mini|hochkant=1.6|Ehemalige Reichsabtei und St. Verena 2008 mini|hochkant=1.6|Grundriss der Klosterkirche Die frühklassizistische ehemalige Klosterkirche St. Verena in Rot an der Rot (Landkreis Biberach) ist heute römisch-katholische Pfarrkirche in der Kirchengemeinde St. Verena der Seelsorgeeinheit Rot-Iller im Dekanat Biberach der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Das Patrozinium St. Verena wird am 1. September gefeiert.
Geschichte Die Prämonstratenserabtei Rot an der Rot wurde 1126 gegründet. Norbert von Xanten, der Gründer des Prämonstratenserordens, berief Chorherren aus dem Stammkloster Prémontré bei Laon in Nordfrankreich nach Rot an der Rot.
Die heutige Kirche hatte mehrere Vorgängerbauten. Die mittelalterliche Klosterkirche bekam 1338 einen neuen Chor. Ein Großbrand im Jahr 1481 machte auch eine Erneuerung der Kirche notwendig, die 1506 abgeschlossen war.
1681 kam es zu einem ein Großbrand, der das spätgotische Kloster und die dazu gehörende Kirche völlig zerstörte. Im gleichen Jahr wurde mit dem Bau der noch heute bestehenden barocken Klosteranlage begonnen, zu der auch die Kirche gehörte. 1698 waren die Arbeiten am Kloster beendet; die frühbarocke Kirche wurde 1702 fertiggestellt. Das Chorgestühl dieser Kirche aus dem Jahr 1693, Meisterwerk barocker Schnitzkunst, wurde in der folgenden neuen Kirche wieder eingebaut.
Die heutige Kirche wurde von 1777 bis 1786 im Spannungsfeld von Spätbarock und Klassizismus während der Amtszeit der Äbte Mauritius Moritz und Willebold Held erbaut und ausgestattet. St. Verena ist der letzte große Klosterkirchenneubau der Prämonstratenser in Oberschwaben. Abt Mauritius Moritz (reg. 1760–1782) hatte eine neue Kirche entworfen und gegen den Willen des Konvents den Abbruch der bestehenden 75 Jahre alten Kirche beschlossen; bei seinem Tod hatte er nur Ruinen und große Schulden hinterlassen. Die Fertigstellung wurde vordringlichste Aufgabe seines Nachfolgers, des Abtes Willebold Held (reg. 1782–1789).
1783 wurde der Grundstein gelegt. Andreas Meinrad von Ow schuf 1780 im Chorraum die spätbarocken Fresken zum Leben des Ordensstifters Norbert von Xanten. Die Deckengemälde im Langhaus, das Kuppelgemälde und die Dekorationsmalerei schuf ab 1784 Januarius Zick. Der Stuck der Kirche ist ein Werk von Franz Xaver Feichtmayer dem Jüngeren und seinem älteren Bruder Simpert. Die Hauptorgel auf der Westempore von Johann Nepomuk Holzhay aus Ottobeuren, der auch die Chororgel fertigte, wurde 1792/1793 gebaut. Sie zählt zu den bedeutendsten historischen Orgeln Süddeutschlands. Die Kirchweihe wurde am 16. Juli 1786 vorgenommen. Nach der Aufhebung des Klosters im Jahr 1803 wurde die Klosterkirche St. Verena Pfarrkirche von Rot an der Rot.
Architektur Das Gotteshaus ist in der Gesamtanlage, wie auch im architektonischen Detail vom Übergangsstil vom Barock zum Klassizismus gekennzeichnet. Die großzügig als Wandpfeilerkirche angelegte Klosterkirche der ehemaligen Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot ist 67 Meter lang, 20 Meter breit und 22 Meter hoch, wobei das Kirchenschiff mit 34 Metern kaum länger ist als der Chorraum mit 33 Metern Länge.Ekkehard Schmid: Pfarrkirche St. Verena – Ehemalige Abteikirche Rot an der Rot. Verlag Wilhelm Kienberger, Lechbruck 2007, S. 10. Die weithin sichtbaren Türme sind 60 Meter hoch. Der Grundriss zeigt ein Langhaus zu vier Jochen, im Westen anschließend eine Vorhalle, im Osten der Chor und, nach einem Zwischenjoch, das Altarhaus. Chor und Altarhaus sind jeweils eingezogen, die Türme sind in die Winkel von Chor und Altarhaus eingepasst.
