Henan (, deutsch: Henan/Honan) ist eine Provinz in der östlichen Mitte der Volksrepublik China. In Henan befinden sich die Städte Luoyang und Kaifeng, die beide zu verschiedenen Zeiten Hauptstädte des chinesischen Kaiserreiches waren. Henan hat 99,4 Millionen Einwohner (2020) und gehört zu den bevölkerungsreichsten Provinzen Chinas. Der Name, zusammengesetzt aus hé ( – „Fluss“) und nán ( – „Süden“), bedeutet „südlich des Flusses“ und bezieht sich auf den Gelben Fluss (Huáng Hé).
Geographie und Klima mini|links|Klimadiagramm von Zhengzhou
Die größte Teil der Provinz liegt südlich des Gelben Flusses, der auf einer Länge von 700 km die Provinz durchfließt, daher der Name „Henan“ (südlich des Flusses). Henan ist durch Gebirge und Flüsse als natürliche Barrieren nach Westen, Nordwesten und Süden von den anderen Provinzen Chinas deutlich abgegrenzt, während es sich im Osten zur Großen Ebene öffnet, die sehr gute Bedingungen für den Getreideanbau bietet. Insgesamt bestehen 55,7 % der Provinzfläche aus Ebenen, 26,6 % aus Berg- und 17,7 % aus Hügelland. In der Westhälfte findet sich die Gebirge bzw. Berge Taihangshan, Xiaoshan, Xiong’ershan, Waifangshan, Funiushan und Songshan.
Die Nachbarprovinzen sind Anhui, Hubei, Shanxi, Hebei, Shandong und Shaanxi. Zu den Städten in der Provinz gehören neben der Provinzhauptstadt Zhengzhou auch die alten Kaiserstädte Kaifeng und Luoyang.
Das Klima Henans ist kontinental mit kalten und relativ trockenen Wintern und feucht-heißen Sommern. Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei 13–15 °C und der mittlere Jahresniederschlag bei 600–900 mm. Temperaturen und Niederschläge nehmen von Norden nach Süden zu. In starkem Maße wird Henan von Naturkatastrophen bedroht. Aus den letzten 2.000 Jahren wird von fast 1.000 Dürre- und Überschwemmungskatastrophen berichtet. Der Gelbe Fluss veränderte in dieser Zeit am Unterlauf 21-mal seinen Lauf mit gravierenden Auswirkungen auf die Landwirtschaft der Provinz. Zum anderen führen die starken Regenfälle im Sommer schnell zu einem Anstieg der Wasserführung in den Flüssen, die dann über die Ufer treten können. Die Deich- und Kanalbauten, die seit den 1950er Jahren erfolgten, haben zu einer Verbesserung des Schutzes und damit auch der Bedingungen für die Landwirtschaft geführt.
Geschichte In der älteren Geschichtswissenschaft galten die Löss-Ebenen am Gelben Fluss und insbesondere die Provinz Henan als zentrale „Wiege der chinesischen Zivilisation“. Diese Sichtweise gilt mittlerweile als überholt und moderne Historiker gehen von einem plurizentrischen Ursprung aus. Trotzdem gilt Henan weiterhin als eine wichtige Kern- und Ursprungsregion der chinesischen Kultur. In den alten konfuzianischen Schriften wird Henan unter dem alten Namen Yuzhou () als Zentrum der neun historischen chinesischen Reiche während der Xia- und Shang-Dynastie beschrieben. Hiervon leitet sich auch das Kürzel für Henan – – ab. Die Orakelknochen aus der späten Shang-Dynastie als älteste Zeugnisse der chinesischen Schrift wurden zunächst bei der Fundstätte Yinxu in Henan entdeckt.
mini|Glasierte Keramik aus der Zeit der Tang-Dynastie, in Luoyang ausgegraben Die ältesten Funde von Kulturgegenständen aus dem Neolithikum in Henan wurden bei Jiahu im Kreis Wuyang gemacht. Diese proto-chinesische Kultur wird auf ein Alter von mindestens 9000 Jahren geschätzt. Eine weitere bedeutende Fundstätte befindet sich in Yangshao im Kreis Mianchi, nach der die Yangshao-Kultur (etwa 5000–3000 v. Chr.) benannt ist. Auch von der neolithischen Longshan-Kultur (etwa 3000–2000 v. Chr.) finden sich mehrere bedeutende Fundstätten in Henan. Etwa um 2800 v. Chr. soll der legendäre Kaiser Fu Xi nahe dem heutigen Huaiyang seine Hauptstadt Chen gegründet haben. Die nach ihrem Entdeckungsort in der Stadt Yanshi benannte Erlitou-Kultur (2100–1600 v. Chr.) erstreckte sich über Henan und das südliche Shanxi. Auf die Shang-Dynastie, die ihr Zentrum im Gebiet des heutigen Henan hatte, folgte ab etwa 1045 v. Chr. die Zhou-Dynastie. Unter dem Druck von Barbareneinfällen verlegte diese ihre Hauptstadt im Jahr 771 v. Chr. nach Chengzhou () in das Gebiet des heutigen Henan. In der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (722–481 v. Chr.) war das Gebiet des heutigen Henan unter der Herrschaft von wechselnden Fürstentümern. Während der Zeit der streitenden Reiche (481–221 v. Chr.) befand sich Henan unter der Kontrolle von drei Staaten: Wei mit Hauptstadt Daliang (das heutige Kaifeng), Zhao und Han mit Hauptstadt Xinzheng. Die streitenden Reiche wurden durch den Staat Qin nacheinander erobert. Das unter der Qin-Dynastie geeinigte China wurde in 48 Präfekturen eingeteilt, von denen etwa sieben auf das heutige Henan entfielen (Sanchuan, Yingchuan, Dongjun, Dangjun, Nanyang, Chenjun und Henei).
