mini|Rêverie von Paul César Helleu Tagträume () sind bildhafte, mit Träumen vergleichbare Phantasievorstellungen und Imaginationen, die im wachen Bewusstseinszustand erlebt werden. Diese Szenen können im Gegensatz zum gewöhnlichen Traumgeschehen entweder willentlich gesteuert und bewusst herbeigeführt werden oder sich durch Unaufmerksamkeit und Nachlassen der Konzentration von selbst entfalten. Hierbei entfernt sich die Aufmerksamkeit von den äußeren Reizen der Umwelt, von Einflüssen und Aufgaben und wendet sich der inneren Welt zu. Der Tagtraum ist damit eine Form der Trance.

Begriffsgeschichte Der Begriff geht etymologisch auf das lateinische Oxymoron zurück. Das altfranzösische Wort bezog sich auf herumirrendes Vagabundieren und – angelehnt an diese Grundbedeutung – ausschweifendes Delirieren und Phantasieren.Historisches Wörterbuch der Philosophie: Wachtraum; Tagtraum. Band 12, S. 13. Später wurde es für kürzere Kompositionen französischer Komponisten wie Georges Bizet oder Claude Debussy verwendet; auch Robert Schumanns berühmte Träumerei wird im Französischen mit diesem Wort übersetzt.

Philosophiegeschichte mini|hochkant|Montaigne bezeichnete sein eigenes Denken als schweifendes Träumen

Für den französischen Philosophen, Schriftsteller und Begründer des literarischen Essays Michel de Montaigne spielte das freie Phantasieren eine besondere Rolle. Er bezeichnete sein eigenes Denken, über dessen rätselhaften Verlauf er Tagebuch führte, als schweifendes Träumen. Zu den Tagträumen zählte er auch die Philosophie, in deren Geschichte sich die Träume der Menschheit finden ließen. Den Topos vom Leben als Traum aufgreifend, verwies er auf die Bedeutung eigentümlicher und alltäglicher Träumereien, „die sich einem Erwachen ebenso hartnäckig verweigern wie die kollektiven Tagträume“.

In einer Phase großer zeitgeschichtlicher Konflikte und Umbrüche – der Entdeckung der Neuen Welt, der Umwälzung des anthropozentrischen, ptolemäischen Weltbildes in der kopernikanischen Wende, aber auch der Schrecken der Bartholomäusnacht – registrierten die Essais die historischen Erfahrungen als Welt- und Selbstbetrachtungen über den Menschen als „einzelnes und geselliges Wesen“.Montaigne, Michel Eyquem de. In: Philosophenlexikon. Metzler, Weimar 1995, S. 602. Montaigne bezeichnete seine Gedanken selbstironisch immer wieder als „Salat“, „verworrenes Geschwätz“, „groteske Missgeburten und Phantastereien.“ Diese Vergleiche sind nicht nur der Bescheidenheit des Autors zu verdanken, der um seinen Ruf besorgt war, sondern folgten einer gezielt eingesetzte Methode, von sich selbst nicht als Ganzes, Einheitliches zu sprechen. „Wir sind alle aus Flicken zusammengesetzt und das so ungestalt und kunterbunt, dass jedes Stück jeden Augenblick ein eigenes Spiel treibt.“Zit. nach Philosophenlexikon: Montaigne, Michel Eyquem de. Metzler, Weimar 1995, S. 602. Mit Montaigne wird die Träumerei zur einsamen Reflexion und Meditation aufgewertet.

René Descartes beschäftigte sich mit der Unwillkürlichkeit der Träumerei und hielt an dem von Montaigne eingeführten neuen Sinn fest. mini|hochkant|Jean-Jacques Rousseau In den Bekenntnissen Jean-Jacques Rousseaus verband sich die meditative Rêverie mit Rausch und Vision, Erinnerung und Ekstase. In seinen Rêveries du promeneur solitaire beschrieb er, wie es dem Tagträumenden möglich ist, das überwältigende Glücksgefühl einer Alleinheit mit der Natur und einer andauernden Gegenwart zu empfinden. Auf Rousseaus Einfluss ist es zurückzuführen, dass die Rêverie mit ihren melancholischen Glücksmomenten als meditative Träumerei zum häufig behandelten Thema vieler Schriftsteller emporstieg.

Auf dem Weg in die Moderne eignete sich auch der Flaneur – wie später der Bohémien Peter Altenberg – diese Haltung an, der „träumende Müßiggänger“ und verwöhnte décadent, dem bisweilen auch Erfahrungen mit Drogen nicht unbekannt waren.

