miniatur|hochkant=1.5|Großer Speicher aus der Vogelperspektive, 1853(Zeichnung von Julius Hülsen nach Carl Theodor Reiffenstein, 1902) miniatur|hochkant=1.5|Position des Gebäudes in der Frankfurter Altstadt(Chromolithografie, 1904) Der Große Speicher war ein historischer Patrizierhof in der nordwestlichen Altstadt von Frankfurt am Main. Die um einen annähernd viereckigen Innenhof gruppierten Häuser lagen zum Westen an der Rosengasse (ab 1918 Schüppengasse), zum Osten an der Rotkreuzgasse, beides heute nicht mehr existierende Parallelstraßen von und zwischen dem Großen Hirschgraben und dem Kornmarkt. Die Nordseite mit einem ummauerten Garten und die Südseite zur Schüppengasse (ab 1899 Bethmannstraße) waren durch angrenzende Häuser verbaut. Die Hausanschrift war zuletzt Schüppengasse 2 bzw. Rotkreuzgasse 1.
Die im Kern nur vage in die Gotik zu datierende Hofanlage erfuhr Ende des 16. Jahrhunderts durch einen niederländischen Einwanderer einen Umbau in Formen der Hochrenaissance. Sie war damit der früheste dokumentierte Bürgerbau der Stadt, der diesen Stil rezipierte und über Jahrhunderte kaum Umbauten erfuhr. Kurz bevor die daraus erwachsende Bedeutung des Großen Speichers für die Frankfurter Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, zerstörten tiefgreifende spätklassizistische Umbauten große Teile des bauzeitlichen Zustands.
Im Rahmen der Altstadtsanierung der 1930er Jahre wurden die wenigen noch erhaltenen Reste des Hofs sorgfältig abgetragen, um ihn später an anderer Stelle wieder errichten zu können, wozu es aufgrund des Kriegsgeschehens nicht mehr kam. Am einstigen Standort des Gebäudes befindet sich heute der denkmalgeschützte ehemalige Bundesrechnungshof, der dort in der direkten Nachkriegszeit errichtet wurde. Die eingelagerten Teile haben bis heute größtenteils in städtischen Depots überdauert.
Geschichte Etymologie, Quellenlage und topographische Einordnung Die Bezeichnung Großer Speicher entstammt offensichtlich dem 18. Jahrhundert. In den Quellen findet sich selbst die Nennung als Speicher nicht vor dem 16. Jahrhundert, zuvor ist meist von einem „Hof“ die Rede. Das dem Hausnamen beigefügte Attribut wurde eingeführt, um eine Abgrenzung zu zwei nahe gelegenen Häusern zu erreichen, deren ältere Bezeichnungen ebenfalls erst im 18. Jahrhundert durch die Bezeichnungen als Mittlerer Speicher (Schüppengasse 2 / Bethmannstraße 16) und Kleiner Speicher (Schüppengasse 4 / Bethmannstraße 18) abgelöst wurden. Worauf sich das Wort Speicher derweil bezieht, bleibt unklar. Da mittelalterliche Häusernamen mangels eines Systems an Hausnummern meist Besonderheiten eines Hauses oder seines Besitzers zur Abgrenzung von anderen Gebäuden heranzogen, kann nur spekuliert werden, dass der Hof, womöglich nach einem Umbau, durch einen besonders eigentümlichen Speicher im Sinne einer Lagerstätte hervorragte.
Über die Geschichte des Gebäudes ist in Anbetracht seiner Bedeutung für die Stadtgeschichte vergleichsweise wenig bekannt. Eine bis in die Neuzeit nachverfolgbare Besitzerhistorie ist im Gegensatz zu anderen wichtigen Baudenkmälern der Stadt wie z. B. der Goldenen Waage am Dom oder dem Salzhaus am Römerberg nicht überliefert. Ferner sind viele Dokumente, die heute darüber möglicherweise Aufschluss geben könnten, insbesondere die aus der reichsstädtischen Zeit stammenden Baumeisterbücher, mit der Zerstörung des Frankfurter Stadtarchivs Anfang 1944 untergegangen.
Von 1902 existiert eine relativ umfangreiche Monographie, die sich jedoch hauptsächlich mit der – damals schon stark veränderten – Architektur des Gebäudes auseinandersetzt, und in gedruckter Form auch wichtige Bauaufnahmen überliefert hat.Jung, Hülsen 1902–1914, S. 87–97. Für (damals) zurückliegende Zeiträume greift sie vielfach auf die einzige Quelle zurück, die das Gebäude im annähernd bauzeitlichen Zustand beschreibt, nämlich die Texte und Bilder des Frankfurter Malers Carl Theodor Reiffenstein. Sie dokumentieren akribisch die Veränderung der Stadt seit seinen frühesten Kindheitserinnerungen aus dem Jahr 1824 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1893, etwa bis 1885.
