mini|Neue Synagoge in Hannover um 1885 Die Geschichte der Juden in Hannover begann im 13. Jahrhundert.Peter Schulze in: Stadtlexikon Hannover, S. 326 ff. Im Jahr 2009 gehörten den vier jüdischen Gemeinden in Hannover etwa 6200 Personen an.

Mittelalter und Frühe Neuzeit Bereits im 14. Jahrhundert lebten Juden in Hannover. Sie stellten eine Minderheit innerhalb der Stadt dar und hielten an ihren traditionellen, rituell vorgeschriebenen Lebensformen fest (wie Sabbatgebot und Einhaltung von Speisegesetzen). Sie hatten als Schutzjuden einen besonderen Rechtsstatus, benötigten eine ausdrückliche Genehmigung der Obrigkeit und hatten nicht die Rechte der anderen Einwohner.

Nachdem judenfeindliche Predigten protestantischer Geistlicher zu gewalttätigen Krawallen geführt hatten, verbot der Rat der Stadt Hannover 1588 den Handel zwischen Christen und Juden. Da die Juden so ihrer Existenzgrundlage beraubt waren, verließen sie die hannoversche Altstadt und zogen in die damals noch selbstständige Calenberger Neustadt. Bis ins 19. Jahrhundert lebten in der hannoverschen Altstadt keine Juden mehr.Peter Schulze in: Stadtlexikon Hannover, S. 326.

Auch in der Calenberger Neustadt sind sie nach ihrer Flucht aus der Altstadt unterdrückt worden. Bereits 1593 wurde ihr „Tempel“ auf Anordnung des Herzogs Heinrich Julius „destruiert und abgeschafft“.Peter Hertel: Die Juden von Ronnenberg. Teil 1: 1700-1933, Hrsg.: Stadt Ronnenberg, Schriften zur Stadtentwicklung, Bd. 4, Ronnenberg 2012, S. 19 f. Die Juden selber wurden aus der Neustadt vertrieben, ihr Besitz wurde vom Herzog „der Kirche gnädiglich zugeeignet“. 1608 durften sie zurückkehren und stellten 1609 ihre neue Gebetsstätte fertig.M.[eir] Wiener: Liepmann Cohen und seine Söhne, Kammeragenten zu Hannover, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, Hrsg.: Oberrabbiner Z.[acharias] Frankel, Jahrgang 13, Heft 5, Breslau 1864, S. 171 Doch kirchliche Würdenträger des Calenberger Landes empörten sich, dass die Juden auf der „Neustadt vor Hannover“ erneut eine Synagoge errichtet hätten. Der Ronnenberger evangelische Superintendent Wichmann Schulrabe, zu dessen Sprengel die Neustadt vor Hannover gehörte, beschwerte sich schließlich am 1. Februar 1613 schriftlich beim Konsistorium in Wolfenbüttel.Peter Hertel und Christiane Buddenberg-Hertel: Kirche und Synagoge, in: Die Juden von Ronnenberg – Eine Stadt bekennt sich zu ihrer Vergangenheit, Hrsg.: Region Hannover (Mahn- und Gedenkstätte Ahlem). Hannover 2016, ISBN 978-3-7752-4903-4, S. 22 Folge war, dass noch im selben Jahr der Großvogt zu Calenberg auf fürstlichen Befehl hin auch dieses zweite jüdische Gotteshaus in der Calenberger Neustadt niederreißen ließ. Deshalb hatten die Juden der Calenberger Neustadt „längere Zeit hindurch keinen Ort, in welchem sie gemeinsam Gottesdienst halten konnten“. 1688 wurde es ihnen gestattet, im Hause ihres Vorstehers Levin Goldschmidt eine kleine Synagoge zu errichten. 1703 gelang es dem Hof- und Kammeragenten der hannoverschen Welfenherzöge, Leffmann Behrens, an der Stelle, an der die 1613 niedergerissene Synagoge gestanden hatte, eine neue Synagoge bauen zu dürfen. Die eigenständige jüdische Kultur wurde in dieser Abgeschiedenheit – auf einem für die Öffentlichkeit nicht einsehbaren Platz in einem Hinterhof – aufrechterhalten.

Der Wohltätigkeitsverein der Synagogengemeinde Hannover bestand von 1762 bis ins 20. Jh. Das erste gedruckte Adressbuch der Stadt Hannover von 1798 listete am Ende des Buches einzelne Juden in einem Verzeichnis der Handel und Gewerbe betreibenden Judenschaft auf der Calenberger Neustadt.Klaus Mlynek in: Stadtlexikon Hannover, S. 12.

19. und Anfang 20. Jahrhundert mini|Rekonstruktionsmodell der Alten Synagoge von 1827

Für eine kurze Zeit erlangten die männlichen Juden bis 1814 gleiche Bürgerrechte wie auch alle anderen Männer im französisch regierten Königreich Westphalen.