Während der englische Philosoph John Locke bedauerte, dass es in der englischen Sprache kein Äquivalent zum französischen rêverie gab, das den freischwebenden, unreflektierten Vorstellungsverlauf erfasste, orientierte sich Immanuel Kant am traditionellen Sprachgebrauch. In seinem originell-unterhaltsamen Frühwerk Träume eines Geistersehers bezeichnete er die Erdichtungen eines „wachenden Träumers“ als Chimären und Grillen.

Auf die Allgegenwart der Tagträume wies auch Étienne Bonnot de Condillac hin und betonte, dass sich wohl jeder einmal als Held eines Romans vorgestellt und Luftschlösser („Châteaux en Espagne“) erbaut habe.

In Ernst Blochs Prinzip Hoffnung erfährt der Tagtraum eine philosophische Interpretation.Heiko Hartmann: Traum, in: Beat Dietschy, Doris Zeilinger, Rainer E. Zimmermann (Hrsg.): Bloch-Wörterbuch – Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs. De Gruyter, Berlin/Bosten 2012, ISBN 978-3-11-048580-6, S. 578–582. Von der Mangelsituation des Lebens ausgehend sind Tagträume „allesamt Träume von einem besseren Leben“ voller utopischer Hoffnung und Möglichkeiten. Sie sind als psychischer Geburtsort des Neuen „Vor-Schein von möglich Wirklichem“, „der Inhalt der Tagphantasie ist offen, ausfabelnd, antizipierend, und sein Latentes liegt vorn.“Zit. nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Wachtraum; Tagtraum. In Band 12, S. 15.

Medizin, Dichtung und Kunst mini|hochkant|Der Tagtraum von Dante Gabriel Rossetti

Anfang des 19. Jahrhunderts zog das Wort in die medizinische Literatur ein und wurde zunehmend präzisiert. Erasmus Darwin etwa bezeichnete die Rêverie als einen Versuch des Geistes, sich von schmerzvollen Empfindungen zu entlasten. Mit dem Phänomen der Entlastung war bereits der Weg für die Ende des Jahrhunderts sich entwickelnde psychologische Analyse gelegt, denn im Hinblick auf die entlastende Funktion des Tagtraums betonte bereits Thomas Beddoes dessen Wunschcharakter („reverie of wishes“).

Darwin grenzte das Delirium vom Tagtraum, dem daydream, ab, bei dem die Entwicklung der Vorstellungen noch willentlich von der Person gesteuert werden können. Demgegenüber gab es französische Stimmen, die sich gegen die strenge Unterscheidung dieser psychischen Zustände wandten. In der eigentümlichen Assoziation der Vorstellungen erblickten sie ein gemeinsames Merkmal zwischen „Träumerei“ (rêverie) und Traum (rêve) oder sahen bloß graduelle Unterschiede zwischen Traum, Tagtraum und Wahnsinn. Damit wurde der pathologische Aspekt unterstrichen, die Tagträume als Vorstufen zur geistigen Zerrüttung betrachtet und die willentliche Lenkbarkeit der Träume in Frage gestellt. mini|links|hochkant|E. T. A. Hoffmann Dichter wie E. T. A. Hoffmann nutzten Tagträume immer wieder als Motiv und Inspiration ihrer Werke. In den satirischen Lebensansichten des Katers Murr, mit denen Hoffmann den Bildungsroman nach dem Muster eines Wilhelm Meister parodierte, unterhalten sich am Anfang der Kapellmeister Kreisler und sein Freund Meister Abraham über die geistigen Fähigkeiten der Tiere und die Natur ihrer Träume. Dabei erklärt Abraham dem Freund, dass Kater Murr nicht nur sehr lebendig träumt, sondern „häufig in jene sanfte Reverien [gerät], in das träumerische Hinbrüten, in das somnabule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustand stöhnt und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so daß ich glauben muß, daß er entweder in Liebe ist oder an einer Tragödie arbeitet.“E. T. A. Hoffmann: Lebensansichten des Kater Murr. In: Werke in vier Bänden. Band IV: Das Bergland-Buch. Salzburg 1985, S. 25. mini|hochkant|rechts|Edgar Allan Poe: Ein anderer in der Tradition der Romantik und Nachfolge Hoffmanns stehender Autor, der sich mit Träumen und ihren bisweilen unheimlichen Seiten befasste, war Edgar Allan Poe. In der Einleitung seiner Erzählung Eleonora stellte er die Frage nach der Nähe und Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn und dem tieferen Wert von Tagträumen.

