mini|Erstausgabe im Vereinigten Königreich bei Jonathan Cape, 1952 mini|Ein Marlin Der alte Mann und das Meer (Originaltitel The Old Man and the Sea) ist ein von Ernest Hemingway im Frühling 1951 auf Kuba geschriebener Kurzroman, der im September 1952 erstmals in der Zeitschrift Life veröffentlicht wurde. Die erste Buchfassung wurde im selben Jahr vom Scribner Verlag in New York herausgegeben.

The Old Man and the Sea ist Hemingways letztes Werk, das zu seinen Lebzeiten erschien, und gilt als eines seiner bekanntesten. Im Mittelpunkt der Handlung steht der kubanische Fischer Santiago, der mit einem riesigen Marlin ringt. Obwohl das Werk Gegenstand einer harten Kritik war, zählt es zu den bedeutendsten Werken in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Der alte Mann und das Meer bestätigte noch einmal Hemingways Rang in der Weltliteratur und trug dazu bei, dass ihm 1954 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.

Handlung Der alte Mann und das Meer erzählt den epischen Kampf zwischen einem alten, erfahrenen Fischer und einem gigantischen Marlin, dem wahrscheinlich größten Fang seines Lebens.

Die Novelle beginnt damit, dass der Fischer Santiago – seit 84 Tagen ohne erfolgreichen Fang – heimkehrt. Er ist vom Pech verfolgt. Die Eltern seines Gehilfen Manolin haben diesem bereits verboten, weiterhin mit Santiago auszufahren. Sie schicken Manolin stattdessen mit erfolgreicheren Fischern hinaus auf das Meer. Manolin ist aber Santiago noch immer verbunden und schleicht sich abends in dessen Hütte, schleppt die Netze des alten Mannes und bringt ihm Essen. Oft reden die beiden über US-amerikanischen Baseball, besonders über Joe DiMaggio, Santiagos großes Idol. Eines Tages erklärt Santiago dem Jungen zuversichtlich, er werde am nächsten Morgen weit in den Golf hinausfahren, um seine Pechsträhne zu beenden.

So fährt Santiago am 85. Tag allein weit in den Golf hinaus. Er legt seine Leinen aus. Gegen Mittag beißt ein großer Fisch an. Santiago ist sicher, einen Marlin am Haken zu haben. Er kann den großen Fisch nicht in das Boot hieven, stattdessen zieht der Marlin das Gefährt hinter sich her. Es vergehen zwei Tage und zwei Nächte des Kampfes, in denen der alte Mann die schneidende Leine mit schmerzenden Händen umklammert hält. Wegen der Wunden und der Qual, die der Marlin ihm zufügt, entwickelt Santiago eine geistige Verbundenheit zu dem Fisch. Er beginnt, ihn Bruder zu nennen.

Am dritten Tag des Leidensweges beginnt der Fisch zu kreisen – ein Anzeichen von Erschöpfung. Santiago, völlig ausgelaugt und im Delirium, greift nach seiner Harpune und tötet damit den gewaltigen Marlin.

Er bindet den Fisch an sein Boot und macht sich auf den Heimweg. Der Fisch wird einen guten Preis erzielen und viele Menschen satt machen, denkt er. Bei diesen Überlegungen stellt Santiago fest, dass der kraftvolle Marlin eine außergewöhnliche Würde besitzt. Kein Mensch habe das Recht, ihn zu verspeisen.

Auf dem weiteren Heimweg zieht das in das Wasser tropfende Blut des Marlins eine Vielzahl von Haien an. Den ersten, einen großen Makohai, kann Santiago mit seiner Harpune töten, die er dabei jedoch verliert. Doch auch ohne diese Waffe tötet er drei weitere Haie mit Hilfe seines Messers, das aber zerbricht. Mit einem Knüppel versucht er, weitere Haie zu erschlagen, ohne großen Erfolg. Nachts reißen auch andere Raubfische das restliche Fleisch vom Körper des Marlins. Santiago bleibt nur das blanke Skelett. Schließlich erreicht er vor der Morgendämmerung des vierten Tages den Hafen. Santiago geißelt sich selbst dafür, den Marlin verloren zu haben, und schleppt den schweren Mast seines Bootes auf seinen Schultern zur Hütte. Dort fällt er sofort in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Tag treffen viele Fischer an Santiagos Boot zusammen, an dem immer noch das Skelett des Marlins festgebunden ist. Touristen aus einem nahen Café halten es für ein Haiskelett. Manolin, der ehemalige Lehrling von Santiago, ist auch unter ihnen und sorgt sich um den alten Mann. Er bricht in Tränen aus, als er ihn sicher schlafend und mit aufgerissenen Händen findet. Anschließend bringt er ihm die Zeitung und Kaffee. Nach Santiagos Erwachen versprechen sich die beiden, wieder zusammen zu fischen. Santiago schläft vorerst aber weiter und träumt von Löwen an einem afrikanischen Strand.

