Die ehemals freie Bergstadt Sankt Andreasberg (auch St. Andreasberg, oberharzisch Annerschbarrich) zählt etwa 1400 Einwohner und liegt im Oberharz. Der Ort war bis zum 1. November 2011 eine eigenständige Gemeinde, die aufgelöst wurde und seitdem ein Ortsteil der Stadt Braunlage im Landkreis Goslar ist.
Sankt Andreasberg war von 1965 bis 2010 ein heilklimatischer Kurort, heutzutage ist die Ortschaft ein Luftkurort am Nationalpark Harz. Der Tourismus spielt eine wichtige wirtschaftliche Rolle.
Geographie Lage mini|hochkant=1.4|Berg-Panorama, von links: Rehberg, Achtermannshöhe, Brocken, Wurmberg mini|hochkant=1.4|Westpanorama der Oberstadt, aufgenommen vom Galgenberg mini|hochkant=1.4|Südpanorama aufgenommen vom Matthias-Schmidt-Berg mini|hochkant=1.4|Nordostpanorama aufgenommen von der Jordanshöhe Sankt Andreasberg liegt zwischen Braunlage im Osten, Herzberg am Harz im Westen, Bad Lauterberg im Süden sowie Clausthal-Zellerfeld und Altenau im Nordwesten im Naturpark Harz am Rand des Nationalparks Harz. Sankt Andreasberg ist „eingeschlossen“ vom gemeindefreien Gebiet Harz. Die Bergstadt befindet sich direkt südlich der an der Jordanshöhe gelegenen Quelle der Sperrlutter (nahe den Glückaufklippen), welche die Stadt unmittelbar westlich passiert und nach Süden der Oder zufließt. In diese mündet beim südöstlichen Stadtteil Oderhaus die Trutenbeek.
In einem südlichen Halbkreis wird das Ortsgebiet vom Galgenberg (), Glockenberg (), Matthias-Schmidt-Berg () sowie dem Beerberg () eingerahmt und erstreckt sich im Norden hinauf zur Jordanshöhe (). In dieser Richtung befinden sich beim etwas entfernten Ortsteil Sonnenberg unter anderem die beiden Sonnenberge (max. ) und der Rehberg (). Nahe Oderhaus befindet sich der Schloßkopf ().
Aufgrund ihrer topografischen Lage am oberen Ende des langgestreckten Sperrluttertals besteht Annerschbarrich, so der einheimische Name, aus der Unterstadt (500–) – Altstadt, Punkt der Stadtgründung – und der Oberstadt (590–). Die Bergstadt ist umgeben von unter Naturschutz stehenden Bergwiesen, Wäldern und Bergen.
mini|Silberhaltiger Bleiglanz als Altarschmuck in der Martini-Kirche Geologie Bedingt durch den ausgiebigen Bergbau in und um Sankt Andreasberg (siehe Geschichte) wird der Ort häufig als Fundstelle diverser Mineralien genannt, so beispielsweise bei Galenit, Arsenolith (selten), Samsonit (sehr selten), Pyrargyrit (selten), Chlorargyrit oder Stephanit (selten), Stilbit.
Ortsgliederung Zu Sankt Andreasberg gehören die etwas entfernt liegenden Ortsteile Sonnenberg, Odertaler Sägemühle, Oderhaus, Oderberg, Oderbrück und Silberhütte.
Geschichte 12. bis 18. Jahrhundert Die ersten Gruben und eine erste Siedlung wurden vermutlich im 12. Jahrhundert unter der Regie der Mönche der Zisterzienserabtei Walkenried angelegt. Schlackehalden und Gebeinhaufen belegen, dass der Bergbau in der Gegend um Andreasberg betrieben wurde, bis Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest die Gegend entvölkerte. Ob diese Siedlung bereits den Namen Sankt Andreasberg trug, ist nicht überliefert, die Mönche benannten allerdings bereits einen Berg nach dem Schutzpatron des Bergbaus „St. Andrews Berg“.
Die erste bisher aufgefundene urkundliche Erwähnung (im Genitiv: „sanct AndrewsBerges“) in einem Brief des Grafen Heinrich zu Stolberg an Dietrich von Witzleben stammt vom 3. November 1487. Die Ortsgründung erfolgte um den Markt. Die vermutlich ersten Silber-Zechen waren die Grube St. Andreaskreuz am Fuße des Beerbergs und die Grube St. Andreas am Marktplatz.
