mini|Textausschnitt aus der Sure al-Baqara (Verse 206 bis 217), Handschrift aus dem 1. Jahrhundert nach der Hidschra mini|Sure al-Baqara Die Sure al-Baqara () ist die zweite Sure des Korans. Sie gilt als erste medinische Sure. Der größte Teil stammt aus dem zweiten Jahr der Hidschra, und zwar aus der Zeit vor der Schlacht von Badr. Die Sure umfasst 286 Verse und ist damit auch die längste Sure. Außerdem zeichnet sie sich gegenüber anderen Suren durch ihre Fülle von Themen aus. Der Religionswissenschaftler Bertram Schmitz hat sie deswegen einen „Quran im Kleinen“ genannt.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 219. Der Name der Sure bezieht sich auf ein Gespräch zwischen dem Propheten Mose und den Israeliten über eine Kuh, die sie opfern mussten (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Vorfall um das Goldene Kalb). Auf formaler Ebene verleiht der refrainartig an sechs Stellen (Verse 20, 106, 109, 148, 259, 284) vorkommende Reimsatz wa-Llāhu ʿalā kulli šaiʾin qadīr („Gott hat zu allem die Macht“) der Sure Kohärenz.Robinson: Discovering the Quʾran: a contemporary approach to a veiled text. 2003, S. 201.
Besonders bekannt sind der Thronvers (Vers 255) und der darauffolgende Vers 256 mit der Aussage, dass es keinen Zwang in der Religion gebe.Hans Jansen: Mohammed. Eine Biographie. (2005/2007) Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56858-9, S. 244. Vers 282 ist der längste Vers im Koran.
Name Der Name al-Baqara („Die Kuh“) sagt nichts über den Inhalt der Sure aus. Er leitet sich vielmehr von einem Vorfall ab, der in den Versen 67–71 erwähnt wird: die Anweisung an die Israeliten, eine Kuh zu schlachten. Die Geschichte ähnelt der von der jungen Kuh in Numeri 19 und der vom Kalb in Deuteronomium 21,1-19. Die Episode hat keine zentrale Bedeutung, aber weil das arabische Wort baqara („Kuh“) in diesen Versen viermal vorkommt und sonst nirgendwo im Koran, wurde es als praktische Bezeichnung zur Identifizierung der Sure gewählt.Robinson: Discovering the Quʾran: a contemporary approach to a veiled text. 2003, S. 201, 319.
Themen Einzelthemen Die Sure behandelt eine Vielzahl von Themen, darunter auch rechtliche Fragen, und erzählt Geschichten von Adam, Abraham und Mose. Ein Thema ist die Aufforderung an die Ungläubigen und die Juden in Medina, sich zum Islam zu bekehren, wobei sie und die Heuchler vor dem Schicksal gewarnt werden, das Gott in der Vergangenheit denjenigen zuerteilt gehabt habe, die seinem Ruf nicht nachgekommen waren. Die Adam/Eva/Iblīs-Perikope in Vers 30–39 beschreibt, wie Gott beschließt, einen Stellvertreter auf Erden einzusetzen, wobei er die Bedenken der Engel hinsichtlich der Schäden und des Blutvergießens, die die Folge sein würden, durch die Zurschaustellung von Adams gottgegebenem Wissen über die Namen der Dinge zerstreut.Klar: “Through the Lens of the Adam Narrative: A Re-reading of Sūrat al-Baqara”. 2015, S. 29.
In Vers 113Sure 2, Vers 113 auf www.corpuscoranicum.de wird gemäß Schmitz die gegenseitige Verwerfung von Judentum und Christentum verwendet, um den Absolutheitsanspruch des Islams zu begründen.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 219. Beide Religionen würden gewissermaßen gegeneinander ausgespielt, um die Richtigkeit der neuen Religion aufzuzeigen. Dieser Gedanke wird in den folgenden Abschnitten fortgesetzt.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 236.
