mini|klasse=skin-invert-image|Unterschrift Andor Losonczys Andor Losonczy [] (* 2. Juni 1932 in Budapest; † 8. Jänner 2018 in Salzburg) war ein österreichischer Komponist und Pianist ungarischer Herkunft. Am Salzburger Mozarteum bekleidete er von 1986 bis 1998 eine Professur für Klavier mit Schwerpunkt Neue Musik. Losonczy brachte ca. 100 Werke zur Uraufführung, darunter Kurtágs Acht Klavierstücke op. 3 und das Schlussstück von Takács’ Klänge und Farben op. 95. Zudem spielte er das gesamte Klavierwerk von Arnold Schönberg im Rundfunk ein. Als Tonschöpfer tat er sich insbesondere mit kammermusikalischen Werken hervor. Für sein Schaffen wurde Losonczy mehrfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg.

Leben Ungarische Herkunft und Musikstudium Andor Losonoczy wurde 1932, zu einer Zeit, wo Ungarn noch offiziell Königreich war, als Sohn des Komponisten und Dirigenten Dezső Losonczy (1891–1950) und dessen erster Ehefrau Ilona Mária MihályfyLosonczy Dezső im Magyar Hangosfilm Lexikon (ungarisch), abgerufen am 26. Januar 2017. in Budapest geboren und wuchs im VI. Bezirk auf.Andor Losonczy beim Music Information Center Austria Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete sein Vater die Schauspielerin Líviát Marsovszky (geb. 1919).

Am Konservatorium Pécs im Süden Ungarns erhielt Andor Losonoczy ab 1948 Unterricht in Klavier bei Jenő Takács, der wenig später nach Westeuropa emigrierte, und in Komposition bei Rezső Sugár.Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich 1997, S. 707. 1950 nahm er ein Klavierstudium bei Renée Sándor am Konservatorium Budapest auf. Ab 1952 setzte er sein Studium an der renommierten, von Franz Liszt gegründeten, Budapester Musikakademie bei Pál Kadosa fort. Daneben studierte er Komposition bei Endre Szervánszky. Während in seiner Jugend der sozialistische Realismus tonangebend war,Valentina Sandu-Dediu (Üb. Sorin Georgescu), Osteuropa, in: Jörn Peter Hiekel, Christian Utz (Hrsg.): Lexikon Neue Musik. Stuttgart/Kassel 2016, S. 487–501, hier: S. 497f. wurde er in den 1950er Jahren durch die moderne Musik Béla Bartóks und Zoltán Kodálys beeinflusst.

Sein Klavierlehrer Takács ordnete ihn 1977 kompositorisch „dem experimentierenden Typ“ zu, der sich für „Verfremdungseffekte, Elektronik und zuletzt auch Computermusik“ interessierte. Er besäße „Talent, um sich in jedem beliebigen Idiom ausdrücken zu können“. Vor allem schätzte er seine Ehrlichkeit.Wolfgang Suppan (Verf.): Jenő Takács: Dokumente, Analysen, Kommentare. Eisenstadt 1977, S. 86.

Solistenkarriere als Pianist mini|Spielstätte Losonczys, Wiener Saal der Stiftung Mozarteum in Salzburg Im Anschluss an den Diplom-Abschluss 1955 war Losonczy zunächst als Klavier-Solist bei der staatlichen Konzertagentur Filharmónia in Budapest unter Vertrag. Nachdem er im Ostblock mit Musikpreisen ausgezeichnet worden war, nahm er 1958 mit einer Abordnung von ungarischen Musikern am Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München teil. 1960 erhielt er gemeinsam mit Bruno Canino den geteilten zweiten Preis für Klavier beim Kranichsteiner Musikpreis in Darmstadt. Damit war er nach Gábor Gabos (1958) der zweite Ungar, der mit dem prestigeträchtigen Klavierpreis bedacht wurde.