Obwohl vorwiegend in Handels- und Finanzberufen tätig, existierte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die jüdische Minderheit am Rande der Gesellschaft. Ihre Zahl nahm bis Anfang des 19. Jahrhunderts allmählich auf etwa 500 Personen zu.

Die 1703 in der Calenberger Neustadt erbaute Synagoge musste nach 120 Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Anschließend errichtete die jüdische Gemeinde 1827 an derselben Stelle eine neue Synagoge,Klaus-Dieter Alicke: Hannover im Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum die 1827 eingeweiht und später Alte Synagoge genannt wurde.

Im Königreich Hannover verfügte die hannoversche Regierung im Jahr 1828, dass Juden feste Namen annehmen mussten.Albert Marx: Geschichte der Juden in Niedersachsen, Sonderausgabe für den Landesverband der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Hannover: Fackelträger-Verlag, 1995, ISBN 978-3-7716-1577-2 und ISBN 3-7716-1577-1, S. 133

1842 das Ausnahmerecht aufgehoben, und die Juden wurden gesetzlich den anderen Bürgern gleichgestellt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts galt Israel Simon als erster Bankier Hannovers.

Als im Laufe des 19. Jahrhunderts die jüdische Bevölkerung in Hannover anwuchs, wurde die Alte Synagoge zu klein. 1864 bis 1870 wurde nach dem Abriss älterer Gebäude in der Bergstraße (heute Rote Reihe) in der Calenberger Neustadt die Neue Synagoge errichtet. Sie befand sich in Nachbarschaft zu den Hauptkirchen Hannovers. Der von Edwin Oppler im Stil des Historismus entworfene Bau war Symbol des Selbstbewusstseins und der Anerkennung der Juden und wirkte stilbildend für den Bau von Synagogen im Deutschen Kaiserreich.

1893 gründete Alexander Moritz Simon in Ahlem die Israelitische Erziehungsanstalt, die 1919 in Israelitische Gartenbauschule Ahlem umbenannt wurde.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten rund 5000 Juden in Hannover. Die Jahre bis zur „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 brachten einen sozialen Aufstieg des Judentums in der bürgerlichen Gesellschaft. Aber auch in der hannoverschen Arbeiterbewegung engagierten sich säkular orientierte Juden wie etwa die KPD-Politiker Werner Scholem und Iwan Katz. Zugleich entwickelte sich in Form antiliberaler und antidemokratischer Bewegungen ein neuer Antisemitismus, der mit der Machtübernahme 1933 zur Staatsdoktrin wurde. Infolge neuer Verfolgungen sank die Zahl der hannoverschen Juden auf etwa 4800 Personen im Jahre 1936.

Zeit des Nationalsozialismus In der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 wurden die Juden unter Ausnahmerecht gestellt. Unter Stadtbaurat Karl Elkart kam es zu Arisierungen, Ausweisung und Verfolgung, wodurch die Jüdische Gemeinde Hannover vernichtet wurde. Von den etwa 4800 Juden, die Hannover 1938 zählte, entschieden sich viele schon rasch für die Emigration.

Polenaktion und Novemberpogrome Am 28. Oktober 1938 wurden in Hannover 484 Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Rahmen der Polenaktion zusammen getrieben, im Saal des „Rusthauses“ (Burgstraße 30) gesammelt und vom Hauptbahnhof aus über die polnische Grenze ausgewiesen.

Unter den Ausgewiesenen befand sich auch die Familie Grünspan aus der Burgstraße 36. Der zweitälteste Sohn der Familie, Herschel Grünspan, befand sich zu diesem Zeitpunkt in Paris. Als er von der Vertreibung seiner Familie erfuhr, kaufte er sich am 7. November 1938 einen Revolver, fuhr in Paris zur deutschen Botschaft und schoss fünfmal auf den dort zufällig anwesenden Legationsrat Ernst Eduard vom Rath, der am 9. November verstarb. Von den Nationalsozialisten wurde dies als „Anschlag des Weltjudentums“ hochstilisiert und zum Vorwand für die lange geplanten Novemberpogrome 1938 genommen, die als „spontane Aktionen des Volkszornes“ inszeniert wurden. Überall im Deutschen Reich wurden in der folgenden Nacht Synagogen in Brand gesteckt, auch die Neue Synagoge in Hannover in der Bergstraße. Sie brannte dabei aus. Die SS sperrte die Synagoge ab und um 02:35 Uhr wurde Feueralarm durch die Staatspolizei durchgegeben. Die spät alarmierte Feuerwehr beschränkte sich auf den Schutz der umliegenden Häuser. Später wurde sie gesprengt und abgetragen. In Hannover wurden 94 jüdische Geschäfte und 27 Wohnungen zerstört (PDF, 20 kB), 334 Juden aus Hannover und Umgebung verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert.

