Der FIDE Grand Prix 2008–2010 war eine Serie von sechs Schachturnieren, die zwischen April 2008 und Mai 2010 ausgerichtet wurden. Die beiden besten Spieler der Turnierserie qualifizierten sich für das Kandidatenturnier zur Schachweltmeisterschaft 2012. Ausrichter der Turniere war der Weltschachbund FIDE in Zusammenarbeit mit seiner Vermarktungsfirma Global Chess. Sein Modus war an den des Schach-Weltcups 1988/89 angelehnt.
Vorgeschichte und Planung
Nachdem in der jüngeren Vergangenheit mit verschiedenen WM-Formaten experimentiert worden war, ergab sich durch die Vereinigung der Weltmeisterschaft 2006 die Chance, ein neues WM-System zu etablieren. Gleichzeitig bestand aber auch die Notwendigkeit dazu, da das K.-o.-System, das bei den FIDE-Weltmeisterschaften 1999 bis 2004 und als Qualifikation für die WM 2007 angewandt worden war, von den Spitzenspielern immer weniger angenommen wurde.
Zunächst war ein veränderter World Cup im Gruppenmodus angedacht, der die Teilnahme der Spitzenspieler sichern und die Kritik am K.-o.-System vermeiden sollte. Die Idee bestand darin, in 16 8er-Gruppen zu spielen, deren Sieger anschließend in zwei 8er-Gruppen die Finalisten ausspielen würden.Vorschlag zur Änderung des World Cups (englisch; PDF; 10 kB) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
Im Juni 2007 kündigte die FIDE dann jedoch einen anderen Qualifikationsmodus an, bei dem der Sieger des World Cups gegen den Sieger der neuen Grand-Prix-Serie in acht Partien den Herausforderer des Weltmeisters ausspielen sollte.Offizielle Ankündigung der WM-Qualifikation (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
Die Planung beinhaltete sechs über zwei Jahre verteilte Rundenturniere in „führenden Städten der Welt“. Für die Jahre 2008 und 2009 war jeweils ein Turnier in Amerika, Asien und Europa geplant, und zwar im April, August und Dezember, um Konflikte mit anderen großen Schachturnieren zu vermeiden. Geplant war, dass 21 Spieler am Grand Prix teilnehmen, die jeweils vier Turniere spielen. Der Grand Prix war als fester Bestandteil für künftige Zyklen vorgesehen. Bewerber, die in den nächsten drei Zyklen jeweils ein Turnier ausrichten wollten, waren bevorzugt.Erläuterung der Grand-Prix-Pläne (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
In Bezug auf das Interesse potentieller Veranstalter erwiesen sich die Pläne der FIDE als zu optimistisch. Es gelang offensichtlich nicht, einen amerikanischen Interessenten zu finden. Auch wurden nach Ablauf der Bewerbungsfrist mit Baku, Krasnojarsk, Doha, Montreux, Elista und Karlsbad nicht gerade führende Städte als Ausrichter präsentiert. Als Reservestädte waren Istanbul und Teheran vorgesehen.Verkündung der Spielorte und -termine (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009. Krasnojarsk wurde schon nach kurzer Zeit durch Sotschi ersetzt.
Qualifikation
Für den Grand Prix waren sieben Spieler gesetzt, neben Weltmeister Viswanathan Anand auch dessen Vorgänger Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow sowie die Halbfinalisten des World Cups 2007, Gata Kamsky, Alexei Schirow, Magnus Carlsen und Sergei Karjakin.
Sieben weitere Spieler qualifizierten sich über ihr Elo-Rating von Januar 2007 und Oktober 2007: Wassyl Iwantschuk, Shakriyar Mamedyarov, Péter Lékó, Alexander Morosewitsch, Lewon Aronjan, Teimour Radjabov und Boris Gelfand.
Die Reserveliste bestand aus Michael Adams, Pjotr Swidler, Judit Polgár, Alexander Grischtschuk, Ruslan Ponomarjow, Wladimir Akopjan, Étienne Bacrot, Jewgeni Alexejew, Rustam Kasimdzhanov und Pawel Eljanow.Qualifikanten für den Grand Prix (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.Excel-Tabelle der am besten bewerteten Spieler (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
Jeder Veranstalter hatte das Recht, jeweils einen Spieler seiner Wahl mit einer Elo von mindestens 2550 zu nominieren. Dem FIDE-Präsidenten stand darüber hinaus eine Nominierung eines Spielers zu, der in der Oktober-Rangliste unter den ersten 40 stand. Weitere Spieler aus jeweils unterschiedlichen Ländern sollten von ihm ausgewählt werden, wenn gesetzte Spieler auf ihre Teilnahme verzichten würden.Qualifikanten für den Grand Prix (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
Auch was das Interesse der Spitzenspieler betrifft, war die FIDE bei ihrer Planung offenbar zu optimistisch. Von den gesetzten Spielern entschieden sich Anand, Kramnik, Topalow und Schirow gegen eine Teilnahme. Ebenso verzichtete Morosewitsch, der seine Absage in einem Interview damit begründete, die gesamte Planung sei fehlerhaft, da sich der Zyklus über insgesamt vier Jahre erstrecke, wobei zwischen dem Bekanntwerden der Kandidatenfinalisten und der WM 18 Monate lägen.Interview mit Alexander Morosewitsch (englisch) Auf: chessbase.com, abgerufen am 25. August 2009.