Losonczy brachte im Laufe seiner Solistenkarriere zahlreiche Werke (ca. 100) von zeitgenössischen Komponisten wie Klaus Ager, Sylvano Bussotti, Henryk Mikołaj GóreckiAdrian Thomas: Górecki (Oxford studies of composers). Clarendon Press, Oxford 1997, ISBN 0-19-816394-0, S. 171., Heinz Holliger, Josef Maria Horváth, György Kurtág, György Ligeti, Bogusław Schaeffer, Karlheinz Stockhausen und Jenő Takács zu Ur-/Erstaufführungen.Kürschners Musiker-Handbuch 2006, S. 283. Wolfgang Steinecke holte ihn nach Darmstadt, wo er bei den Ferienkursen 1960 die Uraufführung der Acht Klavierstücke op. 3 seines JugendfreundesJürg Stenzl: „Enfant terrible der stillen Szene“. Der Komponist Andor Losonczy. In: MusikTexte – Zeitschrift für neue Musik, Heft 151, November 2016, S. 101f. György Kurtág verantworten konnte.Friedrich Spangemacher (Hrsg.): György Kurtág, Boosey und Hawkes, Bonn 1989, ISBN 3-87090-205-1, S. 89 (= Musik der Zeit, Band 5). Im Jahr 1974 führte er das 15. Stück, Valse-Impromptu (Hommage à Franz Liszt), des Klavierzyklus Klänge und Farben op. 95 von Jenő Takács, mit dem er und seine Frau ebenso befreundet waren,Wolfgang Suppan (Verf.): Jenő Takács: Dokumente, Analysen, Kommentare. Eisenstadt 1977, S. 86. erstmals auf.Wolfgang Suppan (Verf.): Jenő Takács: Dokumente, Analysen, Kommentare. Eisenstadt 1977, S. 115.

Ab den 1980er Jahren konzertierte er regelmäßig im Kammermusiksaal (Wiener Saal) der Stiftung Mozarteum in Salzburg. Etwa seine Interpretation der Klaviersonate h-Moll von Franz Liszt blieb dem Feuilleton in Erinnerung. Losonczy spielte bei mehreren Musikfestivals; es liegen Aufnahmen als Pianist und Komponist mit europäischen Rundfunkanstalten (u. a. NDR, hr, BR, ORF, RAI, Schweizer und ungarischer Rundfunk) vor. Anlässlich der Salzburger Festspiele 1962 übernahm er im Alten Festspielhaus bei der Aufführung des Brüsseler Béjart „Ballet du XXème Siècle du Théâtre Royal de la Monnaie“ unter der Leitung von Pierre Boulez einen Klavierpart.BALLET DU XX-ÈME SIÈCLE, salzburgerfestspiele.at, abgerufen am 4. Februar 2018. Für den ORF, der zu einem wichtigen Forum Neuer Musik wurde,Rainer Nonnenmann, Zentren neuer Musik, in: Jörn Peter Hiekel, Christian Utz (Hrsg.): Lexikon Neue Musik. Stuttgart/Kassel 2016, S. 620–624, hier: S. 621. spielte er das gesamte Klavierwerk von Arnold Schönberg ein.

Der Musikjournalist Peter Cossé sah in ihm einen „rührigen, ja wilden Klavierspieler“.Peter Cossé: Regionale Initiativen. In: Österreichische Musikzeitschrift 50 (1995) 8/9, S. 620–624, hier: S. 621.

