Sigrid Sigurdsson (* 1943 in Oslo) ist eine deutsche Künstlerin. Sie ist in Island und Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1951 in Hamburg. Sie hat von 1961 bis 1966 an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Kurt Kranz (1910–1997) studiert.
Sigrid Sigurdsson zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation, die sich (wie Christian Boltanski, Jochen Gerz, Anselm Kiefer, Anne und Patrick Poirier, Dorothee von Windheim u. a.) in ihrem Werk mit Geschichte, Gedächtnis und Erinnerung befassen. Das Spektrum ihres umfangreichen Œuvres umfasst Zeichnungen, Konzeptkunst, Malerei, Text, Fotografie, Film, Plastik, Installation, Environment und Interaktion. Ihr Hauptwerk, Die Architektur der Erinnerung, ist als Museum im Museum in der ständigen Sammlung des Osthaus-Museums Hagen zu sehen.
Thematik und künstlerische Arbeitsweise Sigrid Sigurdsson setzt sich seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit mit dem Phänomen des Gedächtnisses und seinen vielfältigen Dimensionen und Funktionen auseinander. Im Fokus ihrer Arbeit steht die Zeit des Nationalsozialismus mit ihren Auswirkungen in Geschichte und Gegenwart. Ihr Interesse gilt vor allem der Sichtbarmachung unbewusster, tabuisierter oder verdrängter Erinnerungen, die im individuellen und kollektiven Gedächtnis verankert sind und bis in die Gegenwart hineinwirken.
Grundprinzip ihrer Arbeit bildet das Sammeln, Bearbeiten und Kombinieren von authentischen und fingierten Materialien, die sie in ihre Installationen und Projekte integriert. Durch das Zusammenführen historischer Materialien und offizieller Dokumente mit individuellen biografischen Spuren oder Fundstücken aus der Alltagsgeschichte arrangiert sie scheinbar zufällige Zusammenhänge. Diese verweisen auf die Unberechenbarkeit und auf den Konstruktcharakter der Erinnerung. So ergeben sich je nach Vorwissen und eigener Erfahrung der Betrachter unterschiedliche Assoziationen, werden persönliche Erinnerungen ausgelöst und subjektive Deutungszusammenhänge hergestellt.
Frühe Zeichnungen und Objekte Die ersten Arbeiten der Künstlerin entstanden bereits ab 1956. Hierzu zählen verschiedene Serien von Zeichnungen, die in einer Mischtechnik aus Bleistift, Buntstift und Tempera auf collagiertem Papier oder Karton ausgeführt sind. Sie zeigen anthropomorphe Figuren mit käfigartigen Rümpfen (Käfigmenschen) oder doppelköpfige Wesen, die durch einen gemeinsamen Rumpf verbunden sind (Doppelköpfe). 39 dieser Zeichnungen aus den Jahren von 1957 bis 1982 sind in die Architektur der Erinnerung im Osthaus-Museum in Hagen integriert.
Bereits diese Zeichnungen wie auch andere frühe Arbeiten, die aus Erinnerungsobjekten, Fragmenten und Fundstücken bestehen, sind Ergebnis ihrer intensiven Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus und deren Auswirkungen sowohl auf die eigene Kindheit und Familienbiografie als auch auf die kollektive Geschichte.Martina Pottek: Kunst als Medium der Erinnerung (2007) S. 39–77. Die wechselseitige Beziehung zwischen individueller Biografie und kollektiver Geschichte erfahrbar zu machen und die Erinnerung in das Gedächtnis des einzelnen „zurückzuverlegen“, charakterisiert seither das Werk von Sigrid Sigurdsson.
Prosa Das autobiografische und literarische Schreiben begleitet Sigrid Sigurdssons künstlerische Tätigkeit von Anfang an. Viele ihrer frühen Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungstexte und gedanklichen Reflexionen, die sie in vorgefundenen Büchern oder losen Blattsammlungen festgehalten hat, sind in spätere Arbeiten und Installationen integriert.
