mini|Versehrte des Zweiten Weltkrieges (1946)
Kriegsversehrte werden Menschen genannt, deren dauerhafte physische (körperliche) oder psychische Versehrtheit eine Folge kriegerischer Einwirkungen bzw. einer Kriegsgefangenschaft ist.Zur Situation in den Kriegsgefangenenlagern vgl. Lager Heilbronn und Rheinwiesenlager. Kriegsbedingt Amputierte, Gelähmte, Gesichtsversehrte, die als KriegszermalmteMichael Hagner: Der Geist bei der Arbeit. Historische Untersuchungen zur Hirnforschung, Wallstein Verlag, Göttingen 2013, S. 105. bezeichnet wurden, Hirnverletzte, Hör- und SehgeschädigteErblindungen gehörten im Ersten Weltkrieg auch zu den Folgeerscheinungen des Gaseinsatzes, vgl. Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges. zählen zur Gruppe der Kriegsversehrten.
Nach beiden Weltkriegen wurden in Deutschland Versehrte durch unterschiedliche Maßnahmen beruflich gefördert. Kriegsversehrte haben dazu beigetragen, die Integration von Menschen mit Behinderung in der Bundesrepublik Deutschland voranzubringen.
Zu den bekannten Versehrten des Ersten Weltkrieges gehören der deutsche Sozialdemokrat Kurt Schumacher und der Hamburger Schulsenator Heinrich Landahl. Der spätere Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde im Zweiten Weltkrieg, 1943, zum Kriegsversehrten.
In der Zeit des Nationalsozialismus umfasste die Aktion T4 auch Kriegsversehrte., abgerufen am 14. Januar 2020. Zu ihnen zählte Karl RueffStolpersteine Guide: Karl Rueff, abgerufen am 7. Juli 2024., der 1940 in Grafeneck ermordet wurde.
Anzahl der Kriegsversehrten Das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert zweier Weltkriege, ist auch das Jahrhundert der Kriegsversehrten. Im Ersten Weltkrieg kamen millionenstarke Wehrpflichtarmeen zum Einsatz. Deutlich mehr Menschen als in vorangegangenen Kriegen waren in das Kampfgeschehen einbezogen. Insbesondere die Verwendung von Explosivgeschossen durch die Artillerie hatte zahlreiche Verwundungen zur Folge. Seit 1915 wurden zum verbesserten Kopfschutz Stahlhelme erprobt, die in der deutschen Armee ab 1916 zur Ausrüstung gehörten.Bruno Schrep: Gebrochen an Leib und Seele, abgerufen am 14. Januar 2020.Volker Hartmann: Kriegsverletzungen und ihre Behandlung im Ersten Weltkrieg anhand von Präparaten der Wehrpathologischen Lehrsammlung der Bundeswehr, abgerufen am 14. Januar 2020.Vgl. darüber hinaus: Grabenkrieg im Ersten Weltkrieg.
Zugleich überlebte eine größere Anzahl VerwundeterVerwundete des Ersten Weltkrieges kamen bzw. kommen in den 2018 eröffneten Ausstellungen Verwundungen. Die Stuttgarter Lazarette des Ersten Weltkriegs und Lebenszeichen. Fotopostkarten aus Lazaretten des Ersten Weltkriegs zu Wort. Erstere kuratierte Ulrich Gohl vom MUSE-O, dem Museumsverein Stuttgart-Ost, letztere betreuten als Kuratoren Monika Ankele und Henrik Eßler vom Medizinhistorischen Museums Hamburg. Julius Wilhelm Hornung gehörte zu denjenigen, die im Ersten Weltkrieg Verwundete fotografierten. durch die möglich gewordene antiseptische Wundbehandlung auf dem Truppenverbandsplatz und in den Feldlazaretten: Der Brite Joseph Lister hatte um 1867 als erster Mediziner Wunden mit Verbänden versorgt, die mit dem Antiseptikum Phenol (Karbolsäure) getränkt worden waren. 1874 war dieses Verfahren von Johann Nepomuk von Nußbaum im deutschsprachigen Raum eingeführt worden. Als Folge der fortentwickelten Militärmedizin vergrößerte sich die Gruppe körperlich behinderter Menschen, da die Ärzte des Sanitätskorps Schussbrüche besser behandeln konnten, die teilweise Gliedmaßenverkürzungen bzw. -versteifungen nach sich zogen.Philipp Osten: Erster Weltkrieg 1914–1918: „Keine Wohltat, sondern Arbeit für verkrüppelte Krieger“, Deutsches Ärzteblatt 2014; 111(42): A-1790 / B-1538 / C-1470, abgerufen am 14. Januar 2020.Ein Kalenderblatt des Jahres 2016 veranschaulicht anhand einer Alltagssituation, wie sich kriegsbedingte Lähmungen auf das tägliche Leben der Betroffenen bis in das Alter hinein auswirkten: „Mein Vater hatte aus dem Frankreichfeldzug einen gelähmten rechten Arm mitgebracht. Vor drei Jahren ist er gestorben und hat mir – unter anderem – einen Schlüsselanhänger vererbt, der einen Euro für den Einkaufswagen festhält. Immer wenn ich vom Auto zu den Einkaufswagen gehe, versuche ich den Euro – es ist noch der französische, den mein Vater benutzte – mit der linken Hand zu befreien. Manchmal gelingt es mir! Ein paar Sekunden lang denke ich an ihn und daran, wie er fast sein ganzes Leben mit dieser einen Hand gemeistert hat.“ Rainer Hitzler, Weitnau, Bayern (Was mein Leben reicher macht, ZEIT-Kalender, 11. Mai 2016).
