Hertha Elisabeth Wilhelmine Hafer, geborene Seekatz, (* 6. Mai 1913 in Wetter (Hessen); † 19. Oktober 2007 in Mainz) war eine deutsche Pharmazeutin und Apothekerin. Sie war die Erfinderin der blend-a-med-Zahncreme. Während Hafers Grundlagenforschungen zur Mundhöhlen-Biologie und Zahnkariesentwicklung bis heute wegweisend sind, ist ihre Theorie zur Phosphatstörung als Ursache für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADS) umstritten.U. Engelen: Hertha Hafer – Die >>Blendax Chefapothekerin<<. in: S. Kern, P. Plättner (Hrsg.): Frauen in Rheinhessen. 1816 bis heute. 2. Aufl., Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz 2019, S. 175.

Jugend und Ausbildung Hertha Seekatz wuchs in Westerburg im Westerwald auf. 1931 bestand sie das Abitur. Nach einem zweijährigen Apothekenpraktikum in Westerburg arbeitete sie in einer Leipziger Apotheke als Apothekenassistentin. Dort lernte sie den Apotheker Alfred Hesse (1911–1941) kennen und heiratete ihn im August 1937. Zwei Jahre später kam ihre Tochter Ina zur Welt. Ihr Ehemann wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen und fiel 1941 an der Ostfront. Noch während des Krieges nahm sie in Leipzig ein Pharmazie-Studium auf, zog dann nach Frankfurt am Main und, als ihre Frankfurter Wohnung den Bomben zum Opfer fiel, nach Marburg, um dort jeweils ihr Studium fortzusetzen. Sie schloss es 1945 an der Universität Marburg mit dem Staatsexamen und Erwerb ihrer Approbation ab. Im Februar 1951 heiratete Hertha Hesse den Chemiker Hans Herbert Hafer (1921–1991), der – nach einem Chemie-Studium in Tübingen – zwischen November 1949 und Oktober 1951 unter Karl Dimroth an der Universität Marburg eine Doktorarbeit erstellte.Hans Herbert Hafer: Über den Einfluss der sterischen Hinderung auf die Absorptionsspektren von Azo- und Azomethinfarbstoffen in verschiedenen Lösungsmitteln. Inaugural-Dissertation, Marburg 1952; Prüfung 9. August 1952 Er arbeitete später erst für die Firma Boehringer-IngelheimDtsch. Patent DE1020324: Verfahren zur Herstellung von esterartigen Milchsäurederivaten mit definierter Kettenlänge und endständiger Ester-, Amid- oder Nitrilgruppe. Patentiert für C. H. Boehringer Sohn, Ingelheim/Rhein. Anmeldetag 17. Dezember 1954 und dann Pfizer.Dtsch. Patent DE1074820: Verfahren zur Herstellung injizierbarer Lösungen von Salzen der Tetracyclingruppe. Patentiert für Pfizer Corporation, Colon (Panama). Anmeldetag 23. November 1956 Herbert Hafer war Sohn des kaufmännischen Angestellten Johann Hafer aus Giengen an der Brenz und Elise Geismann,Hans Herbert Hafer: Lebenslauf, Anhang zur Dissertation Tochter des Fürther Brauereibesitzers Johann Geismann.

Kariesforschung und Tätigkeit für die Cariosan K.G. Nach Abschluss ihres Studiums vertiefte sie anhand der verfügbaren Literatur ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Kariesforschung, da sie laut eigener Aussage von Zahnkaries geplagt war und etwas dagegen unternehmen wollte.Hertha Hafer - Erfinderin der blend-a-med. Interview mit Heike Rübeling, Procter & Gamble, August 2001. Das United States Office of War Information hatte 1945 eine Broschüre mit Nachdrucken zahnmedizinischer Arbeiten verbreitet, darunter zwei Publikationen des Kariesforschers Basil Glover Bibby über Fluorid-Applikation.United States Office of War Information: Dentistry in the United States of America, 1945 Diese beiden Arbeiten wurden dann in schweizerischen und deutschen zahnmedizinischen Zeitschriften ausführlich referiert.Schweiz. Mschr. f. Zahnheilk. 55 (1945) 628, 630, 961; Zahnärztl. Welt 1 (1946)133A. Stattelmann: Karies. B.G. Bibby: Die Anwendung von Fluor zur Verhütung der Karies. Deutsche Zahnärztl. Zeitschr. 2 (1947) 56 und 162 Zur gleichen Zeit wurden Untersuchungen des amerikanischen Kieferchirurgen S. G. Harootian bekannt, der neun psychisch kranken Patienten im Worcester City Hospital ein (fluoridhaltiges) Knochenmehl-Präparat verabreichte um dessen positive Auswirkungen auf (auch von ihm künstlich gesetzte) Zahnläsionen zu prüfen.E. Bickel: Knochenmehl gegen Zahnkaries. Dtsch. Zahnärztl. Zeitschr. 1 (1946) 42; die im Referat nicht genannte Quelle ist: S. G. Harootian: The influence of administration of bone flour on dental caries. J. Am. Dent. Ass. 30 (1943) 1396.