Seit Anfang der sechziger Jahre verfasst Sigrid Sigurdsson auch fiktive Geschichten und Märchen, in denen sie dem Rätsel des Gedächtnisses und der Erinnerung auf die Spur zu kommen sucht. Ein großer Teil dieser Geschichten ist in dem Zyklus Das Wunderknäuel zusammengeführt, der aus über dreihundert Büchern mit eingearbeiteten Fotos und eigenen Zeichnungen besteht. Jede Episode dieses Zyklus vermittelt eine Fülle von Bildern und Metaphern, die sich mit der labyrinthartigen Struktur des Gedächtnisses und seinen unterschiedlichen Funktionen in Verbindung setzen lassen. Im Jahr 2000 hat Sigrid Sigurdsson mit der Überarbeitung dieser Geschichten begonnen. 366 Bücher aus dem Wunderknäuel-Zyklus werden seit September 2009 als fester Bestandteil der Architektur der Erinnerung im Osthaus-Museum Hagen erstmals gezeigt.
Papierarbeiten und Installationen Ende der 1970er Jahre experimentierte Sigrid Sigurdsson mit verschiedenen ästhetischen Verfahren, in denen sie das Prinzip der Schichtung und Überlagerung bei der Gestaltung von Flächen und plastischen Gebilden einsetzte. Eine Werkgruppe bestand aus ca. 300 großformatigen Papierarbeiten und zeigte schwarze Chiffren auf weiß grundiertem Seiden- und Makulaturpapier, welches in stetem Wechsel mit weiteren Lasuren und Papierschichten immer wieder mit schwarzen Zeichen überschrieben wurde, so dass die unteren Schichten wie bei einem Palimpsest durch die oberen hindurchschienen. Weitere Werkgruppen aus dieser Zeit zeigten Variationen dieses Verfahrens durch die Ausweitung in wandfüllende Formate wie auch die zusätzliche Einarbeitung verschiedener Materialien in die einzelnen Papierschichten.Sigrid Sigurdsson. Bilder und Objekte. Katalog Lübeck (1987). Es sind nur noch wenige dieser Arbeiten erhalten, die sich alle in Privatbesitz befinden.
Ab Anfang der achtziger Jahre erhielten Sigurdssons Arbeiten einen zunehmend offenen und interaktiven Charakter. Es entstanden erste Realisationen von räumlichen Installationen und Objekten, in denen die Betrachter als Benutzer und Mitwirkende einbezogen werden. Zwei dieser Arbeiten mit den sprechenden Titeln Der Dialog (1984–1986) und Anleitung zum Wahnsinn (1987) waren Tischinstallationen, deren Flächen mit Hunderten von kleinen Würfeln, Spielsteinen und anderen Elementen bespielt werden konnten. Kennzeichnend für diese Arbeiten war die Konstruktion paradoxer Spielkonstellationen, hervorgerufen durch Brechung oder Umgehung üblicher Spielregeln. Zusätzliche Elemente wie an den Tischkanten aufsteckbare Tafeln oder enge, begehbare Kabinen mit Sehschlitzen lösten weitere Irritationsmomente aus. Die Benutzer gerieten in absurde Situationen der Kommunikation, der Beobachtung und des Beobachtetwerdens.
1986 entstand in der Hamburger Kunsthalle die erste Rauminstallation mit dem Titel Verschließen und Öffnen.Hohl, Hanna: Ein Lebensraum im Museum (1989), S. 212–218. Diese Arbeit, die bis 1991 in einem eigens dafür eingerichteten Raum präsentiert wurde, war als prozessuale Arbeit, als work in progress, angelegt. Hier ging es der Künstlerin darum, zuerst mit der persönlichen Erinnerungsarbeit abzuschließen, um sich dann schrittweise dem Dialog mit den Besuchern zu öffnen. Dieser Prozess verlief in mehreren Phasen; er begann mit dem Verschließen und Verpacken persönlicher Dokumente und Tagebücher und endete mit der Auslage eines leeren Buchs, welches den Besuchern und Benutzern des Raums als ein eigenes Medium für ihre unmittelbaren Reaktionen und Kommentare zur Verfügung stand. Verschließen und Öffnen bedeutet innerhalb des Werks von Sigrid Sigurdsson eine Zäsur, die den Übergang vom Werk als singuläre Schöpfung einer Künstlerin hin zur Gemeinschaftsarbeit, zur Realisierung der Offenen Archive, markiert.
Die Offenen Archive Seit Mitte der 1980er Jahre liegt der Hauptansatz der Arbeit von Sigrid Sigurdsson in der Initiierung von Gedächtnisinstallationen und Erinnerungsprojekten, die sie in Zusammenarbeit mit Museen, Institutionen und Einzelpersonen realisiert und unter dem Begriff des Offenen Archivs subsumiert. Das Bezeichnende für die Projekte ist ihre offene Form. Diese ergibt sich zum einen aus ihrer Konzeption als work in progress und zum anderen aus der direkten Einbeziehung der Rezipienten, die mit selbstverfassten Beiträgen, Geschichten und Biografien aktiv am Aufbau des Archivs partizipieren können. Bisher hat Sigrid Sigurdsson Offene Archive an fünf Orten in Hagen, Gdańsk/Polen, Braunschweig, Frankfurt und München realisiert.