In der Spätphase der Han-Dynastie wurde Henan von der Aufstandsbewegung der Gelben Turbane (184–205 n. Chr.) miterfasst. Im Jahr 494 n. Chr. verlegte Xiao Wen aus der Nördlichen Wei-Dynastie seine Hauptstadt nach Luoyang. Auch zur Zeit der Tang-Dynastie blieb Luoyang die zweite Hauptstadt für den Osten des Reichs (erste Hauptstadt wurde Xi’an, damals Chang’an). In Kaifeng bildete sich in den nachchristlichen Jahrhunderten eine jüdische Gemeinde, deren Existenz erst durch die Berichte des Jesuiten Matteo Ricci 1605 im Westen bekannt wurde. Außerdem kamen nestorianische Christen, besonders nach Luoyang, das im Westen unter dem Namen Saragh bekannt wurde. Beide, Juden und Christen, waren über die Seidenstraße aus Zentralasien und dem Iran eingewandert. Nachdem Kaifeng etwa um das Jahr 560 an den Großen Kanal angeschlossen worden war, blühte es zur Handelsmetropole auf.
Seit etwa dem Beginn der Ming-Dynastie (1368–1644) existierte die Provinz Henan ungefähr in ihren heutigen Grenzen. Die Provinz wurde durch die Kriegswirren zum Ende der Ming-Dynastie schwer mitgenommen, erholte sich aber unter der folgenden langen Herrschaft des Qing-Kaisers Kangxi wieder. mini|Soldaten der chinesischen Nationalarmee im Überschwemmungsgebiet des Gelben Flusses 1938 Nach Beginn des japanischen Aggressionskrieges gegen China ab 1937 sah sich die nationalchinesische Regierung unter Chiang Kai-shek fast ununterbrochen in der Defensive. Um den scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der japanischen Truppen aufzuhalten, hatte schon Alexander von Falkenhausen, einer der deutschen Militärberater Chiang Kai-sheks, angeregt, die Deiche des Gelben Flusses zu sprengen. Nach dem Abschied und der Rückkehr von Falkenhausens nach Deutschland im Jahr 1938 griffen die chinesischen Berater Chiangs das Konzept auf und die Deiche wurden Anfang Juni 1938 gesprengt. Dies führte zu massiven Überschwemmungen und einer gewaltigen humanitären Katastrophe. In den Provinzen Henan, Jiangsu und Anhui starben geschätzt etwa 800.000 Menschen.
In der Zeit der Volksrepublik China (ab 1949) wurde die Provinzhauptstadt vom alten Kulturzentrum Kaifeng 1954 in die Industriestadt Zhengzhou verlegt. Henan nahm bei vielen Kampagnen der Kommunistischen Partei Chinas eine Vorreiterrolle ein. Hier wurde die erste landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, sowie 1958 die erste ländliche und die erste städtische Volkskommune gegründet. 1958 führte Henan als erste Provinz provinzweit Volkskommunen ein. Die Provinz spielte eine tragische Schlüsselrolle beim sogenannten Großen Sprung nach vorn (1958–1961). Die kommunistischen Parteikader Henans zeigten sich ideologisch besonders linientreu zur Politik Mao Zedongs, was dazu führte, dass die Provinz einen außerordentlich hohen Zoll an Menschenleben zu bezahlen hatte. Alleine von den 8,5 Millionen Einwohnern Xinyangs verhungerten mindestens eine Million. Auch bei der Kulturrevolution spielte Henan eine zentrale Rolle und die Auseinandersetzungen verliefen hier besonders blutig. Die anschließende Säuberung der Partei von radikalen Linken und die Durchsetzung der marktwirtschaftlichen Reformen erwies sich in der Provinz als schwierig. Bis in die Gegenwart hinein galt Henan als eine seit langem nach außen eher abgeschlossene Provinz, in der konservativ-egalitäre bäuerliche Vorstellungen besonders stark vertreten waren.
Henan war auch die hauptbetroffene Provinz von der Banqiao-Staudamm-Katastrophe im August 1975, die Zehntausende Menschenleben forderte.