Am 25. Juni 1939 wurde nochmals eine kleinere Gruppe von Juden abgeschoben.

Judenhäuser Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten noch rund 2000 Juden in Hannover. Am 3. September 1941 wurden 1200 Juden darüber informiert, dass sie bis 4. September 1941 um 18 Uhr ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen hätten. Im Rahmen der „Aktion Lauterbacher“ wurden sie unter katastrophalen Lebensumständen in 15 sogenannten „Judenhäusern“Straßennamen, vor allem aber Hausnummern, wurden nach den Luftangriffen auf Hannover und dem Wiederaufbau zum Teil geändert zusammengepfercht:

Alte Synagoge, Bergstraße 8, Straße nicht mehr existent, Nähe Rote Reihe, Calenberger Neustadt Schulgebäude Lützowstraße 3, Mitte Verwaltungsgebäude Ohestraße 8/9, heute Standort des Berufsschulzentrums, Calenberger Neustadt Jüdisches Krankenhaus und Altersheim, Ellernstraße 16, Zooviertel Altersheim Auf dem Emmerberge 31, Südstadt Heinemanhof (Altersheim für jüdische Frauen der Minna-James-Heineman-Stiftung), Kirchrode Predigthalle des neuen jüdischen Friedhofs, Nordstadt Israelitische Gartenbauschule Ahlem Wohnhaus Dieterichsstraße 28, Warmbüchenviertel Wohnhaus Herschelstraße 31, Mitte Wohnhaus Josephstraße 22, heute Otto-Brenner-Straße, Mitte Wohnhaus Knochenhauerstraße 61, Altstadt Wohnhaus Körnerstraße 24, Mitte Wohnhaus Scholvinstraße 12, Mitte Wohnhaus Wunstorfer Straße 16 a, Limmer

Deportationen mini|Mahnmal am Bahnhof Fischerhof

Die Vertreibung aus den Wohnungen bereitete die kurze Zeit später einsetzenden Deportation von Juden aus Deutschland vor.Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.): Stadtlexikon Hannover: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Schlütersche, Hannover, 2009, S. 17, Aktion Lauterbacher Ende 1941 und noch vor der Wannseekonferenz im Februar 1942 wurden viele in Hannover lebende Juden in das vorgesehene Sammellager, die Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, verbracht. Von dort wurden 1001 Menschen am 15. Dezember 1941 zum Bahnhof Fischerhof in Linden abtransportiert und nach Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen ins Ghetto Riga deportiert. Sechs weitere Transporte bis 1944 erfolgten von diesem Bahnhof aus in die KZs und Ghettos in Auschwitz, Theresienstadt und Warschau. Ein achter Transport aus Hannover erfolgte 1945 von einem anderen Bahnhof.

Insgesamt wurden von Hannover aus rund 2400 Menschen aus der Stadt und dem südlichen Niedersachsen deportiert, von denen die wenigsten die Schoa überlebten. Vom ersten Transport 1941 mit 1001 Personen ist bekannt, dass 68 den Zweiten Weltkrieg überlebten.Informationstafel: Bahnhof Fischerhof

Zum 70. Jahrestag der ersten Deportation gedachte die Stadt Hannover am 15. Dezember 2011 des Ereignisses mit Gedenkveranstaltungen unter Teilnahme von fünf Überlebenden. Dazu gehörte eine Lichteraktion auf dem Trammplatz. Schüler entzündeten für jede der 1001 deportierten Personen eine Kerze, die aufgestellt einen Davidstern bildeten. Zum weiteren Programm gehörten eine Ausstellung im Neuen Rathaus und ein Symposium.

Konzentrationslager mini|KZ-Häftlinge vor der Baracke 2 im KZ Hannover-Ahlem nach der Befreiung durch die US-Armee

Im heutigen Stadtgebiet von Hannover wurden 1943 und 1944 zum Ende des Zweiten Weltkrieges 7 KZ-Außenlager errichtet, die dem KZ Neuengamme zugeordnet waren. Die Außenlager waren Industriebetrieben angegliedert, in denen die KZ-Häftlinge – darunter auch viele jüdische Personen – als Arbeitskräfte eingesetzt wurden:

KZ-Außenlager Hannover-Ahlem KZ-Außenlager Hannover-Langenhagen (im heutigen Stadtteil Brink-Hafen) KZ-Außenlager Hannover-Limmer KZ-Außenlager Hannover-Misburg KZ-Außenlager Hannover-Mühlenberg KZ Hannover-Stöcken (Akkumulatorenwerke) (im Stadtteil Marienwerder) KZ Hannover-Stöcken (Continental)