mini|Großherzoglich Oldenburgischer Gendarm im Dienstanzug (Bildmitte). Rechts im Bild Großherzog Friedrich August. Aufnahme vom 21. Mai 1914 Rodenkirchen, Amt Brake, heute Landkreis Wesermarsch mini|Gendarmerie-Kaserne in Oldenburg (Oldenburg) um 1900, Heiligengeiststraße. Gebaut 1837 für das Großherzoglich oldenburgische Landdragonerkorps, abgebrochen 1974. 1937–1945 Sitz der Gestapo. Nach 1945 zeitweise Dienststelle der Nachrichtenpolizei Niedersachsen. Nach dem Abbruch 1974 entstand hier das Finanzamt Oldenburg. Das Großherzoglich Oldenburgische Gendarmeriekorps wurde 1867 als Folge des Eintritts des Großherzogtums Oldenburg in den Norddeutschen Bund sowie der oldenburgisch-preußischen Militärkonvention Nachfolgerin des (Groß)herzoglich oldenburgischen Landdragonerkorps. Seine Struktur blieb auch nach der Revolution und der Abdankung von Großherzog Friedrich August am 11. November 1918 im Prinzip unangetastet. Die oldenburgische Gendarmerie bestand als Staatspolizei des nunmehrigen Freistaats Oldenburg bis zu ihrer Auflösung 1936.
Gründung, territoriale Zuständigkeit und Struktur Durch die oldenburgisch-preußische Militärkonvention vom 15. Juli 1867 wurde das (Groß)herzoglich oldenburgische Landdragonerkorps aus der bisherigen oldenburgischen Militärstruktur herausgelöst und unterstand nicht den neuen norddeutschen Bundestruppen bzw. deren Befehlshabern.
Wie schon das Landdragonerkorps, war die nunmehrige Gendarmerie nur im oldenburgischen Kernland (Herzogtum Oldenburg) zuständig. Erst 1905 wurde die Gendarmerie des Fürstentums Lübeck in das Korps integriert. Die Gendarmerie des Fürstentums Birkenfeld war von der Gründung 1817 bis zur Auflösung 1937 eine eigenständige, nichtmilitärische Instanz, die organisatorisch in keiner Verbindung zum Gendarmeriekorps stand.
Anstelle des Militärkommandos als vorgesetzte Behörde trat nun das Departement des Innern der Großherzoglichen Regierung. Trotzdem behielt auch das Gendarmeriekorps einen militärischen Charakter. Es unterstand weiterhin einem militärischen Kommandeur (in der Regel dem ranghöchsten preußischen Offizier in der Garnison Oldenburg). Bis zur Revolution 1918 blieb auch das Oldenburgische Militärstrafgesetz vom 7. September 1861 für das Korps in Kraft.
Die unmittelbaren Militärvorgesetzten der Gendarmen waren bis 1918: der Kommandeur der Stabs-Oberwachtmeister die Oberwachtmeister (Berittführer) für ihren Beritt.
Die Zivilvorgesetzten waren: der Minister des Innern der vortragende Rat beim Großherzoglichen Ministerium, dem die Bearbeitung der Gendarmerie-Angelegenheiten übertragen waren der Amtshauptmann und sein Vertreter innerhalb der Ämter. In den Städten 1. Klasse die Bürgermeister (Oldenburg, Delmenhorst und ab 1910 Rüstringen, heute Wilhelmshaven sowie Jever)
Kommandeure des Korps:
Generalmajor Johann Ludwig Mosle, 1. Januar 1828 – 1. Januar 1870. Oberst a. D. Wilhelm Theodor Becker (* 31. März 1818 Oldenburg, † 19. Oktober 1885 Oldenburg), 1. Januar 1870 – 19. Oktober 1885. Major (der preußischen Armee) Müller, 1. Januar 1886 – 1. November 1895. Oberst a. D. (der preußischen Armee) Gustav Frels (* 5. Juni 1843 Varel, + 2. November 1915 Oldenburg), 1. Oktober 1896 – 14. November 1909. Oberst a. D. (der preußischen Armee) Rudolf Kellner (1850–1927), 15. November 1909 – 31. Dezember 1920, ab dem 2. April 1918 mit dem Charakter und Titel eines Großherzoglich oldenburgischen Generalmajors. Oberstleutnant der Sicherheitspolizei, später Oberst der Ordnungspolizei Oldenburg Oskar Wantke (* 17. Oktober 1872, † 2. November 1940) in Personalunion als Kommandeur der Oldenburgischen Ordnungspolizei und der Gendarmerie, 1. Januar 1921 – August 1932.
