Abhängigkeit, auch Sucht, bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. In der Folge können die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und die sozialen Chancen eines Individuums beeinträchtigt werden.Sucht. In: Lexikon online für Psychologie und Pädagogik In zahlreichen offiziellen und inoffiziellen Einrichtungen wird der Begriff „Sucht“ in einer bestimmten Bedeutung verwendet.Zum Beispiel durch das Bundesministerium für Gesundheit in der Ressortforschung zu Drogen und Sucht, die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Suchtpsychologie

Formen In den Fachgebieten Psychologie und Psychiatrie werden verschiedene Formen von Abhängigkeit beschrieben: Substanzgebundene Abhängigkeit (stoffliche Abhängigkeit), z. B.: Schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen, Schädlicher Gebrauch von Schmerzmitteln, Schädlicher Gebrauch von Psychostimulanzien, Schädlicher Gebrauch sonstiger Rauschmittel (Alkohol, illegale Drogen) mit starker körperlicher Toleranzentwicklung, Substanzungebundene Abhängigkeit (nichtstoffliche Abhängigkeit), z. B.: Computerspielstörung Glücksspielstörung Kaufsucht Pornographiesucht Abhängigkeit von sozialen Netzwerken Co-Abhängigkeit, wenn Tun oder Unterlassen von Bezugspersonen die substanzgebundene Abhängigkeit einer Person stärkt.

Suchtmedizin Allgemein Die Suchtmedizin ist ein Fachbereich der Psychiatrie. Sie befasst sich mit der Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Rehabilitation von Krankheitsbildern im Zusammenhang mit dem schädlichen Gebrauch psychotroper Substanzen und substanzungebundener Abhängigkeit.

Forschungsschwerpunkte der Suchtmedizin sind die Identifizierung neurobiologischer und psychosozialer Faktoren, die für die Entwicklung von Abhängigkeitserkrankungen und für deren Bewältigung beeinflussen die Suche nach Möglichkeiten, wie man Rückfällen vorbeugen kann (medikamentös und/oder psychotherapeutisch) epidemiologische Fragestellungen zur Verbreitung und Häufigkeit von Abhängigkeiten.

Deutschland Seit dem Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts vom 18. Juni 1968Aktenzeichen 3 RK 63/66 ist mit der Alkoholabhängigkeit erstmals ein Abhängigkeitssyndrom als Krankheit im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt. Sie und andere Kostenträger übernehmen seither die Kosten für die Behandlung von Begleiterkrankungen der Abhängigen sowie für Leistungen zur Rehabilitation, Erhaltung, Besserung und Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit.

Der erste Lehrstuhl für Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland wurde 1999 am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim eingerichtet.

Begriffe

Entwicklung des Fachbegriffs Ursprünglich stand „Sucht“ (mittelhochdeutsch suht) für ‚Krankheit‘,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 762. insbesondere ‚lokal begrenzte Krankheit‘ bzw. ‚Erkrankung eines Teiles des Körpers‘Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 470 (zu sucht, im Gegensatz zu seuche). (vgl. den Begriff „Wassersucht“; vgl. auch mittelhochdeutsch gesühte ‚Erkrankung‘, und exemplarisch lebersühtec ‚leberkrank‘, und miselsuht ‚Aussatz, Lepra‘Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 388 und 391–392 (zu lebersiech, lebersiuche und lebersühtec) und 393 (milzsühtic, miselsuht und miselsühtic ‚aussätzig‘) sowie 402 (wazzersuht ‚Wassersucht, Hyropsie‘ bzw. wazzersühtic ‚an Wassersucht leidend‘.). Im offiziellen Sprachgebrauch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) existierte der Begriff Sucht von 1957 bis 1963. Danach wurde er zunächst durch die beiden Begriffe Missbrauch und Abhängigkeit ersetzt. Schließlich wurde nach 1969 das Missbrauchskonzept zugunsten vier definierter Klassen des Gebrauchs verworfen:Stieglitz u. a. (Hrsg.): Kompendium. Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische Medizin. Karger, Basel 2002. Unerlaubter Gebrauch ist ein von der Gesellschaft nicht tolerierter Gebrauch. Gefährlicher Gebrauch ist ein Gebrauch mit wahrscheinlich schädlichen Folgen für den Konsumenten. Dysfunktionaler Gebrauch liegt vor, wenn psychische oder soziale Anforderungen beeinträchtigt sind. Schädlicher Gebrauch hat bereits schädliche Folgen (Zellschäden, psychische Störung) hervorgerufen. Diese Bezeichnungen haben in die von der WHO herausgegebene ICD-10 Eingang gefunden, allerdings findet sich im US-amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders-IV (DSM-IV) nach wie vor die Bezeichnung „Missbrauch“. Aufgrund dieser WHO-Klassifikation sind missbräuchliche und abhängige Konsummuster im sozial-rechtlichen Sinne Krankheiten mit Rechtsstatus.

