Der aus dem Geschlecht der Ptolemäer stammende Ptolemaios XV. Kaisar (; * 47 v. Chr.; † 23. August 30 v. Chr.), auch genannt (der kleine Caesar, Caesarsohn), war der Sohn Kleopatras und vermutlich Caesars. Er war von 44 bis 30 v. Chr. König (Mitregent seiner Mutter) von Ägypten.
Mit der Verleihung des Titels Pharao und des Namens Kaisar an ihren kleinen Sohn brachte Kleopatra zum Ausdruck, dass er der künftige Herrscher Ägyptens, aber auch der Sohn und Erbe Caesars sei. Dazu erhielt er (wahrscheinlich erst bei der Thronbesteigung 44 v. Chr.) den dynastischen Standardnamen Ptolemaios und wurde in hieroglyphischen Inschriften daher meist als Ptolemaios, genannt Kaisar(os)… bezeichnet.G. Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 213. Von den Alexandrinern wurde er Kaisarion genannt.Plutarch, Caesar 49,10
Abstammung Während Caesars etwa neunmonatigem Aufenthalt in Ägypten, als er Kleopatra in schweren Kämpfen im Alexandrinischen Krieg die Herrschaft sicherte, entspann sich zwischen der Ptolemäerkönigin und dem römischen Feldherrn ein Liebesverhältnis. Als Caesar schließlich Anfang 47 v. Chr. wieder aus Ägypten abreiste, war Kleopatra nach der Angabe des antiken Biographen Plutarch (frühes 2. Jahrhundert) schon hochschwanger und gebar wenig später Ptolemaios XV.Plutarch, Caesar 49,10 Eine heute im Louvre befindliche demotische Stele aus Memphis nennt den 23. Juni 47 v. Chr.Dabei handelt es sich um ein ägyptisches Datum, das dem 6. September 47 v. Chr. im vorjulianischen Kalender entspricht. als Festtag der Göttin Isis; am gleichen Tag wurde nach Angabe dieser Stele auch der Pharao Kaisar geboren.Serapeumstele Louvre Nr. 335. Diese Parallelität war vielleicht das Produkt späterer Konstruktionen; denn da Kleopatra als Inkarnation der Isis auftrat, gab sie wohl dazu passend an, dass der Geburtstag ihres Sohnes mit dem Festtag dieser Göttin zusammenfalle.Manfred Clauss: Kleopatra (= Beck’sche Reihe.). Beck, München 1995, ISBN 3-406-39009-9, S. 32f.
Bereits in der Antike war umstritten, ob Ptolemaios XV. wirklich Caesars leiblicher Sohn war. Besonders Octavian, der später als Augustus erster römischer Kaiser wurde, versuchte als Teil seiner Propaganda im Machtkampf gegen Marcus Antonius um die Alleinherrschaft des Römischen Reichs, die Vaterschaft Caesars als unglaubwürdig hinzustellen. Für Octavian war dies wichtig, weil er nur ein Adoptivsohn Caesars war, hierauf aber die Loyalität vieler seiner Anhänger beruhte. So schrieb ein ehemaliger Freund Caesars, Gaius Oppius, im Interesse Octavians einen (verlorenen) eigenen Aufsatz, dass Ptolemaios XV. nicht Caesars Sohn sei.Sueton, Caesar 52,2; Plutarch, Pompeius 10,5 bezweifelte generell die Glaubwürdigkeit von Oppius’ Aussagen über Freunde und Feinde Caesars. Auch der kaiserzeitliche Historiker Cassius Dio bestritt Caesars Vaterschaft.Cassius Dio, Römische Geschichte 47,31,5 Der Historiker und Philosoph Nikolaos von Damaskus, der zuerst als Lehrer der Kinder Kleopatras wirkte, schloss später mit Octavian Freundschaft und schrieb unter anderem eine fragmentarisch erhaltene und proaugusteisch gefärbte Vita Octavians, laut der Caesar in seinem Testament ausdrücklich geleugnet habe, der Vater Ptolemaios’ XV. zu sein. Dieses Zeugnis gilt in der heutigen Wissenschaft aber als höchst unglaubwürdig.Nikolaos von Damaskus bei Felix Jacoby: Die Fragmente der griechischen Historiker. (FGrHist) Band II A, Weidmann, Berlin 1926 (Nachdruck: Leiden 1961), Nr. 90, F 130,20; dazu C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 88f. Andererseits bezweifelt Lucan trotz seiner caesarfeindlichen Einstellung nicht im Geringsten, dass der vom römischen Dichter als „Bastard“ und „Hurenkind“ bezeichnete Ptolemaios XV. aus der außerehelichen Liaison des Feldherrn mit der ägyptischen Königin hervorgegangen sei.Lucan, Pharsalia 10,72 ff.; dazu C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 89f.