Hertha Hesse half zu der Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin ein chemisch-pharmazeutisches Labor in Dreihausen bei Marburg aufzubauen, das Ende 1946 von Anna Maurer, Inhaberin eines Betriebs zur Herstellung von Lebensmittel-, Künstler- und Aquarellfarben in Witzenhausen, dem Drogisten Adolf Skroblin aus Gießen (Produktionsleiter bei Anna Maurer) und dem Ehepaar Margarethe (geb. Seekatz) und Rudolf Zimmermann aus Westerburg im Westerwald, gegründet und Anfang 1947 in „Cariosan Kommandit-Gesellschaft“ umbenannt wurde. Ein geeigneter Produktionsraum war in Dreihausen angemietet, der Weg zur Produktionsgenehmigung trug – wie Hertha Hesse später schrieb – Züge einer Tragikomödie, zu der allerdings das Unternehmen selbst beitrug durch fehlende Unterlagen, Änderungen der Produktpalette und diverse Umstrukturierungen der Betriebsführung. Einem Antrag vom 17. Dezember 1946 auf Produktionsgenehmigung für ein Kalkpräparat auf Basis von fluoridhaltigem Knochenmehl, für Zahnpasta („Cariosan Zahnpasta“), deren Grundrezeptur (Calciumcarbonat, Magnesiumperoxid, Glycerin, Pfefferminzöl, Wasser) um Natriumfluorid (0,1 %) erweitert wurde, sowie für eine Lebertran-Emulsion, die mit Knochenmehl angereichert werden sollte, wurden zur Unterstützung schriftliche Erläuterungen von Hertha Hesse beigefügt, die die Bedeutung der einzelnen Bestandteile (Kalk, Phosphate, Fluor etc.) erklären sollten. Alle Produkte sollten der „Verhütung und Heilung von Karies“ dienen. An die Industrie- und Handelskammer sowie an die Bezirkswirtschaftsstelle Kassel eingereicht, wurde der Antrag Mitte Januar 1947 vom Gesundheitsamt Marburg, Anfang Februar 1947 von der Abteilung für Öffentliches Gesundheitswesen des Regierungspräsidenten in Kassel (signiert von Heinrich Hornung) befürwortet und von dort an das zuständige Landeswirtschaftsamt Wiesbaden weitergeleitet. Auf Nachfrage des Landeswirtschaftsamts und Verweis auf die „Verordnung über die Herstellung von Arzneifertigwaren vom 11.2.1943“ wurden im April 1947 vom Unternehmen weitere Details zur Produktion und vorgesehenen Anwendung bzw. Dosierung mitgeteilt und Gutachten von Hans Heuser, dem Leiter des Zahnärztlichen Instituts der Universität Marburg nachgereicht. Heuser erwartete „nach dem derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung“ von den Präparaten aufgrund des Fluorgehalts eine „Cariesverhütende Wirkung“.Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Produktionsgenehmigungen des Landeswirtschaftsamts (Buchstabe C). Laufzeit 1945–1948, Bestand 507, Nr. 254.

