöriger der Eliten, Intelligenz und Juden Polens. Hitler erklärte den Wehrmachtsgenerälen am 22. August 1939, er habe „einstweilen nur im Osten“ aufgestellten SS-Totenkopfverbänden den Befehl gegeben, „unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken“. Dies deutet der Historiker Jochen Böhler als umfangreichen Exekutionsauftrag an die Einsatzgruppen parallel zum Eroberungsauftrag Hitlers an die Wehrmacht.Jochen Böhler: Die Zerstörung der Nachbarschaft. Die Anfänge des Vernichtungskrieges in Polen 1939. In: Mike Schmeitzner, Katarzyna Stoklosa (Hrsg.): Partner oder Kontrahenten? Deutsch-polnische Nachbarschaft im Jahrhundert der Diktaturen. Lit Verlag, 2008, ISBN 3-8258-1254-5, S. 79.