Andererseits lässt die Tatsache, dass die Monographie vom damaligen Leiter des Stadtarchivs, Rudolf Jung, mitverfasst wurde, zunächst annehmen, dass ohnehin nur eine geringe Überlieferung vorhanden war – hatte er bei seiner Arbeit doch uneingeschränkten Zugriff auf die damals riesigen Archivbestände (vgl. dazu jedoch Rezeption im 19. Jahrhundert). Ein Bild des rein äußerlichen Zustands der Anlage kurz vor ihrem Abriss liefern schließlich die für Treuners Altstadtmodell in den 1930er Jahren angelegten Skizzenbücher, die im Historischen Museum erhalten sind.
miniatur|Verlauf der Braubach im Altstadtbereich(Chromolithografie von Friedrich August Ravenstein von 1862 mit Überlagerung nach Karl Nahrgang) Wie weit die Geschichte des Großen Speichers zurückgereicht haben mag, lässt sich trotz des Mangels an Quellen relativ exakt festlegen. Der Stadtgeschichtsschreiber und -topograph Johann Georg Battonn bemerkte Anfang des 19. Jahrhunderts zur Rotkreuzgasse:Battonn 1869, S. 246; nach dem Schöffengerichtsprotokoll von 1399, in dem die „Dieterichsbrücke oben an dem Rosenthale“ genannt wird.
Die „Andaue“, also Antauche, früher auch Schüppe genannt, war nichts anderes als die Braubach, ein bereits im ersten christlichen Jahrtausend verlandeter Nebenarm des Mains,Nahrgang 1949, S. 10 (Fußnote); nach Pollenanalysen und archäologischen Funden der Altwasserläufe von Rhein und Neckar. der im Altstadtbereich ungefähr der heutigen gleichnamigen Straße folgte.Nahrgang, S. 13. Ab dem heutigen Paulsplatz verlief sie entlang der danach benannten Schüppengasse – seit ihrer südseitigen Verbreiterung 1899 Bethmannstraße. Einer direkt südlich davon gelegenen ersten Stadtmauer, die wohl im 10. Jahrhundert entstand,Orth 1991, S. 23; eine Urkunde vom 9. Mai 994, mit der König Otto III. der Salvatorkirche die königlichen Fischereirechte im Main schenkte, bezeichnet Frankfurt als „castello“.Wintergerst 2007, S. 95–98. diente sie als natürlicher Graben. In staufischer Zeit entwickelte sich die Stadt ab dem 12. Jahrhundert über diese Grenzen hinaus und wurde bis spätestens 1200 mit einer weiteren Stadtmauer, der heute noch in Resten erhaltenen Staufenmauer umgeben.Die genaue Erbauungszeit der Staufenmauer ist bis heute umstritten und schwankt in der Literatur zwischen der Mitte des 12. und dem frühen 13. Jahrhundert, da es keine erhaltenen schriftlichen Belege gibt, die sich direkt auf den Mauerbau beziehen. Tendenziell wird von der Forschung eine Zeit um 1200 als am wahrscheinlichsten angesehen, siehe hierzu z. B. Orth, S. 26.
Nach dem Bau der Staufenmauer hatte der ehemalige Graben der ersten Befestigungsanlage keine militärische Bedeutung mehr und konnte nun als innerstädtischer Kanal gleichermaßen wirtschaftlich wie auch zur Kanalisation der Abwässer genutzt werden.Battonn 1861, S. 72–76; 1468 erfolgte zwecks besserer Kanalisierung eine Auskleidung mit Holzbohlen, ab 1558 die Ausmauerung und Einwölbung auf Kosten der Anwohner, wobei letztere Maßnahme erst im frühen 19. Jahrhundert vollendet war. Aus diesem Grunde ließen sich die Weißgerber mit ihren übel riechenden Betrieben entlang der Schüppengasse nieder.Battonn 1869, S. 227; urkundlich wird den „wisgerwern“ an der Schüppengasse erstmals 1322 gedacht. Die dort lange Zeit nur lose und mehr von ausgedehnten Höfen und Gärten geprägte Bebauung war bereits daran zu erkennen, dass das gesamte Gebiet zwischen Großen Kornmarkt, dem späteren Großen Hirschgraben, der Schüppengasse und der Weissadlergasse im 14. und 15. Jahrhundert, urkundlich erstmals 1307, als „valle rosarum“ oder „Rosental“ bezeichnet wurde.Battonn 1869, S. 224–227.Kriegk 1871, S. 304; die Charakterisierung als Tal rührte wohl daher, dass sich das Gebiet, beginnend an der Weißadlergasse, in Richtung der ungefähr mit dem Verlauf der Bethmannstraße identischen Braubach absenkte. Kriegk unterstützt zudem die bei Battonn V, S. 225 ausgesprochene Vermutung, dass es ursprünglich ein großer Garten gewesen sei. Auch anhand logischer Überlegungen, bedenkt man die Entwicklung der Stadt in staufischer Zeit, leuchtet es durchaus ein, dass diese nordwestliche Partie der Altstadt zuletzt bebaut wurde und somit lange Zeit eher den Charakter eines Gartens hatte.
