Die Bananenspinnen (Phoneutria) bilden eine neun Arten umfassende Gattung in der Familie der Kammspinnen (Ctenidae). Der Trivialname rührt daher, dass einzelne Arten der Gattung über den Transport der Dessertbanane (Musa × paradisiaca) mitunter ungewollt in andere Kontinente exportiert werden. Die Arten der Gattung sollten nicht mit anderen Spinnen verwechselt werden, die im Deutschen ebenfalls als Bananenspinnen bekannt sind. In Brasilien werden die Spinnen Armadeira (von portugiesisch aranhas armadeiras „bewaffnete Spinnen“) genannt. Bananenspinnen zählen mit einer Körperlänge von maximal 50 Millimetern zu den weltweit größten Echten Webspinnen (Araneomorphae). Die Beinspannweite einzelner Arten kann etwa 180 Millimeter erreichen.
Die Gattung der Bananenspinnen ist in Mittel- und Südamerika verbreitet. Ihre Arten sind wie alle Kammspinnen nachtaktiv und halten sich tagsüber verborgen auf. In ihrer nächtlichen Aktivitätszeit kommen die nomadischen Spinnen aus ihren Verstecken hervor und unternehmen auf der Suche nach Beutetieren weitläufige Wanderungen. Bananenspinnen sind wie alle Kammspinnen freilaufende Lauerjäger, die kein Spinnennetz nutzen. Erbeutet werden verschiedene Wirbellose und auch kleinere Wirbeltiere. Der Paarung geht – wie für Wolfspinnenartige (Lycosoidea) üblich – eine ausgeprägte Balz voraus. Das Weibchen fertigt einige Zeit nach der Paarung einen Eikokon an, den es bewacht. Gleiches gilt anfangs für die Nachkommen, ehe diese sich verstreuen und selbstständig wie bei anderen Spinnen über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heranwachsen.
Zu den Bananenspinnen zählen auch für den Menschen potentiell gefährliche Arten, wie die Brasilianische Wanderspinne (P. nigriventer), deren Biss auch für einen erwachsenen Menschen lebensbedrohliche Folgen haben kann. Die Wahrscheinlichkeit von Bissunfällen wird aufgrund der vergleichsweise hohen Aggressivität der Bananenspinnen gesteigert. Allerdings verfügen nicht alle Arten über ein ausreichend wirksames Gift, um einen Menschen zu töten, zumal einige Arten der Gattung urbane Gebiete meiden. Wieder andere Arten zeigen jedoch eine Synanthropie (Anpassung an menschliche Siedlungsbereiche) auf, sodass diese häufiger in und an Gebäuden angetroffen werden können.
Merkmale Die Gattung Phoneutria () umfasst neun wissenschaftlich beschriebene Arten. Die Weibchen erreichen eine Spannweite von 10 bis 13 cm. Der Körper des Weibchens wird 30 bis 50 mm lang, Männchen sind kleiner, mit einer Körperlänge von bis zu 40 mm.Martins & Bertani 2007 Die mittleren Augen der vorderen und hinteren Reihe bilden ein Quadrat. Im Gegensatz zur Gattung Ctenus liegen die äußeren Augen auf einer gemeinsamen Erhebung und stehen nah beieinander. Die Augen der hinteren Reihe sind größer als die der vorderen Reihe.
Von oben betrachtet nimmt das Peltidium oder Carapax, das Rückenschild des Prosomas, eine ovale Form ein. Auf anteriorer (vorhergehender) Seite erscheint er gerundet und rückseits gestutzt. Im Allgemeinen ist der Carapax länger als breit. Der breiteste Abschnitt befindet sich zwischen den Coxae (Hüftgliedern) des zweiten und dritten Beinpaares. Bei den Coxae des ersten Beinpaares ist der Carapax verschmälert. Die Seitenränder des Carapaxes sind je mit einer schwarzen Linie versehen. Die Fovea (Apodem) ist längslaufend geformt. Sie ist schwarz gefärbt und weist mehrere schwarze auseinanderlaufende Radiärstreifen auf.
