Als polnischer Westgedanke () wird die Vorstellungswelt bezeichnet, welche eine Gewinnung deutscher Gebiete westlich der polnischen Grenze von 1772 anstrebte, die im Mittelalter schon einmal zu Polen gehört hatten. Polen-Litauen war durch drei Teilungen zwischen 1772 und 1795 unter Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt worden und als Staat verschwunden. Der polnische Westgedanke nahm im 19. Jahrhundert in den Kreisen der nationaldemokratischen Bewegung Polens Gestalt an und zielte auf die Wiedergründung eines polnischen Staates. In der Diskussion um den Grenzverlauf des nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstandenen Staates Polen gewannen diese Vorstellungen an Aktualität.

Aus dem polnischen Westgedanken entwickelte sich eine Forschungseinrichtung, die von deutscher Seite als der deutschen Ostforschung entsprechend auch als polnische Westforschung bezeichnet wird, weil sie „ein nahezu getreues Spiegelbild der deutschen Ostforschung“ bildete.Jan M. Piskorski, zitiert bei Robert Brier: Der polnische „Westgedanke“ nach dem Zweiten Weltkrieg 1944–1950. Digitale Osteuropa-Bibliothek: Geschichte 3 (2003), S. 13 (PDF; 828 kB). Sie entwickelte sich mit dem Entstehen des neuen polnischen Nationalstaates nach dem Ersten Weltkrieg. Ihr Zentrum war die 1919 neu eingerichtete Universität Posen, die 1919/20 Piasten-Universität hieß. Sie richtete sich gegen die deklarierten deutschen Absichten, die im Friedensvertrag von Versailles festgelegte Ostgrenze mit Polen nicht anzuerkennen und in Frage zu stellen. Nach dem Beginn des Überfalls auf Polen 1939 widersetzte sie sich aus dem Untergrund der Germanisierungspolitik des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ihr Ziel, die „wiedergewonnenen Gebiete“ bis zur Oder-Neiße-Linie zu legitimieren.

Insgesamt lassen sich drei Aspekte des polnischen Westgedankens unterscheiden: ein politisches Westprogramm („program zachodni“), das nach dem Ersten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg eine Verschiebung der polnischen Westgrenze als Ziel formulierte, unter dem Begriff der Westforschung wissenschaftliche Ansätze zur Begründung der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit dieser Verschiebung, und die Westarbeit („praca zachodnia“), d. i. die propagandistische Tätigkeit zur Popularisierung des Westgedankens.Vgl. Robert Brier: Der polnische „Westgedanke“ nach dem Zweiten Weltkrieg 1944–1950. S. 3 f.

Vorgeschichte mini|Die Ausbreitung der Slawen im 5. bis 10. Jahrhundert

Posen, das Zentrum des seit Jahrhunderten polnischen Kernlandes Großpolen, war bereits im 19. Jahrhundert zum organisatorischen Hauptzentrum der polnischen Nationalbewegung in Preußen bzw. im Deutschen Reich geworden. Im April und Mai 1848 kam es zum Aufstand der Posener Polen gegen die preußische Herrschaft. Der Aufstand richtete sich gegen die Einbeziehung überwiegend polnischer Gebiete in die Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung und damit gegen die Inkorporation eines Teils von Polen in einen deutschen Nationalstaat. Ferneres Ziel war eine Vereinigung ganz Polens. Dem wiederzugründenden Polen galten in der Frankfurter Nationalversammlung die Debattentage vom 24. bis 27. Juli 1848. Alle Ansprüche Polens wurden zurückgewiesen, was nicht nur im Beitrag des ostpreußischen Abgeordneten Carl Friedrich Wilhelm Jordan und seiner Betonung des „gesunden Volksegoismus“ deutlich wurde, sondern auch in der polenfeindlichen Schrift des Frankfurter Paulskirchenmitglieds und Leipziger Historikers Heinrich Wuttke Deutsche und Polen (1846/²1848).

mini|Herrschaftsgebiet Bolesławs I. um das Jahr 1000 (Kartenausschnitt aus Putzgers „Historischer Schul-Atlas“, 1905)

