Mokgadi Caster Semenya (* 7. Januar 1991 in Pietersburg) ist eine südafrikanische Mittelstreckenläuferin und mehrfache Olympiasiegerin sowie Weltmeisterin im 800-Meter-Lauf. Für die Saison 2020 hatte die intergeschlechtliche Athletin als Fußballerin beim JVW FC einen Vertrag unterschrieben.Semenya signs for South African football team. ESPN Africa, 6. September 2019.

Werdegang und Debatte um Intergeschlechtlichkeit Semenya wurde im Dorf Ga-Masehlong in der Nähe von Pietersburg, dem heutigen Polokwane, geboren. Sie ist eine intergeschlechtliche Frau, die bei der Geburt als weiblich eingestuft wurde.

Semenya studierte ab 2009 Sportwissenschaften an der Universität Pretoria.Caster Semenya row: 'Who are white people to question the makeup of an African girl? It is racism'. In: The Guardian. 23. August 2009, abgerufen am 8. Mai 2015 (englisch).

Bei den Juniorenweltmeisterschaften 2008 in Bydgoszcz schied sie im 800-Meter-Lauf noch mit einer Zeit von 2:11,98 min in der Vorrunde aus. Im folgenden Jahr stellte sie im Juli mit 1:56,72 min eine Weltjahresbestleistung auf.

Bei den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin gewann sie die Goldmedaille im 800-Meter-Lauf. In persönlicher Bestzeit von 1:55,45 min distanzierte sie die Kenianerin Janeth Jepkosgei Busienei und die Britin Jennifer Meadows auf den folgenden Plätzen um über zwei Sekunden.

Im Vorfeld des WM-Laufes kamen erste Mutmaßungen hinsichtlich einer möglichen Intergeschlechtlichkeit Semenyas auf. Als Indizien wurden die ungewöhnliche Leistungssteigerung innerhalb nur eines Jahres, die tiefe Stimme und das maskuline Aussehen genannt. Ein Startverbot lehnte der Leichtathletikweltverband IAAF mangels Beweisen ab. Nach ihrem deutlichen Sieg in Berlin reagierte der Verband jedoch auf die zunehmenden Zweifel und ordnete einen Test zur Überprüfung des Geschlechts von Semenya an.Jan Reschke: Geschlechtstest bei Leichtathletik-WM: XY ungelöst. In: Spiegel Online. 20. August 2008. Die Entscheidung wurde in Südafrika mit Empörung aufgenommenGeschlechtstest bei Semenya: Südafrika will Uno einschalten. In: Spiegel Online. 21. August 2009. und auch von Menschenrechtsaktivisten wurden die Tests kritisiert.Oliver Tolmein: XY: Geschlecht kann man nicht testen. In: Der Freitag. 26. August 2009.

IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss teilte der Presse mit: „Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent.“Weltverband will Gewissheit über Semenya. In: Neue Zürcher Zeitung. 10. September 2009. Ansonsten verzichtete die IAAF darauf, Presseberichte über Semenyas angebliche Intergeschlechtlichkeit zu kommentieren.Jens Hungermann, Christian Putsch: Weltmeisterin Semenya soll ein Zwitter sein. In: Die Welt. 11. September 2009. Kurz danach wurde bekannt, dass der südafrikanische Leichtathletikverband (ASA) bereits vor den Weltmeisterschaften bei Semenya einen Geschlechtstest angeordnet hatte, um die Startberechtigung für Frauenrennen zu prüfen. Daraufhin gelangte Verbandspräsident Leonard Chuene in die Kritik, der gemeinsam mit Politikern Tests stets bestritten und die IAAF für die Behandlung des Semenya-Falles kritisiert hatte.Michael Rensch: Caster Semenya: Missbraucht für Gold. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 20. September 2009.

Anfang November 2009 wurde Leonard Chuene samt Präsidium von der South African Sports Confederation and Olympic Committee (SASCOC) suspendiert, nachdem sein Verband zuvor Abbitte für das Fehlverhalten im Fall der 800-Meter-Weltmeisterin geleistet hatte. In: Rheinische Post. 5. November 2009. Zwei Wochen später teilte das südafrikanische Sportministerium mit, dass Semenya die Goldmedaille und das Preisgeld behalten dürfe. Die medizinischen Untersuchungen wurden weiterhin vertraulich behandelt.Semenya darf 800-m-WM-Gold behalten. In: Neue Zürcher Zeitung. 19. November 2009.