Sein Gedicht Ein Traum kreist ebenfalls um das Thema: „Doch Ein Wachtraum von pulsendem Leben und Licht / der brach das Herz in Leide. / Ah, was ist nicht ein Traum bei Tag / für den, dessen Auge gewendet / mit einem Glanz auf der Dinge Plag’, / den helle Vergangenheit spendet?“Edgar Allan Poe: Ein Traum. In: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band V: Der Rabe – Essays und Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Arno Schmidt, Hans Wollschläger, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke. Haffmans Verlag, Zürich 1999, S. 37.

In seiner Abhandlung Der Sinn des Wahnsinns entwickelte August Krauss Grundzüge einer Poetik und Rhetorik des Wahns und des Traums. Er bedauerte, dass „die Tagträume, das lose Spiel der Phantasie“, meist unbeachtet blieben, wenn sich in ihren „reicheren Gestaltungen“ nicht „die Grundlage des dichterischen Talentes“ offenbare. Träume der Kindheit würden in den Tag- und Nachtträumen der Erwachsenen unbewusst fortwirken und ihnen „Farbe, Ton und Umrisse leihen.“Zit. nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Wachtraum; Tagtraum. Band 12, S. 14. Sigmund Freud sah in den Tagträumen gar eine wesentliche Quelle des künstlerischen Schaffens: „Sie sind das Rohmaterial der poetischen Produktion, denn aus seinen Tagträumen macht der Dichter durch gewisse Umformungen, Verkleidungen und Verzichte die Situationen, die er in seine Novellen, Romane, Theaterstücke einsetzt.“Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt a. M. 1977, S. 79. Dieser Zusammenhang wird in der neueren Psychologie auch auf die bildende Kunst ausgeweitet.Vgl. Heiko Ernst: Innenwelten. Warum uns Tagträume kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett-Cotta, Stuttgart 2011, S. 168–187. Dokumentiert ist er insbesondere für die sogenannte Art brut.Siehe zum Beispiel Stefan Hess: Die Visualisierung des Unsagbaren. Annäherungen an Rut Bischlers Bilderwelt. In: ders. (Hrsg.): Rut Bischler. „Jedes Bild, das ich gemalt habe, ist wahr“. Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, ISBN 978-3-85881-596-5, S. 26–49.

Psychologie Allgemeine Erklärung Unter Tagträumen werden Bilder des inneren Auges verstanden, leichtere Formen von Bewusstseinserweiterungen. Hierbei entfernt sich die Aufmerksamkeit von den äußeren Reizen der Umwelt und unmittelbar anstehenden Aufgaben und wendet sich der inneren Welt zu.Zimbardo: Psychologie. Kapitel 5, Bewußtsein, Schlaf und Traum, Warum träumen wir, Springer, Heidelberg 1992, S. 208. Untersuchungen zeigen, wie weitverbreitet das Tagträumen ist, wenn Menschen allein sind oder sich entspannen. Die meisten Tagträume werden als angenehm und nicht peinlich geschildert und treten kurz vor dem Einschlafen auf; nur selten ist mit ihnen z. B. während der Mahlzeiten zu rechnen.

Tagträume kreisen häufig um praktische Angelegenheiten, die zukünftig zu erledigen sind, und zwischenmenschliche Fragestellungen. Unrealistische Spekulationen und Träume, die sich mit erotischen Phantasien, altruistischen Anliegen und unwahrscheinlichen Glücksfällen – wie der großen Erbschaft, dem Lottogewinn etc. – beschäftigen, kommen etwas seltener vor. Besonders Kinder neigen dazu, sich in eine imaginäre Welt zu begeben, um vor familiären Problemen, gewalttätigen Eltern und Einsamkeit zu fliehen. Zwar sind Tagträume weniger intensiv als Träume der Nacht; die Menschen aber unterscheiden sich in dem Ausmaß und der Intensität, mit denen sie sich in ihren „Luftschlössern“ einleben und die andere Welt erleben. Vermutlich hängen die individuellen Unterschiede, die von den üblichen psychologischen Tests nicht erfasst werden können, von überdauernden Persönlichkeitsfaktoren ab.Zimbardo: Psychologie. Kapitel 5: Bewußtsein, Schlaf und Traum, Warum träumen wir. Springer, Heidelberg 1992, S. 212.

In der topologischen oder Vektorpsychologie von Kurt Lewin werden Tagträume als Lokomotiven auf die Irrealitätsebene bezeichnet.Dorsch: Tagträume. In: Psychologisches Wörterbuch. Huber, Bern 2009, S. 987.

Sigmund Freud mini|hochkant|Sigmund Freud: