mini|320px|Vergilius Vaticanus, fol. 7v–8r (Georgica 4, 116–148): Das einfache Leben des alten Mannes aus Corycia
Vergilius Vaticanus wird ein um 400 n. Chr. in Capitalis rustica geschriebenes illuminiertes Manuskript genannt, das aus dem Vorbesitz von Pietro Bembo und Fulvio Orsini 1602 in die Biblioteca Apostolica Vaticana gelangte.David H. Wright: Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1993, S. 114f. Es enthält Werke des römischen Dichters Vergil: Fol. 1r–10r: Georgica (fragmentarisch). Fol. 11r–75v: Aeneis (fragmentarisch). Fol. 76r–v: Aeneis (Fragment des 5. Jahrhunderts).
Der Pergamentcodex trägt die Signatur BAV, Vaticanus latinus 3225. In den Ausgaben von Vergils Werken wird er unter der Sigle F geführt.
Ein spätantikes Gesamtkunstwerk mini|Fol. 31v: Aeneas umsegelt Sizilien und landet in Drepanum. Über dem Bild stehen die Verse 681–689 aus dem dritten Buch der Aeneis. Mit seinen 50 (von ursprünglich ca. 245) Miniaturen auf 76 (von ursprünglich ca. 420) BlätternDavid H. Wright: Commentarium zur Faksimile-Ausgabe. Graz 1984, S. 11 und 103–107. gilt der Vergilius Vaticanus heute als eines der Hauptwerke der spätantiken Buchmalerei, ältestes erhaltenes Beispiel einer illustrierten lateinischen Klassikerhandschrift und möglicherweise ältester in größerem Umfang erhaltener Codex der Werke Vergils.
Die Handschrift entstand zu einer Zeit, als viele Werke der Antike aus unhandlichen und leicht zerfallenden Papyrusrollen in Codices aus Pergament kopiert wurden.C. H. Roberts: The Codex. In: Proceedings of the Britisch Academy, 40 (1954), S. 169ff. Der Kopist, der übrigens bei seiner Arbeit ziemlich sorglos war, machte es sich einfach und ließ immer dann Platz für Miniaturen, wenn es eine deutliche Wendung im Narrativ gab. Dies hatte zur Folge, dass die Größe des für die Miniaturen vorgesehenen Platzes variiert.Thomas B. Stevenson: Miniature Decoration in the Vatican Virgil. Tübingen 1983, S. 105. Aus stilistischen Unterschieden lässt sich schließen, dass die Bilder von drei verschiedenen Miniaturisten stammen (fol. 1v–12v; fol. 13r–39v; fol. 40r–76v),David H. Wright: Commentarium, S. 29–31. es könnte jedoch auch sein, dass es sich beim ersten und dritten Miniaturisten um dieselbe Person handelt.Thomas B. Stevenson: Miniature Decoration in the Vatican Virgil, S. 107f.
Die Illustrationen setzen sich vielfach aus Standardmustern zusammen, z. B. für Gebäude, Landschaft, Personen usw.Thomas B. Stevenson: Miniature Decoration in the Vatican Virgil, S. 95, 109. und weisen noch Stilmerkmale der antiken Maltradition auf, wie man sie heute noch von Wandmalereien dieser Epoche kennt. In der spätantiken Buchmalerei stehen etwa noch die Ilias Ambrosiana (5./6. Jahrhundert), die Cotton-Genesis (5. Jahrhundert), die Wiener Genesis (6. Jahrhundert) und der Codex purpureus Rossanensis (6. Jahrhundert) in dieser Tradition. Für einige der Illustrationen des Vergilius Vaticanus lassen sich ikonographische Vorlagen nachweisen, die auf wesentlich frühere illustrierte Werke der griechischsprachigen hellenistischen Literatur zurückgehen müssen. Dagegen deuten die Illustrationen zum sogenannten Vergilius Romanus, einem etwas späteren Werk, das die gleichen Themen behandelt, eine Abwendung von diesem klassischen Formenkanon an. Der Vergleich der beiden Werke kann die Weiterentwicklung einer durch den Vergilius Vaticanus vertretenen Buchillustration der Antike zur mittelalterlichen Buchmalerei zeigen.
Das Layout mit einem zwar relativ zierlichen Seitenformat von ca. 22,5 cm Seitenhöhe und ca. 20 cm Breite, aber einem nahezu quadratischen Schriftspiegel von 21 Versen pro Seite, verleiht der Handschrift einen weniger monumentalen, sondern eher intimen Charakter für die Hand des Liebhabers.
Es gibt noch eine Reihe weiterer berühmter Vergilhandschriften der Spätantike.
