mini|hochkant|Grabstätte auf dem Gertraudenfriedhof Halle Wilhelm Jost (* 2. November 1874 in Darmstadt; † 6. Juni 1944 in Lohdorf, Kreis Hohensalza, Provinz PosenMathias Homagk: „Gebaut habe ich genug.“ Wilhelm Jost als Stadtbaurat in Halle (1912–1939). Hasenverlag, Halle (Saale) 2013, ISBN 978-3-939468-77-6, S. 84.) war ein deutscher Architekt und Baubeamter.
Leben Jost studierte Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt. Nach dem mit Auszeichnung bestandenen zweiten Staatsexamen war er als Regierungsbaumeister (Assessor) in der staatlichen Bauverwaltung des Großherzogtums Hessen tätig, zunächst in Gießen und ab 1901 in Friedberg. Von Friedberg aus betreute er auch die umfangreichen Neubauten der großherzoglich hessischen Kurverwaltung in Bad Nauheim, die über die Region hinaus große Beachtung fanden. Ab 1915 setzte Baurat Bruno von Boehmer dort sein Werk fort.
1912 wurde Jost als Kreisbauinspektor nach Worms versetzt. Noch im gleichen Jahr erhielt er aber eine Berufung als Stadtbaurat nach Halle (Saale); dieses Amt übte er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1939 aus.
Eines seiner bemerkenswertesten Projekte gleich zu Beginn seiner Amtszeit in Halle ist der Entwurf für die Hauptgebäude des in den Jahren 1913 bis 1915 erbauten neuen Gertraudenfriedhofs im Norden der Stadt. Während seiner halleschen Zeit verwirklichte er zahlreiche weitere Bauprojekte, wie das Stadtbad, die Stadtsparkasse, das Solbad Wittekind, den Ratshof, die neben vielen anderen Bauten das Stadtbild bis in die Gegenwart prägen. Bedeutsame stadttechnische Bauten, wie das Kraftwerk in Trotha, Verteiler- und Umformstationen, verdeutlichen ebenso sein Wirken für die Stadt.
Josts architektonische Überzeugungen waren durch die Ablehnung überlieferter Formvorstellungen und der Hinwendung zum Jugendstil und einem durch neuklassizistische Elemente gebändigten Abstraktionshistorismus gekennzeichnet. Insofern reiht er sich in die Reihe der gemäßigten Reformer ein. In den 1920er Jahren erarbeitete er sich einen Zugang zum Neuen Bauen, indem er avantgardistische Mitarbeiter, wie Wolfgang Bornemann (1889–1973), im Stadtbauamt förderteDieter Dolgner: Zum Geleit. In: Mathias Homagk 2013, S. 8/9 (vgl. Literatur).
Jost war seit mindestens 1912 Mitglied im Deutschen Werkbund (DWB). Er starb auf dem landwirtschaftlichen Gut der Familie seiner Tochter in Lohdorf (polnisch Łojewo), Provinz Posen. Sein Grab befindet sich auf dem Gertraudenfriedhof in Halle (Saale).
