mini|Wildemann (1970)
Die ehemals freie Bergstadt Wildemann () ist seit dem 1. Januar 2015 eine Ortschaft der Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld, Landkreis Goslar in Niedersachsen (Deutschland). Wildemann ist mit 800 Einwohnern die kleinste der sieben ehemals freien Bergstädte im Oberharz. Der Ort bezeichnet sich selbst als das Klein-Tirol. Von 1972 bis 2014 gehörte Wildemann der Samtgemeinde Oberharz an.
Geographie Wildemann liegt tief eingeschnitten im Innerstetal, das sich an dieser Stelle um den Gallenberg windet. Wegen der Enge des Tales ist die Ortschaft sehr langgezogen und die Hänge beidseitig bebaut. Nur im Ortszentrum, wo der Spiegeltalgraben, der kurz nach dem Ortseingang den Grumbach aufgenommen hat, in die Innerste einmündet, ist das Tal etwas breiter. Clausthal-Zellerfeld liegt etwa 10 Kilometer südöstlich und Lautenthal etwa 5 Kilometer nördlich. Im Westen wird Wildemann durch den Gallenberg (460 m), im Norden durch den Hüttenberg (516 m) und im Osten durch den 560 Meter hohen Badstubenberg, der schon Johann Wolfgang von Goethe wegen seiner vielfältigen Gesteinsformationen interessierte, begrenzt. Zu Wildemann gehört das Spiegelthaler Zechenhaus. Es liegt etwa 3 Kilometer nordöstlich des Ortes im Spiegelthal.
Geschichte mini|Wildemann um 1650
Erster Bergbau wurde in Wildemann im 11. und 12. Jahrhundert durch Mönche des Klosters Cella betrieben.Carl Grote: Chronik von Wildemann Wildemann wurde im Jahre 1529 von Bergleuten aus dem Erzgebirge gegründet. Diese hatten den Auftrag, für die Welfenherzöge den Bergbau im Harz in größerem Stil wieder aufzunehmen.
Aus dem am Badstubenberg angelegten Bergwerk Wildemanns Fundgrube wurde 1533 erstmals aus dem gewonnenen Roherz Silber gewonnen, welches in der örtlichen Silberhütte von 1532 geschmolzen wurde. In den folgenden Jahren wurde der Bergbau intensiviert, man errichtete den in Richtung Zellerfeld streichenden Stuffenthaler Gangzug und hob dort mehrere Gruben aus. Ebenso erschloss man den nach Osten verlaufenden Spiegelthaler Zug. In diesem Schacht wurde 1833 erstmals die Harzer Fahrkunst eingesetzt, die das Einfahren der Bergleute wesentlich erleichterte. Im Jahre 1534 wurde Wildemann zur Stadt erhoben. 1542 bestand Wildemann aus 54 und 1571 aus 130 Wohnhäusern.Carl Grote: Chronik von Wildemann Aufgrund der Abwesenheit des in Gefangenschaft lebenden Herzog Heinrich konnte die Stadt Goslar den Ort im Innerstetal 1545 brandschatzen, da eine Fehde zwischen Herzog Julius und dem Rat der Stadt Goslar bestand. Nachdem Herzog Heinrich 1547 aus der Haft entlassen wurde, belagerte er im Beisein der Wildemanner Bevölkerung 1552 die Stadt Goslar. 1553 erhielt Wildemann die Bergfreiheit. Eine erneute Brandschatzung des Ortes erfolgte im selben Jahr, herbeigeführt von einer 200 Mann starken Truppe des Grafen zu Mannsfeld. Im Jahr 1574 zählte Wildemann 995 Einwohner. Wie viele weitere Dörfer der Umgebung hatte auch Wildemann unter dem Dreißigjährigen Krieg zu leiden. Nachdem die Truppen Tillys die Bergstadt Lautenthal überfielen, erreichten 100 Mann von ihnen 1626 Wildemann, welches sie anschließend einnahmen und ausplünderten. Bei dem Stadtbrand in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1739 wurden 65 Häuser und mehrere Straßenzüge zerstört und drei Bewohner starben. Ein weiteres Feuer zerstörte 1748 insgesamt 21 Wohnhäuser. Nach den Bränden zogen viele Einwohner zu den Arbeitsstätten nach Lautenthal und Zellerfeld. Die Einwohnerzahl sank somit zwischen den Jahren 1740 und 1786 von 1748 Einwohnern auf 975. Für 1753 werden 1528 Einwohner gezählt.