Zu der Minderheit der modernen Forscher, die Caesar nicht für den wirklichen Vater des Ptolemaios XV. halten, gehört Robert Étienne.Robert Étienne: Jules César. A. Fayard, Paris 1997, ISBN 2-213-59911-4, S. 64f. Ein weiterer Zweifler war der französische Althistoriker Jérôme Carcopino, der als Geburtsdatum von Ptolemaios XV. erst den April 44 v. Chr. annimmt – als Caesar schon ermordet worden war –, so dass Kleopatras Sohn zu einem Zeitpunkt gezeugt worden wäre, als Caesar fern von der ägyptischen Königin in Spanien Krieg führte.Jérôme Carcopino u. a.: Études d’archéologie romaine (= Annales de l’école des hautes études de Gand I.). École des Hautes Études, Gand 1937, S. 37ff.Jérôme Carcopino: Passion et politique chez les Césars. Hachette, Paris 1958, S. 32ff. Da aber Marcus Antonius im Senat angab, dass der Diktator selbst den kleinen Ptolemaios XV. als seinen Sohn anerkannt habe,Sueton, Caesar 52,2 konnte der Triumvir diese Behauptung – egal, ob sie wahr ist oder nicht – nur dann abgeben, wenn Kleopatras Sohn noch zu Lebzeiten Caesars auf die Welt gekommen war. Auch die Propaganda von Augustus hätte es wohl kaum unerwähnt gelassen, wenn Caesars Vaterschaft aufgrund des Zeitpunktes der Geburt von Ptolemaios XV. widerlegbar gewesen wäre. Für die Annahme, dass sich Caesar selbst für den Vater hielt, spricht eindeutig die Angabe des antiken Kaiserbiographen Sueton, dass der Diktator die Benennung nach seinem Namen erlaubte.Sueton, Caesar 52,1 Außerdem führt J. Carcopino an, dass sich die Inschrift der oben erwähnten Stele nicht auf Ptolemaios XV. beziehen könne, weil dort ein Pharao Kaisar erwähnt sei. Diesen Titel könne ein Königskind noch nicht geführt haben. Dieses Argument entkräftete der Historiker Hans Volkmann überzeugend, indem er darauf hinwies, dass loyale Ägypter wohl kaum staatsrechtliche Bedenken hatten, bereits Königskinder als Könige zu bezeichnen.J. Brambach: Kleopatra und ihre Zeit: Legende und Wirklichkeit. München 1991, S. 97.
John Percy Vyvian Dacre Balsdon führt als Argument gegen Caesars Vaterschaft ins Feld, dass der Diktator zwar in jungen Jahren seine Tochter Julia zeugte, aber keine weiteren Kinder von ihm trotz seiner zahlreichen Affären bekannt sind, so dass er bei seiner Begegnung mit Kleopatra wahrscheinlich schon zeugungsunfähig gewesen sei.J. P. V. D. Balsdon: The Ides of March. In: Historia. Nr. 7, 1958, S. 87. Bei den besagten Beziehungen handelte es sich aber oft um verheiratete Partnerinnen, sodass weder die betroffenen Frauen noch Caesar oder gar die spätere augusteische Propaganda ein Interesse am Bekanntwerden möglicher Nachkommen aus diesen Verhältnissen hatte. Schließlich wurden in den innenpolitischen Auseinandersetzungen nicht selten außereheliche Affären der jeweiligen Kontrahenten in den Fokus gerückt, um sie in der Öffentlichkeit zu brandmarken.J. Brambach: Kleopatra und ihre Zeit: Legende und Wirklichkeit. München 1991, S. 97–99; C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 90.
Nimmt man die Richtigkeit des Geburtsdatums der genannten Stele an, so wurde Ptolemaios XV. zu einem Zeitpunkt gezeugt, als Kleopatra und Caesar gerade gemeinsam mit der übrigen ptolemäischen Familie eingeschlossen und von der ägyptischen Armee belagert im Palast zu Alexandria weilten. Damals hing Kleopatras Schicksal ganz vom Einsatz Caesars ab. In dieser Situation dürfte sie kaum das Risiko einer anderweitigen Affäre eingegangen sein, die Caesar doch leicht hätte bemerken können. Und ihr Brudergemahl Ptolemaios XIII. kommt als Vater Caesarions schon deshalb nicht in Betracht, weil er mit seiner Schwester tödlich verfeindet war.J. Brambach: Kleopatra und ihre Zeit: Legende und Wirklichkeit. München 1991, S. 99–100; C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 91. Laut Sueton gaben auch einige griechische Autoren an, dass Ptolemaios XV. dem Caesar in Gestalt und Gang ähnlich sei.Sueton, Caesar 52,2 Als Octavian nach seinem Sieg Ptolemaios XV. hinrichten ließ, unternahm er diesen Schritt, weil er eine mögliche Gefährdung seiner Machtposition wegen der möglichen Abstammung des jungen Mannes von Caesar fürchtete.Plutarch, Antonius 81,4
Aus den genannten Gründen nimmt der überwiegende Teil der modernen Forschung Caesar als leiblichen Vater von Ptolemaios XV. an. Absolute Sicherheit lässt sich in dieser Frage allerdings nicht erzielen. Fest steht, dass Kleopatra und Antonius gute Gründe hatten, die Vaterschaft Caesars zu behaupten, unabhängig davon, ob dies wirklich den Tatsachen entsprach, während Octavian/Augustus, wie erwähnt, umgekehrt alles daran setzen musste, Zweifel an dieser Aussage zu streuen.
