mini|hochkant|Didier Eribon 2024
Didier Eribon (* 10. Juli 1953 in Reims) ist ein französischer Journalist, Autor, Soziologe und Philosoph. Zu seinen Hauptwerken gehört das autobiographische Buch Rückkehr nach Reims von 2009, das 2016 auch im deutschsprachigen Raum zum Bestseller avancierte.
Seine akademische Karriere ist vor allem mit der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris sowie dem Dartmouth College in den Vereinigten Staaten verknüpft.
Leben und Wirken Eribon wurde 1953 in Reims geboren. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau, der Vater war Fabrikarbeiter. In seiner Familie wählten alle, so erzählt er später, zunächst die Kommunistische Partei. In seinem autobiografischen Werk Rückkehr nach Reims aus dem Jahr 2009 (auf Deutsch 2016 erschienen) erinnert er sich an Reims „als Stadt der Beleidigung“ und an seine dortige Existenz als die eines Arbeiterkindes, das seine Homosexualität entdeckte und deshalb geschmäht wurde.Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 191.
Eribon gelang es, zum Hochschulstudium zugelassen zu werden, und er studierte Philosophie zunächst in Reims, dann in Paris. Er wollte Gymnasiallehrer werden, scheiterte nach der Licence jedoch an den Zugangsprüfungen (concours) zum gehobenen Lehramt (Certificat d’aptitude au professorat de l’enseignement du second degré und Agrégation). So begann er als Journalist über Philosophie und Literatur zu schreiben. Von der linksgerichteten Tageszeitung Libération wechselte er zum Wochenmagazin Le Nouvel Observateur.Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 223–225. Dabei wandte er sich zunehmend Themen der Geschichte schwulen Lebens und schwuler Subjektivität zu,Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 227. doch verstand er seine journalistische Tätigkeit vor allem als Broterwerb, um sich das Verfassen von Büchern erlauben zu können.Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 226.
Von 1998 bis 2004 gab er ein Seminar an der École des hautes études en sciences sociales in Paris über Queer Studies im In- und Ausland, zu dem er neben französischen Denkern wie Pierre Bourdieu und Michel Tort bedeutende amerikanische Stimmen, etwa Judith Butler, George Chauncey, Leo Bersani, Michael Warner, Michael Lucey und Carolyn Dinshaw, einlud. Damit trug er dazu bei, das junge Studiengebiet in Frankreich zu etablieren. Im Jahr 2009 erhielt Eribon eine Professur an der Université de Picardie Jules Verne in Amiens, die er bis 2017 ausübte. Außerdem hatte er Gastprofessuren an der University of California in Berkeley und dem Institute for Advanced Study in Princeton. Im Jahr 2021 war er Gastprofessor am Lehrstuhl für französische Literatur der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Eribon verfasste zahlreiche Bücher, darunter Gesprächs- und Interviewbände mit Georges Dumézil, Claude Lévi-Strauss und Ernst Gombrich. 1989 veröffentlichte er eine viel beachtete und seither in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienene Biografie Michel Foucaults. Daniel Defert, Lebensgefährte Foucaults, urteilte: „Für meinen Geschmack war [sie] zu sehr die Geschichte Foucaults als Akademiker“, hingegen zeige sie nicht, wer er wirklich war. Eribon habe „die fantastischen und leidenschaftlichen Aspekte“ von Foucaults Leben ausgeblendet.Tania Martini, Enrico Ippolito (Interview): Daniel Defert über Michel Foucault: „Er kämpfte immer mit der Polizei“. In: Taz online, 13. Oktober 2015.
2009 erschien in Frankreich sein autobiografisch geprägter „nonfiktionaler Roman“ Rückkehr nach ReimsKlappentext und Rezensionen auf Perlentaucher online über seine Kindheit in einem vorwiegend kommunistischen Arbeiterviertel in Reims. Das Buch fand im deutschsprachigen Raum nach seiner Übersetzung (2016) ein lebhaftes Echo.Didier Eribon im Interview mit Felix Stephan: „Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk“. In: Die Zeit online, 4. Juli 2016. Es wurde breit rezipiert und erschien in mehreren Auflagen. Der Dramatiker Falk Richter betitelte eine Szene seines Stückes Verräter. Die letzten Tage nach Eribons Rückkehr nach Reims und ließ darin die Figur Daniel eine längere Passage des Buches (Seite 139–140) vorlesen.Falk Richter: Ich bin Europa. FEAR und andere Theaterstücke. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2017, ISBN 978-3-95749-122-0, S. 238–239 Eine Bühnenfassung von Rückkehr nach Reims wurde am 24. September 2017 an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin unter der Regie von Thomas Ostermeier uraufgeführt.