Am 6. Juli 2010 gab die IAAF bekannt, dass Semenya mit sofortiger Wirkung wieder bei den Frauen starten darf.Caster Semenya may compete. In: IAAF.org. 6. Juli 2010. Im Zuge der durch den Fall Semenya ausgelösten Kontroverse passte das Internationale Olympische Komitee im Juni 2012 die für die Olympischen Spiele in London gültigen Richtlinien zu weiblichem Hyperandrogenismus an.Internationales Olympisches Komitee: IOC Regulations on Female Hyperandrogenism (PDF; 73 kB). 22. Juni 2012, abgerufen am 26. August 2013 (englisch). Danach müssen sich weibliche Athleten, bei denen durch das Vorliegen eines für Männer typischen Androgenwertes ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Frauen vermutet wird, einer androgensenkenden Behandlung unterziehen, wenn sie weiterhin an Wettkämpfen unter Frauen teilnehmen wollen. Im Mai 2011 hatte bereits die IAAF entsprechende Regeln eingeführt.Anja Herrlitz: In: Leichtathletik. 12. April 2011, abgerufen am 26. August 2013.Amended IAAF Rules and new & updated IAAF Regulations – In Force as of 1 May 2011. In: IAAF.org. 1. Mai 2011, abgerufen am 26. August 2013 (englisch/französisch).Lukas Brems: Caster Semenya: Es geht um mehr als Testosteron In: Zeit Online, 23. Oktober 2018, abgerufen am 29. Oktober 2018.

2011 musste sich Semenya bei den Weltmeisterschaften in Daegu über 800 Meter nur der Russin Marija Sawinowa geschlagen geben und gewann mit einer Zeit von 1:56,35 min die Silbermedaille. Ab November 2011 wurde sie von der mosambikanischen Olympiasiegerin und mehrfachen Weltmeisterin Maria de Lurdes Mutola trainiert.Trainerin Mutola: Semenya wird Weltrekord laufen. In: Freie Presse. 5. April 2012, abgerufen am 16. Dezember 2012. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London belegte Semenya mit 1:57,23 min erneut nach Sawinowa den zweiten Platz. Sawinowa wurde jedoch 2015 wegen Dopings disqualifiziert, so dass Semenya die Goldmedaillen der Weltmeisterschaften 2011 und der Olympischen Spiele 2012 zuerkannt wurden.

Für die Teilnahme an den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau konnte sich Semenya nicht qualifizieren, da sie nach Überstehen einer langwierigen Knieverletzung die geforderte Normzeit verfehlte.Leichtathletik: Semenya verpasst die WM-Norm. In: Spiegel Online. 28. Juli 2013, abgerufen am 26. August 2013.Caster not in provisional SA team. In: IOL. 19. Juli 2013, abgerufen am 26. August 2013 (englisch).

2015 wurden die Regeln zur Androgenbehandlung vom Internationalen Sportgerichtshof aufgehoben und der IAAF zwei Jahre Zeit gegeben, die medizinische Notwendigkeit zu beweisen. Sportlerinnen mit erhöhtem Testosteronspiegel dürfen seither ohne Behandlung wieder an Wettkämpfen teilnehmen,Dutee Chand thematisiert Testosteron bei Frauen. medmix.at, abgerufen am 21. August 2016. was bei Semenya mit einer signifikant gestiegenen Leistung einherging:Läuferin Caster Semenya – „Wenn ich pinkele, pinkele ich wie eine Frau“ auf faz.net, 7. August 2017, abgerufen 8. August 2017.Cas-Entscheid zu Caster Semenya – Wann ist eine Frau eine Frau? (1. Mai 2019). Nachdem sie bei den Weltmeisterschaften 2015 in Peking im 800-Meter-Lauf noch als Letzte ihres Halbfinallaufes gescheitert war, steigerte sie ihre Vorjahresbestzeit (1:59,59 min) bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro als Siegerin mit persönlicher Bestleistung und nationalem Rekord um mehr als vier Sekunden auf 1:55,28 min, einer Zeit, die seit etwa zehn Jahren nicht mehr erreicht worden war.

Bei den Weltmeisterschaften 2017 in London verteidigte Semenya ihren Titel im 800-Meter-Lauf erfolgreich. Außerdem gewann sie im 1500-Meter-Lauf hinter Faith Kipyegon aus Kenia und Jennifer Simpson aus den Vereinigten Staaten die Bronzemedaille. Am 27. August 2017, zwei Wochen nach den Weltmeisterschaften, stellte sie beim ISTAF Berlin eine neue Weltbestleistung auf über die nichtolympische Distanz von 600 Meter mit 1:21,77 min.