Von 1919 bis zu seiner Pensionierung 1932 war der Oberst der oldenburgischen Ordnungspolizei (Orpo) Oskar Wantke in Personalunion Kommandeur der Ordnungspolizei und der Gendarmerie.
mini|Karte-Oldenburg Die territoriale Struktur des Korps wurde von den Landdragonern übernommen. Neben dem Kommando in der Stadt Oldenburg in der Gendarmeriekaserne Heiligengeiststraße 23 (1836 errichtet, 1974 abgerissen, von 1937 bis 1945 Sitz der Gestapo-Dienststelle Oldenburg) existierten seit 1860 sieben so genannte Beritte:
Oldenburg mit den Ämtern Oldenburg, Elsfleth, Westerstede und Friesoythe, Delmenhorst mit den Ämtern Delmenhorst und Berne, Varel mit den Ämtern Varel und Rastede, Jever mit der Stadt Jever und dem Amt Jever, Brake mit den Ämtern Brake, Ovelgönne, Stollhamm und Landwührden, Vechta mit den Ämtern Vechta, Wildeshausen, Steinfeld und Damme, Cloppenburg mit den Ämtern Cloppenburg und Löningen.
Die Beritteinteilung wurde offenbar schon vor 1914 aufgegeben zugunsten einer Einteilung nach Amtsbezirken.
1934 war das Gendarmerie-Korps wie folgt strukturiert:
A. Landesteil Oldenburg des Freistaats Oldenburg:
Amtsbezirk Oldenburg mit den Standorten Oldenburg, Oldenburg-Eversten, Oldenburg-Osternburg, Wardenburg, Huntlosen, Ahlhorn, Hude, Delmenhorst, Delmenhorst-Iprump, Stuhr, Grüppenbühren, Ganderkesee und Wildeshausen: 2 Gend.-Oberkommissare und 23 Gend.-Kommissare. Amtsbezirk Ammerland mit den Standorten Westerstede, Ocholt, Apen-Augustfehn, Edewecht, Rastede, Wiefelstede, (Bad)Zwischenahn und Ofen: 1 Gend.-Oberkommissar und 11 Gend.-Kommissare. Amtsbezirk Friesland mit den Standorten Jever, Schortens, Fedderwarden, Hooksiel, Hohenkirchen, Tettens, Insel Wangerooge, Varel, Zetel, Neuenburg, Bockhorn und Sande: 2 Gend.-Oberkommissare und 16 Gend.-Kommissare. Stadt I. Klasse Rüstringen (ab 1937 Wilhelmshaven): 1 Gend.-Oberkommissar und 10 Gend.-Kommissare. Amtsbezirk Wesermarsch mit den Standorten Brake, Elsfleth, Berne, Lemwerder, Bardenfleth, Großenmeer, Jaderberg, Schweiburg, Ovelgönne, Rodenkirchen, Nordenham, Einswarden, Ellwürden, Stollhamm, Burhave, Ruhwarden, Seefeld und Dedesdorf: 2 Gend.-Oberkommissare und 22 Gend.-Kommissare. Amtsbezirk Vechta mit den Standorten Vechta, Lohne, Dinklage, Damme, Neuenkirchen, Steinfeld, Vestrup, Visbek und Goldenstedt: 1 Gend.-Oberkommissar und 14 Gend.-Kommissare. Amtsbezirk Cloppenburg mit den Standorten Cloppenburg, Emstek, Essen, Lastrup, Lindern, Löningen, Friesoythe, Barßel, Strücklingen, Scharrel und Garrel: 2 Gend.-Oberkommissare und 16 Kommissare.
mini|Karte-Oldenburg-Ex B. Landesteil Lübeck des Freistaats Oldenburg:
Amtsgerichtsbezirk Eutin mit den Standorten Eutin, Hutzfeld, Malente, Süsel: 1 Gend.-Oberkommissar und 6 Gend.-Kommissare Amtsgerichtsbezirk Bad Schwartau mit den Standorten Bad Schwartau, Ahrensbök, Timmendorfer Strand, Pönitz und Stockelsdorf: 7 Gend.-Kommissare.
Der Landesteil Birkenfeld verfügte von 1817 bis 1937 über eine eigene Gendarmerie, die nicht in die Struktur des Oldenburgischen Korps eingebunden war.
Daraus ergibt sich eine Gesamtstärke des Korps zum Stichtag 1. Oktober 1934 von 11 Oberkommissaren und 112 Kommissaren für den Landesteil Oldenburg und einem Oberkommissar und 13 Kommissaren für den Landesteil Lübeck.
Personal und Ausbildung Das Personal rekrutierte sich ausschließlich aus ehemaligen gedienten Unteroffizieren des preußischen Heeres; oldenburgische Staatsbürger wurden bevorzugt eingestellt. Eine Art einjährige Grundausbildung fand innerhalb des Probejahres in der Gendarmeriekaserne in Oldenburg statt. Die Beamten erhielten allgemeinen Unterricht in Deutsch, Rechnen und Heimatkunde durch einen Zivillehrer; Dienstunterricht durch den Stabs-Oberwachtmeister, den Berittführer Oldenburg und einen Beamten des Ministeriums. Der Zivillehrer, Schulvorsteher Stolle, war 1917 bereits seit 40 Jahren nebenamtlich im Dienst. Dazu Wintermann:
In der Kaserne wurde auch um 1911 ein Kriminalmuseum eingerichtet, um die Beamten anschaulich mit Verbrechensmethoden vertraut zu machen. Ab 1914 war eine kriminalpolizeiliche Ausbildung bei der Polizeidirektion Hamburg geplant, die aber aufgrund des Kriegsausbruchs abgebrochen werden musste.
