mini|Die Maria-Magdalenen-Kapelle vor 1914 mini|hochkant|Grundriss der Kapelle

Die Maria-Magdalenen-Kapelle in Braunschweig, wegen ihrer Zugehörigkeit zum Stift St. Aegidii auch als Kapelle St. Aegidii bezeichnetTorsten Priem: Die Geschichte der Maria-Magdalenen-Kapelle in Braunschweig vom Mittelalter bis zu ihrem Abbruch im Jahre 1955. FN 22, S. 218., wurde 1499 erbaut und befand sich in der Straße Kleine Burg 8, unmittelbar westlich des heutigen Gymnasiums Kleine Burg. Obwohl die Kapelle, samt Fachwerkanbauten, eines der wenigen frühneuzeitlichen Bauwerke der Stadt war, die die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges unbeschädigt überstanden hatten, wurde sie im Juli 1955 im Zuge der Erweiterung des Pressehauses der Braunschweiger Zeitung, das sich damals in der Straße Hutfiltern 8 befand, abgerissen.Garzmann, Schuegraf, Pingel: Braunschweiger Stadtlexikon – Ergänzungsband, S. 91 Das so erweiterte Pressehaus wurde 1981, 26 Jahre später, geschlossen und seinerseits abgerissen, um Platz für die Burgpassage, eine Ladenpassage zu machen, die 1983 eröffnet wurde und teilweise über dem ehemaligen Standort der Maria-Magdalenen-Kapelle verläuft.Eckhard Schimpf: Burgpassage und „Häusermord“. In: KLINTERKLATER, Braunschweiger Zeitung vom 16. September 2017, S. 11. Ende 2018, 35 Jahre nach ihrer Eröffnung, sollte nun wiederum die Burgpassage abgerissen werden, um einer neuen Geschäfts- und Wohnstraße Platz zu machen. auf moderne-regional.de. Am 4. April 2024 wurde bekannt, dass die Stadt Braunschweig das Areal vom mittlerweile insolventen Investor erworben habe und nun plane, für 95 Millionen Euro die Burgpassage abreißen zu lassen und dort bis 2028 ein Hotel sowie Neubauten mit barrierefreien Wohnungen errichten zu lassen. Auch eine Erweiterung des Gymnasiums Kleine Burg sei geplant. Das Stadtentwicklungsprojekt laufe unter der Bezeichnung „Stiftshöfe“, in Erinnerung an das 1955 dort abgerissene Frauenstift.Stefani Koch: Coup perfekt: Braunschweigs Burgpassage wird abgerissen. In: Braunschweiger Zeitung vom 5. April 2024.Stefani Koch: Stiftshöfe statt Burgpassage – das ist geplant. In: Braunschweiger Zeitung vom 5. April 2024.

Geschichte Ersterwähnung 1237 und Neubau 1499 mini|Fachwerkgebäude des Konvents mit Innenhof. In der Tür steht wahrscheinlich eine der Konventualinnen (Aufnahme um 1915). mini|Blick aus dem Innenhof Richtung Dom. Das Foto dürfte vor dem Neubau der Städtischen Höheren Töchterschule (heutiges Gymnasium Kleine Burg) 1867 entstanden sein.

Zeitgenössische Originaldokumente zur Geschichte der Kapelle im Hochmittelalter sind nur sehr wenige überliefert.Torsten Priem: Die Geschichte der Maria-Magdalenen-Kapelle in Braunschweig vom Mittelalter bis zu ihrem Abbruch im Jahre 1955. S. 220. Die älteste erhaltene Quelle, die über eine Kapelle namens Maria-Magdalenen berichtet, ist die Legenda Sanctorum St. Blasii, des Weiteren ein Codex membranaceus aus dem 13. Jahrhundert sowie die von Hermann Dürre in seinem Hauptwerk Geschichte der Stadt Braunschweig im Mittelalter erwähnteHermann Dürre: Geschichte der Stadt Braunschweig im Mittelalter, S. 415. Urkunde aus dem Jahre 1237 aus dem Ordinarius ecclesiae St. Blasii de a 1157 bis 1482. Darüber hinaus wird die Kapelle gleichen Namens mehrfach in einem Degeding-Buch des an den Standort der Kapelle angrenzenden Weichbildes Sack erwähnt.Hermann Dürre: Geschichte der Stadt Braunschweig im Mittelalter, S. 416.

