Paul Scheffer (* 11. Oktober 1883 in Kaldau, Landkreis Schlochau (heute Kołdowo, Woiwodschaft Pommern, Polen); † 20. Februar 1963 in White River Junction, USA) war ein deutscher Journalist.
Herkunft und journalistische Anfangsjahre Paul Scheffer entstammte einer gut situierten bürgerlich-protestantischen Familie. Sein in Marburg geborener Vater Wilhelm Scheffer (* 1844; † 1898) war Abgeordneter im Preußischen Landtag und als hoher Beamter in verschiedenen Städten des Deutschen Kaiserreichs tätig. Seine Mutter war eine Tochter des Düsseldorfer Privatbankiers Christian Gottfried Trinkaus. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Koblenz, Berlin und Düsseldorf studierte er in München, Marburg und Graz Philosophie. 1913/14 arbeitete er einige Monate als Praktikant an der Deutschen Botschaft in London. Wegen Untauglichkeit nicht zum Kriegsdienst eingezogen, war Scheffer 1915 beim Informationsdienst der Deutschen Gesandtschaft in Den Haag und seit 1916 als Korrespondent des Hollandsch Nieuwsbüro in Deutschland tätig. 1919 begann seine durch Annette Kolb vermittelte Korrespondententätigkeit beim Rudolf Mosse Verlag für das Berliner Tageblatt. Zunächst in Den Haag eingesetzt, berichtete er unter anderem exklusiv über die Konferenz von Spa.Bärbel Holtz: Scheffer, Paul. in: Neue Deutsche Biographie, Band 22, 2005, S. 613.
Star-Reporter in Moskau Im November 1921 wurde er nach Moskau geschickt und informierte fortan als Russlandexperte über die politische und wirtschaftliche Entwicklung Sowjetrusslands und der Sowjetunion. Besonders zu Beginn seiner Moskauer Jahre galt er als enger Vertrauter des dortigen deutschen Botschafters Ulrich von Brockdorff-Rantzau und somit als Befürworter der Rapallopolitik. Kurzzeitig war Scheffer für das Berliner Tageblatt 1923/24 auch im Ruhrgebiet sowie temporär zwischen 1925 und 1927 im Fernen Osten und in Italien tätig. Seine Artikel zeichneten sich, verschiedenen Darstellungen zufolge, durch literarische Qualität, Sachlichkeit und Schlagkraft aus, was völlig im Gegensatz zum damals überwiegend praktizierten Meinungsjournalismus stand.Alexander Kluge: Zeitungsmacher unter Hitler. In: Der Spiegel 3/1966, 10. Januar 1966.
Aus dieser Zeit vielbeachtete Leitartikel von Scheffer sind beispielsweise:
„Lloyd Georges Verhandlungsmethode“ „Die Alliierten diktieren ihre Forderungen“ „Rapallo und die Folgen“ „Erinnerungen an Tschitscherin“.
Ab Mitte der 1920er Jahre war laut Aussage von Immanuel Birnbaum der selbstbewusste, finanziell unabhängige, hoch gebildete und polyglotte Scheffer der „Star unter den deutschen Korrespondenten“.Wolfgang Müller: Russlandberichterstattung und Rapallopolitik. Deutsch-sowjetische Beziehungen 1924-1933 im Spiegel der deutschen Presse. Phil. Diss. Saarbrücken, 1983, S. 54–82. 1925 heiratete er die ehemalige Fürstin Natalie Petrowna Wolkonskaja (* 28. Dezember 1889 in Sankt Petersburg als Natalia Petrowna Loukine; † 11. Dezember 1981 in New York City).Gerd Voigt: Jahrbuch für Geschichte der sozialistischen Länder Europas, Band 31. Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1988, S. 155.Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets: der ausländische Tourismus in Russland 1921-1941. LIT Verlag Münster, 2003, S. 52–53.Rudolf Augstein: Der Spiegel, Band 20. Hamburg, 1966, S. 76.
In Moskau führte er mit seiner Frau ein sehr gastfreundliches Haus, in dem sich Journalisten und Diplomaten regelmäßig zum Fünf-Uhr-Tee versammelten, um über Kunst, Literatur, Religion, Weltgeschichte und die sowjetische Politik zu diskutieren. Scheffers Salon entwickelte sich dank seiner vielfältigen Verbindungen für die ausländische Presse zu einer „Art zweiter Botschaft, einem Vorhof des Außenkommissariats“.Gottfried Niedhart: Der Westen und die Sowjetunion. F. Schöningh, 1983, S. 59. Er besaß direkte persönliche Kontakte zu Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin, Karl Radek, Nikolai Iwanowitsch Bucharin und Leo Trotzki. Neben den Amerikanern Louis Fischer und Eugene Lyons sowie dem Schweizer Emil Ludwig zählte Scheffer zu den einzigen ausländischen Journalisten, denen Josef Stalin während dieser Zeit Interviews gewährte.