Überlagerung verschiedener Bedeutungsschichten In The Old Man and the Sea wird die Handlung durchgehend mit einer autobiografischen, gesellschaftskritischen, intertextuellen und religiösen Bedeutungsschicht verwoben.Vgl. überblickartig die summarische Darstellung der erwähnten unterschiedlichen Deutungsansätze bei Wirt Williams: The Old Man and the Sea: The Culmination. In: Harold Bloom (Hrsg.): Ernest Hemingway’s The Old Man and the Sea. Bloom’s Literary Criticism Books, New Edition, Infobase Publishing, New York 2008, ISBN 978-1-60413-147-5, S. 31–52, hier bes. S. 32ff. Bereits in den ersten Sätzen der Exposition verknüpft Hemingway die Handlung mit einer religiösen Bedeutungsebene; die Einführung in die Situation wird sprachlich in einer Form dargeboten, die Anklänge an und im zweiten Satz an die Versuchung Christi in der Wüste ( und ) enthält. Wie im Schicksal Hiobs im Alten Testament und in der Episode aus dem Leben Christi geht es in der Geschichte des alten Mannes um das Thema der Versuchung, des Ausharrens und der Bewährung.Vgl. Paul G. Buchloh: Bedeutungsschichten in Ernest Hemingways The old Man and the Sea. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger – Interpretationen. (= Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik. Band 6.) Karl Wachholtz Verlag Neumünster 1968, S. 224–241, hier S. 228f. Siehe zu den symbolhaften biblischen Parallelen auch Reiner Poppe: The Old Man and the Sea. In: Reiner Poppe: Ernest Hemingway · Aus dem Erzählwerk · Untersuchungen und Kommentare. Beyer Verlag Hollfeld/Ofr. 1978, ISBN 3-921202-40-X, S. 69–77, hier S. 74f. und Melvin Backman: Hemingway: The Matador and the Crucified. Abgedruckt in: Carlos Baker (Hrsg.): Hemingway and his Critics. An International Anthology. Hill and Wang, New York 1961, S. 245–258, hier S. 256 f. Vgl. zu den intertextuellen Verweisen auf eine christliche Bedeutungsebene auch die Ausführungen mit zahlreichen weiteren Belegen aus der Sekundärliteratur in der Dissertaqtion von M. C. Nickel: Hemingway’s Dark Night: Catholic Influences and Intertextualities in the Work of Ernest Hemingway. University of Louisiana at Lafayette, UMI Dissertation Publishing 2011, ProQuest, Ann Harbor 2012, S. 277 ff.

Einige Interpreten sehen in Der alte Mann und das Meer hintergründig die Beziehung 'Der Mensch und Gott'. Der alte Mann stehe für den 'schlichten und braven' Menschen, das Meer symbolisiere die schöpferische Evolution. Hemingways Novelle handle im religiösen wie im nicht-religiösen Sinne von der Begrenztheit des Menschen und der Allmacht der Natur.Siehe Wirt Williams: The Old Man and the Sea: The Culmination. In: Harold Bloom (Hrsg.): Ernest Hemingway’s The Old Man and the Sea. Bloom’s Literary Criticism Books, New Edition, Infobase Publishing, New York 2008, ISBN 978-1-60413-147-5, S. 39 ff. Vgl. auch Wolfgang Stock: Worum geht es bei Hemingways ‚Der alte Mann und das Meer‘? Hemingways Welt, abgerufen am 19. Februar 2019. Siehe zu einer christlichen Ausdeutung der Novelle auch Carlos Baker: Hemingway – The Writer as Artist. Charles Scribner’s Sons, 4. Aufl. New York 1973, ISBN 0-691-01305-5, S. 299f. sowie Melvin Backman: Hemingway: The Matador and the Crucified. Abgedruckt in: Carlos Baker (Hrsg.): Hemingway and his Critics. An International Anthology. Hill and Wang, New York 1961, S. 245–258, hier S. 256 f. Vgl. auch die Rezension von Dieter E. Zimmer: Der alte Mann und das Meer. In: Die Zeit, Nr. 17/1979; zeit.de