1237Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528: Maria Magdalenen-Kapelle. auf Deutsche Inschriften Online. also wurde in einer Schenkungsurkunde erstmals eine Kapelle in der kleinen Burg erwähnt. In jenem Jahr hat Stiftsherr WinandusErnst Döll: Die Kollegiatstifte St. Blasius und St. Cyriacus zu Braunschweig. In: Braunschweiger Werkstücke. Band 36. Waisenhaus-Buchdruckerei und Verlag, Braunschweig 1967, S. 178. dieser Kapelle eine Hufe Land bei Börßum geschenkt. Die Einkünfte daraus sollten dazu verwendet werden, einen eigenen Vikar einzustellen, der der Kapelle auch gleichzeitig als Rektor vorstand. Die Kapelle besaß darüber hinaus weitere Ländereien und verfügte somit über Einkünfte u. a. von zwei Höfen in Klein-Dahlum sowie je einem Hof in Reppner und Broitzem. Erbzinspflichtig waren zwei Höfe in Watenbüttel und zwei Häuser.

Der Historiker Werner Spieß vermutete, dass es sich bei der Maria-Magdalenen-Kapelle um die Hauskapelle der Geistlichkeit des nur wenige Meter nordöstlich des Bauwerks gelegenen Braunschweiger Doms gehandelt haben könnte.Werner Spieß: Geschichte der Stadt Braunschweig im Nachmittelalter. Vom Ausgang des Mittelalters bis zum Ende der Stadtfreiheit 1491–1671. 2. Band, Waisenhaus-Buchdruckerei und Verlag, Braunschweig 1966, , S. 640. Ende des 15. Jahrhunderts wurde die erste Kapelle durch die Maria-Magdalenen-Kapelle ersetzt, deren Grundstein von 1499 erhalten ist. Finanziert wurde dieser Neubau ganz oder zu Teilen aus Geldern, die der Dekan Johannes Blecker und die drei in der Inschrift genannten Kanoniker zur Verfügung stellten. Es handelte sich um ein kleines, polygones, spätgotisches Gebäude. Den Innenraum überdachten zwei Joche mit Kreuzrippen, eine 3/8-Apsis bildete den Abschluss. Von den fünf Fenstern zeigte eines auf der Nordseite Maria im Strahlenkranz mit dem Jesuskind auf dem Arm und der Inschrift Anno domini m° v° i° (im Jahre des Herrn 1501).

Über die weitere Nutzung von Kapelle und angeschlossenen Gebäuden, insbesondere in der Zeit bis zu Reformation, aber auch bis in das beginnende 19. Jahrhundert, ist fast nichts bekannt.Torsten Priem: Die Geschichte der Maria-Magdalenen-Kapelle in Braunschweig vom Mittelalter bis zu ihrem Abbruch im Jahre 1955. S. 221. Im Zuge der Säkularisation während der Braunschweiger Franzosenzeit wurden 1810 die Stifte der Stadt weitgehend aufgelöst. Jene, die erhalten blieben, wurden dem Kammergut übertragen – so auch die Maria-Magdalenen-Kapelle.Ernst Döll: Die Kollegiatstifte St. Blasius und St. Cyriacus zu Braunschweig. In: Braunschweiger Werkstücke. Band 36. Waisenhaus-Buchdruckerei und Verlag, Braunschweig 1967, S. 234.

Ab 1832 schließlich befand sich die Kapelle mit allem was dazu gehörte im Eigentum des Braunschweigischen Kloster- und Studienfonds. In jenem Jahr zog auch der Frauenkonvent des Aegidienklosters in den Gebäudekomplex Kleine Burg 8 um, wobei sich der Name Aegidienstift erhielt.Meier, Steinacker: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Braunschweig. S. 38 Ursprünglich gehörten die Konventualinnen dem Konvent St. Leonhard an.Meier und Steinacker: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Braunschweig, S. 44 Nach dessen Zerstörung 1615 waren sie aber nach St. Aegidien umgezogen. Das Frauenstift scheint noch bis zu seinem Abriss 1955 bestanden zu haben.Braunschweigisches Adreßbuch 1955/56. Nach amtlichen Quellen bearbeitet. 131. Ausgabe, Druck und Verlag Joh. Heinr. Meyer, Braunschweig 1955, S. 178.

Als das Gymnasium Kleine Burg 1905 erweitert wurde und dabei ein angrenzendes Haus abgerissen werden musste, konnten fünf bis dahin zugemauerte gotische Fenster wieder freigelegt und restauriert werden. Das Maßwerk dieser Fenster zeigte für Braunschweiger Sakralbauten untypische Fischblasenornamente.Wolfgang A. Jünke: Zerstörte Kunst aus Braunschweigs Gotteshäusern – Innenstadtkirchen und Kapellen vor und nach 1944, S. 214 Noch zur Zeit des Zweiten Weltkrieges wohnten in einem angrenzenden Fachwerkanbau neun Konventualinnen und eine Domina.

Lage des Grundstücks mini|Kapelle (links im Hintergrund) mit Nebengebäude 1905: In der Mitte im Vordergrund der Zugang zum Innenhof zwischen der Kapelle und den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.