Der Augenhügel erscheint geschwollen und vorherstehend. Die Augen sind in zwei Reihen übereinander angeordnet. Beide Augenreihen weisen je vier Augen auf und sind zurückgebogen geformt. Die vier Mittelaugen sind quadratförmig zueinander und die Seitenaugen je zu zweit weiter hinten übereinander angeordnet. Die oberen Seitenaugen sind im Gegensatz zu den anderen kreisförmig gebauten oval geformt und kleiner. Die unteren Mittelaugen stehen etwas weiter auseinander als es die Hälfte ihrer Durchmesser beträgt. Der Abstand der oberen Seiten- und Mittelaugen zueinander entspricht dem Durchmesser der oberen Mittelaugen. Die unteren und die oberen Seitenaugen sind jeweils so weit auseinander, wie es dem Radius der unteren Mittelaugen entspricht. Der Abstand der unteren und der oberen Mittelaugen ist geringfügig kleiner als der Durchmesser der der unteren Mittelaugen selber und der der unteren Mittelaugen und der unteren Seitenaugen entspricht dem Durchmesser der oberen Mittelaugen.
Die Höhe des Clypeus (Abschnitt zwischen dem vorderen Augenpaar und dem Rand des Carapax) entspricht ebenfalls dem Durchmesser der unteren Mittelaugen. Die eigentlich dunkelbraun gefärbten Cheliceren (Kieferklauen) fallen besonders durch die rot gefärbten Setae (Haare) auf. Diese Farbgebung dient als Signalfarbe. Die Cheliceren haben außerdem drei promarginale (innen vorderseitige) und fünf retromarginale (innen rückseitige) Zähne. Die Länge der Maxillen (Mundteile) beträgt das doppelte der Länge des Labiums (Lippe). Sie sind leicht zusammenlaufend geformt und auf der Distalseite (Randseite) gestutzt. Seitlich weisen die Maxillen eine Serrula (Zahnreihe) auf und anterior sowie median weitere Scopulae. Das Labium ist geringfügig kürzer als breit. Es hat einen gestutzten Apex und ist überdies beweglich mit dem Sternum (Brustschild des Prosomas) verbunden. Das Sternum selber wird durch gewundene Ränder begrenzt, während es anterior ebenfalls gestutzt und nach hinten hin spitz zulaufend endet.
Das erste Beinpaar der Arten der Bananenspinnen ist das längste. Diesem folgt das vierte und danach kommt das zweite. Das dritte Beinpaar ist das kürzeste. Die Tibien (Beinschienen) und die Metatarsen (Fersenglieder der Tarsen, bzw. Fußglieder) weisen überdies eine Ansammlung von aufeinanderfolgenden und zumeist paarweise angelegten Stacheln auf. Die Anzahl der Stacheln und deren Anordnung der Beinsegmente variiert innerhalb der vier Beinpaare. Die Tibien des ersten Beinpaares weisen auf der Ventralseite je vier Stachelpaare, die Metatarsen an selbiger Position drei auf. Ähnlich verhält es sich auf bei der Anordnung der Stacheln des zweiten Beinpaares, wobei hier jedoch die Tibien auf prolateraler Seite je einen Stachel aufweisen. Die Tibien des dritten Beinpaares hingegen verfügen nur über drei Stachelpaare, dafür sind hier jeweils auf pro- und auf retrolateraler Seite noch zwei einzeln stehende Stacheln vorhanden. Die Bestachelung der Metatarsen des dritten Beinpaares entspricht weitestgehend der der Tibien von diesem, allerdings befindet sich hier anschließend an die einzelnen Stacheln auf pro- und retrolateraler Seite noch ein weiteres Stachelpaar. Die Anordnung der Stacheln des vierten Beinpaars gleicht gänzlich der des zuvorigen.
Die Trochanter (Schenkelringe) sind mit Kerben versehen. Bemerkenswert sind die dichten Scopulae (dichte Beinbehaarungen), die sich je auf prolateraler (seitlich dem Körper zugewandter) Seite der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich), der Tibien und der Tarsen befinden. Die Tarsen verfügen über je zwei kammförmige Klauen sowie Klauenbüschel. Zusätzlich sind auf den Meta- und den Tarsen dorsal je zwei Reihen von Trichobothria (Tasthaaren) ausgebildet. Die Basen der Trichobothria wiederum weisen mehrere transversal angelegte Grate auf. Die Grundfarbe der Beine ist wie beim Rest des Körpers ebenfalls braun.
Auf dem Opisthosoma (Hinterleib) befinden sich hinter den Buchlungen (Atmungsorganen) radiär verlaufende Bänder mit weißen Punkten, die sich bei den Spinnwarzen trennen. Den Spinnwarzen fehlt ein Cribellum (Organ zum Herstellen von Fangwolle) was die Arten der Bananenspinnen demzufolge zu ecribellaten Spinnen werden lässt.