Eribon stellt Rückkehr nach Reims teilweise in die Tradition Pierre Bourdieus, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.Nach eigener Auskunft lernte er Bourdieu 1979 kennen und sah ihn seitdem fast jeden Tag oder telefonierte mit ihm. Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Berlin 2017, S. 43. Dazu äußerte er im September 2016: „Ich habe mich schon immer für die Geschichten der sozialen Klassen und sozialen Unterschiede in der Gesellschaft und das Reproduzieren sozialer Klassen interessiert. Zum Beispiel durch das Schulsystem.“Didier Eribon zur Krise der Linken: „Ihr seid nicht das Volk“; Taz online, 23. September 2016, abgerufen am 25. September 2016. In Teil III (Kapitel 2) schildert Eribon, wie sich insbesondere seine Mutter seit Anfang der 1980er Jahre von der kommunistischen Partei, später auch von der kommunistischen Gewerkschaft CGT ab- und dem rechtspopulistischen Front National zugewandt habe.Rückkehr nach Reims, S. 133–140. Er resümiert:
Der Text gilt als „Schlüsselwerk zum Verständnis der gesellschaftlichen Gegenwart“.
Mit dem Buch Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege,Klappentext und Rezensionen auf Perlentaucher online. das 2013 auf Französisch und 2017 auf Deutsch herauskam, schließt Eribon an Rückkehr nach Reims an, indem er sich weiterhin mit dem Konzept der Klasse beschäftigt. Unter anderem setzt er sich mit Pierre Bourdieu und Michel Foucault als Soziologen sowie Annie Ernaux, Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre, Assia Djebar, Marcel Proust und Paul Nizan als Schriftstellern auseinander. Er greift erneut den Begriff der Scham auf und beschreibt seine Verbindung zu Bourdieu, insbesondere bezogen auf dessen Werk Die feinen Unterschiede, als Prozess der „Selbstanalyse“ zur Überwindung der „sozialen Scham“. Foucaults Arbeit Wahnsinn und Gesellschaft beeinflusste ihn gleichermaßen, was die Bewältigung der „sexuellen Scham“ betrifft – in beiden Fällen mit dem Ziel der Veränderung des Selbst und seiner Umgebung.Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Berlin 2017, S. 106f. Während er Bourdieu überwiegend positiv, doch mitunter auch kritisch rezipiert, ist sein häufiger Bezug auf Annie Ernaux durchweg anerkennend.
Bereits vor Rückkehr nach Reims und dem Folgeband Gesellschaft als Urteil erschien 2005 Échapper à la psychanalyse, eine kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse (unter dem Titel Der Psychoanalyse entkommen 2017 auf Deutsch erschienen). Dabei handelt es sich um die erweiterte Fassung eines Vortrags, den Eribon 2003 an der Universität Berkeley im Rahmen eines Kolloquiums (an dem u. a. auch Judith Butler teilnahm) gehalten hat. Anhand der Texte Roland Barthes’ (Fragmente einer Sprache der LiebeSuhrkamp, Frankfurt am Main 1984, franz. 1977)Fragments d’un discours amoureux. Seuil, Paris 1977 und Foucaults (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum WissenSuhrkamp, Frankfurt am Main 1983., franz. 1976)Histoire de la sexualité. Bd. 1: La Volonté de savoir. Gallimard, Paris 1976. entwickelt er scharf formulierte Thesen gegen den infolge der 68er-Bewegung verbreiteten Freudo-Marxismus und betont die Bedeutung von „Liebe“ und „Sexualität“ in verschiedenen Zusammenhängen. Auch die Queer-Theorie sei zu stark vom Gedankengut Sigmund Freuds und Jacques Lacans beeinflusst. Seine Schrift versteht er als Manifest gegen die Normativität der Psychoanalyse.Verlagsnotiz. Turia und Kant, Wien 2017Angela Gutzeit: Neue Bücher von Didier Eribon. Der sanfte Rebell. Deutschlandfunk, 13. Dezember 2017.