Im Inneren bestimmen die Wandpfeiler das Raumbild. Sie sind dreiseitig mit kannelierten, ionischen Pilastern besetzt, zwischen ihnen verlaufen auf halber Pilasterhöhe Emporen. Die darunter liegenden Kapellen nehmen ostseitig Altäre auf. Dass die Kapellendecken nicht gewölbt, sondern flach sind, weist auf die frühklassizistische Baugesinnung. Durchgänge verbinden die mit Quertonnen gedeckten Emporenräume untereinander. Im Chor fehlen Emporen, hier öffnen sich deshalb Querarme für Chororgeln und Gestühl. Zwischen Chor und Altarhaus durchbrechen Durchgänge zu den Nebenräumen sowie Oratorien mit Balusterbrüstungen die Mauern der Turmuntergeschosse. Als Ziel und Zweck des gesamten Innenraums nimmt der Hochaltar die gesamte Breite der Apsis ein.
Das Langhaus wird von einer gurtgewölbten Stichkappendecke überwölbt, der Chor von einer Flachkuppel, das Zwischenjoch von einer Längstonne und die Apsis von einer Halbkuppel. Der unterschiedlichen Wölbeform entspricht die differenzierte Gestaltung der Teilräume: Mönchschor und Altarhaus wirken quadratisch, sind aber beide schwach querrechteckig. Der quergelagerten Emporenhalle im Westen entspricht das querrechteckige Joch im Osten vor dem Altarhaus.
Hochaltar mini|Innenraum in Richtung des Chors, von der Orgelempore aus mini|hochkant|Hochaltar
Der frühklassizistische Aufbau des Hochaltars bildet den architektonischen Zielpunkt der Langhausachse und setzt sich als Baldachinaufbau aus rotem Stuckmarmor vom Weiß der Wand ab. Der Hochaltar stammt wie die gesamte übrige Altarausstattung und die Kanzel von Franz Xaver Feuchtmayer dem Jüngeren, der sie 1785–1786 schuf.
Den Altaraufbau zieren vergoldete Ornamente. An den Sockeln befinden sich schleifengeschmückte ovale Medaillons mit Reliefs der Symbole der vier Evangelisten und der vier lateinischen Kirchenväter, die das Fundament der Kirche symbolisieren. Ergänzt werden die beiden Gruppen durch zwei bedeutende scholastische Theologen und Kirchenlehrer. Die Symbole verkörpern (von links) die Heiligen Thomas von Aquin, Lukas, Hieronymus, Matthäus, Ambrosius, Gregor der Große, Markus, Bonaventura, Johannes und Augustinus.
Das Gemälde Anbetung der Hirten schuf 1694 der Memminger Maler Johann Heiss (1640–1704).
Seitlich schließen sich zwischen den Säulen Figuren der Heiligen Augustinus mit dem Flammenherz und Norbert mit der Monstranz an. Beide sind in Bischofstracht dargestellt, die Mitra tragen Engel zu ihren Füßen. Am Gebälk befindet sich eine runde Kartusche mit dem Wappen des Abtes Mauritius Moritz.
Im Zentrum der plastischen Altarbekrönung befindet sich das Lamm Gottes im Strahlenkranz auf dem Buch mit sieben Siegeln.
Chorgestühl mini|hochkant|Detail des Chorgestühls
Das Chorgestühl unter der Vierungskuppel im Chor ist ein Meisterwerk barocker Schnitzkunst. Es zählt zur figürlich ausgestatteten Gruppe der schwäbischen Akanthus-Chorgestühle. Es wurde in der Zeit von 1691 bis 1693 für die Vorgängerkirche geschaffen und gilt als unmittelbarer Nachfolger des Buxheimer Chorgestühls.Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008, S. 411. Als Schöpfer des Gestühls kommt neben Andreas Etschmann aus Tirol, der eine Roterin heiratete, auch Ignaz Waibl in Frage, der mit Etschmann in derselben Lehrwerkstatt war, 1693 in Rot die Patenschaft für Etschmanns erste Tochter übernahm und wahrscheinlich mit einem Teil seiner Werkstatt von Buxheim nach Rot gezogen war. Als Meister könnten auch der Schreiner Hans Heinrich Schlegel aus Luzern, der 1692 Trauzeuge Etschmanns in Rot war, oder Christoph Heinrich Dittmar, der als Bildhauer an der Kanzel von St. Martin in Memmingen wirkte, tätig gewesen sein.Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008, S. 416.