Der professionelle und wissenschaftliche Sprachgebrauch in den Bereichen Medizin, Psychiatrie, Psychologie und Soziale Arbeit bevorzugt mittlerweile die Formulierungen des ICD-10 und spricht von Abhängigkeit und speziell vom Abhängigkeitssyndrom für substanzgebundene Abhängigkeiten. Die Vermeidung des Terminus Sucht sollte die Stigmatisierung Erkrankter vermeiden und deutlich machen, dass es sich bei Abhängigkeiten um Krankheiten handelt. Die Begrenzung des Abhängigkeitssyndroms auf stoffliche Abhängigkeiten macht zudem auf Unterschiede zu nichtstofflichen Abhängigkeiten aufmerksam; dieser Begriff ist damit differenzierter als Sucht, welche sowohl stoffliche als auch nichtstoffliche Abhängigkeiten umfasst.

In der American Psychiatric Association war die Ersetzung durch „Abhängigkeitssyndrom“ umstritten. Gegen die Verwendung des Suchtbegriffs wurde die damit einhergehende Stigmatisierung jener Betroffenen vorgebracht, die Medikamente, welche das Zentralnervensystem beeinflussen, einnehmen und damit nach der damals geltenden Definition als „süchtig“ (von mittelhochdeutsch sühtec ‚krank‘) galten. Der Begriff Sucht wurde von der American Psychiatric Association bis 1987 im DSM-III für das Abhängigkeitssyndrom verwendet.

Psychische und physische Abhängigkeit Nach der Definition der WHO ist die psychische Abhängigkeit ein Bedürfnis bis hin zu einem zwanghaften Drang nach periodischem oder dauerndem Konsum der Droge (bzw. nach Ausführung eines Suchtverhaltens bei stoffungebundenen Suchten), um ein Lustgefühl zu erlangen und/oder ein Unlustgefühl zu vermeiden. Dieser innere Zwang gilt als das wesentliche Kriterium einer Abhängigkeitserkrankung. Die physische Abhängigkeit ist eine körperliche Reaktion des Dauerkonsumenten, die zu einer körperlichen Toleranz gegenüber der Drogen-Wirkung führt und beim Absetzen der Substanz Entzugssymptome hervorruft.

Die WHO-Kriterien für Abhängigkeit im ICD-10 sind

+ Vergleich von Toleranzentwicklung, psychischer und körperlicher Abhängigkeit bei verschiedenen Suchtstoffen Substanztyp Toleranzentwicklung psychische Abhängigkeit körperliche Abhängigkeit Cannabis (+) ++ (+) Mescalin + ++ − Weckamine + ++ − Kokain − (?) +++ (+) Alkohol/Barbiturate + ++ ++ Morphin ++ +++ +++ Nikotin ++ +++ ++

Substanzverlangen Substanzverlangen oder Craving (englisch für ‚Begierde‘ oder ‚Verlangen‘) ist ein Fachbegriff aus der Suchtmedizin. Craving oder constant craving umschreibt das kontinuierliche und nahezu unbezwingbare Verlangen eines Suchtkranken, sein Suchtmittel (Alkohol, Tabak, sonstige Drogen) zu konsumieren.

