DDR von unten (manchmal auch eNDe beziehungsweise DDR von unten/eNDe) ist eine Split-LP der beiden DDR-Punkbands Zwitschermaschine und Schleim-Keim. Das Album gelangte auf konspirativem Wege aus der DDR nach West-Berlin. Das 1983 vom Independent-Label Aggressive Rockproduktionen verlegte Album gilt als das erste Punkalbum der DDR, erschien jedoch offiziell nur im Westen. Jahrelang war es die einzige Veröffentlichung dieser Art. Die Entstehung des Albums beschäftigte das Ministerium für Staatssicherheit über mehrere Jahre, wobei die Repressionen fast ausschließlich die Band Schleim-Keim betrafen. Zwei Inoffizielle Mitarbeiter (IM) waren an der Entstehung beteiligt, unter anderem der damals sehr geschätzte alternative Schriftsteller Sascha Anderson.
Entstehungsgeschichte Dimitri Hegemann vom Westberliner Stadtmagazin tip hatte die Band Rosa Extra auf einer Party 1982 in Ost-Berlin kennengelernt. Überrascht davon, dass es eine Art Gegenkultur in der DDR gab, wuchs in ihm die Idee einer Plattenproduktion im Westen. So besuchte er Karl-Ulrich Walterbach von Aggressive Rockproduktionen und konnte ihn von der Idee überzeugen. Hegemann hatte eine Einreiseerlaubnis nach Ost-Berlin und konnte so den Entstehungsprozess des Albums verfolgen. Da Rosa Extra das Projekt aber nicht alleine bewerkstelligen konnte und auf Hilfe angewiesen war, wandte sich die Gruppe an Sascha Anderson. Der freie Schriftsteller verfügte über zahlreiche Kontakte zu intellektuellen und künstlerischen Kreisen, die sich gegen das DDR-Regime auflehnten. Seine eigene Band Zwitschermaschine wurde schließlich die zweite Gruppe, die sich an dem Album, das nun als Split-Veröffentlichung geplant war, beteiligen sollte. Sascha Anderson verfasste außerdem ein Essay, das den Zeitgeist des DDR-Undergrounds widerspiegeln sollte und von seiner Gruppe handelte. Das Essay wurde später im Inlay veröffentlicht. Sören „Egon“ Naumann wurde in den Plan miteinbezogen. Der Fahrer und Techniker kannte sich mit den Aufnahmetechniken aus und erklärte sich bereit, die Lieder zu produzieren. Man beschloss, eine weitere Band zu verpflichten, und baute daher Kontakte zu Dieter „Otze“ Ehrlich von Schleim-Keim auf. Die im Gegensatz zu Zwitschermaschine und Rosa Extra eher wütend-aggressive Band sollte als Ergänzung zum eher künstlerischen Stil der beiden Bands mit aufgenommen werden.Preuß 1999, S. 66
Anfang 1983 fand Anderson ein Heimstudio in Hermsdorf bei Dresden, in dem die Lieder aufgenommen werden konnten. Andeck Baumgärtel, Bluesmusiker bei der Gruppe Mustang, hatte sich zu Hause im Erdgeschoss ein Privatstudio aufgebaut. Auch ein Schlagzeug der tschechischen Marke „Amati“ war vorhanden. Die Studiotechnik war nicht optimal und auch nicht auf dem neuesten Stand. Insbesondere das Mischpult von Vermona funktionierte nicht richtig, und auch die Plastikmikrofone zur Schlagzeugabnahme fielen öfter aus. Lediglich das Gesangsmikro von RFT war auf dem neuesten Stand. Mitgeschnitten wurde auf Teslabandmaschinen mit Magnetbändern von ORWO. Die Aufnahmen fanden an einem Januarwochenende 1983 statt.Preuß 1999, S. 69 ff.
mini|Zwitschermaschine: Cornelia Schleime, Ralf Kerbach und Wolfgang Grossmann
Die erste Aufnahmesession bestritten Rosa Extra, die einen echten Casio-Synthesizer mitbrachten – damals eine Seltenheit in der DDR. Die komplette Probe wurde aufgezeichnet und zur späteren Verwendung archiviert. Schleim-Keim, die im Gegensatz zu den anderen beiden Bands in einer für den Punk üblichen Besetzung (Gitarre, Bass, Schlagzeug) waren, kamen am nächsten Tag. Sie spielten einen schnellen und auch simplen Punkstil, der vor allem auf Härte setzte. Schlagzeug und Gesang wurde von Dieter Ehrlich eingespielt, an der Gitarre war sein Bruder Klaus, und den Bass übernahm Andreas Deubach. Als letztes spielten Zwitschermaschine ihre Lieder ein. Die Besetzung war Sascha Anderson, Cornelia Schleime und Michael Rom am Mikrofon, Lothar Fiedler an der Gitarre, Matthias Zeidler am Bass und Wolfgang Grossmann am Schlagzeug. Volker Palma spielte Violine und Posaune.