Persona non grata in der Sowjetunion Ende der 1920er Jahre geriet Scheffer mit den Moskauer Behörden zunehmend in Konflikt. Wiederholt berichtete er über die Zwangskollektivierung, über den beginnenden Holodomor sowie über den Personenkult um Lenin. Während Schriftsteller wie Heinrich Mann und Carl von Ossietzky die mörderische „Gewaltpolitik des Bolschewismus als vernunftgeleitete Macht“ bejahten und die demokratische Weimarer Republik ablehnten, in der nach ihrer Ansicht „nur Chaos herrsche und die verelendeten Massen ziellos und sittlich verroht dahintaumelten“, skizzierte Paul Scheffer die „Sehnsucht beinahe aller Russen nach charismatischen Führergestalten“. Mit deutlichen Parallelen zu Stalin beschrieb er die „Suche nach Wegweisern in einer scheinbar ziellos dahingehenden Zeit“ und den Leninkult als „heroisierende Legenden, bei denen die Erinnerungen an den Massenterror bereits zu überlagern beginnen und vergessen machen, dass Lenin aufgrund seines Allmachtanspruchs mitschuldig am Ausmaß der Hungersnöte gewesen sei und Hilfe nur ideologisch bereinigt zugelassen habe“.Ulrich Alemann, Gertrude Cepl-Kaufmann, Hans Hecker, Bernd Witte, Elke Suhr: Intellektuelle und Sozialdemokratie. Springer-Verlag, 2013, S. 111.
Zeitgleich erschien Scheffers viel beachtetes und in mehreren Sprachen aufgelegtes erstes Buch Sieben Jahre Sowjetunion. Basierend auf seinen Besuchen in allen großen Städten, nebst umfangreichen Reisen nach Sibirien und Fernost, ließ der staatspolitisch orientierte Journalist seine persönlichen Ansichten und Erlebnisse in diesem Werk außen vor.Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets: der ausländische Tourismus in Russland 1921-1941. LIT Verlag Münster, 2003, S. 52–53. Sachlich beschrieb er die politischen und wirtschaftlichen Zustände der aufstrebenden Sowjetmacht. Die Darstellungen sollen auch bei William J. Donovan, dem späteren US-Geheimdienst-Koordinator, große Beachtung gefunden haben.Paul Scheffer: Seven years in Soviet Russia: With a retrospect. Macmillan, 1932, S. 3 (Editorial Reviews).
Ende November 1929 verweigerte die sowjetische Regierung Paul Scheffer die Wiedereinreise in die UdSSR „wegen wachsend unfreundlicher Berichterstattung in den letzten drei Jahren“.Paul Scheffer: Sieben Jahre Sowjet-Union. Bibliographisches Institut Leipzig, 1930, S. 418. Nach seinem unfreiwilligen Abgang veröffentlichte William Morrow & Company in New York das Buch Twice born in Russia: My Life Before and in the Revolution, in dem seine Frau unter dem Pseudonym Natalia Petrova als Verfasserin und Moura Budberg als Übersetzerin angegeben wurden. Das Buch war zu dieser Zeit einzigartig und entwickelte sich in den USA der 1930er Jahre zu einem Bestseller, insbesondere in Kreisen der amerikanischen Frauenbewegung. Sehr anschaulich werden darin die Behandlung von „Russen unproletarischer Herkunft“ sowie die Massenerschießungen, Verhaftungen und Folterungen von „Klassenfeinden“ durch den GPU beschrieben.Hansjakob Stehle: Die Ostpolitik des Vatikans. Piper, 1975, S. 433. Bemerkenswert sachlich, frei von Groll, Verbitterung oder Rache, stellt es den Überlebenswillen einer starken Frau und eine Anklage gegen die vorrevolutionäre Aristokratie sowie deren Ignoranz dar.Dorothy Thompson, Vorwort zu Natalia Petrova: Twice born in Russia: My Life Before and in the Revolution. William Morrow & Company, 1930, S. 8 f.