Vom Präsidenten wurden Pjotr Swidler, Iwan Tscheparinow, Étienne Bacrot und Wang Yue nominiert. Dazu rückten Michael Adams und Alexander Grischtschuk von der Reserveliste nach. Judit Polgár, die den Vorrang vor Grischtschuk gehabt hätte, verzichtete ebenfalls auf eine Teilnahme.
Das Feld wurde durch die Nominierungen der Turnierveranstalter komplettiert:Teilnehmerliste (englisch; PDF; 101 kB) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009. Baku: Vugar Gashimov Sotschi: Dmitri Jakowenko Doha: Muhammad al-Mudiyahki Montreux: Yannick Pelletier Elista: Ernesto Inarkiew Karlsbad: David Navara
Regeln
Zur Berechnung der Grand-Prix-Rangliste erdachte die FIDE ein neuartiges System. Bei den Turnierregeln orientierte man sich an den beim Turnier in Sofia erprobten Regeln.Regeln des Grand Prix (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
Wertung
Für die Berechnung der Platzierungen innerhalb der Grand-Prix-Serie entschied sich die FIDE für ein kompliziertes System: Der Sieger eines jeden Turniers sollte 180 Punkte erhalten, der Zweite 150 und der Dritte 130. Für den 4. bis 14. Platz sollten 110 bis 10 Punkte vergeben werden, für jeden schlechteren Platz jeweils 10 Punkte weniger. Wenn Spieler die gleiche Anzahl von Brettpunkten aufweisen sollten, würden die gesamten Punkte geteilt, also waren z. B. im Falle eines von zwei Spielern geteilten ersten Platzes für beide Spieler je 165 Punkte vorgesehen.
Die Reihenfolge im Klassement ergab sich schließlich nach folgender Priorität: Die Summe der drei höchsten Grand-Prix-Punkte Die niedrigste Grand-Prix-Wertung (Streichresultat) Die insgesamt erzielten Brettpunkte Die Anzahl der Turniersiege Die Anzahl der 2. Plätze Die Anzahl der insgesamt gewonnenen Spiele
Analog zu den Grand-Prix-Punkten wurden auch die Anzahl der Turniersiege und der 2. Plätze geteilt, im o. g. Beispiel hätten beide Spieler also 0,5 Turniersiege.
Turnierregeln
Für die ersten 40 Züge wurden jedem Spieler 120 Minuten Bedenkzeit eingeräumt, für die nächsten 20 Züge weitere 60 Minuten. Für den Rest der Partie standen 15 Minuten Bedenkzeit plus einem Inkrement von 30 Sekunden ab dem 61. Zug zur Verfügung.
Remisvereinbarungen durften nicht direkt getroffen, sondern mussten beim Schiedsrichter beantragt werden. Zulässig war analog zur Sofia-Regel ein solcher Antrag nur bei dreifacher Stellungswiederholung, Dauerschach, gemäß der 50-Züge-Regel oder bei einem theoretischen Remis.
Schwierigkeiten im Verlauf der Serie
Nachdem bereits die Auswahl der Veranstaltungsorte und der teilnehmenden Spieler sich als schwierig erwiesen hatten, tauchten während der Serie weitere Probleme auf:
Knapp drei Wochen vor dem dritten Grand Prix wurde bekannt gegeben, dass dieses Turnier nicht in Doha, sondern in Elista stattfinden würde, das eigentlich als Veranstalter für das fünfte Turnier vorgesehen war.Pressemitteilung zum Umzug nach Elista (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009. Auch das im April 2009 in Montreux geplante Turnier wurde abgesagt.
Nur drei Tage später wurde bekannt, dass die Generalversammlung der FIDE in Dresden eine umfassende Änderungen des WM-Zyklus erdacht hatte. Demnach sollte statt eines Kandidatenfinals ein Turnier mit acht Spielern ausgetragen werden. Hierfür sollten sich die beiden Erstplatzierten der Grand-Prix-Serie qualifizieren.Beschlüsse des FIDE-Kongresses in Dresden (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
Die Entscheidung, mitten im Zyklus dessen Regeln zu ändern, sorgte für einige Entrüstung, zumal die Generalversammlung formal überhaupt nicht dazu befugt war, Änderungen am WM-Reglement vorzunehmen.FIDE-Handbuch zu den Grand-Prix-Regeln 1.4 (englisch) Am 4. Dezember entschied sich Magnus Carlsen infolgedessen zum Ausstieg aus dem Grand Prix.E-Mail-Wechsel zwischen Fam. Carlsen und der FIDE (englisch) Auf: chessbase.com, abgerufen am 25. August 2009. Wenige Tage später folgte Michael Adams dessen Beispiel.Offener Brief von Michael Adams (englisch) Auf: chessbase.com, abgerufen am 25. August 2009. Auch Lewon Aronjan fand in einem offenen Brief scharfe Worte, spielte den Grand Prix aber weiter.Offener Brief von Lewon Aronjan (englisch) Auf: chessbase.com, abgerufen am 25. August 2009.