Kurz nach Beendigung der Aufnahmen wurde Günther Spalda von Rosa Extra vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aufgesucht. Dies war kein Zufall, hatte das Ministerium doch durch die Inoffiziellen Mitarbeiter (IMs) Sascha AndersonVgl. zum IMB „David Menzer“/ „Fritz Müller“: Holger Kulick: Der Dorfpolizist vom Prenzlauer Berg. Sascha Andersons letzte Geheimnisse. In: Horch und Guck, Heft 28 (4/1999), 8. Jg., S. 1–39. und Sören NaumannVgl. zum IMB „Michael Müller“: Roland Brauckmann, Heike Möbius: Die Dresdner Initiative für einen „Sozialen Friedensdienst“. In: Horch und Guck, Heft 46 (2/2004), 13. Jg., S. 42–44; von der Produktion der Platte erfahren. Das MfS bedrohte die Gruppe mit fünf bis zehn Jahren Haft, falls sie nicht das Band mit ihren Aufnahmen ablieferten. Die Gruppe, an der auch die freien Schriftsteller Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring beteiligt waren, versuchte zu der Zeit, die staatliche Einstufung zu erlangen. Die einzige Möglichkeit in der DDR, als Berufsmusiker anerkannt zu werden, Tonträger einzuspielen und offizielle Auftritte zu absolvieren, war diese Einstufung durch ein Gremium aus Funktionären der SED, Musikjournalisten, Musikwissenschaftlern und prominenten Musikern. Nach längerer Beratung entschlossen sich die Mitglieder deshalb, das Masterband dem MfS zu übergeben. Die Einstufung erreichte die Band später unter dem Namen Hard Pop.
Durch diese neuen Entwicklungen bekamen Schleim-Keim statt einer halben eine ganze LP-Seite zugesprochen. Schleim-Keim suchten sich einen Decknamen aus, damit die Aufnahmen ihnen nicht zugeordnet werden konnten. Zumindest das „SK“ als Abkürzung sollte stehenbleiben, so dass man sich nach „Salz-Kartoffel“ auf „Sau-Kerle“ einigte.Preuß 1999, S. 70ff.
Die beiden verbliebenen Masterbänder wurden zu Günther Fischer, einem bekannten Komponisten, für den Anderson einige Texte geschrieben hatte, gebracht. Dieser überspielte die Aufnahmen von den ORWO- auf hochwertigere Magnetbänder, da die Qualität in der Bundesrepublik als veraltet galt. Durch Andersons Kontakte zu Diplomaten aus West-Berlin gelangten die Aufnahmen schließlich auf die andere Seite der Mauer. In West-Berlin wurde das Band an Ralf Kerbach, ehemaliges Mitglied von Zwitschermaschine und mittlerweile Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland, übergeben. Bis heute ist ungeklärt, ob Kerbach eine zusätzliche Gitarrenspur über die Aufnahmen seiner ehemaligen Band legte oder nicht. Die Aufnahmen wurden anschließend Karl-Ulrich Walterbach übergeben, der sich dann um die Veröffentlichung kümmerte.
Veröffentlichung + Titelliste A-Seite (Zwitschermaschine) B-Seite (Sau-Kerle) Jeder Satellit hat einen Killersatelliten Alles oder nichts und noch viel mehr Geh über’n Fluß Willst du mein Killersatellit sein? Geh über die Grenze Alles ist rot Scheiß Norm Untergrund ist Strategie Spione im Café Ende Haushaltsgeräte Frankreich
Die Platte erschien 1983 unter der Seriennummer AG 0019 als LP. Die Erstauflage betrug je nach Quelle zwischen 1.500 und 4.000 Exemplaren.
Der Titel der LP lautete DDR von unten, manchmal wird auch eNDe assoziiert, da sich diese Aufschrift sowohl auf dem Front- als auch auf dem Backcover befindet. Es gab auch Spekulationen, dass der Schriftzug eNDe Assoziationen zur Abkürzung ND für Neues Deutschland, die Parteizeitung der SED, knüpfen sollte. Dies wird allerdings von Teilen der Bandmitglieder bestritten. Vielmehr sollte diese Veröffentlichung den Schlusspunkt von Zwitschermaschine markieren. Sicher ist allerdings, dass Sascha Anderson das Akrostichon bereits seit 1982 in diversen Gedichten verwendet hatte.Sascha Anderson: Jeder Satellit hat einen Killersatelliten. Gedichte. Rotbuch Verlag, Berlin 1982, ISBN 3-88022-253-3. Er bestätigte außerdem in seiner Biografie die erstere Deutung.