1521 wurde durch die Grafen Heinrich und Ernst von Hohnstein die Bergfreiheit erlassen.Sankt Andreasberger Bergfreiheiten von 1521 auf Wikisource Mit ihrer Hilfe versuchte man, Bergleute aus dem Mansfelder Land, Sachsen und Böhmen in die Grafschaft zu holen, damit sie dort nach Silber und anderen Metallen schürften. Da der gewünschte Zuzug ausblieb, wurde 1527 eine zweite Bergfreiheit erlassen, die durch weitere Privilegien Bergleute in das Gebiet locken sollte. Im Jahr 1535 wurden Sankt Andreasberg die Stadtrechte verliehen. Zu dieser Zeit arbeiteten in 116 Gruben etwa 800 Bergleute. Weitere Wohngebäude entstanden am Wäschegrund in direkter Nähe der Grube St. Andreaskreuz, danach im Bereich der heutigen Ober- und Unterstadt. Die Keimzelle der blühenden Bergmannssiedlung bildeten der Marktplatz, die Haldenstraße (heute Halde) und die Breite Straße. Dort befanden sich unter anderem das Rathaus, die Polizei mit Gefängnis, eine Apotheke, das Gericht und diverse Händler. Die ältesten Gebäude der Bergstadt sind zum einen in der Lämmerhirtsgasse das Haus der ehemaligen Pochknabenschule zur Ausbildung von Pochjungen sowie die Gebäude der Mühlenstraße und Halde.
Um 1575 zählte St. Andreasberg bereits 2500 Einwohner und bildete damals die größte Ansiedlung des Oberharzes. Die Andreasberger Silberhütte, erbaut vor 1550, hatte mit einer Jahreserzeugung von 1,6 Tonnen Brandsilber einen wirtschaftlichen Höhepunkt in ihrer Geschichte, den sie nach einer langen Phase des Niedergangs erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder erreichte und überschritt. Charakteristisch für den Bergbau in St. Andreasberg war das Auf-und-Ab des Erz- und Metallausbringens, das stets unter dem Ausbringen benachbarter Bergbauorte wie beispielsweise Clausthal lag. So wurden in 400 Jahren Bergbau in St. Andreasberg nur 313 t Silber erzeugt, während im Clausthal-Zellerfelder Revier die gleiche Menge zu Beginn des 20. Jahrhunderts in etwa 20 Jahren gefördert wurde. Wahrscheinlich bildete dies auch mitunter einen Anlass, das anfänglich in Ellrich vermünzte Silber, das anschließend bis 1593 in St. Andreasberg zu Talern geprägt wurde, ab 1623 in der Clausthaler Münzstätte zu vermünzen.
Weil die ersten Einwohner hauptsächlich aus dem böhmischen und sächsischen Erzgebirge sowie dem Mansfelder Land stammten, hat sich in Sankt Andreasberg eine Oberharzer Mundart (siehe auch: Erzgebirgisch) ausgebildet, welche sich regional auf die Bergstädte des Oberharzes beschränkt. Die Oberharzer Mundart hört man im täglichen Leben nur noch wenig. Hauptsächlich Angehörige der älteren Generation beherrschen sie noch, sodass zur Aufrechterhaltung in den Lokalzeitungen gelegentlich Artikel in Oberharzer Mundart abgedruckt werden. Als Beispiel für den Dialekt wird ein Spruch angeführt, den ein Vater im 19. Jahrhundert einem neuen Lehrer überbracht haben soll, da dieser die Oberharzer Mundart der Schüler nicht richtig verstehen konnte („Dos will ä Lehrer sein un verschtieht noch net ämol deitsch!“) und sie auch abschaffen wollte.
De Harzer Schprohch, die klingt su schien, un kann ä jeder wull verschtiehn. Se hott kä „ö“ un hott kä „ü“, doch klingtse mollig, schpät un frieh. Un biste fremd, denn larnse ahch, doch kannstes net, schtieh kän in Wahg.
Nach dem Aussterben der Grafen von Hohnstein 1593 waren die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel bis 1617 politisch für Sankt Andreasberg zuständig. Bis zum Jahr 1665 waren es die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, gefolgt von der Calenberg-Hannoverschen Linie.
Ein Großfeuer, verursacht durch einen Blitzschlag im Haus Nummer 23 an der heutigen Herrenstraße, zerstörte am 8. Oktober 1796 insgesamt 249 Wohn- sowie 326 Stallgebäude, die Dreifaltigkeitskirche, Amtshaus, Rathaus, Schulhaus, Apotheke, Wohnungen der Prediger, des Stadtmagistrats, der Bergbedienten und des Arztes.Heinrich Morich: Der große Brand in St. Andreasberg am 8. Oktober 1796. In: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Schaltjahr 1936. S. 45–46.Heinrich Morich: Die früheren Brandkatastrophen im Oberharz. In: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1939. S. 42–44. 500 Familien verloren in dem Sturm- und Regenwetter alles Obdach. , schrieb Pastor Primer Johann Heinrich Christoph Deichmann in den Hannoverischen Anzeigen vom 21. Oktober 1796.