Aufgrund dieser Entwicklung entschieden sich auch die Veranstalter aus Karlsbad, ihr Turnier ebenfalls nicht auszurichten.Pressemitteilung der Veranstalter aus Karlsbad (englisch) Auf: chessbase.com, abgerufen am 25. August 2009. Sämtliche für 2009 geplante Veranstaltungen waren somit vakant.
Die von den Veranstaltern aus Doha, Montreux und Karlsbad nominierten Muhammad al-Mudiyahki, Yannick Pelletier und David Navara wurden seitens der FIDE aus der Turnierserie entfernt. Die verbliebenen Spieler der Rating-Liste rückten in das Teilnehmerfeld nach. Dabei ergab sich allerdings das rechnerische Problem, dass nicht alle Spieler ihre vier Turniere absolvieren konnten.
Der vierte Grand Prix wurde schließlich nach Naltschik vergeben, der fünfte zunächst nach Jerewan und schließlich nach Dschermuk. Für das sechste Turnier wurde lange Zeit kein Veranstalter gefunden; Ende 2009 wurde der Grand Prix in Astrachan angekündigt. Die beiden Reserveveranstalter Istanbul und Teheran standen offenbar nicht mehr zur Disposition. Entgegen dem ursprünglichen Plan, auf verschiedenen Kontinenten zu spielen, wurden nunmehr alle sechs Turniere in der Kaukasus-Region ausgetragen, wodurch der Grand Prix gelegentlich auch als Kaukasus-Cup bezeichnet wird.Bericht auf Chessbase.de, abgerufen am 12. Mai 2010.
Turniere
Die Turnierserie wurde erst im Mai 2010 abgeschlossen. Die ersten fünf Turniere gehörten zur Kategorie 19, was einem Elo-Schnitt zwischen 2700 und 2725 entspricht. Das letzte Turnier der Serie erreichte die Kategorie 20.
Baku April/Mai 2008
Der Auftakt zur Grand-Prix-Serie fand vom 21. April bis zum 5. Mai 2008 in Baku statt. Die Führung bei diesem ersten Turnier wechselte häufig. Alexander Gritschtschuk erwischte einen guten Start, wurde dann aber von Vugar Gashimov als Spitzenreiter abgelöst. Zu guter Letzt teilte sich Gashimov den Turniersieg mit Wang Yue und Magnus Carlsen, der zunächst schlecht ins Turnier gekommen war.Ergebnisse des Grand Prix in Baku (englisch) Auf: fide.com, abgerufen am 25. August 2009.
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Pkt. GP-Pkt. 1. Vugar Gashimov ½ ½ ½ 1 ½ 1 ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ 8 153⅓ 2. Wang Yue ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ 1 1 ½ ½ ½ 8 153⅓ 3. Magnus Carlsen ½ ½ 0 ½ 1 ½ 1 ½ ½ ½ ½ 1 1 8 153⅓ 4. Shakriyar Mamedyarov ½ ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ 1 0 1 1 0 7½ 105 5. Alexander Grischtschuk 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 ½ 1 7½ 105 6. Michael Adams ½ ½ 0 ½ ½ 1 ½ 0 0 1 1 ½ ½ 6½ 85 7. Pjotr Swidler 0 0 ½ ½ ½ 0 ½ 1 1 ½ ½ ½ 1 6½ 85 8. Teimour Radjabov ½ ½ 0 ½ ½ ½ ½ 1 ½ 0 0 1 ½ 6 60 9. Gata Kamsky 0 ½ ½ ½ ½ 1 0 0 ½ ½ ½ ½ 1 6 60 10. Sergei Karjakin ½ 0 ½ 0 ½ 1 0 ½ ½ ½ ½ ½ 1 6 60 11. Iwan Tscheparinow ½ 0 ½ 1 0 0 ½ 1 ½ ½ 0 0 1 5½ 35 12. David Navara ½ ½ ½ 0 0 0 ½ 1 ½ ½ 1 ½ 0 5½ 35 13. Etienne Bacrot ½ ½ 0 0 ½ ½ ½ 0 ½ ½ 1 ½ 0 5 15 14. Ernesto Inarkiew ½ ½ 0 1 0 ½ 0 ½ 0 0 0 1 1 5 15
Sotschi Juli/August 2008