Er wies ausdrücklich den Anspruch zurück, dass die geforderte polnische Westgrenze die Oder sein sollte. Dabei gab er wie auch der Debattenredner Jordan zu, dass die Slawen eigentlich auf Gebiete bis zur Saale „und tief in das Herz von Deutschland“ Anspruch hätten, die ihnen seit dem 10. Jahrhundert entrissen worden waren.Polen und Deutsche, 1846, S. 5 f. – 1882 wies Ernest Renan in seiner Rede „Was ist eine Nation?“ in der Sorbonne am 11. März 1882 auf die zwischen Deutschen und Slawen stattfindende Auseinandersetzung hin: „Bedenken Sie, diese ethnographische Politik ist nicht verlässlich. Heute setzt ihr sie gegen die anderen ein; später werdet ihr erleben, wie sie sich gegen euch selbst kehrt. Ist es sicher, dass die Deutschen, die die Flagge der Ethnographie so hoch gehisst haben, nicht eines Tages erleben werden, wie die Slawen ihrerseits die Dorfnamen Sachsens und der Lausitz erforschen, die Spuren der Wilzen und der Obodriten erkunden und Rechenschaft für die Gemetzel und massenhaften Verkäufe fordern, die ihren Ahnen von den Ottonen angetan wurden?“ (Vgl. Abdruck der Rede .) Dabei weist er allerdings darauf hin, dass die Slawen sich diese Gebiete als Angreifer an sich gerissen hatten.Heinrich Wuttke, Polen und Deutsche: Politische betrachtungen von Heinrich Wuttke (Schkeuditz 1846), S. 6

Der Historiker Roland Gehrke schrieb 2001 zu den im 19. Jahrhundert entwickelten Territorialvorstellungen für einen künftigen polnischen Nationalstaat: „Mit der Rückbesinnung auf das piastische Erbe gerieten auch die territoriale Ausrichtung des Piastenstaates und darüber hinaus die mittelalterliche Westausdehnung des Slaventums überhaupt ins Blickfeld von Historikern und Publizisten. So bezeichnete es Wilhelm Bogusławski im Vorwort zu seiner monumentalen vierbändigen ‚Geschichte des nordwestlichen Slaventums bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts‘ als sein Ziel, dem Leser die enge Verbindung zwischen den westslawischen Stämmen und den Bewohnern des piastischen Polen sowie die ursprüngliche ethnographische Grenze zwischen Germanen und Slaven in Erinnerung zu rufen. Diese Grenze wurde in einzelnen Darstellungen unter Rückgriff auf eine teilweise recht abenteuerliche Interpretation von Ortsnamen sowie mittelalterlichen und antiken Quellen über ihren ungefähren Verlauf entlang der Flussläufe von Elbe und Saale hinaus noch sehr viel weiter nach Westen verlegt.“Roland Gehrke: Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges. Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche gegenüber Deutschland im Zeitalter des Nationalismus. Herder-Institut, Marburg 2001, S. 130 f. ( (PDF, 434 S.)).

mini|Sprachenkarte von Deutschland in Andrees Allgemeiner Handatlas, 1881

Vor Weltkriegsende erschien 1917 in Moskau eine Broschüre des Journalisten Bolesław Jakimiak, in der er sich Gedanken darüber machte, wie die in den Jahrhunderten zuvor vollzogenen Germanisierungsprozesse rückgängig zu machen wären. Dabei stellte sich die Deutsche Ostsiedlung für ihn so dar: „(…) man beachte, dass das zahlenmäßig verhältnismäßig kleine, nur aus einer Handvoll Stämmen (Sachsen, Bayern, Franken) hervorgegangene und zwischen Rhein und Weser siedelnde deutsche Volk mit Hilfe von Intrigen und Winkelzügen, teilweise auch mit Hilfe einer besseren Bewaffnung und einer besseren Organisation, schrittweise ein um das Vielfache größeres Territorium seiner Herrschaft unterwarf, das nicht sein eigenes war, (…) und der alteingesessenen slavischen Bevölkerung dieses Territoriums seine Sprache aufzwang. Man bedenke, dass es ein Volk, das derart räuberischen Instinkten gehorcht und bei der Entnationalisierung der Bevölkerung der einverleibten Gebiete derart rücksichtslos vorgeht, kein zweites Mal auf dem Erdball gibt.“ Für Jakimiak galten als Westgrenze der ins Auge gefassten neuen Staatsgründung bereits die Oder-Neiße-Grenze.Vgl. Roland Gehrke (2001), S. 139.