Exkurs: Natalie Scheffer war Absolventin des Kaiserin-Katharina-Instituts, einer höheren Bildungsanstalt für adlige Mädchen in Sankt Petersburg, galt als sehr klug und beherrschte mehrere Sprachen (u. a. Deutsch, Englisch, Französisch, Latein). Aus ihrer ersten Ehe (1908–1918) mit Fürst Nikolai Sergejewitsch Wolkonski, dem Kammerherrn des letzten Zaren, hatte sie zwei Söhne, Fürst Dmitri Nikolajowitsch (* 1913; † 1999) und Fürst Peter Nikolajowitsch (* 1916; † 1997).Beachte: Die unterschiedlichen Namensschreibweisen von Nikolai Sergejewitsch Wolkonski (Serge Volkonsky etc.) haben in Biografien über Natalie Scheffer (z. B. in der Harvard-Personenbeschreibung) zu Verwechslungen mit Sergei Michailowitsch Wolkonski beigetragen. Gleichfalls werden in der Literatur teilweise Natalia Petrowna Loukine und Leonie Petrowna Loukine irrtümlich vertauscht. 1917 floh sie mit ihm und den Kindern aus Sankt Petersburg auf die Krim. Nachdem ihr Mann eine Liaison mit ihrer Schwester, Leonie Petrowna Loukine, eingegangen war, ließ sie sich im August 1918 scheiden. Fürst Wolkonski heiratete 1919 Leonie Petrowna Loukine; gemeinsam mit dem erstgeborenen Sohn entkamen sie im gleichen Jahr mit Angehörigen der Zarenfamilie auf der HMS Marlborough nach Istanbul.Natalia Petrova: Twice born in Russia: My Life Before and in the Revolution. William Morrow & Company, 1930, S. 76 f. Dmitri Nikolajowitsch reiste 1930 in die USA. Natalie Petrowna verblieb mit ihrem Sohn Peter Nikolajowitsch auf der Krim und gründete nach ihrer Scheidung in Eupatoria einen Kindergarten für adlige Sprösslinge. Diesen betrieb sie bis zur bolschewistischen Eroberung der Krim im Jahr 1920 wirtschaftlich erfolgreich. Hautnah musste die ehemalige Fürstin die Ermordung aristokratischer Familien und den Hungertod breiter Bevölkerungsschichten miterleben. 1922 lernte sie durch Zufall Edmund Aloysius Walsh und Eduard Gehrmann kennen, die im päpstlichen Auftrag gemeinsam mit französischen, italienischen, deutschen und amerikanischen Missionaren von der Krim aus eine Hungerhilfeaktion in ganz Russland organisierten. Zur Unterstützung wurde Natalie als Dolmetscherin und persönliche Sekretärin von Pater Walsh eingestellt. Auf diesem Wege kam sie mit ihrem Sohn nach Moskau zur Ostmission des Vatikans, wo sie 1923 Paul Scheffer kennenlernte. Nach der Hochzeit 1925 wurde Peter Nikolajowitsch Wolkonski von Scheffer adoptiert. 1928 zogen sie nach Berlin; fortan begleitete Natalie Scheffer ihren Mann nicht mehr auf seinen Reisen in die Sowjetunion.Wolfgang Schuller: Carl Schmitt Tagebücher 1930 bis 1934. Walter de Gruyter, 2010, S. 3.Hansjakob Stehle: Die Ostpolitik des Vatikans. Piper, 1975, S. 433.Natalia Petrova: Twice born in Russia: My Life Before and in the Revolution. William Morrow & Company, 1930, S. 8 f.
Da beide Scheffers perfekt Englisch sprachen und Paul Scheffer regelmäßig englische Artikel verfasst hat, kann davon ausgegangen werden, dass Moura Budbergs Name aus Tarnungsgründen aufgeführt wurde. Jedoch waren bereits im Vorwort der ersten Auflage von Twice born in Russia: My Life Before and in the Revolution Hinweise auf die Fürstin Natalie Wolkonskaja sowie Paul Scheffer als Verfasser zu finden; im Buch werden dann konkret das Wolkonski-Regiment sowie die Treffen ihres ersten Mannes mit dem Zaren als sein Privatsekretär erwähnt. Auch die Ähnlichkeiten mit Scheffers Schreibstil waren unverkennbar. Nach der Veröffentlichung des Buchs erklärte die Sowjetunion Scheffer offiziell zur Persona non grata.Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets: der ausländische Tourismus in Russland 1921-1941. LIT Verlag Münster, 2003, S. 52–53.Christopher Lawrence Zugger: The Forgotten: Catholics of the Soviet Empire from Lenin Through Stalin. Syracuse University Press, 2001, S. 481.