Craving ist das zentrale Moment des Abhängigkeits- und Entzugssyndroms. Es hat seine neurobiologische Grundlage in der Sensitivierung des Belohnungssystems im Gehirn, des mesolimbischen Systems.J. D. Steketee, P. W. Kalivas: Drug wanting: behavioral sensitization and relapse to drug-seeking behavior. In: Pharmacological reviews. Band 63, Nummer 2, Juni 2011, S. 348–365, doi:10.1124/pr.109.001933, PMID 21490129, (Review).

Auch die Gier nach fetten und süßen Speisen bei Adipositas wird als „Craving“ bezeichnet.K. J. Steffen, S. G. Engel, J. A. Wonderlich, G. A. Pollert, C. Sondag: Alcohol and Other Addictive Disorders Following Bariatric Surgery: Prevalence, Risk Factors and Possible Etiologies. In: European eating disorders review: the journal of the Eating Disorders Association. Band 23, Nummer 6, November 2015, S. 442–450, doi:10.1002/erv.2399, PMID 26449524 (Review), researchgate.net (PDF; 177 kB)N. M. Avena, P. Rada, B. G. Hoebel: Evidence for sugar addiction: behavioral and neurochemical effects of intermittent, excessive sugar intake. In: Neuroscience and biobehavioral reviews. Band 32, Nummer 1, 2008, S. 20–39, doi:10.1016/j.neubiorev.2007.04.019, PMID 17617461, (Review).

Sucht Etymologie Das Wort „Sucht“ (germanisch suhti-, althochdeutsch suht, suft, mittelhochdeutsch suht) geht auf „siechen“ (althochdeutsch siohhēn, mittelhochdeutsch siechen)Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Erarbeitet unter Leitung von Wolfgang Pfeifer. Akademie, Berlin 1989 (und weitere Auflagen); Onlineversion: zurück, das Leiden an einer Krankheit bzw. Funktionsstörung. Das Adjektiv sühtic bedeutete ‚krank‘, ebenso siech.Vgl. etwa Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 393 (milzsiech, milzsühtic ‚an der Milz krank‘). Im heutigen Sprachgebrauch ist das Adjektiv „siech“ (vergleiche auch englisch sick, niederländisch ziek) nur noch regional gebräuchlich.

Das mittelhochdeutsche Kollektivum Gesücht bzw. gesühte (auch gesucht) bezeichnete anfallsweise wiederkehrende Leiden wie die Fallsucht bzw. Epilepsie, Gicht bzw. Arthritis usw.Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. Piloty & Loehle, München 1899 (Reprografischer Nachdruck: Olms, Hildesheim / New York 1970 und 1979, ISBN 1-174-35859-9), S. 706.Vgl. auch Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 132. Im Mittelalter stand des Wort „Gesucht“ auch für Krankheit bzw. den krankheitserregenden Stoff (Krankheitsstoff, „Suchtstoff“), etwa einen übermäßig vorhandenen Körpersaft, aber – gemäß Max Höfler – auch für die „Gliedstelle, wo der Suchtstoff sich festsetzt“.Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 390.

Bereits 1888 definierte Meyers Konversationslexikon „Sucht“ als ein in der Medizin veraltetes Wort, das früher ganz allgemein Krankheit (lateinisch Morbus) oder Leiden bedeutete, z. B. in Schwindsucht, Wassersucht, Fettsucht, Fallsucht, Gelbsucht und Magersucht. So war etwa ein „Wassersüchtiger“ nicht süchtig nach Wasser, sondern litt an Wassereinlagerungen (Ödemen).