2018 siegte Semenya bei den Commonwealth Games in Gold Coast sowohl über 800 als auch über 1500 Meter. Beim Meeting de Paris steigerte sie ihre 800-Meter-Bestleistung auf 1:54,25 min und setzte sich damit auf den vierten Platz der ewigen Weltbestenliste. Im 400-Meter-Lauf der Afrikameisterschaften in Asaba blieb sie mit ihrer Siegerzeit von 49,96 s erstmals unter der 50-Sekunden-Marke. Zwei Tage später triumphierte sie auch im 800-Meter-Lauf und unterbot in 1:56,06 min den 25 Jahre alten Meisterschaftsrekord ihrer Trainerin Maria de Lurdes Mutola um zwei Zehntelsekunden.

Ende April 2019 siegte Semenya bei den Südafrikanischen Meisterschaften über 5000 Meter. An den wegen der COVID-19-Pandemie auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen in Tokio konnte Semenya ihren Titel über 800 Meter nicht verteidigen, da sie die von World Athletics verlangte Senkung ihres Testosteronspiegels auf unter 5 nmol/l für mindestens sechs Monate ablehnte.

Im Jahr 2024 gab Semenya ihre Absicht bekannt, Präsidentin des Leichtathletikweltverbandes World Athletics zu werden.

Medizinische Befunde Semenya besitzt männliche XY-Chromosomen und einen natürlich erhöhten Testosteronspiegel.

Maßgeblich für die Wirkung des Testosterons ist allerdings seine körperliche Rezeption. Es gibt Menschen, die einen (männlichen) XY-Chromosomensatz aufweisen, aber deren Körperzellen keine Testosteronrezeptoren haben – sie werden meist als „weiblich aussehend“ wahrgenommen und leben oft als Frauen. Sie weisen einen seltenen männlichen, geschlechtlich unklaren bis zu komplett weiblichen Phänotyp auf. Diese Form der Intersexualität wird als Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS) bezeichnet, das vermutlich auf einer Störung der Geschlechtsentwicklung durch 5α-Reduktase-2-Mangel beruht. Ob die betroffenen «XY-Frauen» bei Sportwettkämpfen gegenüber anderen Frauen einen physischen Leistungsvorteil haben, ist umstritten. Der Sportwissenschaftler Alun Williams bezeichnete die Beweislage für einen Leistungsvorteil von Athletinnen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung trotz Y-Chromosoms im Frühjahr 2026 weiterhin als stark umstritten und warnte zugleich vor erheblichen ethischen Problemen einer breiten genetischen Testung, insbesondere bei Minderjährigen.

Bei Semenya ist ihre Intersexualität infolge des AIS anatomisch damit verbunden, dass sie von Geburt an keine Eierstöcke und Gebärmutter, dafür aber innenliegende Hoden besitzt; letztere verursachen den hohen Testosteronspiegel. Damit ist eine medizinische Parallele gegeben zu einem Fall im österreichischen Skirennsport; die Weltmeisterin Erika Schinegger, bei der durch einen Geschlechtstest 1968 ein vergleichbarer Phänotyp festgestellt wurde, transitionierte allerdings später zu Erik Schinegger.

Gerichtliche Verfahren Internationaler Sportgerichtshof Am 1. Mai 2019 verkündete der Internationale Sportgerichtshof (CAS) seine Entscheidung über die neue Regelung der IAAF zur Testosteron-Obergrenze von fünf nmol/l für Frauen bei Rennen zwischen 400 Meter und der Meile, die Läuferinnen mit einem 46,XY-Chromosomensatz zwingen soll, sechs Monate vor internationalen Wettkämpfen ihren Testosteronspiegel mit Medikamenten zu senken (Gesamt-Testosteron bei Männern: 10,4–34,7 nmol/l, bei Frauen vor den Wechseljahren: < 3 nmol/l, siehe Geschlechtsüberprüfung beim Sport). Er bestätigte mit 2:1 Stimmen zwar die Ansicht der Klägerseite (bestehend aus Semenya und dem südafrikanischen Leichtathletikverband ASA), dass eine Diskriminierung vorliege, diese sei aber notwendig, angemessen und verhältnismäßig, um die Integrität der Frauenleichtathletik zu schützen. Angemahnt wurde aber auch, dass ständig auf die Fairness der Umsetzung der Verordnungen zu achten sei und diese gegebenenfalls anzupassen seien. Mögliche Nebeneffekte der Hormonbehandlung könnten in Zukunft zu einem anderen Urteil führen. Für die Distanzen von 1500 Meter und der Meile hielt der CAS außerdem die Beweislage für einen Leistungsvorteil für gering und empfahl eine Aussetzung der Regel diesbezüglich.

Schweizer Bundesgericht