Das Motiv des einsamen Fischfangs verweist intertextuell auf Ahabs Kampf mit dem weißen Wal in Melvilles Moby-Dick; wenig später wird mit der Erwähnung des Hafenrestaurants und der Einführung der Gesellschaft und des sozialen Umfelds die Melville-Schicht ihrerseits wiederum mit der sozialkritischen Bedeutungsebene vernetzt. Die Handlung selbst bewegt sich zunächst im Rahmen des Hemingwayschen Schemas einer Darstellung des unvermeidlichen Existenzkampfes, dessen Schilderung geprägt ist durch die Zusammenfügung einfacher Verben und Substantive in einfachen, jedoch stilisierten Sätzen. Santiago steht als Protagonist in einer langen Tradition Hemingwayscher Helden (Code Hero) mit deutlichen autobiografischen Zügen, die Hemingways eigene Anschauungen vertreten, jedoch in dieser Novelle zugleich mit dem Autor altern.Siehe Paul G. Buchloh: Bedeutungsschichten in Ernest Hemingways The old Man and the Sea. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger – Interpretationen (= Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik. Band 6.) Karl Wachholtz Verlag Neumünster 1968, S. 224–241, hier S. 228f. Vgl. zu den intertextuellen, autobiografischen und symbolisch-religiösen Bedeutungsebenen ebenso Arvin R. Wells: The Old Man and the Sea. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I – Analyses of American Literature. 4. ergänzte Auflage. Hirschgraben Verlag, Frankfurt am Main 1971, S. 111–121, hier insbesondere S. 112–117.

Der Hintergrund wird Hemingways eigenen Aussagen zufolge in Anlehnung an Cézanne großflächig gezeichnet; der Löwentraum des alten Mannes bringt als Leitmotiv die autobiografische Bedeutungsschicht zum Ausdruck. Nach dem ersten Traum am Abend vor der Ausfahrt hilft der Traum dem alten Mann die Leiden zu bestehen und schließt in scheinbarer Tröstung die Geschichte ab. Daneben steht die Erinnerung Santiagos an den siegreich bestandenen Kampf mit dem Schwarzen aus Cienfuegos. Einstmals stark, hatte er geglaubt, den anderen und der Umwelt trotzen zu können, um sich zu behaupten. Die glanzvolle, große Zeit ist jedoch vorüber; er kämpft einzig noch um des Kampfes willen und lebt von der Erinnerung. So besteht Santiago zwar seinen letzten großen Kampf; der endgültige Sieg ist ihm jedoch verwehrt, es bleibt nur die Einsamkeit.

In den Motiven des Traumes und der Erinnerung äußert sich die Problematik des inneren Selbstvertrauens; Santiago muss sich die Frage stellen, ob seine Zuversicht in die Einsamkeit (confidence in loneliness) nicht letztlich nur Traum oder Illusion sei – ein Selbstbetrug, um sein Leben erträglich zu machen. Wenngleich Santiago in diesem Selbstbetrug eine Würde findet, die auch von seiner Umwelt anerkannt wird, bleibt jedoch fraglich, ob diese Art von Würde sinnvoll ist.Siehe Paul G. Buchloh: Bedeutungsschichten in Ernest Hemingways The old Man and the Sea. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger – Interpretationen. (= Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik. Band 6.) Karl Wachholtz Verlag Neumünster 1968, S. 224–241, hier S. 230.

In autobiografischer Hinsicht schwächt Hemingway demgemäß mit der Gestalt des Santiago sein eigenes Ideal ab, das er bislang in seinem literarischen Werk als Lebensmöglichkeit dargestellt und zum Teil in seinem eigenen Leben auch vorgelebt hat: In dem Kampf mit dem Fisch erkennt der alte Mann seine eigenen Grenzen und akzeptiert sie; Santiago muss im Altern ebenso wie der Schriftsteller selber seine Kraft stets aufs Neue beweisen.Siehe Paul G. Buchloh: Bedeutungsschichten in Ernest Hemingways The old Man and the Sea. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger – Interpretationen. (= Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik. Band 6.) Karl Wachholtz Verlag Neumünster 1968, S. 224–241, hier S. 231.