Insbesondere die Bombenangriffe auf Deutschland hatten im Zweiten Weltkrieg zur Folge, dass auch Zivilisten zu Kriegsversehrten wurden. Beispiele hierfür sind die Angriffe auf Hamburg im Sommer 1943, die als Operation Gomorrha bezeichnet werden, oder die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet und Stuttgart.Vgl. auch: Schlacht um Berlin. Unklar ist, wie groß die Anzahl verwundeter deutscher Zivilisten, zu denen auch Kinder gehörtenÜberliefert ist das Schicksal des im April 1945 neunjährigen Karl Pagel und seiner Schwester Hilde, die in Penkun von den Splittern einer durch Bombardierung zertrümmerten Fensterscheibe getroffen wurden und erblindeten (Karl Pagel: Doppelschicksal. In: Kriegsblinden-Jahrbuch 2003, hrsg. vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V., Bonn o. J., S. 39–41)., insgesamt war, jedoch verloren im Zweiten Weltkrieg mehr Zivilisten ihr Leben als Soldaten bei Kampfhandlungen.Vgl.: Zweiter Weltkrieg#Kriegsfolgen und Opfer.Schwer verwundet oder getötet wurden auch Kinder, die mit gefundenen Waffen hantierten. Das Schicksal der im Mai 1945 siebenjährigen Alice Losse legt hiervon Zeugnis ab. Gemeinsam mit anderen fand sie in Reit im Winkl eine Handgranate, die bei dem Versuch explodierte, diese zu öffnen. Einige der Kinder starben, Alice Losse erblindete (Alice Losse: Ein Leben als Kriegsblinde. In: Kriegsblinden-Jahrbuch 2006, hrsg. vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V., Bonn o. J., S. 88–90).
Im Deutschen Reich lebten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine halbe Million und in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des Zweiten eineinhalb Millionen staatlich anerkannte Kriegsversehrte.Zur Anzahl der Kriegsversehrten vgl. Sibylle Meyer / Eva Schulze: Von Liebe sprach damals keiner. Familienalltag in der Nachkriegszeit, Verlag C.H.Beck, München 1985, ISBN 978-3-406-30872-7, S. 130 sowie Thomas Vogel: Kriegsfolgen, abgerufen am 14. Januar 2020 und Hamburger Schriften zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, hrsg. von Eduard Heimann u. a., Heft 2: Gustav Tonkow, Das Schicksal der Schwerkriegsbeschädigten in Hamburg, Rostock 1927, S. 32.Versehrter des Zweiten Weltkrieges war Rudolf Beil (S. 44–45), abgerufen am 14. Januar 2020.Versehrte des Zweiten Weltkrieges waren Wilhelm Berger und Kurt Helmar Neuhaus, abgerufen am 14. Januar 2020.Versehrter des Ersten Weltkrieges war Walter Bunge, abgerufen am 14. Januar 2020.Versehrter des Ersten Weltkrieges war Julius Netheim, abgerufen am 14. Januar 2020.Versehrter des Ersten Weltkrieges war Hermann Peschel, abgerufen am 14. Januar 2020.Versehrte des Ersten Weltkrieges war Frau Pfeifer, abgerufen am 14. Januar 2020. (PDF; 19 kB)Versehrter des Ersten Weltkrieges war Friedrich August Pinkerneil, abgerufen am 14. Januar 2020. Eine attestierte kriegsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit um mindestens 25 % musste vorliegen, um als kriegsversehrt zu gelten. Für die Sowjetische Besatzungszone ist davon auszugehen, dass 1948 hier 242.705 Kriegsversehrte ansässig waren.Matthias Beese: Leben und Werk des Orthopäden Dr. Rudolf Elle, S. 42, abgerufen am 14. Januar 2020.
