mini|Wolfgang Leidhold (2007) Wolfgang Leidhold (* 12. Dezember 1950 in Dortmund) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Philosoph und Künstler. Er arbeitet als ordentlicher Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln mit den Schwerpunkten Politische Theorie und Ideengeschichte. Das Spektrum seiner Arbeit reicht vom Paläolithikum bis zur Gegenwart. Seit den 1980er Jahren erforscht er die Geschichte der Erfahrung und ihrer Transformationen. Die Ergebnisse seiner Forschung veröffentlichte er in The History of Experience: A Study in Experiential Turns and Cultural Dynamics from the Paleolithic to the Present Day (New York, NY, 2023). Der Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit liegt in der Malerei und Zeichnung. Seine Werke wurden in den USA und in Deutschland ausgestellt.

Biographie Akademische Karriere mini|Knoten IV

Leidhold studierte Sozialwissenschaften, Philosophie und Ostasienwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum. Zu seinen Lehrern zählten Norbert Elias, Günter Gawlick, Jürgen Gebhardt, Leo Koffer, Eric Voegelin und Peter Weber-Schäfer. Nach seinem Magisterabschluss mit einer Arbeit über René Descartes (unveröffentlicht) und einem Studienaufenthalt an der Stanford University in Kalifornien promovierte er 1982 mit einer Arbeit über „Ethik und Politik bei Francis Hutcheson“. Von 1978 bis 1989 war er Akademischer Rat an der Universität Erlangen und lehrte politische Philosophie, Ideengeschichte und internationale Beziehungen.

In den 1980er Jahren konzentrierte sich Leidhold insbesondere auf Sicherheitspolitik, vor allem in Zusammenarbeit mit der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung (Köln) initiierte er ein Projekt über die pazifische Inselregion und internationale Sicherheit (1986–1988). Während dieser Zeit arbeitete er u. a. als Forschungsstipendiat (research fellow) am Center for Strategic and International Studies (CSIS) der Georgetown University in Washington, D.C., unter der Leitung von Ray Cline. Später war er mit dem East-West-Center und der University of Hawaii verbunden.Claudius Mandel, Philipp Thimm, eds., Experience. Implikationen für Mensch, Gesellschaft und Politik. Festschrift für Wolfgang Leidhold, Würzburg (Königshauses & Neumann) 2021 ISBN 978-3-8260-7122-5, S. 13–20. Längere Forschungsreisen führten ihn in die pazifische Inselstaaten, nach Australien und Neuseeland. Dies lieferte die empirische Grundlage für seine Monographie „Crisis Under the Southern Cross. Die pazifische Inselregion und die internationale Sicherheit“. Mit dieser Arbeit habilitierte sich Leidhold für das Fach Politikwissenschaft.Die Arbeit wurde veröffentlicht unter: Krise unter dem Kreuz des Südens, Die Pazifische Inselregion und die internationale Sicherheit, Baden-Baden (Nomos Publisher) 1991 ISBN 978-3-7890-2298-2

Von 1991 bis 1991 arbeitete Leidhold als Lehrstuhlvertretung am Eric-Voegelin-Lehrstuhl des Geschwister-Scholl-Instituts der Universität München und am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen an der Universität Eichstätt. Seit 1992 ist er ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln mit der Schwerpunkten politische Theorie und Ideengeschichte. Die Erforschung der Erfahrungsstruktur und ihrer historischen Entwicklung vom Paläolithikum bis zur Gegenwart ist seither sein Schwerpunkt. Neben zahlreichen anderen Forschungsprojekten initiierte und konzipierte er 1997 ILIAS, eine weltweit verbreitete Open-Source-Lernplattform.Bertelsmann Stiftung, ed., Virtus, virtuelle Universitätssysteme Köln, Jahresbericht 1997/98, Gütersloh (Verlag Bertelsmann Stiftung) 1998, S. 14f, 33–39 ISBN 3-89204-434-1 Sein Engagement für dieses Projekt wurde 2015 mit dem ILIAS-Ehrenpreis gewürdigt.https://docu.ilias.de/ilias.php?ref_id=3689&cmdClass=ilrepositorygui&cmdNode=ao&baseClass=ilRepositoryGUI

Aktuell beschäftigt er sich mit dem Zusammenhang von Erfahrung und Ökologie sowie der Entwicklung eines trans-humanen ökologischen Ethos.

