mini|400px|Ansicht der Gewerbeanstalten von Althaldensleben um 1835, Kupferstich von W. Ries.gem. Ulrich Hauer: Von Kunstgärtnern und Gartenkunst. Die Gärtner und Gärten der Familie Nathusius in Althaldensleben und Hundisburg. KULTUR-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e.V. und Museum Haldensleben (Hrsg.), Haldensleben-Hundisburg 2005. Die zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr bestehende Zuckerfabrik war bis 1820 teilweise in dem großen, hellen (ehemaligen) Klostergebäude in der Ensemblemitte untergebracht Die Zuckerfabrik Nathusius (auch als Zuckerfabrik Althaldensleben oder Runkelrübenzucker-Fabrik bezeichnetgem. einer Tabelle zur Übersicht des technischen und des ökonomischen Betriebs zu Althaldensleben und Hundisburg bei Friedrich Benedict Weber: Bemerkungen über verschiedene Gegenstände der Landwirthschaft ... siehe LitVerz., wurde die Zuckerfabrik intern als Runkelrübenzucker-Fabrik geführt und gehörte zu der ersten Verwaltung (von zwei Verwaltungen) des Bereiches Landwirthschaftliche Gewerbe der Nathusius landwirthschaftliche Gewerbe-Anstalt. Hier wurde auch als Vorsteher bzw. „Mitinteressent“ der Fabrik ein Herr Bracker genannt) bestand von 1812 bis 1820 und war ein Teil der Nathusius Gewerbeanstalten in Althaldensleben. Sie wurde während der Kontinentalsperre gegründet, war zu ihrer Zeit die größtegem. Acta wegen der angeordneten Untersuchung der Runkel Rüben Zucker Fabrikazion zu Magdeburg, Wanzleben, Althaldensleben und Salzwedel 1815, 1816, 1817. In: GStAPK, Rep. 151 III, Nr. 10448 (u. a. Bl. 7–13) und Nr. 10449 und modernste Zuckerfabrik Preußens und diente dem preußischen Staat als Untersuchungsobjekt zu einer Musteranstalt. Nachdem das preußische Finanzministerium sich entschied, die junge Rübenzuckerindustrie in Preußen trotz Aufhebung der Kontinentalsperre nicht zu unterstützen, stellte die Zuckerfabrik in Althaldensleben 1820 als letzte der preußischen Zuckerfabriken ihren Betriebbetrifft die Rübenzuckerproduktion, nicht jedoch die Weiterverarbeitung von Rohrzucker ein.
Die achtjährige Geschichte der Zuckerfabrik Nathusius zeigt besonders deutlich die Auswirkungen der dogmatisch vorgeprägten liberalen Zoll-, Steuer-, Gewerbe- und Agrarpolitik Preußens auf die junge und technisch unausgereifte, gegen übermächtige Konkurrenz aus Großbritannien ankämpfende Rübenzuckerindustrie ab 1814.
Vorgeschichte Franz Karl Achard hatte bereits 1802 die erste preußische Zuckerfabrik auf Gut Cunern (Konary) gebaut und in Betrieb genommen.gem. Betina Meißner: Erfolg kann man säen, 150 Jahre KWS (Klein-Wanzlebener Saatzucht). Wallstein, Jena 2007, S. 17 ff. Dieser folgte bald eine zweite von seinem Schüler Moritz Freiherr von Koppysein Sohn, Georg Friedrich Wilhelm Freiherr von Koppy (1781–1854) führte die väterliche Zuckerproduktion fort in Krain in Schlesien.
Im November 1806 verhängte Napoleon per Dekret über das Festlandeuropa die Kontinentalsperre für englische Handelswaren. Als Folge wurde der damals verwendete importierte Rohrzucker knapp und teuer. Entsprechend stieg das staatliche wie auch das unternehmerische Interesse an der Entwicklung einer inländischen Zuckerfabrikation. In den folgenden sieben Jahren führte die Abschottung vom Rohrzuckermarkt zu einem starken Aufschwung der noch jungen Rübenzuckerindustrie in Kontinentaleuropa. Schnell entstanden vielerorts kleine, häufig primitive Fabriken, die einen schlecht schmeckenden, braunen und klebrigen Zucker aus Runkelrüben herstellten.