372.069 kriegsbedingt Versehrte hatten im Jahr 2000 in Deutschland Anspruch auf staatliche Versorgungsleistungen.: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Günther Friedrich Nolting, Hildebrecht Braun (Augsburg), Rainer Brüderle, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der F.D.P. (PDF; 100 kB)
Kriegsversehrte aus Krisenregionen anderer Länder (unter anderem infolge der Libanonkriege aus dem Libanon sowie Iran und Irak als Folge des Iran-Irak-Krieges) leben im 21. Jahrhundert in Deutschland. Aufgrund der Auslandseinsätze der Bundeswehr seit 1991 häufen sich die Fälle, in denen deutsche Soldaten dauerhafte gesundheitliche Schäden erleiden; die Betroffenen werden als Wehrdienstbeschädigte bezeichnet.
Gesetzliche Regelungen mini|hochkant|Kriegsversehrter Klempner (September 1949)
Die KriegsbeschädigtenfürsorgeSiehe hierzu auch: Der Beginn der sozialen Fürsorge für Kriegsversehrte im Rheinland, abgerufen am 14. Januar 2020., abgerufen am 14. Januar 2020. wurde in Deutschland ab 1920 mithilfe des Reichsversorgungsgesetzes geregelt. Dessen Grundgedanke war es, den Versehrten eine Geldentschädigung durch Renten zu gewähren und ihnen die Rückkehr in das Arbeitsleben zu ermöglichen. Insofern stand der Anspruch der Beschädigten auf Heilbehandlung im Vordergrund des Gesetzes. Den kriegsversehrten Arbeitnehmer, nicht Almosenempfänger, hatte zuvor der Berliner Orthopäde Konrad Biesalski propagiert.
Die in der Weimarer Republik gelegten Grundlinien der Kriegsopferversorgung wirkten nach 1945 fort. An die Stelle des Reichsversorgungsgesetzes trat in der Bundesrepublik Deutschland 1950 das Bundesversorgungsgesetz (siehe auch: Kriegsopferfürsorge).
Zur Förderung der Integration Kriegsversehrter in das Erwerbsleben wurde 1953 das Gesetz zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft erlassen. Das Gesetz orientierte sich am SchwerbeschädigtengesetzVgl. Bekanntmachung der neuen Fassung des Gesetzes über die Beschäftigung Schwerbeschädigter. Vom 12. Januar 1923, abgerufen am 14. Januar 2020. (PDF; 90 kB) der Weimarer Republik und legte wie dieses Pflichtquoten für die Beschäftigung Schwerbeschädigter fest. Arbeitgeber, die wenigstens sieben Arbeitsplätze stellten, hatten einen Schwerbeschädigten zu beschäftigen. Öffentliche Verwaltungen waren verpflichtet, 10 % der Arbeitsplätze mit Schwerbeschädigten zu besetzen. Für Unternehmen galt eine Quote von 8 %.
Um Kriegsversehrten Mobilität und die Teilhabe am öffentlichen Leben zu sichern, wurden sogenannte Versehrtheitsausgleichsrechte gewährt. Wer sich einen Schwerbeschädigtenausweis ausstellen ließ, konnte Freifahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln und vergünstigte Eintrittspreise für Museen, Theater etc. in Anspruch nehmen (siehe auch: Unentgeltliche Beförderung).
Ansprechpartner der Kriegsversehrten für die Gewährung von Leistungen sind in Deutschland die Hauptfürsorgestellen und Versorgungsämter.
Eine gerichtliche Klärung von Versorgungsansprüchen Versehrter leisteten nach dem Ersten Weltkrieg die hierfür geschaffenen Militärversorgungsgerichte.
2007 erhielten mit dem Gesetz zur Regelung der Weiterverwendung nach Einsatzunfällen diejenigen ein Anrecht auf Weiterbeschäftigung in ihrer Dienststelle oder im Öffentlichen Dienst, die als Bundeswehrsoldaten zu Wehrdienstbeschädigten wurden bzw. werden.
Medizinische Versorgung Kriegsversehrte, die in einem versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis standen, hatten als Krankenkassenmitglieder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Anspruch auf Heilbehandlung.