Die Festschrift zum Thema „Experience“ (2021) verdeutlicht die internationale Wirkung von Leidholds Ideen.

Künstlerische Karriere mini|Zeus Olympisches Komitee

Parallel zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung studierte Leidhold von 1972 bis 1975 Malerei und Zeichnen in der Klasse von Hans-Jürgen „Hänner“ Schlieker (1924–2004) an der Abteilung Bildende Kunst der Ruhr-Universität Bochum (Musisches Zentrum, MZ).Kabus, Ortrud (ed.), Ausgangspunkt Musisches Zentrum, Bochum 2017, S. 21

Im Jahr 2010 aus das Chelsea Art Museum in New York City Leidhold ein, im darauffolgenden Jahr eine Einzelausstellung mit dem Titel „Knots and Other Stories“ (4. März 2011 – 2. April 2011) zu präsentieren.Ivan Gaete, ed., Wolfgang Leidhold, Knots & Other Stories, New York, NY, 2011 (Exhibition catalogue) Seine Arbeiten zeigen namhaften Galerien in den USA und Deutschland.

Darüber hinaus unterstützt er die in New York ansässige Boris Lurie Art Foundation als Berater bei der Förderung des jüdischen Künstlers Boris Lurie (1924–2008). Er initiierte und koordinierte zwei Einzelausstellungen von Boris Luries Kunstwerken im NS-Dokumentationszentrum in Köln (2014)Igor Satanovsky, ed., KZ-Kampf-Kunst, Boris Lurie: No!Art, New York (No!Art-Publishing) 2014, S. 15–21, 360 ISBN 978-0-9905376-0-1 und im Jüdischen Museum in Berlin (2016)Cilly Kugelmann, ed., Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie, Bielefeld, Berlin (Kerber Verlag) 2016, S. 117, 176 ISBN 978-3-7356-0195-7.

Werk

Internationale Sicherheit

Im Bereich der internationalen Beziehungen konzentrierte sich Leidhold auf militärische Aspekte der Sicherheitspolitik, insbesondere in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum. Darüber hinaus entwickelte er das Planspiel „Politik und internationale Sicherheit“ (POLIS) als Lehrmittel, das die Interdependenz von politischen, wirtschaftlichen und militärischen Aspekten auf globaler Ebene berücksichtigte. Das Planspiel sollte das theoretische Wissen durch die Erfahrung des Handelns in komplexen und dynamischen Situationen ergänzen. Dafür wurde er 2001 mit dem Karl-Carstens-Preis der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (Bonn, Deutschland) ausgezeichnet.Siehe: https://www.baks.bund.de/de/der-karl-carstens-preis - Und: Karl Carstens-Preis 2001 für Professor Leidhold, https://idw-online.de/en/news30985 (Stand abgerufen: 30. März 2023).

In seiner Studie „Krise unter dem Kreuz des Südens: Die Pazifische Inselregion und die internationale Sicherheit“ (1991) ging Leidhold der Frage nach, wie sich die Sicherheitsbeziehungen zwischen den kleinen pazifischen Inselstaaten und ihren größeren Nachbarn an der Peripherie, wie Australien, Neuseeland, aber auch den USA, China, Japan und der ehemaligen Sowjetunion, entwickeln.(10) Zürn, Michael [Rezension zu:] Wolfgang H. Leidhold: Krise unter dem Kreuz des Südens: die pazifische Inselregion und die internationale Sicherheit, in: Politische Vierteljahresschrift (1992) Vol. 33, No. 3, S. 563–564. Siehe: https://www.econstor.eu/handle/10419/112446 (abgerufen am 2. April 2023). Neben strukturellen Faktoren wie politischen Systemen, Geographie, Wirtschaft und politischen Bündnissen thematisierte er auch die Erfahrung, da kleine Inselstaaten ihre Sicherheitslage ganz anders einschätzen als Großmächte und große Flächenstaaten.