Im Jahr 1810 hatte der Magdeburger Kaufmann und Tabakproduzent Johann Gottlob Nathusius das säkularisierte Klostergut Althaldensleben erworben. Damit begann die Entstehung der Nathusius Gewerbeanstalten. In den folgenden Jahren errichtete Nathusius in Althaldensleben wie auch in dem benachbarten Hundisburg verschiedene Handelsgewerbe und Manufakturen. Zunächst konzentrierte er sich auf eine Verbesserung der land- und viehwirtschaftlichen Methoden sowie der Verarbeitung der dort gewonnenen Erzeugnisse. Schnell wurde er deshalb auf die gerade entstehende Zuckerindustrie aufmerksam. In Magdeburg bestanden damals bereits zwei Zuckerfabriken,nämlich in Magdeburg-Neustadt: Johan Wilhelm Placke und August Leberecht Bodenstein. Später entstandene Magdeburger Fabriken waren Hammer & Lange, Foelsche & Burchardt, Listemann & Burchardt sowie Reinhardt & Helle, gem. Herbert Pruns: Drittes Kapitel: Zusammenbruch ... siehe LitVerz, S. 11 und 14 aber die neue Fabrik, welche Nathusius in Althaldensleben plante, sollte erstmals Rübenzuckerprodukte in derselben Qualität wie bislang aus Rohrzucker gewonnen, herstellen.gem. Elsbeth von Nathusius: Johann Gottlob Nathusius ..., siehe LitVerz.
Gründung
Nach ersten Kleinversuchen auf einem Blumentopfuntersatz in der Ofenröhre seines Wohnzimmers im Schloß Hundisburg konnte Nathusius 1812 den Goslarer Apotheker Julius Heinrich Friedrich Lohmann, ein späteres Mitglied der naturforschenden Gesellschaft in Halle, als Direktor seiner entstehenden Zuckerfabrik gewinnen.gem. einer Anzeige zu Lohmann’s Veröffentlichung über den ... gegenwärtigen Zustand der Zuckerfabrikation in Deutschland, siehe LitVerz., in: Magdeburger Zeitung, 1818, Nr. 101 vom 25. August 1818, Magdeburg 1818. Die im obigen Zitat erwähnte Presse nach Achards Konstruktionsvorgaben stellte sich schnell als wenig ausgereift heraus und wurde von modifizierten Zylinderpressen aus Nathusius’ Tabakfabrik in Magdeburg ersetzt.gem. Schrohe: Der erste Vakuum-Apparat in Deutschland
Dennoch leistete die Fabrik im Versuchsbetrieb unter Lohmann bereits Beachtliches und so entschied Nathusius sich 1813, die Fabrik als neuen Betriebszweig aufzunehmen. Die Kultivierung der Rüben zu mehr Zuckermasse übernahm der erfahrene Althaldensleber Gärtner Heinrich Reinhard.
Fabrikgebäude Die Zuckerfabrik wurde unter weitgehender Ausnutzung bestehender Gebäudesubstanz in den Anlagen des ehemaligen Althaldensleber Klosters und dessen Gutshofes errichtet. Im alten Klostergebäude wurden Produktionsanlagen sowie Lager (Westflügel) errichtet. Für die Verdampferanstalt wurde im vormaligen Kreuzganghof der Klausur ein neues Gebäude errichtet.gem. Ulrich Hauer: Der Kaufmann Johann Gottlob Nathusius und sein Agrar-Industrie-Komplex ... siehe LitVerz.
Zeitgenössische Beschreibungen zur Fabrik:
Die technische Ausstattung der Fabrik umfasste 1815 elf doppelte Reiben, zehn Schrauben-Pressen, vier Klärkessel, sieben Verdampfpfannen, sechs weitere Pfannen, drei Kessel, rund 2.000 Topf-, Candis-, Bastard- und Geschirrformen sowie rund 2.000 ungleicher Bütten. Außerdem gab es eine allerdings noch nicht betriebsfähige Dampfmaschine, die Reiben und Pressen antreiben sollte. Zu dem Zeitpunkt waren 40 Personen inklusive Zuckersiedern bei schlechter Auslastung in der Fabrik beschäftigt.
mini|Veröffentlichung des Mitglieds der naturforschenden Gesellschaft in Halle, J.H.F. LohmannUeber den gegenwärtigen Zustand der Zuckerfabrikation in Deutschland ..., siehe LitVerz. mini|Widmung des Werkes an den ehemaligen Arbeitgeber, Johann Gottlob Nathusius
Höhepunkt Zunächst wurde in Althaldensleben mit dem aus anderen Fabriken bereits bekannten Pressverfahren gearbeitet. Dazu wurden die Rüben auf Karottenreibern zermalmt und zerrieben. Die so entstandene Masse wurde in Leinentücher eingeschlagen, in Form von Paketen übereinander gestapelt und schließlich als Stapel in einer Presse ausgepresst.