Der Gebäudekomplex, zu dem auch die Kapelle gehörte, lag, obwohl in der Innenstadt und nahe dem Dom und dem Kohlmarkt befindlich, dennoch „abgelegen“ und schien fast unzugänglich. Selbst geborenen Braunschweigern war der Ort so gut wie unbekannt, weil er so verborgen lag. Hinter schmucklosen alten Fachwerkhäusern, niedrigen Ställen, alten Speichern, Schuppen und Wagenremisen befanden sich Kapelle, Wohn- und Wirtschaftsgebäude am Ende einer schmalen, krummen, kopfsteingepflasterten Sackgasse.Brigitte Birkholz: „Lehrend lernen wir“ – ein Kapitel Stadtsanierung. S. 116.

Zweiter Weltkrieg mini|Luftaufnahme der Braunschweiger Innenstadt vom 12. Mai 1945, Blickrichtung Süden: Auflistung markanter Orientierungspunkte unter „Anmerkungen“.Im Streiflicht (Sonne steht im Westen) gut erkennbar: Die (helle, breite) Straße von unten, schräg nach rechts laufend ist die Fallersleber Straße, die in den Hagenmarkt mündet. Gut sichtbar, die stark beschädigte Katharinenkirche. An den Hagenmarkt nach rechts hin anschließend, vollständig zerstörte Bereiche der Innenstadt. Die von der Fallersleber Straße abzweigenden drei Straßen (mit großflächigen Bombenbrachen) Richtung Steinweg sind v. l. n. r.: Mauernstraße, Schöppenstedter Straße und Wilhelmstraße. Der Steinweg verläuft Richtung Burgplatz. Hier ist das Staatsministerium in der Dankwardstraße erkennbar, dem gegenüber das Rathaus. Auf dem Burgplatz sind die Burg Dankwarderode und der Dom sichtbar. Etwas oberhalb der Bildmitte liegt das stark beschädigte Braunschweiger Schloss am Bohlweg. Dahinter, Richtung Süden, zerstörte Straßenzüge in der Umgebung der Aegidienkirche, unter anderem Aegidienmarkt, Kuhstraße, Stobenstraße und Auguststraße. In der rechten oberen Ecke ist der alte Bahnhof erkennbar. Am linken Bildrand ist in der Mitte das Staatstheater sichtbar, etwas darüber das Herzog Anton Ulrich-Museum. In der linken oberen Ecke ist das Magniviertel mit zahlreichen zerstörten und beschädigten Gebäuden. Zum Beispiel: die schwer beschädigte Magnikirche sowie großflächig zerstörte Straßenzüge rund um den Ackerhof. Des Weiteren sind das Städtische Museum, der Löwenwall und die Gaußschule erkennbar. Während des Zweiten Weltkrieges war Braunschweig als wichtiges Verkehrs-, Rüstungs- und ForschungszentrumNorman-Mathias Pingel: Die Kriegswirtschaft im Land Braunschweig. In: Gudrun Fiedler, Hans-Ulrich Ludewig: Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939–1945. Braunschweigischer Geschichtsverein (Hrsg.), Band 39, Appelhans Verlag, Braunschweig 2003, ISBN 3-930292-78-5, S. 15–69. Ziel zahlreicher alliierter Bombenangriffe, von denen der erste am 17. August 1940Eckart Grote: Target Brunswick 1943–1945. Luftangriffsziel Braunschweig – Dokumente der Zerstörung. Braunschweig 1994, ISBN 3-9803243-2-X, S. 11. durch die Royal Air Force (RAF) durchgeführt wurde, der letzte schwere fand am 31. März 1945 statt.Rudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945. , Braunschweig 1955, S. 104. Bis zur Übergabe der Stadt Braunschweig am 12. April 1945 an die 30. US-Infanteriedivision der 9. US-ArmeeRudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945. S. 107. kamen noch etliche Tieffliegerangriffe in den letzten Tagen vor der Übergabe hinzu.

Der verheerendste Bombenangriff auf Braunschweig fand am 15. Oktober 1944 statt. Durch dieses nächtliche Bombardement entwickelte sich ein Feuersturm, der erst nach mehreren Tagen gelöscht werden konnte. Der Angriff zerstörte große Teile der bereits deutlich kriegsgeschädigten, mittelalterlich geprägten Innenstadt endgültig. Der Zerstörungsgrad der Stadt (innerhalb des Okerringes) lag bei Kriegsende bei 90 %, der Gesamtzerstörungsgrad der Gesamtstadt bei 42 %.Rudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945. S. 112. Damit gehört Braunschweig zu den zwölf am stärksten kriegszerstörten deutschen Städten.Helmut Weihsmann: Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs. Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien 1998, ISBN 3-85371-113-8, S. 306.