mini|Hermann Hans Wetzler Hermann Hans Wetzler [] (* 8. September 1870 in Frankfurt am Main; † 29. Mai 1943 in New York) war ein US-amerikanischer Komponist, Dirigent und Musiker (Bratschist, Organist und Pianist) mit deutsch-böhmischen Wurzeln.
Von 1897 bis 1901 war er Associate Organist an der Trinity Church in Manhattan. Bestens in der New Yorker Oberschicht vernetzt, organisierte er um die Jahrhundertwende die Wetzler Orchestral Concerts. In Deutschland hatte er ab 1904 mehrere Kapellmeisterposten inne, wobei Halle (1913–1915) sein Sprungbrett nach Lübeck (1915–1919) war. Gemeinsam mit seinem Widersacher Otto Klemperer wirkte er zuletzt in Köln (1919–1923). Nach einer kurzen Schaffensphase in der Schweiz kehrte der jüdischstämmige Wetzler aus Furcht vor dem Nationalsozialismus 1940 in die USA zurück. Als Komponist gilt er der Postromantik zugehörig. Zu seinem Œuvre gehören 20 Werke mit Opuszahl, darunter eine Oper.
Wetzler war Vorbild für die Romanfigur Wendell Kretzschmar in Thomas Manns Doktor Faustus (1947).
Leben Hermann Hans Wetzler wurde 1870 als Sohn von Charles Wetzler und dessen Frau Anna, geb. Rothschild, in Frankfurt am Main geboren.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 18. Wenig später zog die jüdische Familie nach Chicago, Illinois, wo Hermann mit seiner 1874 geborenen Schwester Minna zunächst aufwuchs. Sein Vater war in den 1840er Jahren aus Böhmen in die USA ausgewandert.Heinrich Aerni: Thomas Mann und Hermann Hans Wetzler: Neue Quellen zum deutsch-amerikanischen Dirigenten und Komponisten Hermann Hans Wetzler (1870–1943) als Modell für Wendell Kretzschmar in "Doktor Faustus". In: Thomas Mann Jahrbuch 27 (2014), S. 171–197, hier: S. 173.
Seinen ersten Klavierunterricht erhielt Wetzler wohl von seiner Mutter, einer ausgebildeten Pianistin. Da diese aber früh verstarb, lebte er mit seiner Schwester zwischenzeitlich bei der Chicagoer Tante Charlotte Rudolpg-Wetzler. 1881 verzog die Familie Wetzler nach Cincinnati, Ohio.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 19. Musikalisch wurde er von Charles Baetens (Theorie) und Simon E. Jacobsohn (Violine) unterwiesen. Den ersten öffentlichen Auftritt (Klavier und Violine) hatten die als „Wunderkinder“ gehandelten Wetzlers 1881 in Cincinnati. 1883 spielten sie erfolgreich den Sängerinnen Adelina Patti und Marcella SembrichHeinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 21. vor. Am Cincinnati Conservatory of Music waren die Wetzlers Klavierschüler von George Magrath. 1884 zog die Familie nach New York City, wo die musikalische Ausbildung Edmund Neupert (Klavier) und Sam Franko (Violine) übernahmen.
Der Vater, mittlerweile mit einer deutschen Köchin verheiratet, arrangierte ein Vorspiel bei Clara Schumann in Frankfurt am Main. Beide Kinder konnten daraufhin 1885 am dortigen Dr. Hoch’schen Konservatorium ein Musikstudium aufnehmen. Zu seinen Lehrern gehörten u. a. Marie Schumann und Lazzaro Uzielli (Klavier), Heinrich Gelhaar (Orgel), Hugo Heermann (Violine) sowie Bernhard Scholz, Arthur Egidi und Iwan Knorr (Komposition und Kontrapunkt).Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 22. Weiterhin erhielt er privaten Kompositionsunterricht bei Engelbert Humperdinck. Die Schwester Minna wurde von Eugenie Schumann unterrichtet.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 23. Zu seinem engen Freundeskreis am Konservatorium gehörten Hans Pfitzner und Paul Nikolaus Cossmann. In Frankfurt verkehrte Wetzler mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit wie Hans Thoma, Henry Thode und Daniela Thode.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 24f. In diesem „gesellschaftlichen und geitigen Umfeld mit nationalistischer Kunstauffassung“ traf er auch seine Frau Lini Dienstbach und seinen späteren Schwager Carl Dienstbach. Ein Theaterengagement in Deutschland blieb aus.Heinrich Aerni: Thomas Mann und Hermann Hans Wetzler: Neue Quellen zum deutsch-amerikanischen Dirigenten und Komponisten Hermann Hans Wetzler (1870–1943) als Modell für Wendell Kretzschmar in "Doktor Faustus". In: Thomas Mann Jahrbuch 27 (2014), S. 171–197, hier: S. 174.
1892 kehrte er in die USA zurück und erhielt sein erstes Engagement als Bratschist in der New York Symphony Society von Walter Damrosch.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 32. In New York schloss er Kontakte mit Anton Seidl und William Steinway.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 33. 1893 wurde er Organist an der Church of the Holy Communion.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 34. Im Zuge seiner Verlobung mit Lini Dienstbach ließ er sich evangelisch taufen.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 35. Von 1897 bis 1901 war er Associate Organist an der Trinity Church.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 37. Darüber hinaus war er u. a. auch an der St. Agnes Chapel und der All Angels’ Church tätig.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 38. Von 1901 bis 1903 arbeitete er als Organist und Musical Director an der Collegiate Church. In Lieder- und Kammermusikabenden trat er in New York als Pianist auf; er begleitete Sänger wie David Bispham, Lillian Nordica und Anton van Rooy.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 41. Auch war er bei der Musical Art Society of New York zu Gast.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 43. Sein besonderes Interesse galt der Musik des Barockkomponisten Johann Sebastian Bach.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 42.
1897 trat er mit einem Studentenorchester der Columbia University als Dirigent in Erscheinung.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 44. Die größte Wirkung entfaltete allerdings sein Auftritt mit ca. 30 Musikern in der Mendelssohn Hall. Er konnte auf „zahlungskräftige Geldgeber“ setzen.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 45. Um 1898/99 trat zum ersten Mal der Name Wetzler Orchestra an die Öffentlichkeit.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 46. Der Tod seiner Schwester und ihrer Familie beim Untergang des Passagierschiffs La Bourgogne bei Überfahrt von New York nach Le Havre aber und die schwierigen Arbeitsbedingungen in New York beendeten vorerst sein Musikprojekt.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 46f.
Auf Empfehlung des Theaterintendanten Georg Graf von Hülsen-Haeseler absolvierte Wetzler im Sommer 1901 ein Volontariat am Königlichen Hoftheater in Wiesbaden.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 48f. In New York machte sich unterdessen der ehemalige Marineminister und Millionär William Collins Whitney für Wetzlers Orchesterprojekt stark. Wetzler dirigierte zwischen 1902 und 1904 unter dem Namen Wetzler Orchestral Concerts mehrere Konzerte in der Carnegie Hall. Zu den namhaften Förderern gehörten u. a. J. P. Morgan, Henry William Poor, George Washington Vanderbilt II und Stanford White.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 50f. Die Organisation des Orchesters im engeren Sinne übernahm Rawlins Lowndes Cottenet. Eng arbeitete Wetzler bei seinen Konzerten mit der Firma Steinway & Sons zusammen.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 65. Der deutsche Dirigent und Komponist Richard Strauss gab 1904 sein US-Debüt mit dem Orchester und brachte hier seine „Sinfonia domestica“ zu Uraufführung.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 54f. Viele der deutschen Orchestermusiker hatten wegen eines notwendigen Zweitjobs schwankende Leistungen.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 60. Mit dem Tod William Collins Whitneys 1904 wurde „dem ohnehin unprofitablen Unternehmen die finanzielle Basis entzogen“.