miniatur|links|Die nordwestliche Altstadt, 1552(Holzschnitt von Conrad Faber von Kreuznach) Das Rosental durchschnitten zwei Gassen, die bereits genannte Rotkreuzgasse im Osten, und die Rosengasse im Westen. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurde die durch nachgelagerte Befestigungen sinnlos gewordene Staufenmauer in diesem Gebiet abgerissen und der davor gelegene Stadtgraben, der Hirschgraben, aufgefüllt und in die gleichnamige Straße umgewandelt.Schindling 1991, S. 206. Bis dahin stellte die Rosengasse den Zwinger der staufischen Mauer dar, der 1350 von Baldemar von Petterweil als „hic proximus muro opidi“ beschrieben wurde. Dieser Zustand ist auf dem Belagerungsplan der Stadt von 1552 trotz der in dem Gebiet nur sehr undeutlich gezeichneten Straßenverläufe noch gut zu erkennen. Erst 1918 erhielt sie den Namen der 1899 verschwundenen Schüppengasse, der Name der Rosengasse verschwand.
Die Rotkreuzgasse, die bis ins 17. Jahrhundert hinein Dietrichsgasse hieß, fand ebenfalls schon in Petterweils Aufzeichnungen Erwähnung. Battonn vermutete in einer dort bereits 1273 erwähnten Hofstätte des namensgebenden Gerichtsboten Dietrich einen Vorgängerbau des Großen Speichers, ohne dafür jedoch in seinem Urkundenauszug einen Beleg zu liefern, dass es sich tatsächlich um ein Gebäude an exakt dieser Stelle handelte. Unabhängig davon ist die Einteilung des Rosentals in Querstraßen, die die spätere Parzellierung vorgaben, bereits für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts urkundlich nachvollziehbar.
Vorgeschichte Am südlichen Rand des Rosentals wurde, rein aus der zuvor in Grundzügen geschilderten Entwicklungsgeschichte der Niederstadt geschlossen, wohl im 14. Jahrhundert erstmals ein Vorgängerbau des späteren Großen Speichers errichtet. Die frühesten schriftlichen Quellen, die sich auf das Gebäude beziehen, stammen allerdings erst vom Anfang des 15. Jahrhunderts. 1412 beschrieb ein Zinsbuch Einnahmen von einem „Hof mit Garten“, der sich im Besitz eines Lutz zum Wedel befand. Ausdrücklich wurde auch die Brücke über den noch immer offenen Stadtgraben erwähnt.Battonn 1869, S. 249; „Item decem sol. hall. cedunt in vico dieterichgassse de et super Curia orto (horto) fundo et suis attinentiis quondam Lotzonis zum Widdel sitis precise in acie circa pontem sinistro latere eundo transpontem ad supra dictum vicum. L. C. SS. M. et G. de 1412. f. 4.“.
Laut der älteren Literatur, die allerdings keinen Quellennachweis erbringt, war das Gebäude bereits im 14. Jahrhundert im Besitz der Familie. Im Häuserverzeichnis von 1433–1438 findet sich ein Eintrag, der es im Besitz des Heinrich Weiss zum Wedel ausweist.Jung, Hülsen 1902–1914, S. 88. Somit kann als bewiesen gelten, dass der Hof im 15. Jahrhundert über mehrere Generationen in der bekannten Frankfurter Patrizierfamilie vererbt wurde, obwohl er in seiner damaligen Form nicht mehr fassbar ist.
Eine Bauherreneigenschaft lässt sich derweil nicht zuschreiben, obgleich die Errichtung einer Hofanlage dieser Größe nur jemand aus den Reihen des Stadtadels bzw. -patriziats stemmen konnte, zu denen die Familie Wedel klar zu zählen war. Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts müssen die Gebäude durch Verkauf oder – unter den Geschlechtern der städtischen Oberschicht häufige – familiäre Verbindungen in den Besitz der nicht minder um die Stadt verdienten Patrizierfamilie Knoblauch gekommen sein. Mit diesem Eintrag aus dem Jahre 1509 über Bedezahlungen Siegfried Knoblauchs als Besitzer eines zum Hof gehörigen Gartens sind die Schriftzeugnisse über den Vorgängerbau aber bereits erschöpft.Battonn 1869, S. 248.