Besitz- und Rezeptionsgeschichte Im 9. Jahrhundert hatte der damals offensichtlich noch fast vollständige Codex im Stift Saint-Martin de Tours, wohin er aus der Hofbibliothek Karls des Großen gelangt sein dürfte, als Vorlage für die Illustrationen der Vivian-Bibel gedient.David H. Wright: Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1993, S. 106–109. Von dieser Verwendung zeugen Griffelspuren, die beim Abpausen zurückblieben. Im frühen 15. Jahrhundert wurde er von einem unbekannten französischen Humanisten entdeckt und bearbeitet (Bestimmung fehlender Seiten, Korrekturen, Anmerkungen, Nachzeichnung von Umrissen). Noch im 15. Jahrhundert wurde der Codex nach Italien überführt, wo weitere Blattverluste eintraten und, inzwischen getilgte und nicht mehr vollständig entzifferbare, Eintragungen von zwei unbekannten italienischen Humanisten vorgenommen wurden. Nach Rom gelangte er schließlich ca. 1514, wo der Maler Raffael eine Zeichnung unter Verwendung von Motiven aus dem Vergilius Vaticanus fertigte. Auch von weiteren Malern aus seinem Umkreis wurde der Codex nachweislich benutzt.David H. Wright: Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1993, S. 109–115. Zur Wirkungs- bzw. Rezeptionsgeschichte im 17. und 18. Jahrhundert vgl. S. 115–120.
Ausgaben Antiquissimi Virgiliani Codicis Fragmenta et Picturae ex Bibliotheca Vaticana. Ad priscas Imaginum formas A Petro Sancte Bartholi Incisae. Rom R.C.A. Apostolicae apud Pedem Marmoreum 1742. Vergilius Vaticanus. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex Vaticanus Latinus 3225 der Biblioteca Apostolica Vaticana (= Codices Selecti. Band 71). Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, Graz 1984, ISBN 3-201-01147-9.
Die Handschrift wurde 2016 von der Vatikanbibliothek digitalisiert.
Beschreibungen der Illustrationen – technische Aspekte Von den 50 erhaltenen Miniaturen des Vergilius Vaticanus illustrieren 9 die Georgica und 41 die Handlung der Aeneis. Der Link in der Quellenangabe zu jeder Abbildung führt jeweils direkt zu der betreffenden Seite im Bildbetrachter der Vatikanbibliothek. Dieser ermöglicht es, die Bilder stark zu vergrößern und im Codex zu blättern.
Legende zu den Blattbezeichnungen: Fol. = folio: auf dem Blatt; r = recto: auf der Vorderseite; v = verso: auf der Rückseite.
Die Bilder illustrieren in der Regel die Verse Vergils, die im Codex unmittelbar folgen (seltener gehen einige der zugehörigen Verse dem betreffenden Bild voran). Die Angaben dazu sind im Kommentar zum Faksimile zu finden.David H. Wright: Commentarium zum Faksimile. Graz 1984. Sie lassen sich leicht nachprüfen, da auf den meisten Seiten der Handschrift zumindest einige Wörter relativ gut lesbar sind. Die zitierten lateinischen Verse wurden dem Text der Georgica bzw. der Aeneis bei Wikisource entnommen, der auf der Ausgabe von James B. Greenough aus dem Jahr 1900 basiert. Die deutschen Übersetzungen stammen von Johann Heinrich Voß (1821), wobei veraltete Schreibweisen, z. B. „Antliz“, „Thor“, „Lerm“, „daß“, stillschweigend korrigiert wurden. (Voß übersetzte für die damalige Zeit erstaunlich genau und gab zudem den Klang von Vergils Hexametern wieder. Neuere Übersetzungen sind urheberrechtlich geschützt.)
Die Georgica-Illustrationen Drittes Buch rahmenlos|linksVorangestellt ist auf fol. 1r eine Miniatur zum 3. Buch der Georgica mit sechs Szenen:Beschreibung nach David H. Wright: Commentarium zum Faksimile, S. 42.
Hirten (3,1–2);stehender Mann, der eine auf einem Thron sitzende Person anspricht (3,4);Herkules tötet Busiris (3,5);Hylas wird von Nymphen in eine Quelle gezogen (3,6);Latona entkommt der Python auf Delos (3,6);Triumphszene (3,10–15).
Der zugehörige Text (3,1–21) steht auf der Rückseite (fol. 1v).
rahmenlos|linksFol. 2r: Juno quält Io; Schutz trächtiger Kühe vor den Bremsen in Lukanien.Der zugehörige Text (3,146–162) steht auf der Rückseite (fol. 2v).