Bevölkerung +Volkszählungen in HenanJahrEinwohnerzahl1954 44.214.5941964 50.325.5111982 74.422.7391990 85.509.5352000 91.236.8542010 94.029.9392020 99.365.519
Seit Beginn der Volkszählungen in der Volksrepublik China im Jahr 1953 war Henan eine der bevölkerungsreichsten Provinzen und stand ab 1997, nach der Ausgliederung Chongqings aus Sichuan, für einige Jahre an erster Stelle. Im Jahr 2006 wurde es in dieser Hinsicht von Guangdong und 2010 von Shandong überholt. Seitdem steht Henan unter den 22 Provinzen in Bezug auf die Bevölkerung an dritter Stelle. In ethnischer Hinsicht ist Henan eine sehr homogene Provinz. Bei der Volkszählung 2020 lag der Anteil der Han-Chinesen bei 98,84 % und der der Minderheitsbevölkerung bei 1,16 %. Im Vergleich zur vorangegangenen Volkszählung im Jahr 2010 wuchs die Han-Bevölkerung um 5.314.754 Personen, was einem Anstieg von 5,72 % entsprach. Die Bevölkerung der verschiedenen ethnischen Minderheiten wuchs um 27.198 Personen, entsprechend einem Anstieg von 2,41 %.
Bei der Volkszählung 2020 lag die dauerhaft ortsansässige Bevölkerung () bei 99.365.519 und die Hukou-Bevölkerung bei etwa 114.440.000. Die Differenz von mehr als 15 Millionen Personen zeigte, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung sein Auskommen in anderen Provinzen verdiente, bzw. dort zumindest partiell erwerbstätig war. Die Ursache hierfür waren wahrscheinlich die nur mäßigen Verdienstmöglichkeiten in Henan. In offiziellen absoluten Zahlen rangierte Henan im Jahr 2020 in Bezug auf das BIP zwar an fünfter Stelle, jedoch das Pro-Kopf-Einkommen lag nur auf Platz 18 der 22 chinesischen Provinzen.
Administrative Gliederung Im Jahr 2023 war Henan in 17 bezirksfreien Städte gegliedert. Auf Kreisebene bestanden 157 Verwaltungseinheiten: 82 Kreise, 54 Stadtbezirke und 21 kreisfreie Städte. Eine kreisfreie Stadt war direkt der Provinz unterstellt. Auf Gemeindeebene gab es 2459 Verwaltungseinheiten: 1192 Großgemeinden, 567 Gemeinden und 700 Straßenviertel. Unter den Gemeinden befanden sich im Jahr 2020 12 Nationalitätengemeinden.
Verwaltungs-einheit Chin. Hanyu Pinyin Verwaltungs-zentrum Fläche(km²) Einwohner(2020)HenanHénán ShěngZhengzhou165.663,6599.365.519— Bezirksfreie Städte —ZhengzhouZhèngzhōu ShìZhongyuan7.567,1812.600.574KaifengKāifēng ShìGulou6.240,224.824.016LuoyangLuòyáng ShìLuolong15.235,857.056.699PingdingshanPíngdǐngshān ShìXinhua7.910,124.987.137AnyangĀnyáng ShìBeiguan7.351,545.477.614HebiHèbì ShìQibin2.140,431.565.973XinxiangXīnxiāng ShìWeibin8.290,896.251.929JiaozuoJiāozuò ShìJiefang3.972,583.521.078PuyangPúyáng ShìHualong4.271,163.772.088XuchangXǔchāng ShìWeidu4.978,834.379.998LuoheLuòhé ShìYancheng2.692,412.367.490SanmenxiaSānménxiá ShìHubin9.935,742.034.872NanyangNányáng ShìWolong26.511,489.713.112ShangqiuShāngqiū ShìSuiyang10.703,557.816.831XinyangXìnyáng ShìPingqiao18.915,616.234.401ZhoukouZhōukǒu ShìChuanhui11.961,049.026.015ZhumadianZhùmǎdiàn ShìYicheng15.086,287.008.427— Stadt auf Provinz- und Kreisebene —JiyuanJǐyuán ShìQinyuan1.898,71727.265
Größte Städte Die Einwohnerzahlen sind auf dem Stand der Volkszählung 2020 und beziehen sich auf die eigentliche städtische Siedlung. Die Urbanisierungsrate der Provinz liegt unter dem chinesischen Durchschnitt.
RangStadtEinwohnerRangStadtEinwohner1Zhengzhou6.461.0136Anyang1.187.7722Luoyang2.230.6617Pingdingshan1.045.9663Nanyang1.407.6168Shangqiu1.031.1234Xinxiang1.271.3509Xinyang1.014.8435Kaifeng1.193.80210Jiaozuo874.733
Wirtschaft und Verkehr mini|Der 2012 eröffnete Bahnhof Zhengzhou Ost verfügt über 32 Gleise