Kleopatra bezeichnete sich als eine Inkarnation der Göttin Isis und dementsprechend ihren Sohn Ptolemaios XV. als Horus, den Sohn der Isis. Auf ihren Münzen ließ sich die ägyptische Königin mit den Attributen der Aphrodite-Isis und an ihrer Brust den kleinen Ptolemaios XV. darstellen.Ioannis N. Svoronos: Ta nomismata tou kratous tōn Ptolemaiōn. (deutsch: Die Münzen der Ptolemaeer.) 4 Bände, P. D. Sakellarios, Athen 1904–1908, Abbildung Nr. 1874 (Online).
Mitregent mini|hochkant|Kleopatra und Ptolemaios XV. Als kleine Figur vor den Füßen Kleopatras sein mutmaßlicher Vater. Rückseite des Tempels zu Dendera Höchstwahrscheinlich nahm Kleopatra ihren kleinen Sohn Ptolemaios XV. 46 v. Chr. nach Rom mit, als sie mit ihrem Bruder und Gefolge in einem von Caesars Privathäusern residierte.Cicero, ad Atticum 15,15,2; Cassius Dio, Römische Geschichte 43,27,3 Der Volkstribun Gaius Helvius Cinna behauptete angeblich, dass er in Caesars Abwesenheit ein Gesetz hätte durchbringen sollen, das dem Diktator beliebig viele Ehen – auch mit Nichtrömerinnen – erlauben sollte, was ihm ermöglicht hätte, Caesarion offiziell anzuerkennen.Sueton, Caesar 52,3; dazu W. Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 725, Anmerkung 32; C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 92 und S. 301, Anmerkung 140. Nach Caesars Ermordung (15. März 44 v. Chr.) kehrte die ptolemäische Familie wieder nach Ägypten zurück. In seinem Testament hatte der Diktator seinen Sohn von Kleopatra nicht berücksichtigt. Nach römischem Recht konnte Ptolemaios XV. auch gar keine Erbansprüche geltend machen.C. Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 91.
Nachdem Kleopatra Mitte 44 v. Chr. ihren Bruder Ptolemaios XIV. hatte ermorden lassen, erhob sie den erst dreijährigen Kaisarion zu ihrem Mitregenten. Gleichzeitig verlieh sie ihm die Beinamen Philopator (= Vaterliebender) und Philometor (= Mutterliebender). Im römischen Bürgerkrieg kämpften unterdessen die Caesarmörder gegen die Caesarianer, deren Hauptanführer im Osten des Römischen Reichs Publius Cornelius Dolabella war. Mit diesem ging Kleopatra 43 v. Chr. ein Bündnis ein und erlangte dafür die Anerkennung ihres Sohnes als Mitregenten.Appian, Bürgerkriege 4,61,262f.; Cassius Dio, Römische Geschichte 47,31,5
Im Geburtstempel zu Hermonthis bei Theben (Oberägypten) ließ Kleopatra wohl nach der Erhebung ihres Sohnes zum Mitkönig dessen Geburt neben derjenigen des Horus realistisch und gemäß ägyptischen Glaubensvorstellungen abbilden. Zwischen Göttinnen sieht man Kleopatra knien, die hieroglyphisch als Mutter des Sonnengottes Re bezeichnet wird. Das Zeichen des Skarabäus über dem neugeborenen Ptolemaios XV. identifiziert ihn mit dem Gott der aufgehenden Sonne. Außerdem säugen zwei kuhköpfige Göttinnen zwei kleine Kinder, Horus und den Sohn Kleopatras, der in einer großen Inschrift auf der äußeren Südwand der Cella als Ptolemaios Kaisar Theos Philopator Philometor bezeichnet wird, also deutlich auf die Vaterschaft Caesars angespielt wird.