Im Jahr 1875 wurde der Ort mit der Innerstetalbahn vom Schienenverkehr erschlossen, nachdem ein 278 m langer Tunnel durch den Gallenberg angelegt worden war. Wildemann verfügte anfangs nicht über ein entsprechendes Empfangsgebäude: Es wurde nach dem Bau einer neuen Zufahrtsstraße – der heutigen Bahnhofstraße – erst 1879 fertiggestellt und 1904 erheblich erweitert.Evert Heusinkveld: Die Innerstetalbahn Langelsheim – Altenau. Nordhorn 2007, S. 71. Diese Bahnstrecke wurde 1977 stillgelegt. Der Bergbau kam in der letzten Grube Ernst-August im Jahre 1924 zum Erliegen. Alte Gangzüge in den weiteren, von Wildemann erschlossenen Bergwerken, wurden bereits im 19. Jahrhundert aufgegeben.
Die Entwicklung zum Kurort wurde vor allem von dem Arzt und Bürgermeister Viktor Zachariae (1837–1900) gefördert. 1873 wurde Wildemann als Kneippkurort anerkannt. 1967 erfolgte die Ernennung zum Luftkurort. Wildemann besaß bis Ende 2010 den Status eines Kneipp- und Luftkurortes.Niedersächsischer Landtag, 16. Wahlperiode, Drucksache 16/3359: Kleine Anfrage Welchen Stellenwert haben Prädikate wie „staatlich anerkannter Luftkurort“ speziell für den Heidetourismus und die Tourismuswirtschaft in Niedersachsen? (PDF; 102 kB). Abgerufen am 23. März 2011. Das Ortsbild wird von einer stattlichen Anzahl Bergmannshäuser des 18. und 19. Jahrhunderts geprägt, welche harztypisch aus Fachwerk mit einer Holzverkleidung errichtet wurden.
Eingemeindung Am 1. Januar 2015 wurden die Samtgemeinde Oberharz sowie die ihr angehörenden Gemeinden Bergstadt Clausthal-Zellerfeld, Bergstadt Altenau, Bergstadt Wildemann und Schulenberg im Oberharz durch Landesgesetz aufgelöst und aus den bisher selbständigen Gemeinden die neue Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld gebildet.
Ortsname Wildemann wurde im Jahre 1529 von Bergleuten aus dem Erzgebirge gegründet. Diese hatten den Auftrag, für die Welfenherzöge den Bergbau im Harz in größerem Stil wieder aufzunehmen. Der Sage nach sichteten sie beim Vordringen in das unwirtliche Innerstetal einen Wilden Mann, der mit einer Wilden Frau zusammenlebte. Seine Spuren befanden sich gerade dort, wo die größten Erzvorkommen lagerten. Versuche, ihn zu fangen, schlugen fehl. Auch reagierte er nicht auf Zurufe. Schließlich beschoss man ihn mit Pfeilen, was ihn so verletzte, dass er gefangen werden konnte. In Gefangenschaft sprach er nicht und ließ sich auch nicht zum Arbeiten bewegen, er schien sich nur für die Lagerstätten des Erzes zu interessieren. Als man beschloss, ihn dem Herzog vorzuführen, starb er an seinen Schussverletzungen. Am Ort, wo der Wilde Mann gefangen worden war, fand man große Silbervorkommen und dort wurde Wildemann gegründet.
Einwohnerentwicklung mini|400px|Einwohnerentwicklung von 1821 bis 2018 mini|hochkant|Leerstand als Folge des EinwohnerverlustesDie Bevölkerungsentwicklung von Wildemann spiegelt die Geschichte der ehemaligen Bergstadt wider, die stark vom Harzer Bergbau sowie von geopolitischen Ereignissen geprägt wurde. Bereits wenige Jahrzehnte nach der Stadtgründung im Jahr 1529 zählte der Ort im Jahr 1574 knapp 1.000 Einwohner. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts stieg die Bevölkerung an und erreichte 1740 einen vorläufigen Höchststand von 1.748 Einwohnern, bevor sie im Zuge nachlassender Erträge im Bergbau bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf unter 1.000 Einwohner (1795: 964 Einwohner) zurückging. Mit der Modernisierung der Infrastruktur im 19. Jahrhundert setzte ein stabiles Wachstum ein. Die Einwohnerzahl stieg von 985 im Jahr 1820 auf 1.560 im Jahr 1910. Der Erste Weltkrieg führte vorübergehend zu einem Rückgang auf 1.258 Einwohner (1917), doch in der Zwischenkriegszeit stabilisierte sich die Population wieder bei rund 1.400 Bürgern. Den historischen Höchststand verzeichnete die Stadt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: Im Jahr 1946 lebten, maßgeblich bedingt durch die Aufnahme von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, kurzzeitig 2.089 Menschen in Wildemann. Ab den 1950er Jahren setzte ein kontinuierlicher Bevölkerungsrückgang ein. Dieser Strukturprozess, verstärkt