Die Verse 124–141 erzählen die Abrahamsgeschichte deutend nach und erklären, warum die Kaaba in Mekka zum Heiligtum des Islams geworden ist.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 220. Mit Abraham wird nämlich in Vers 125Sure 2, Vers 125 auf www.corpuscoranicum.de zugleich der eigentliche Ort der Verehrung Gottes eingeführt, das von ihm errichtete und von Gott eingesetzte „Haus“.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 237. In Vers 135Sure 2, Vers 135 auf www.corpuscoranicum.de beruft sich der Text auf die „Religion Abrahams“ (millat Ibrāhīm), die vor der Herausbildung der beiden Religionen stand. Auf diese Weise werden die beiden schon bestehenden Religionsgemeinschaften von ihrem Ursprung her zeitlich überboten, da Abraham vor Moses und Jesus gelebt hat. Der Vers nimmt die Kernaussage von Vers 111 wieder auf: Während dort in aktueller Weise der Anspruch der Juden und Christen auf Rechtleitung zurückgewiesen wird, argumentiert Vers 135 historisch gegen diese beiden Religionen durch Verweis auf die einzige Religion Abrahams. Aus der Formulierung von Vers 135, die gegen Juden und Christen gerichtet ist und betont, dass Abraham kein Beigeseller war, konnte an dieser Stelle auch gefolgert werden, dass die Angehörigen der beiden Religionen ebenfalls Beigeseller seien.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 233. Während in Vers 135 noch die Juden oder Christen meinen, festlegen zu können, wer „rechtgeleitet“ ist, wird in Vers 137Sure 2, Vers 137 auf www.corpuscoranicum.de der Anspruch umgedreht: der Koran ist nicht aus der Perspektive der biblischen Religionen zu prüfen, sondern die eigene Religion soll den Maßstab für Richtigkeit des Glaubens von Juden und Christen bilden.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 234. In Vers 138Sure 2, Vers 138 auf www.corpuscoranicum.de wird den Tauchriten der Vorgängerreligionen – der Taufe im Christentum und dem Eintauchen in die Mikwe beim Eintritt ins Judentum – ein eigener Taufritus entgegengesetzt, der besser ist als alle anderen, die „Taufe Gottes“ (ṣibġat Allāh).Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 222.
Der Abschnitt knüpft in verschiedenerlei Hinsicht an das 1. Buch Mose an. Während der erste Teil von Vers 124Sure 2, Vers 124 auf www.corpuscoranicum.de zum Beispiel dem Vers entspricht, der die Versuchung durch Gottes Auftrag beschreibt, gibt der letzte Teil des Verses ein Resümee von , der eine Verheißung an die Nachkommenschaft Abrahams einschließt. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch, dass im 1. Buch Mose keine Einschränkung formuliert ist und sich die Verheißung auf alle Nachkommen bezieht, während im Koran explizit darauf hingewiesen wird, dass die Verheißung nicht die „Frevler“ (ẓālimūn) einbezieht.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 225. Ein Unterschied zur Abrahamserzählung im 1. Buch Mose liegt auch darin, dass Abraham besonders mit seinem Sohn Ismael verbunden ist und dieser gegenüber Isaak einen Vorrang hat. So wird er in Vers 127Sure 2, Vers 127 auf www.corpuscoranicum.de zusammen mit Abraham mit dem Bau des „Hauses“ (= der Kaaba) assoziiert.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 224. Vers 134Sure 2, Vers 134 auf www.corpuscoranicum.de und Vers 141Sure 2, Vers 141 auf www.corpuscoranicum.de sind miteinander identisch. Sie betonen die Abgeschlossenheit der früheren Gemeinschaft.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 236.
Die Verse 142 bis 152 enthalten Ausführungen zur Änderung der Gebetsrichtung zur Kaaba hin. Vers 158 erwähnt die zwei Hügel as-Safā und al-Marwa, die hier als Kultsymbole Gottes bezeichnet werden. Die Verse 168–284 enthalten vornehmlich gesetzliche Bestimmungen.Khoury: Der Koran: arabisch-deutsch. Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar. Band 1: Muḥammad, der Koran, Sure 1,1-2,74. 1990, S. 160f. Vers 173 verbietet den Verzehr von Fleisch natürlich verendeter Tiere, von Blut und Schweinefleisch und von Fleisch von Tieren, bei deren Schlachtung jemand anderer als Allah angerufen wurde. In Vers 183 ist das Gebot des Fastens enthalten sowie in Vers 185 der dafür vorgesehene Monat Ramadan festgelegt. Die Verse 285–286 beschreiben Glaubensinhalte und enthalten ein Schlussgebet.Khoury: Der Koran: arabisch-deutsch. Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar. Band 1: Muḥammad, der Koran, Sure 1,1-2,74. 1990, S. 161.