Die Schallplatte wurde nie in der DDR veröffentlicht. Nur wenige Exemplare gelangten in die DDR. Sascha Anderson konnte drei Exemplare in der Toilette eines Zuges verstecken und so einschmuggeln.Preuß 1999, S. 71 Dieter Ehrlich hatte seine Schallplatte wohl aus dem Besitz von Anderson. Dieser soll ihm angeblich auch im Vorfeld Geld für die Produktion versprochen und vorenthalten haben, so dass Ehrlich bei ihm einbrach und neben der Platte 120 West-Mark stahl. Bei seiner Verhaftung versteckte seine Mutter die Schallplatte vor dem Zugriff des MfS.Anne Hahn, Frank Willmann: Satan, kannst du mir noch mal verzeihen – Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze Rest. Ventil Verlag, Mainz 2008, ISBN 978-3-931555-69-6, S. 129 Die Schallplatte kursierte in der DDR als Kassette, wobei auch hier Zwitschermaschine die A-Seite und Schleim-Keim die B-Seite einnahmen.
Wiederveröffentlichung + Vergleich der beiden Schleim-Keim-Veröffentlichungen Originalveröffentlichung 1983 Version von Höhnie-Records 2000 Alles ist rot Scheiß Norm Untergrund ist Strategie Spione im Café Ende Haushaltsgeräte Frankreich Sieh dort Norm Untergrund & Anarchie Faustrecht Spione im Café Ende Karnickel Die Schallplatte wurde nie in ihrer Gesamtheit wiederveröffentlicht. Eine CD-Version existiert daher nicht. Teile der Aufnahmen verwendete Sascha Anderson für eine weitere Split-Veröffentlichung mit dessen Gruppe „Fabrik“ unter dem Titel Alles Geld der Welt kostet Geld (1998) im CD-Format. Die Schleime-Komposition geh übern fluß wurde außerdem der Kompilation zum Buch Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979–1990. beigefügt.
Die Lieder der Schleim-Keim-Seite wurden in diversen unterschiedlichen Versionen auf den späteren Tonträgern der Gruppe veröffentlicht. Dabei wurde Frankreich unter dem Titel Faustrecht neu eingespielt und aus Haushaltsgeräte wurde Karnickel. Lediglich die beiden Titel Ende und Alles ist rot bleiben exklusiv der DDR von unten vorbehalten. Im Rahmen der Wiederveröffentlichung diverser Aufnahmen von Schleim-Keim auf Höhnie Records wurde deren Seite als limitierte EP der Vinyl-Version des Albums Nichts Gewonnen Nichts Verloren Vol. 1 – Die Stotterheim-Tapes 1984–87 (2000) beigefügt. Die Titel wurden in eine andere Reihenfolge gebracht, außerdem firmierten sie nun unter den späteren Liednamen.
Covergestaltung Das Frontcover ist Teil von Kerbachs Totenreklame-Zyklus, einer Bilderreihe, die er für den Gedichtband totenreklame, eine Reise von Sascha Anderson benutzt hatte. Das Bild, das wie die anderen Illustrationen dieses Zyklus während einer 7.000 km langen Reise durch die DDR entstand, wurde jedoch in der Gedichtsammlung nicht veröffentlicht. Das Cover zeigt eine anthropomorphe Tierfigur, die mit einem schlüsselförmigen Gegenstand auf einen unförmigen, rechteckigen Gegenstand einschlägt. Als Hintergrund wurde eine Haushaltsbuchseite gewählt. Der Hintergrund ist grau, in einem diagonal angeordneten weißen Feld steht groß DDR von unten mit dem Untertitel Schallplatte mit 2 Gruppen und Textbeilage. Unter dem Bild steht eNDe. Die Rückseite wurde von Cornelia Schleime illustriert. Dort ist die Zeichnung eines weiblichen Oberkörpers und Kopfes zu sehen. Daneben befinden sich mehrere nicht genau erkennbare Gegenstände, in Regalform angeordnet. In Stil der Zeichnung orientierte sich Schleime an Kerbachs Stil. Der Hintergrund ist der gleiche, auch die Unterschrift eNDe befindet sich an gleicher Stelle. Im Beiheft auf Seite 2 findet sich ein Essay von Anderson unter der Überschrift Von einem Beteiligten, mit dem Anderson in Kleinschreibung seine Gedanken zur Bandgeschichte zu Papier brachte. Eine weitere Seite enthält eine Stellungnahme von Karl-Ulrich Walterbach zur Beschlagnahme der ersten Slime-LP wegen der Lieder Deutschland muß sterben und Bullenschweine. Die Seiten 1 und 4 enthalten einige Liedtexte der beiden Gruppen in Handschrift auf Fetzen herausgerissener Schreibblockseiten.
Musikstil und Texte mini|Michael Rom, einer der Sänger von Zwitschermaschine