Das Gestühl besteht aus zwei doppelten Sitzreihen mit insgesamt 42 Stallen und einem üppig verzierten Dorsale. Die acht Akanthus-Aufsätze mit den Apostelfiguren auf den klassizistischen Beichtstühlen im Langhaus bildeten den Aufsatz des Chorgestühls, sind aber erst 1720 entstanden und werden Johann Ruez aus Wurzach zugeschrieben.Hermann Küchle: 850 Jahre Rot an der Rot. Geschichte und Gestalt. In: Neue Beiträge zur Kirchen- und Kunstgeschichte der Prämonstratenser-Reichsabtei. Sigmaringen 1976, S. 59. Das zweireihige Gestühl besteht aus glatten Klappsitzen zwischen reich geschnitzten Wangen. Diese schmücken an der Vorderseite vorgebauchte Karyatiden (Gebälkträgerinnen) mit unterschiedlichen Kopftypen, die zur Rückwand hin in vielfältig gestaltete Akanthusvoluten aufgelöst sind.
In das Laubwerk sind zahlreiche symbolische Darstellungen eingebunden, wie das Lamm Gottes, der Pelikan, der Drache oder die geflügelte Sphinx. Die Wangen sind auch im Fußbereich noch mit Voluten und figürlichen Reliefs versehen. Besonders prachtvoll wurden die Abschlüsse zum Altar hin gestaltet, wo die Kirchenpatronin Verena und der heilige Norbert dargestellt sind. Die zweite Sitzreihe ist ebenso aufgebaut. In den Nischen befinden sich Statuetten von Jesus und Maria und von Heiligen und Ordensstiftern. Bislang ist es nicht gelungen, alle Statuen zweifelsfrei zu identifizieren. Unsicherheiten gibt es bei Siard von Mariengaarde, Kajetan von Thiene und Romuald von Camaldoli. Ob es sich um Johannes von Gott handelt oder um Philipp Benitius, den Generalprior der Serviten, ist ungeklärt.Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008, S. 431 Der Heilige Norbert von Xanten steht als Begründer der Prämonstratenser am Beginn der Figurenfolge auf der rechten Seite (Südseite).
Bild Persönlichkeit HochaltarChorraum Persönlichkeit Bild45px Dominikus von Caleruega12./13. JahrhundertGründer der Dominikaner Romuald von Camaldoli (?)10./11. JahrhundertGründer der Camaldulenser 45px45px Franz von Assisi12./13. JahrhundertGründer des Ordens der Minderen Brüder Bernhard von Clairvaux11./12. JahrhundertBedeutender Abt der Zisterzienser 45px45px Petrus Nolascus12./13. JahrhundertMitgründer der Mercedarier Wilhelm von Malavalle12. JahrhundertEremit, Vorbild für die Wilhelmiten 45px45px Johannes von Gott (?)15./16. JahrhundertVorbild für die Barmherzigen Brüder Bruno von Köln11./12. JahrhundertGründer der Kartäuser 45px45px Petrus de Murrone13. JahrhundertGründer der Coelestiner-Eremiten Benedikt von Nursia5./6. JahrhundertGründer der Benediktiner 45px45px Elias9. Jahrhundert v. Chr.Prophet, von den Karmeliten als „Gründer“ verehrt Ignatius von Loyola15./16. JahrhundertGründer der Jesuiten 45px45px Maria Christus 45px45px Franz von Paola15./16. JahrhundertGründer der Paulaner (Minimen) Basilius der Große4. JahrhundertVater des morgenländischen Mönchtums 45px45px Kajetan von Thiene (?)15./16. JahrhundertMitgründer der Theatiner Antonius der Große3./4. JahrhundertVater des abendländischen Mönchtums 45px45px Siard von Mariengaarde (?)12./13. JahrhundertPrämonstratenserabt Johannes der Täufer1. JahrhundertProphet und Täufer 45px45px Augustinus4./5. JahrhundertVerfasser der Augustinusregel Norbert von Xanten11./12. JahrhundertGründer der Prämonstratenser 45px
Das Chorgestühl wurde im Jahr 1784 in den Neubau übernommen und dem Aufstellungsort angepasst. Anstelle der Bekrönung aus Apostelfiguren ergänzt das Werk nun der klassizistische Prospekt der Chororgel, zusammen mit Portalen und dem Spieltisch des Instruments. Gegen den spielerischen Überschwang der üppig schwellenden Barockformen wirkt der strenge, geradlinige Orgelaufbau als nüchterner Gegenpol. Eine geradlinige Brüstung mit rechteckigem Flechtbandmotiv verbindet die beiden Gehäuse, die auf der Nordseite aus Symmetriegründen aus einer Blendorgel bestehen.
Seitenaltäre mini|hochkant|Taufe Jesu durch Johannes mini|hochkant|Reliquienschrein Aurelius Renatus
Erschaffung des Adam und Taufe Jesu durch Johannes Reliquienaltäre des Aurelius Renatus und seiner Frau Domitia Erhöhung der ehernen Schlange und Kreuzigung Christi