Hochschullehrer am Mozarteum Losonczy gehörte einer Komponistengeneration Ungarns an, zu der die international erfolgreichen und im Exil lebenden Avantgarde-Komponisten György Kurtág und György Ligeti zählten. Im Zuge der Auswirkungen des durch die Rote Armee niedergeschlagenen Ungarischen VolksaufstandesWolfgang Suppan (Verf.): Jenő Takács: Dokumente, Analysen, Kommentare. Eisenstadt 1977, S. 63. 1956 emigriertenGerhard Walterskirchen: Losonczy, Andor. In: Adolf Haslinger (Hrsg.): Salzburger Kulturlexikon. Residenz-Verlag, Salzburg [u. a.] 1987, ISBN 3-7017-0503-8, S. 278. er und seine spätere Frau Klára Kupor (ebenfalls eine Schülerin Takács’Ilona Lucz: Kadosa Pál a zeneszerzı, a zongoramővész, a zenepedagógus, Dissertation, Budapest 2009, S. 160f.) während eines Musikwettbewerbs 1960 nach Österreich. Dort begann er seine Karriere als Hochschullehrer.Einen vergleichbaren Lebensweg schlugen die polnischen Komponisten Andrzej Dobrowolski, Bogusław Schaeffer und Zdzisław Wysocki ein, vgl. Manfred Wagner: Migration als Kulturströmung, in: Hartmut Krones (Hrsg.): Multikulturelle und internationale Konzepte in der neuen Musik: [vierter Bericht über die vom Institut für Musikalische Stilforschung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, Wien veranstalteten Symposien zum Festival Wien Modern] (= Wiener Schriften zur Stilkunde und Aufführungspraxis / Sonderreihe Symposien zu Wien Modern. Bd. 4). Böhlau, Wien [u. a.] 2008, ISBN 978-3-205-77501-0, hier: S. 69–76, S. 73. Nachdem Losonczy anfangs lediglich Vertragsbediensteter war, wirkte er von 1986Ernennung zum ordentlichen Hochschulprofessor mit 1. Dezember 1986, vgl. Ernennungen im Studienjahr 1986/87, in: Hochschule für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg (Hrsg.): Jahresbericht Studienjahr 1986/87. Salzburg, S. 13. bis zur Emeritierung 1998Emeritierung mit Ablauf 30. September 1998, vgl. Emeritierungen im Studienjahr 1997/98, in: Hochschule für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg (Hrsg.): Jahresbericht Studienjahr 1997/98. Salzburg, S. 7. als ordentlicher HochschulprofessorAus Österreichs Hochschulen, in: Österreichische Hochschulzeitung, 39. Jg., Nr. 3, März 1987, S. 28. für Klavier unter besonderer Berücksichtigung für zeitgenössische Musik an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg. Losonczy gab Kurse in Live-Elektronik und Experimenteller Musik. Darüber hinaus dozierte er über die Musik der Romantik. Außerdem übersetzte er Werke vom Ungarischen ins Deutsche.Unter anderem übersetzte er für den Musikwissenschaftler Norbert Nagler Bárdos’ ideologisch belastete Arbeit über Franz Liszt von 1976, vgl. Norbert Nagler: Die verspätete Zukunftsmusik. In: Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn (Hrsg.): Franz Liszt. Edition Text und Kritik, München 1980, ISBN 3-88377-047-7, S. 4–41, hier: S. 7 (= Musik-Konzepte. H. 12 ). Zu seinen Schülern gehörten u. a. Michael Neunteufel, Werner Raditschnig und Biliana Tzinlikova, moz.ac.at, abgerufen am 2. Juni 2018. sowie als Privatschüler Wolfgang Nießner.

Mit Unterbrechung war er von 1959 bis 1966 insgesamt fünfmal Teilnehmer der Neue-Musik-Institution Darmstädter Ferienkurse.Er war Teilnehmer der Kurse von 1959, 1960, 1961, 1965 und 1966, vgl. Andor Losonczy im Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, imd-archiv.de abgerufen am 20. Januar 2018. Dort wurde er u. a. vom maßgeblichen Pianisten des Schönberg-Kreises, Eduard Steuermann, sowie wiederholt vom Landsmann György LigetiVgl. Anmeldungen von Andor Losonczy zu den Ferienkursen 1960 und 1961 im Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, imd-archiv.de abgerufen am 2. Juni 2018. unterrichtet. Bei den 61er Ferienkursen nahm er am Seminar für „Elektronische Musik — Komposition und Realisation“ teil, das von Karlheinz Stockhausen, der in der Nachkriegszeit den kompositorischen Diskurs in Darmstadt mitgeprägt hatte,Tasos Zembylas, Martin Niederauer: Praktiken des Komponierens: Soziologische, wissenstheoretische und musikwissenschaftliche Perspektiven. Springer, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-13508-9, S. 42. verantwortet wurde.Karlheinz Stockhausen bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt 1951–1996: Dokumente und Briefe. Zsgest. und kommentiert von Imke Misch und Markus Bandur. Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten 2001, ISBN 3-00-007290-X, S. 289. Im Seminar wurden der elektronische Produktionsteil des Stockhausen-Stückes Kontakte und die Realisation der Aufführung besprochen.Gianmario Borio, Hermann Danuser (Hrsg.): Im Zenit der Moderne: Geschichte und Dokumentation in vier Bänden, Band 2, Freiburg im Breisgau 1997, S. 273. Die Heranführung an die zentralen Komponisten der Zweiten Wiener Schule, namentlich Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg, prägten seine musikalische Entwicklung.Astried Rieder: Interview mit Andor Losonczy (unter Teilnahme von Georges-Emmanuel Schneider), Atelier für Neue Musik: Radiofabrik 107,5, 20. Februar 2011 (Podcast in der Mediathek CBA – Cultural Broadcast Archive).