In einem Interview mit dem Titel Der Zeitgeist ist faschistoid mit dem Publikationsorgan der Bundeszentrale für politische Bildung weist er im März 2017 auf die unterschiedliche historische Entwicklung in Frankreich und Deutschland seit 2009 hin.Charlotte Noblet (Text), Anne-Charlotte Compan (Fotos): Interview mit Didier Eribon: "Der Zeitgeist ist faschistoid". In: bpb:magazin 1/2017 [22.03.2017].
Bei der französischen Präsidentschaftswahl 2017 stimmte Eribon nach eigener Aussage im ersten Wahlgang für den Kandidaten der extremen Linken, Jean-Luc Mélenchon. Wenige Tage zuvor hatte er Mélenchon in einem Essay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung noch als „Linkspopulisten“ bezeichnet und betont, den vielfältigen Formen der Herrschaft müssten heterogene Formen des Widerstands entgegengesetzt werden. Das linke Denken könne im Geist von ’68 erneuert werden.Didier Eribon: Frankreich im Wahljahr: Ein neuer Geist von ’68. In: FAZ online, 18. April 2017, S. 3 Im zweiten Wahlgang sprach sich Eribon – aus Enttäuschung über die Haltung der beiden verbliebenen Kandidaten zur sozialen Gerechtigkeit – für einen Wahlboykott aus. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte er dies folgendermaßen: „Wer Macron wählt, wählt Le Pen“, die nach enttäuschenden Jahren unter Macron bei den nächsten Wahlen vorn liegen werde. Das Phänomen, dass frühere Linke jetzt für die Rechten votierten, finde sich in ganz Europa. Gerhard Schröder und Tony Blair hätten den Neoliberalismus adaptiert und vorangebracht und somit „die Grundsätze von Sozialismus und Sozialdemokratie verraten“.
Auch auf der Frankfurter Buchmesse 2017, deren Partnerland Frankreich war, wandte er sich entschieden gegen Macrons „Neoliberalismus“ und blieb der Eröffnungsveranstaltung demonstrativ fern. Während der Messe trat er mehrmals auf, so zu Gesprächen mit Nils MinkmarVeranstaltungskalender. und Annie Ernaux. Mit Ernaux diskutierte er über autobiografische Elemente in ihrer beider Werk. Das Literarische Colloquium Berlin war zudem am 16. Oktober Gastgeber einer Lesung Eribons und des Romanciers Édouard Louis’, einem jungen Vertreter einer autofiktional geprägten Literatur mit starkem soziologischem Bezug.„Gesellschaft als Urteil“ und „Im Herzen der Gewalt“.
Die meisten Rezensionen der Werke Eribons fielen in Deutschland 2016/17 positiv aus, doch gab es auch kritische Stimmen, insbesondere zu seinen politischen Aussagen.Hannah Lühmann: Didier Eribon. Der überschätzte Front-National-Erklärer. Die Welt, 1. November 2017. Olaf Scholz soll Eribon gelesen und mit seinen Thesen 2021 den Bundestagswahlkampf der SPD geprägt haben. Die Spaltung der deutschen Partei Die Linke im Vorfeld der BSW-Gründung soll wesentlich durch Eribons Schriften angestoßen worden sein. Eribon kommentierte dies jedoch so: „Entweder Wagenknecht hat mich falsch verstanden oder sie instrumentalisiert mich.“ Es sei nicht seine Absicht gewesen, die soziale Frage gegen Minderheiten oder Klimaschutz auszuspielen.
2018 wurde sein 2016 erschienenes Werk Principes d’une pensée critique unter dem Titel Grundlagen eines kritischen Denkens veröffentlicht. Mit Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple (deutscher Titel 2024 Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben) veröffentlichte Eribon 2023 ein Buch über den Tod seiner Mutter. Darin reflektiert er biografische Begebenheiten auch in politischer wie philosophischer Hinsicht. Dabei setzt er sich, ausgehend von dem Schicksal seiner Mutter, mit den gesellschaftlichen Problemen von pflegebedürftigen Menschen auseinander.
Eribon lebt in Paris und ist seit 2001 mit dem französischen Philosophen und Soziologen Geoffroy de Lagasnerie liiert.Daniel Binswanger: «Die Herrschenden haben Angst – und das ist wundervoll», Interview in: Republik vom 12. Januar 2019, abgerufen am 14. Januar 2019. Beide verbindet eine enge Freundschaft mit Édouard Louis, worüber Lagasnerie 2023 ein Buch veröffentlichte.
Auszeichnungen (Auswahl) 2008: Brudner Prize (Rückgabe am 19. Mai 2011)Brief vom 19. Mai 2011 an John Treat.