Bauten
Friedberg / Bad Nauheim 1901–1902: staatliches Verwaltungsgebäude (für Hochbauamt und Oberförsterei) in Friedberg 1905–1906: Maschinenzentrale und Dampfwaschanstalt des Kurbetriebs (östlich des Bahnhofs) am Goldstein in Bad NauheimNeue Ideen für die Alte Saline vorgelegt. In: FAZ, 6. Februar 2014, S. 41. 1905–1911: Badekuranlage (genannt „Sprudelhof“) in Bad Nauheim dazu gehören die teilweise erhaltenen Kolonnaden, die zerstörten Terrassenanlagen und der Musikpavillon am Kurhaus und die Löwenquelle in Schwalheim. 1907–1908: Sanatorium Dr. Grödel in Bad Nauheim 1908–1910: Konzertsaal (als Erweiterungsbau des Kursaals) in Bad Nauheim 1910–1911: Trinkkuranlage Bad Nauheim 1912: Blindenanstalt mit Schule und Ausbildungsstätten denkmalpflege-hessen.de
Halle (Saale) 1911: Turnhalle zum Schulkomplex Waisenhausring 13, Am Bauhof 4/5 1912–1914: Gebäude des Gertraudenfriedhofs (mit Georg Lindner), Landrain 25 1912–1914: Erweiterungsbau des St.-Cyriakus-Hospitals, Glauchaer Straße 68 1913–1915: Stadtbad, Schimmelstraße 1–4 (mit Wilhelm Heymann) 1914–1916: Gebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-und-Kaiserin-Auguste-Viktoria-Stiftung, Beesener Straße 14 1914–1915: Gebäude der Sparkasse, Rathausstraße 5/6 1914–1915: Lutherschule, Roßbachstraße 78 1914–1915: Wohnhaus Große Steinstraße 60a (gehört zum Stadtbad) 1916–1917: ehemaliges Emilienheim (Säuglingsheim) der Bethcke-Lehmann-Stiftung, Riveufer 8 um 1920: Wohn- und Geschäftshaus Magdeburger Straße 9 um 1920: Wohnhaus Heinrich-Heine-Straße 2 1923–1925: Solbad Wittekind 1924–1926: Elektrizitätswerk Trotha, Brachwitzer Straße (mit Ausnahme von Verwaltungsgebäude abgerissen) 1924: Umspannwerk am Hallmarkt, Oleariusstraße 4a 1925–1926: Wohnhaus Tiergartenstraße 12 1925–1928: Transformatorenstationen: Huttenstraße, Merseburger Straße, Moritzzwinger, Trothaer Straße, Universitätsring 1926: Umspannwerk Stadtpark 1926–1927: Straßenbahndepot, Freiimfelder Straße 74/75 1927–1928: Wasserturm Süd mit Schalthaus Turmstraße (heute: Historisches Technikzentrum der Stadtwerke Halle), Lutherplatz (mit Oskar Muy) 1928: Transformatorenhaus Rudolf-Breitscheid-Straße 1928–1929: Erweiterungsbau des Rathauses (genannt „Ratshof“), Marktplatz 1 1929: Arbeitsamt, Am Steintor 14/15 (mit Albrecht Langenbach) nach 1930: Freibad Gesundbrunnen (abgerissen), Kantstraße 1934: NS-Thingstätte Brandberge 1937: „Mitteldeutsche Kampfbahn“, späteres Kurt-Wabbel-Stadion, Straße der Republik 1938–1939: Kinderheim Adelheidsruh, Schopenhauerstraße 2/4 1938–1939: Diesterwegschule II (2. Bauabschnitt), 2019/2020 Umbau zu Wohnungen, Diesterwegstraße 37
Literatur Britta Spranger: Jugendstil in Bad Nauheim. Die neuen Bade- und Kuranlagen und ihr Architekt Wilhelm Jost. Darmstadt / Marburg 1983, ISBN 3-88443-136-6 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, Band 48). Hubertus Adam: Verhaltene Modernität. Wilhelm Jost als Stadtbaurat in Halle. In: Bauwelt, 1998, Heft 25, S. 1440–1443. Hiltrud A. M. Hölzinger (Fotos), Christina Uslular-Thiele: Jugendstil in Bad Nauheim. Verlag Langewiesche, Königstein im Taunus 2005, ISBN 3-7845-7100-X. Mathias Homagk: „Gebaut habe ich genug.“ Wilhelm Jost als Stadtbaurat in Halle (1912–1939). Hasenverlag, Halle (Saale) 2013, ISBN 978-3-939468-77-6 (= Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte, Band 25). Britta Spranger, Dieter Dolgner (Hrsg.): Erinnerungen aus meinem Leben. Selbstzeugnisse eines halleschen Stadtbaurats 1912–1939. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2022, ISBN 978-3-96311-631-5.
Weblinks
Wilhelm Jost und sein Wirken in Halle an der Saale. In: Kulturfalter, Juni 2012; stadtgeschichtlicher Beitrag. Werke von Wilhelm Jost in Halle (Saale). halle-im-bild.de Biografien zu den Ehrengräbern der Stadt Halle (Saale). zenodo.org
Einzelnachweise
Kategorie:Architekt (Sachsen-Anhalt) Kategorie:Architekt (Hessen) Kategorie:Person (Halle (Saale)) Kategorie:Mitglied des Deutschen Werkbundes Kategorie:Regierungsbaumeister Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1874 Kategorie:Gestorben 1944 Kategorie:Mann