Mittels Einsatzes einer hydraulischen Presse sowohl zum Mahlen wie zum Entsaften sollte das Ergebnis deutlich gesteigert werden. Versuche ergaben, dass mit der neuen Produktionsvariante aus einem Zentner Rüben 4 kg Sirup erzielbar waren, auf die 1/3 Melasse und 2/3 Zuckermasse entfielen. Die Qualität der so gewonnenen Zuckerprodukte (Raffinat, Meliszucker, Farin, Rohzucker) war vergleichbar mit dem alten Pressverfahren. Das Ergebnis bezogen auf Produktionsgeschwindigkeit wie auch die Menge war besser als das aller anderen deutscher Zuckerfabriken.Friedrich Benedict Weber: Bemerkungen über verschiedene Gegenstände der Landwirthschaft ... siehe LitVerz.
Bereits 1813 war Althaldensleben die fortschrittlichste Rübenzuckerfabrik Preußens.gem. Info auf der Website des Alvensleben’schen Familienverbandes Schon in der zweiten Kampagne (ab Herbst 1813) erzielte man beim Absatz der Produkte gute Ergebnisse. In dem frühesten überlieferten Bericht über Nathusius’ Rübenzuckerfabrik vom Dezember 1813 wird folgendes mitgeteilt:
In diesem Jahr wurden auf dem Althaldensleber Gut 73 Morgen Runkelrüben angebaut, weitere 43 Morgen in der Hundisburger Landwirtschaft. 1814 wurde bereits auf 144 Morgen angebaut, von dem Ertrag wurden 6.563 Zentner Rüben verarbeitet und daraus 210 Zentner Rohzucker gewonnen. 1815 erweiterte Nathusius die Anbaufläche auf 184 Morgen. Die Ernte betrug 8.464 Zentner, die 296 Zentner Rohzucker erbrachten.
Die Produkte der Nathusius Zuckerfabrik wurden auch außerhalb der Region nachgefragt. So lieferte man im April 1815 fünf kleine Partien Raffinaden und Kandis in Mengen zwischen 20 und 60 Pfund nach Loburg. Ebenfalls von 1815 ist ein Verkauf nach Berlin dokumentiert an die Firma Walcker: ... vier Fass Raffinade im Gesamtgewicht von sechs Zentnern und 29 Kisten Kandis mit Gesamtgewicht von 9 Zentnern und 20 Pfund ....gem. Herbert Pruns: Drittes Kapitel: Zusammenbruch ... siehe LitVerz.
Wie auch einige andere Zuckerproduzenten erweiterte Nathusius die Produktion in seiner Zuckerfabrik um die Verwertung von Nebenprodukten, vor allem der Zuckermelasse, zu Branntwein und Essig.
Niedergang Mit dem Sturz Napoleons und der einhergehenden Aufhebung der Kolonialsperre im Jahr 1814 überschwemmten die jahrelang gelagerten Rohrzuckerbestände den europäischen Markt und die vorher konkurrenzgeschützten deutschen Fabriken mussten einen erheblichen Preisverfall bei Zuckerprodukten verkraften. In der Folge schlossen in Frankreich viele und in Deutschland fast alle Rübenzuckerfabriken. 1818 beendete die letzte der ursprünglich einmal 18 Zuckerfabriken in Magdeburg die Produktion.
Zunächst versuchte Nathusius, die Althaldensleber Fabrik über die Entwicklung noch effektiverer Produktionsmethoden zu halten. Ein Plantageninspektor aus Surinam besuchte 1817 die Fabrik und gab neue Anregungen bezüglich der Klärung des Rübensaftes. Auch wenn dabei Fortschritte erzielt wurden, konnte die negative Erlösentwicklung im liberalisierten Zuckermarkt nicht ausgeglichen werden. Über diese Zeit des wachsenden technischen Erfolges und der gleichzeitig schrumpfenden finanziellen Erlöse in seiner Fabrik bemerkte Nathusius am 30. April 1816 in einem Brief an das preußische Finanzministerium als Erklärung für seine Fabrikgründung und sein Bemühen, die Fabrik trotz der finanziellen Schwierigkeiten weiter zu betreiben:
Vordergründig war der aus der Konkurrenz des billigen Rohrzuckers resultierende Preisverfall das größte Problem der Rübenzuckerfabrikanten. Das eigentliche Hindernis zu einer konkurrenzfähigen Preisgestaltung war jedoch der Mangel an hochwertigem Saatgut sowie geeigneten Maschinen, welche die Rüben zerkleinern und auspressen sollten. Die damals erhältlichen Geräte waren nicht stark genug, einen wirtschaftlich ausreichenden Anteil an Zucker aus den Rüben zu gewinnen. Nathusius bemühte sich, durch die kostenfreie Abgabe des damals besten Saatgutes an Lieferanten sowie den kostspieligen Ankauf und später sogar die Eigenentwicklung von Maschinen die Erträge seiner Fabrik zu steigern. Der ehrgeizige Versuch, in der eigenen Maschinenfabrik neben Pressen auch noch Dampfmaschinen zu entwickeln, scheiterte jedoch.