Verbreitung und Lebensräume mini|Weibliche Bananenspinne in der Streuschicht, gefunden in Serra da Canastra Nationalpark (Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien). Das Verbreitungsgebiet der Bananenspinnen erstreckt sich von Costa Rica in Mittelamerika bis in die Subtropen in Südamerika. Das Hauptverbreitungsgebiet der Gattung ist Brasilien, wo acht Arten vorkommen.
Zu den Habitaten der Bananenspinnen zählen mitunter Regenwälder. Synanthropische (an menschliche Siedlungsbereiche angepasste) Arten wie die Brasilianische Wanderspinne (P. nigriventer) kommen überdies in Bananenplantagen recht häufig vor. Diese Spinnen dringen auch gerne in Häuser ein.
Lebensweise mini|In der Nacht aktive weibliche Bananenspinne auf dem Bodengrund Bananenspinnen sind wie alle Kammspinnen (Ctenidae) nachtaktiv und leben genauso nomadisch. Am Tag halten sie sich versteckt in Felsspalten, unter Steinen oder umgestürzten Baumstämmen oder in Bromelien auf. Des Weiteren bieten Baumritzen und verlassene Termitenhügel willkommene Versteckmöglichkeiten der Spinnen. Die synantropischen Arten nutzen darüber hinaus gerne die großen trockenen Blätter von angebauten Pflanzen der Dessertbanane (Musa x paradisiaca) in dafür geschaffenen Plantagen als Versteckmöglichkeit. Gleiches trifft in dem Fall auf Gebäude zu, da diese den Spinnen dunkle und feuchte Rückzugsorte Orte bieten. Während der nächtlichen Aktivitätszeit halten sich Bananenspinnen dann je nach Art in der Vegetation oder auf dem Boden auf.
Jagdverhalten und Beutespektrum mini|links|Weibliche Bananenspinne mit erbeuteter Raupe Bananenspinnen leben wie alle Spinnen räuberisch und jagen nach Eigenart der Kammspinnen üblich ohne ein Spinnennetz, sondern freilaufend als Lauerjäger. Sie sind opportunistische Jäger und demnach nicht euryphag (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesen). Dabei suchen die Spinnen in Unterholz oder auf dem Bodengrund aktiv Beutetiere auf. Einige Arten der Gattung nutzen oft großblättrige Pflanzen wie Palmen als Jagdgrund. Die Jungtiere der Bananenspinnen können durch diese Methode vermutlich zusätzlich den ausgewachsenen Individuen der Gattung entgehen, da diese als Prädatoren (Fressfeinde) der Jungtiere in Erscheinung treten können, zumal sie in diesem Aufenthaltsort die von einem Prädatoren ausgehenden Vibrationen deutlich besser wahrnehmen können.
In das Beutespektrum der Bananenspinnen fällt vor allem eine Großzahl von Wirbellosen, darunter Gliederfüßer, insbesondere verschiedene Insekten, wie Käfer, Zweiflügler, Schmetterlinge (in allen Entwicklungsstadien) und Heuschrecken, sowie andere Spinnen.D. Ramírez, G. Guevara, L. M. F. Pérez et al. (2021): Deciphering the diet of a wandering spider (Phoneutria boliviensis; Araneae: Ctenidae) by DNA metabarcoding of gut contents. Ecology and Evolution, June 2021, Vol. 11, Iss. 11, Pages 5950-5965, doi:10.1002/ece3.7320
Auch wehrhafte Gliederfüßer, wie Skorpione oder Hundertfüßer, werden von den Spinnen erlegt. Kleinere Wirbeltiere erweitern das Beutespektrum, darunter kleine Frösche und Eidechsen. Gleiches trifft auf Kleinsäuger und Fledermäuse zu. Eine Ausnahme bilden Tiere, die in der Lage sind, giftige Hautsekrete über die Haut abzusendern wie Baumsteigerfrösche (Dendrobatidae) oder Widderchen (Zygaenidae). Diese werden zwar gelegentlich von Bananenspinnen ergriffen, jedoch unmittelbar danach wieder losgelassen. Bei der Großen Bananenspinne (P. boliviensis) ist überliefert, dass diese erlegte Beutetiere gelegentlich einspinnt.
Abwehrverhalten und Verteidigung mini|Drohgebärde einer weiblichen Bananenspinne