Dann wurden u. a. Berichte von Basil Bibby bekannt, der bei seinen Versuchen mit diversen Zahnpasten, denen Natriumfluorid beigemischt worden war, keine Kariesreduktion erzielen konnte.B. G. Bibby: Factors influencing the reduction of enamel solubility by fluorides. J. dent. Res. 22 (1943) 217B. G. Bibby: A test of the effect of fluoride-containing dentifrices on dental caries. J. dent. Res. 24 (1945) 297 Der Council on Dental Therapeutics der American Dental Association sah sich daher im Mai 1947 in der Position bestärkt, dass es keine Belege gäbe, die die Verabreichung von Fluoriden in Form von Mundwässern oder Zahnpasten rechtfertigen würden.Council on Dental Therapeutics reports on topical application of fluorides. J. Am. Dent. Assoc. 34 (15. Mai 1947) 700 Auch um dem Vorwurf zu entgehen, ein kosmetisches Produkt unter dem Vorwand medizinischer Wirksamkeit als Verdienstquelle nutzen zu wollen, entschloss sich die Cariosan K.G. nun, die fluoridhaltige Zahnpasta aus der Produktpalette zu entfernen und stattdessen eine Natriumfluorid-Lösung (0,1 %) für die Anwendung durch Zahnärzte (nach Tests durch Heusers Institut) produzieren zu wollen. Hertha Hesse erklärte dazu in einem Schreiben vom 25. Oktober 1947: „Mir war das Ganze sehr unangenehm, und ich kann nur geltend machen, dass klügere Leute als ich demselben Irrtum verfallen sind. Ich hatte vorher keine Möglichkeit, von diesen Arbeiten zu erfahren, sonst hätten wir den Plan der Zahnpasta nicht gefasst. ... Ich hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, diese Arbeiten einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, ich bin gewiss, dass ausser uns sich kein Mensch dafür interessiert. Aber das wäre mit unseren Begriffen von wissenschaftlicher und kaufmännischer Haltung nicht zu vereinbaren. ...“

Bis die gewünschte Genehmigung für die Produktion des Knochenmehl-Präparats und die Natriumfluorid-Lösung im Februar 1948 erteilt wurde, hatte die Cariosan K.G. diverse personelle Umstrukturierungen durchlaufen, unter als übertrieben empfundener Bürokratie und hohen Unkosten bei nicht laufender Produktion gelitten. Knochenmehl-Präparate wurden von der American Dental Association inzwischen ebenfalls abgelehntEditorial: The role of fluorine in dental caries: Synthetic fluoride tablets and bone meal preparations. J. Am. Dent. Assoc. 34 (1. März 1947) 345 und beim Zahnarzt wurden vorzugsweise zweiprozentige Natriumfluorid-Lösungen zur topischen Anwendung genutzt.

Anlässlich der Eröffnung der Akademie für medizinische Forschung und Fortbildung an der Universität Gießen fand dort Anfang April 1949 unter Leitung von Albert Keil eine gemeinsame wissenschaftliche Fortbildungstagung der hessischen Landeszahnärztekammer und der Landesärztekammer statt. Durch ihre frühere Tätigkeit gut in Zahnärztekreise eingeführt, hielt sie hier einen Vortrag über einige pharmakologische und therapeutische Befunde über das Element Fluor.Landeszahnärztekammer Hessen. Zahnärztl. Mitteilungen 37 (1949) 108 Es sei bakterizid, ersetze leicht im Apatit die OH-Gruppe und wirke auf Fermente. In den USA als Trinkwasserzusatz genutzt, steigere es die Zahl der kariesresistenten Gebisse, erzeuge aber in Konzentrationen über 1 ppm (= 1 mg/l) eine endemische Fluorose. Wichtig sei auch die Menge des gleichzeitig aufgenommenen Kalziums. Bei manchen Erkrankungen wie Kropf usw. sei Fluor kontraindiziert.W. Kessler: Wissenschaftliche Fortbildungstagung am 2./3. April in Gießen. Zahnärztl. Mitteilungen 37 (1949) 189; Ihr Vortrag wurde, statt wie in der Deutschen Zahnärztlichen Zeitschrift angekündigt (Übersichten. Dtsch. Zahnärztl. Zeitschr. 4:Nr. 10 (15. Mai 1949)) nicht mit den anderen Vorträgen der Tagung in der DZZ publiziert. Bei der gleichen Tagung wurde ein Manuskript des dänischen Zahnarztes Halfdan Eggers-Lurà verlesen, laut dem bakterielle Phosphatasen die Zahnschmelz-Auflösung begünstigen und damit einen wichtigen Schritt in der Kariesentstehung beitragen sollen. So führte Hertha Hesse an der Universität Marburg im (physiologisch-)chemischen Institut von Karl Dimroth (1910–1995) ihre ersten Versuche zu einem möglichen Wirkmechanismus, die Hemmwirkung von Natriumfluorid auf Phosphatasen durch.Theo Lammers, H. Hafer: Phosphatase-Aktivität und ihre Hemmung durch Fluor. Arzneimittelforsch. 3 (1953) 564

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