Thematische Achsen Der muslimische Exeget Sayyid Qutb meinte, dass es eine zweifache Achse gibt, die alle Themen der Sure miteinander vereint und deren zwei Hauptlinien sehr eng miteinander verflochten sind. Auf der einen Seite drehe sich die Sure um die Position der „Kinder Israels“ hinsichtlich der islamischen Daʿwa in Medina, ihre Aufnahme derselben und ihre Konfrontation mit seinem Gesandten und der entstehenden muslimischen Gemeinschaft, auf der anderen Seite drehe sie sich um die Position der muslimischen Gemeinschaft zu Beginn ihrer Entstehung und ihre Vorbereitung darauf, die Verantwortung für die Daʿwa und die Stellvertreterschaft (ḫilāfa, siehe Kalif) auf Erden zu tragen.Saiyid Quṭb: Fī ẓilāl al-Qurʾān. Dār aš-Šurūq, Kairo 1972. Bd. I, S. 28. Digitalisat
Gesamtstruktur Hinsichtlich der Gesamtstruktur von Sure 2 gibt es in der Koranwissenschaft unterschiedliche Positionen. Angelika Neuwirth zählt Sure 2 zu den sekundär zusammengefügten Langen Suren, die „rein akkumulativ gewachsene Text-Massen“ sind, keine durchsichtigen Kompositionsschemata mehr aufweisen und als „Sammelkörbe für isolierte Versgruppen“ dienen. Allerdings gibt es auch bei diesen Suren Versuche, eine ihnen zugrundeliegende Struktur zu finden.Angelika Neuwirth: „Vom Rezitationstext über die Liturgie zum Kanon: Zu Entstehung und Wiederauflösung der Surenkomposition im Verlauf der Entwicklung eines islamischen Kultus“ in Stefan Wild (Hrsg.): The Quʼran as Text. Brill, Leiden 1996. S. 69–105. Hier S. 98 Nicolai Sinai meint sogar, dass Sure 2 „philologisch greifbare Anzeichen einer einheitlichen Komposition“ aufweist, anstatt lediglich eine willkürliche Ansammlung heterogener Versgruppen zu sein.Nicolai Sinai: The Qurʾan: A Historical-Critical Introduction. Edinburgh University Press, Edinburgh 2017.
Bertram Schmitz hat versucht zu zeigen, dass es sich „trotz aller 'Nebenthemen' und 'Einschübe' letztlich bei der ganzen Sure um eine in sich geschlossene Sinneinheit“ und „einen für jene Zeit durchaus verständlichen durchgehenden Argumentationsgang“ handelt.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 220. Die ganze Sure ist nach den Ergebnissen seiner Analyse in der Weise angelegt, dass zunächst in abstrakter Form beschrieben wird, was anschließend in konkreter Form veranschaulicht wird.Schmitz: „Das Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum“. 2010, S. 228.
Die Forschung zur Struktur und Kohärenz von Sure 2 tendiert grundsätzlich dazu, den Verlauf eines dominanten Themas in allen Textblöcken, aus denen die Sure besteht, nachzuzeichnen.Klar: “Through the Lens of the Adam Narrative: A Re-reading of Sūrat al-Baqara”. 2015, S. 24.
Einteilung nach A. A. Islāhī und Neal Robinson Der pakistanische Gelehrte Amīn Ahsan Islāhī (gest. 1997) unterteilte die Sure in Einführung, vier Hauptteile und Schlussteil. Diese Unterteilung wurde von Neal Robinson im Wesentlichen übernommen, allerdings zieht er die Grenze zwischen dem dritten und vierten Abschnitt nicht hinter Vers 162, sondern Vers 152.