Der Initiierung eines Offenen Archivs geht immer eine genaue Recherche der Geschichte und der lokalen Bedingungen des Ortes voraus, an dem das Archiv entstehen soll. Auf dieser Grundlage entwickelt die Künstlerin ein Konzept für die Organisation und formale Gestaltung des Archivs, gefolgt von der Aufforderung an die Bewohner des Ortes oder der Region, sich mit ihren Beiträgen zu beteiligen. Auf diese Weise werden die Offenen Archive zu Orten, an denen die individuellen Erinnerungen und Geschichten ihren Platz finden und sich im Zusammenspiel mit anderen zu einem virtuellen Gedächtnis einer Stadt oder einer ganzen Region verdichten können. Die Betreuung des Archivs wird meist von der auftraggebenden Institution des Ortes – einem Museum, einer Gedenkstätte oder einer Schule – übernommen und auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jedes der Offenen Archive hat seine individuelle Struktur und formale Gestalt. Die Aufzeichnungen der Teilnehmer werden in Mappen, Leinenkassetten oder Boxen präsentiert und aufbewahrt. Diese werden von der Künstlerin entworfen und von einem Buchbinder in handwerklicher Arbeit angefertigt. Es gehört zur grundsätzlichen Methode der Offenen Archive, dass die Namen der beteiligten Autoren genannt und die Aufzeichnungen in ihrer Originalität bewahrt bleiben. Das heißt, sie werden weder aussortiert noch in irgendeiner Weise von der Künstlerin oder anderen Personen redigiert. Im Rahmen der Archive werden von der Künstlerin häufig historische Materialien, Dokumente oder Objekte in separaten Aufbewahrungskassetten oder Vitrinen präsentiert. Diese markieren den historischen oder lokalen Kontext der Autorensammlung und fungieren zugleich als Assoziationsmaterial für die Besucher der Archive. Durch die Teilnahme zahlreicher Autoren sind durch die Initiierung der Offenen Archive an mehreren Orten einzigartige Konglomerate individueller Geschichten, Erinnerungen und Erfahrungen entstanden.Pottek, Martina: Kunst als Medium der Erinnerung (2007), S. 109–200.
Die Architektur der Erinnerung miniatur|Karl-Ernst-Osthaus-Museum Die Architektur der Erinnerung ist das Hauptwerk der Offenen Archive Sigrid Sigurdssons. Es kann zugleich als die zentrale Arbeit der Künstlerin bezeichnet werden, in der sich einzelne Werkkomplexe aus unterschiedlichen Werkphasen zusammen mit den Beiträgen zahlreicher Autoren zu einem vielschichtigen und vielteiligen Konstrukt verdichten. Es handelt sich um eine archiv- und bibliotheksähnliche Rauminstallation, die seit 1988 zum Kern der zeitgenössischen Sammlung des Osthaus-Museums in Hagen gehört. Sie wurde beständig verändert und erweitert und wurde bis 2006 unter dem Titel Vor der Stille im oberen Stockwerk des Altbaus präsentiert.Sigrid Sigurdsson: Vor der Stille. Hg. von Michael Fehr, Barbara Schellwald (1995). Zwischenzeitlich ausgelagert, ist die Arbeit seit der Wiedereröffnung des Osthaus-Museums im August 2009 nun wieder unter dem neuen Titel Die Architektur der Erinnerung – Das Museum im Museum an zentraler Stelle im Erdgeschoss des Altbaus zugänglich.
Der ca. 180 m² große und ca. 6 m hohe Raum ist an den Wänden mit offenen, mahagonibraunen Regalen ausgestattet, in deren Fächern eine unüberschaubare Anzahl von Büchern, Folianten, Mappen und ca. 200 kleinen Vitrinen lagern. Den Grundstock bildet die ursprüngliche Sammlung von Vor der Stille, in deren Folianten und Vitrinen insgesamt mehrere Tausend Schriftstücke, private Briefe, amtliche Formulare, Bücher, Zeitungen, Alben, Fotografien, Fundstücke und alltagsgeschichtliche Objekte enthalten sind.