Die polnische Westgrenze im Friedensvertrag von Versailles Der Nationalpolitiker Roman Dmowski war polnischer Verhandlungsführer beim auszuhandelnden Friedensvertrag von Versailles. Er sprach sich für einen Anschluss Deutschösterreichs an Deutschland aus, weil er meinte, dass damit die preußische Vorherrschaft in Deutschland und die preußisch-deutsche Gefahr für Polen zu brechen seien.Vgl. Andreas Lawaty: Das Ende Preußens in polnischer Sicht: Zur Kontinuität negativer Wirkungen der preußischen Geschichte auf die deutsch-polnischen Beziehungen. Berlin (de Gruyter) 1986, S. 38. Sein Territorialprogramm für das künftige Polen unter teilweiser Missachtung vollständig nichtpolnisch besiedelter Gebiete sah hingegen so aus:

Diese Forderungen blieben in diesem Ausmaß unerfüllt. Die deutschen Gebietsabtretungen hatten trotzdem zur Folge, dass die Abtrennung Ostpreußens vom übrigen Reichsgebiet (siehe Polnischer Korridor) und vor allem die als willkürlich empfundene Zerreißung des oberschlesischen Industriegebiets den Ruf nach einer Revision der „blutenden Grenze im Osten“ laut werden ließen.

Die Etablierung der polnischen Westforschung Wie in der deutschen Ostforschung trugen verschiedene Wissenschaften zum Westforschungsprojekt bei, das sein Zentrum in Posen hatte. Die vorläufige Universitätsbenennung als „Piasten-Universität“ war bereits Programm und wies darauf hin, dass in einem Jahrtausendraum gedacht wurde, nämlich von Mieszko I. her, der als Erster in Berührung mit der sächsischen Expansion unter den Liudolfingern in Gestalt des Markgrafen Gero gekommen war.Vgl. Robert Brier (2003), S. 53. Neben der Nationalgeschichte waren es vor allem Archäologie, Geographie, Soziologie und Linguistik, die ihre Beiträge zur Erkundung der westlichen Gebiete leisteten, die einst von Slawen bewohnt waren, die im Zuge der vom Heiligen Römischen Reich ausgehenden mittelalterlichen Ostexpansion zurückgedrängt worden und großflächig völlig verschwunden waren.

Robert Brier schrieb 2003: „Der Archäologe Józef Kostrzewski etwa sah die Rolle seiner Wissenschaft als Produzentin von Argumenten für politische Forderungen und erinnerte während des polnischen Historikertages im Jahr 1925 daran, dass die Geschichtswissenschaft in den Westgebieten schon immer den Zwecken der ‚Verteidigung der nationalen Existenz‘ gedient habe. Hatte sich diese politische Einstellung zu Wissenschaft in den Westgebieten des damaligen polnischen Staates zweifelsohne unter den besonderen Umständen des Germanisierungsdruckes im Deutschen Reich entwickelt, so erhielt sie spätestens seit der Mitte der Zwanziger Jahre durch den Aufstieg der Ostforschung in der Wissenschaftslandschaft der Weimarer Republik erhöhte Aktualität. Nach der Entstehung von deutschen Osteuropa-Forschungsinstituten in Königsberg und Breslau während des Ersten Weltkriegs war es besonders die 1926 gegründete Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung, die dieser Forschungsrichtung ein institutionelles Gepräge sowie eine inhaltliche und methodische Stoßrichtung gab.“Robert Brier (2003), S. 12 f.

Wie eng die Berührung mit deutschen Konzepten war, zeigte sich beispielhaft darin, dass der Westforscher Józef Kostrzewski bei Gustaf Kossinna studiert hatte. Der hatte die These entwickelt, dass die slawische Kultur zivilisatorisch jünger sei als die deutsche. Ihr Entstehen verdanke sie wesentlich germanischer Kultur, weshalb Mitteleuropa bis zur Weichsel gleichsam germanische „Urheimat“ gewesen sei. Kostrzewskis wissenschaftliche Tätigkeit bestand darin, Kossinna zu widerlegen.

Rudolf Jaworski stellt fest, dass sowohl in der polnischen West- wie in der deutschen Ostforschung „hochpolitische Forschungsanliegen“ im Streit um Territorien, Minderheiten und Kultureinflüsse entstanden waren. Sie hätten den Zweiten Weltkrieg überdauert „und lange Zeit das geistige Klima zwischen beiden Ländern vergiftet, da sie über die wissenschaftliche Arbeit hinaus auch publizistisch und pädagogisch wirksam wurden“.Rudolf Jaworski: Deutsche Ostforschung und polnische Westforschung. S. 12, in: Deutsche Ostforschung und polnische Westforschung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Disziplinen im Vergleich, hrsg. von Jan M. Piskorski/Jörg Hackmann/Rudolf Jaworski, fibre, Osnabrück 2003, S. 11–23.

Zweiter Weltkrieg