Der Personalbestand des Korps erhöhte sich kontinuierlich von 69 Mann im Jahre 1867 auf 115 im Jahr 1917 (nun zusätzlich 14 im Fürstentum Lübeck). Während des Ersten Weltkriegs stieg die Stärke des Korps durch Hilfsgendarmen beträchtlich an und dürfte bei gut 200 Mann gelegen haben. Im Freistaat verfügte das Korps über gut 130 Beamte. 1928 bestanden 81 Gendarmeriestandorte, die in der Regel mit einem Kommissar besetzt waren. Die Stadt Rüstringen verfügte neben ihrer Kommunalpolizei und einem Orpo-Kommando in Zugstärke (ab 1923) über einen Gendarmerie-Oberkommissar und 11 Kommissare.
Die Schießausbildung fand nach der Versetzung in die Beritte dort statt; offenbar zweimal im Jahr.
Uniformierung und Dienstgrade mini|Wachtmeister der Großherzoglich Oldenburgischen Gendarmerie im Paradeanzug um 1917 Das Korps trug eine graugrüne Uniform, zu dem im Dienst der Helm und im Ausnahmefall die Mütze getragen wurde. Bewaffnet waren die Gendarmen mit einem Säbel und einem Revolver, der 1908 durch eine Selbstladepistole ersetzt wurde.
1917 sollte auch in Oldenburg für die Gendarmerie eine feldgraue Uniform nach Vorbild der preußischen Armee und der preußischen Gendarmerie eingeführt werden. Dazu sollte nun analog zur Armee außer der oldenburgischen blauroten Kokarde auch die Reichskokarde (Schwarz-Weiß-Rot) getragen werden. Diese Uniform kam offensichtlich jedoch nicht mehr flächendeckend zum Einsatz. Nach dem Krieg wurde die alte Uniform weiterverwandt. Zu diesem Zeitpunkt war die Uniform schon sehr anachronistisch und unfunktionell. Trotzdem blieb sie, wie auch in anderen deutschen Bundesstaaten, bis zur Auflösung der landeseigenen Gendarmerien 1936 im Gebrauch. So waren 1934 noch bei den Gendarmerien bzw. Schutzmannschaften von Bayern, Braunschweig, Oldenburg, Baden und Bremen noch Helme in Form der „Pickelhaube“ in Gebrauch, während bereits in Mecklenburg, Thüringen und Württemberg Schirmmützen und in Preußen, Anhalt und Lippe Tschakos verwandt wurden. Die Ordnungs- bzw. Schutzpolizeien der Bundesstaaten verwendeten im Einsatzfall sämtlich den Tschako als Kopfbedeckung.
Die Dienstgrade des Korps im Kaiserreich waren Stabs-Oberwachtmeister, Oberwachtmeister und Wachtmeister; im Freistaat Inspektor, Oberkommissar, Kommissar und Anwärter.
Einsätze Sechs Gendarmen nahmen am Deutsch-Französischen Krieg als Feldgendarmen teil. Hiervon wurden die Gendarmen Hanje und Nagel als Obergendarmen zur persönlichen Dienstleistung von Großherzog Nikolaus Friedrich Peter nach Versailles abkommandiert.
Im August 1894 kam es zu einem mehrwöchigen Großeinsatz der Gendarmerie in der Industriegemeinde Osternburg, heute Teil der Stadt Oldenburg. Um den 11. August war der Glashüttenarbeiter Carl Ohlendorf am Langenweg, heute Stedinger Straße, von streikenden Arbeitskollegen als Streikbrecher beschimpft und tätlich angegriffen worden. Der Tatort lag in der Nähe der Brokat’schen Brotfabrik, später Firma Bahlsen. Ohlendorf wurde durch insgesamt sechs Messerstiche, davon einem im Kopf, schwer verletzt und verstarb wenige Tage später im Evangelischen Krankenhaus. Die Täter wurden bereits am Tag nach der Tat verhaftet. Um weitere Zwischenfälle dieser Art zu verhindern, wurde die Glashütte selbst mit vier Gendarmen belegt. Zehn zusätzliche Gendarmen patrouillierten Tag und Nacht durch Osternburg. Der Streik, einer der größten, der je in Oldenburg stattfand und gut drei Monate dauerte, wurde im September 1894 eingestellt, da die Werksleitung aus Süd- und Westdeutschland neue Arbeitskräfte angeworben hatte.
1897 wurden versuchsweise Privatfahrräder der Gendarmen zu dienstlichen Zwecken zugelassen.
1899 wurde in Delmenhorst, 1903 in Rüstringen eine ständige Wache eingerichtet.
1902 kam es zur Einführung der Mauser-Selbstlade-Pistole Kal. 7,63 mm und zur Abschaffung der 1886 eingeführten Revolver. Die Revolver wurden an die Direktion der Strafanstalt Vechta verkauft.
1904 traten die Gendarmen des Fürstentums Lübeck in das Korps ein und unterstanden nun ebenfalls dem Militärstrafgesetz.