durch die endgültige Einstellung des Oberharzer Bergbaus und den demografischen Wandel im ländlichen Raum, führte zu einem bis heute anhaltenden Bevölkerungsverlust. Um die Jahrtausendwende war die Einwohnerzahl im Jahr 2000 auf 1.190 gesunken. Im Jahr 2011 fiel sie schließlich erstmals seit dem frühen 19. Jahrhundert wieder unter die Marke von 1.000 Einwohnern. Ihren Tiefpunkt erreichte diese Entwicklung im Jahr 2021, als noch 825 Menschen in der Ortschaft lebten. Dies bedeutete einen Rückgang von mehr als 60 Prozent der Bevölkerung im Vergleich zum Höchststand von 1946. In den Jahren 2022 und 2023 zeigte sich eine leichte Stabilisierung mit einem geringfügigen Anstieg auf 860 Einwohner. Jahr Einwohner Quelle 1574 995 1740 1748 1753 1528 1786 975 1795 964 1820 985 1830 1108 1848 1242 1861 1292 1871 1276 1885 1381 1905 1407 1910 1560 1917 1258 1925 1453 Jahr Einwohner Quelle 1933 1419 1939 1392 1946 2089 1950 2088 1956 1817 1961 1725 1968 1700 ¹ 1970 1506 ¹ 1973 1520 1975 1446 ¹ Jahr Einwohner Quelle 1980 1416 ¹ 1985 1368 ¹ 1990 1377 ¹ 1995 1365 ¹ 2000 1190 ¹ 2005 1146 ¹ 2010 1052 ¹ 2011 971 2013 918 https://www.harzregion.de/natur-geoparkorte/details/clausthal-zellerfeld.html" 2014 911 ¹ 2018 786 2020 861 2021 825 2022 855 2023 860 ¹ jeweils zum 31. Dezember Von den 860 Einwohnern sind 419 Männlich und 441 Weiblich
Politik
Ortsrat Seit der Eingemeindung in die Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld verfügt Wildemann über einen Ortsrat, der am 26. April 2015 erstmals gewählt wurde.
Bei der Kommunalwahl 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung: SPD: 3 Sitze CDU: 2 Sitze
Ortsbürgermeister Ortsbürgermeister ist Arno Schmidt (SPD).Ortsrat der Ortschaft Bergstadt Wildemann auf der Website der Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld, abgerufen am 15. April 2018.
Wappen
Kultur und Sehenswürdigkeiten Bauwerke Der im 16. Jahrhundert angelegte, 8800 m lange 19-Lachter-Stollen gehört zu den ältesten zugänglichen Bergwerksanlagen des Oberharzer Bergbaus. Dieses Besucherbergwerk beherbergt neben der Strecke des Wasserlösungsstollens verschiedene Maschinen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Des Weiteren gibt es dort den Blick in den tiefen Ernst-August-Schacht. Die 1915 eingeweihte evangelische Maria-Magdalenen-Kirche ist eine authentische Rekonstruktion der 1914 abgebrannten Vorgängerkirche, die 1665 im Fachwerkstil erbaut worden war. Im Süden Wildemanns ist an der Bahnhofstraße noch das 1879 eingeweihte und 1904 erweiterte ehemalige Bahnhofsgebäude erhalten, das in erbaut wurde. Von hier aus erkennt man noch die Einfahrt in den 278 m langen Eisenbahntunnel durch den hohen Gallenberg.Evert Heusinkveld: Die Innerstetalbahn Langelsheim – Altenau. Nordhorn 2007, S. 15. Zwischen dem Gallenberg und dem früheren Bahnhofsgelände wurde die Hauptstraße Wildemanns, die Clausthaler Straße, durch ein Viadukt überbrückt, das nach der Stilllegung der Eisenbahnstrecke abgetragen wurde. Im ehemaligen Bahnhofsgebäude befindet sich heute die örtliche Feuerwehr.
Hof mit alten Nutztierrassen Der am Ortsrand gelegene Bergbauernhof Klein Tirol hat sich der Zucht und Erhaltung traditioneller Nutztiere verschrieben. Auf dem Hof werden die Rassen Rotes Höhenvieh, Harzer Ziege und der Harzer Fuchs, eine Hunderasse, gezüchtet. Sie stehen auf der Roten Liste und der Hof gehört zu den von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen aufgeführten Arche-Höfen.Liste der GEH-Arche-Höfe, abgerufen am 1. Oktober 2015 Bekannt wurde der Hof durch den Landwirt Wolfgang Beuse (1947–2024), der sich als letzter Landwirt von Wildemann um die landwirtschaftliche Tradition des Ortes bemüht.Informationsseiten zu Harzkühen, Harzziegen und Harzer HirtenBericht der taz vom 4. Dezember 2009 über Wolfgang Beuse Der Hof ist Besuchern zugänglich, besonders zu dem traditionellen Harzer Viehauftrieb (Pfingstsonntag) oder zum Hirtentreffen am Erntedankfest. Bauer Beuse steht mit seinem Hof auch im Mittelpunkt des 2009 von Roswitha Ziegler für Arte und das ZDF produzierten 92 Minuten langen Dokumentarfilms Wilde(r)mann.
Grünflächen und Naherholung