Die Kirche der evangelischen Martini-Gemeinde wurde als einfache Holzkirche mit kleinem Läuteturm erst 1809–1811 wiederaufgebaut. In der Zeit des Wiederaufbaus wurde das Haus Halde 18 als Schule und Kirche genutzt.
1688 wurde der Glockenturm auf dem Glockenberg neben dem vorhandenen Gebäude des Hutmannes (Nachtwächter und Anläuter) errichtet. Der vorherige Glockenturm an der Kirche war baufällig geworden, und der Stadtteil, welcher sich in südlicher Richtung zum Matthias-Schmidt-Berg und im Tambach-Tal befand, war in der vorhergegangenen Wirtschaftskrise (Holzmangel, schlechte Anbrüche, Geldmangel, Pest) abgerissen worden und brauchte nicht mehr „beläutet“ zu werden. 1833 war der neue Turm so baufällig, dass der heute noch vorhandene Turm direkt am Gebäude errichtet wurde.
In 400 Jahren Bergwerksbetrieb wurden in und um Sankt Andreasberg über 300 Gruben für den Erz- und Silberbergbau angelegt. Im Stadtgebiet und der nahen Umgebung trifft man noch auf zahlreiche Zeitzeugen der wirtschaftlich bedeutendsten Geschichte Sankt Andreasbergs, u. a. den montanhistorischen und gesteinskundlichen Lehrpfad. Tiefstes Bergwerk war die Grube Samson mit 42 Strecken (Etagen) und einer Gesamtteufe von „190 m unter dem Spiegel der Ostsee“, also etwa 840 m. Am 11. Dezember 1777 besuchte Johann Wolfgang von Goethe Sankt Andreasberg, um sich über den Bergbau zu informieren. Er fuhr in die Grube Samson ein und vermerkte in seinem Tagebuch: „Es ward mir sehr sauer“. 1783 besuchte Goethe erneut die Bergstadt und wanderte u. a. entlang des Rehberger Grabens.
19. Jahrhundert bis zur Gegenwart Von 1807 bis 1813 gehörte Sankt Andreasberg zum Königreich Westphalen. Die Bergstadt war der Hauptort des Kantons Andreasberg, Distrikt Osterode im Departement des Harzes. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft gehörte Sankt Andreasberg zum Königreich Hannover. Der Ort wurde durch die Berghauptmannschaft Clausthal als Mittelbehörde des Königreichs Hannover verwaltet. Im Zuge der Trennung von Justiz und Verwaltung wurde im Jahr 1852 das Amt Sankt Andreasberg mit dem Sprengel des bisherigen Berg- und Stadtgerichts Clausthal neu gebildet. Bereits 1859 wurde es mit dem Amt Zellerfeld und der bisher amtsfreien Stadt Clausthal zum Amt Zellerfeld zusammengefasst, mit dem es 1885 im Kreis Zellerfeld aufging. Dieser gehörte ab 1866 zur preußischen Provinz Hannover.
Der Bergbau geriet ab Mitte des 19. Jahrhunderts in eine Krise und kam 1910 zum Erliegen. Zunächst konnten holzverarbeitende Betriebe, Lungenheilstätten sowie der aufkommende Fremdenverkehr und Kurbetrieb die wirtschaftlichen Folgen mindern, jedoch kamen diese Erwerbszweige im Zuge der Weltwirtschaftskrise größtenteils ebenfalls zum Erliegen. Bereits ab 1929 stiegen die Wahlergebnisse der NSDAP; bei den Kommunalwahlen am 5. März 1933 erreichte die NSDAP die absolute Mehrheit im Bürgervorsteherkollegium. In der konstituierenden Sitzung gelang es ihr sofort, die anderen Fraktionen auszuschalten. Dementsprechend wurden ein NSDAP-Mitglied zum kommissarischen Bürgermeister gewählt, die Freifläche vor dem Rathaus in Adolf-Hitler-Platz umbenannt und Paul von Hindenburg und Adolf Hitler zu Ehrenbürgern erklärt. In der Folgezeit wurden bis 1935 in großem Umfang Notstandsarbeiten durchgeführt. Erst durch die Ansiedlung von Rüstungsindustrie und die Förderung des Fremdenverkehrs ging die Arbeitslosigkeit ab Mitte der 1930er Jahre zurück. Es wurden ein SA-Hilfswerklager und eine SA-Führerschule eingerichtet. Beim Stadtjubiläum 1937 wurde Viktor Lutze, der Stabschef der SA, zum Ehrenbürger ernannt, da die SA auch nach 1934 eine große Rolle vor Ort spielte. Nach Kriegsbeginn kam es zum Einsatz von Kriegsgefangenen sowie ab 1942 von über 1000 Zwangsarbeitern in zahlreichen Betrieben, insbesondere in den Rüstungswerken.