Erfahrungsbegriff

Dimensionen der Erfahrung

Das Studium der Erfahrung wurde zum Schwerpunkt von Leidholds Forschungen und Veröffentlichungen. Ausgangspunkt für sein Interesse daran war seine Beschäftigung mit dem schottischen Philosophen Francis Hutcheson (1694–1746). Hutcheson wollte wie John Locke die Ethik auf Erfahrung gründen, hielt aber die seit Aristoteles klassische empiristische Formel für untauglich. Diese Formel besagte: Aus den Sinnen entsteht die Erinnerung, und aus vielen Erinnerungen entsteht die Erfahrung. Locke hielt die sinnliche Erfahrung von Lust und Schmerz für entscheidend. Hutcheson stellte fest, dass viele moralisch gute Handlungen schmerzhaft sind, etwa wenn man sein Leben riskiert, um jemanden vor dem Ertrinken in eisigem Wasser zu retten. Daher behauptete er, dass moralische Vorstellungen aus einer eigenen Erfahrungsdimension hervorgehen, die seiner Meinung nach auf einem bestimmten Sinn beruht, den er moralischen Sinn nannte. In seinem letzten Buch, System of Moral Philosophy, zählte er mehr als ein Dutzend Sinne auf (Buch I, Kap. II), darunter einen Sinn für Schönheit sowie einen inneren Sinn für Selbsterkenntnis und Reflexion. Hutcheson schlug also eine mehrdimensionale Struktur der Erfahrung vor. Zusätzlich zu seiner Dissertation über „Ethik und Politik bei Francis Hutcheson“ (1982) hat Leidhold eine kritische Ausgabe (einschließlich einer Einleitung) von Hutchesons „Inquriy“ veröffentlicht.Francis Hutcheson, An Inquiry into the Original of Our Ideas of Beauty and Virtue, hrsg. und eingeleitet von Wolfgang Leidhold, 2. rev. ed., Indianapolis, In. 2008, Indianapolis (Liberty Fund) (Natural Law Series).

Struktur der Erfahrung

Während Hutcheson betonte, dass eine monistische Konzeption der Erfahrung die Entwicklung unserer Ideen und Begriffe nicht angemessen erklären könne, blieb der Begriff der Erfahrung selbst außerhalb seiner kritischen Untersuchungen – ein Defizit, das im Übrigen die gesamte Ideengeschichte kennzeichnet. Diesen Befund bestätigte der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer, der feststellte: „So paradox es auch erscheinen mag, der Begriff der Erfahrung scheint mir einer der obskursten zu sein, die wir haben“Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode, Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 7. Aufl., Tübingen (Mohr) 2010, S. 352 (Gesammelte Werke, Band 1).. Daher wurde die Erforschung der Natur der Erfahrung Leidholds nächstes Projekt. Die Ergebnisse veröffentlichte er zunächst in einer Reihe von Aufsätzenhttps://wolfgang-leidhold.com/essays/ und https://leidhold.uni-koeln.de/de/forschung-projekte/weitere-publikationen/prof-dr-leidhold und dann in einer Monographie über „Politische Philosophie“.

Dort schlägt er vor, Erfahrung als „bewusste Partizipation“ an der Realität zu definieren.Politische Philosophie, 2. Aufl., Würzburg (Königshausen & Neumann) 2003, ISBN 978-3-8260-2755-0, OCLC 76635070, S. 121 ff.Wolfgang Leidhold, The History of Experience, A Study in Experiential Turns and Cultural Dynamics from the Paleolithic to the Present Day, New York (Taylor & Francis) 2023 (Routledge Studies in Cultural History) ISBN 978-1-032-29131-4. S. 12. Da es verschiedene Arten der Partizipation gibt, gibt es auch verschiedene Dimensionen der Erfahrung. Alle Dimensionen haben ein gemeinsames Merkmal: Die Partizipation wird zur Erfahrung, wenn wir uns ihrer bewusst werden. Das Ergebnis dieser Analyse war eine Typologie der Erfahrung, die folgende Bereiche umfasst: Sinneswahrnehmung, Phantasie und Kreativität, Spiritualität und Kontemplation, Selbstreflexion und Bewusstsein. Im weiteren Verlauf des Buches zeigt Leidhold, wie diese Erfahrungstheorie unser Verständnis von Bewusstsein und Religion, von Metaphysik (insbesondere von Zeit), von Anthropologie und auch von politischer Realität beeinflusst.

In seinem nächsten Buch über „Die Logik der religiösen Erfahrung“Gottes Gegenwart, Zur Logik der religiösen Erfahrung, Darmstadt (WBG, Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2008, ISBN 978-3-534-21046-6. konzentriert sich Leidhold auf die religiöse Dimension, indem er zunächst die spirituelle Erfahrung systematisch analysiert und sie dann aus einer interkulturellen und historischen Perspektive betrachtet.