Erneut orientierte sich Wetzler nach Deutschland.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 66f. Nachdem ein Studienaufenthalt in Wien nicht zustande gekommen war, ging er zu Gustav Brecher an das Hamburger Stadttheater, wo er mit Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ seine erste Oper dirigierte. Beide Dirigenten hatten einen „stark ausgeprägten analytischen Zugang zu den Partituren“ gemein. Gastdirigate führten ihn zum Berliner Philharmonischen Orchester (1906)Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 69. und an die Hofoper St. Petersburg (1908).Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 72. Bis die Wetzlers in Hamburg-Rotherbaum eine Mietwohnung fanden, wohnten sie im Luxushotel Hamburger Hof am Jungfernsteg.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 71. Linis Absicht, Schauspielerin zu werden, stieß bei Hermann auf Ablehnung. Dennoch nahm sie nach Schauspielunterricht in Hamburg ein Engagement in Köln an, wo sie trotz gemeinsamer Sommerurlaube fortan lebte. Finanziell gefördert wurde Wetzler während seiner Hamburger Jahre durch Henry Ammon James.
In der Spielzeit 1908/09 wechselte er an das Stadttheater Elberfeld in der preußischen Rheinprovinz. Für ihren Mann gab Lini 1909 wehmütig ihre Schauspielkarriere auf.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 74. Sie zogen nach Riga, wo Wetzler Kapellmeister am Deutschen Stadttheater wurde. Gastspiele führten ihn nach St. Petersburg, Berlin und München.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 80, 83. Zuletzt wohnten die Wetzlers im Haus von Robert von Buengner.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 83. Das Paar freute sich, das für sie fremde Baltikum 1913 verlassen zu können.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 86.
Auf Empfehlung von Clemens von Franckenstein erhielt er eine Kapellmeisterstelle am Stadttheater Halle. Dort war ihm Direktor Max Richards anfangs wohlgesonnen. Wetzler dirigierte hier 1914 die erste Aufführung von Richard Wagners „Parsifal“ außerhalb Bayreuths. Außerdem übernahm er in Halle die Erstaufführung von Christoph Willibald Glucks „Orpheus“ in der Neuübersetzung von Hermann Abert. Später wurde das Werk auch erfolgreich im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt aufgeführt.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 87. Während des Ersten Weltkriegs fiel er in Halle durch „Improvisationskünste“ auf.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 92. Heinrich Aerni (2015) bezeichnete Wetzlers „Hallenser Zeit als seine bisher erfolgreichste“ – sie diente ihm als Sprungbrett.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 93f.
In der Nachfolge von Wilhelm Furtwängler wurde er 1915 am Stadt-Theater Lübeck als Erster Kapellmeister verpflichtet.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 94. Wetzler konnte „in Lübeck, den Namen als vielseitiger Kapellmeister, den er sich in Halle bereits erworben hatte, weiter“ ausbauen.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 95. Engagiert dirigierte er Stücke von Wolfgang Amadeus Mozart und Giuseppe Verdi. 1916 erholte er sich im Sanatorium in Königstein im Taunus des Psychiaters Oskar Kohnstamm, wo er zum ersten Mal auf Otto Klemperer traf.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 96f. Engen Kontakt pflegte Wetzler mit Arthur und Amélie Nikisch, wobei ihn letztere zum Komponieren anhielt. Das „Zentrum seines sozialen Netzes“ war die Familie von Siegfried Buchenau.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 116. Gastauftritte als Dirigent hatte Wetzler 1919 am Hoftheater Dessau, wo ihm zu seinem Bedauern Hans Knappertsbusch als Kapellmeister vorgezogen wurde.Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Kassel 2015, S. 111.