Georg. 3,146–156: Est lucos Silari circa ilicibusque virentem / plurimus Alburnum volitans, cui nomen asilo / Romanum est, oestrum Grai vertere vocantes, / asper, acerba sonans, quo tota exterrita silvis / diffugiunt armenta, furit mugitibus aether / concussus silvaeque et sicci ripa Tanagri. / hoc quondam monstro horribilis exercuit iras / Inachiae Iuno pestem meditata iuvencae. / hunc quoque (nam mediis fervoribus acrior instat) / arcebis gravido pecori, armentaque pasces / sole recens orto aut noctem ducentibus astris.
Um des Silarus Hain' und eichenbelaubten Alburnus / flieget in Meng' ein Bremsengeschlecht, das Asilus der Römer, / heimisch nennt, und Oestros die Fremdlingssprache der Griechen, / zornig und wilden Gebrumms, dass umher voll Angst in den Wäldern / flieht die verwilderte Herd'; es rast vom Gebrülle der Äther / weit durchbebt, Bergwaldung und Ufer des trocknen Tanagrus. / Durch dies Scheusal übte vordem Grauntaten des Zornes / an der inachischen Kuh die unheilsinnende Juno. / Vor ihm, denn in des Tages Entflammungen stürmt es mit Wut an, / schütze das trächtige Vieh im Geheg' und weide die Rinder, / wenn aufstrahlte die Sonn' und wenn mit Sternen die Nacht kommt.
rahmenlos|linksFol. 3r: Pflege und Training von Jungvieh.
Georg. 3,163–178: Tu quos ad studium atque usum formabis agrestem, / iam vitulos hortare viamque insiste domandi, / dum faciles animi iuvenum, dum mobilis aetas. / ac primum laxos tenui de vimine circlos / cervici subnecte; dehinc, ubi libera colla / (fol. 3v:) servitio adsuerint, ipsis e torquibus aptos / iunge pares, et coge gradum conferre iuvencos; / atque illis iam saepe rotae ducantur inanes / per terram, et summo vestigia pulvere signent; / post valido nitens sub pondere faginus axis / instrepat, et iunctos temo trahat aereus orbis. / interea pubi indomitae non gramina tantum / nec vescas salicum frondes ulvamque palustrem, / sed frumenta manu carpes sata; nec tibi fetae / more patrum nivea implebunt mulctraria vaccae, / sed tota in dulcis consument ubera natos.
Welche du aber zu Fleiß und Landarbeiten bestimmest, / bändige schon als Kälber und lehre sie strengere Sitten, / weil noch bildsam das junge Gemüt, noch biegsam das Alter. / Knüpfe zuerst um den Hals von der Weide dünnem Gesprosse / weitgebogene Reif', und ward ihr freierer Nacken / nun zum Dienste gewöhnt, dann füg', an den Banden vereinigt, / gleiche Paar' und zwinge den Schritt zu gesellen die Stiere. / Oft nunmehr heiß jene dir ziehn und beladene Wagen / durch das Gefild' und oben den Staub mit dem Gleise bezeichnen; / bis von mächtiger Last die buchene Achse beschweret knarrt, / und die eherne Deichsel verbundene Räder einherrollt. / Reich' ungebändigter Jugend indes nicht Gräser allein dar, / oder der Weide magres Gesproß und sumpfiges Teichschilf, / raufe auch grünes Getreid' in der Hand. Auch müsse die Melkkuh / nicht nach der Väter Gebrauch weißschäumende Kübel dir füllen; / ganz auf die trautesten Kinder verwandt sei die Fülle des Euters.
rahmenlos|linksFol. 4v: Bullen kämpfen und ein besiegter Bulle trainiert.
Georg. 3,209–214 (unter dem Bild): Sed non ulla magis vires industria firmat, / quam Venerem et caeci stimulos avertere amoris, / sive boum sive est cui gratior usus equorum, / atque ideo tauros procul atque in sola relegant / pascua post montem oppositum et trans flumina lata, / aut intus clausos satura ad praesepia servant.
Doch kein emsiger Fleiß erhöhet die Kräfte so mächtig, / als wenn du Venus' Gelüst und blinde Betörungen abwehrst, / ob nun der Ross', ob mehr der Rinder Gebrauch dir erwünscht ist. / Drum verbannt man ferne die Stier' in einsame Weiden, / hinter versperrenden Berg, jenseits breitströmender Flüsse, / oder man hält sie daheim an vollen Krippen gebunden.
rahmenlos|linksFol. 6r: Tränken der Herden an einem Sommervormittag.