miniatur|Djavidan Hanum, ca. 1909 Zubeida Djavidan Hanum, auch Scheherezade Hanoum (* 15. Juni 1877 als May Török von Szendrő in Philadelphia; † 5. August 1968 in Graz; Pseudonyme: Bajan Djavidan; Inschaallah; Djanan Djavidan) war eine österreichisch-ungarische Schriftstellerin, Malerin und Pianistin, die den Vizekönig von Ägypten heiratete und zeitweise Berühmtheit erlangte, nachdem sie 1930 mit ihrem Buch Harem die „Häuser der Glückseligkeit“ entschleierte.

USA, Österreich – Geburt, Kindheit, Jugend, Reisen Zur Welt kam Djavidan Hanum am 15. Juni 1877 in Philadelphia als May Gräfin Török von Szendrő. Ihr ungarischer Vater, Josef Török* 17. Januar 1848, war Offizier in der k. & k. Armee, ihre österreichische Mutter, Sophie, war eine geborene Vetter von der Lilie* 27. November 1851. Bald schon nach Mays Geburt trennten sich ihre Eltern, und so wurde Theo Puskás zu ihrem „zweiten Vater“. Theodor Puskás von Ditró war bis zum Jahr 1889 der Europa-Beauftragte von Thomas Alva Edison und stellte während der Weltausstellung 1878 in Paris eine weiter entwickelte Version des Telefons vor. In den folgenden Jahren trieb Puskas den Bau von Telefonnetzen in Europas Metropolen mit hohem Tempo voran; und so lebten er und seine Familie abwechselnd in Paris, in Budapest, in Wien, in London, auf seinen Gütern in Ungarn oder auf Schloss Waasen, südlich von Graz. Entsprechend weltgewandt und vielsprachig wuchs May als Kind auf: Neben Ungarisch und Deutsch beherrschte sie Französisch und Englisch, Italienisch und Russisch. Sehr früh schon zeigte sich auch ihre musikalische Begabung am Klavier.

Mays älterer Bruder, Josef Török (* 1873), wurde am Wiener Theresianum, der k. & k. Militärakademie, erzogen; als May ihn 1890, im Alter von erst dreizehn Jahren, allein dort besuchte, traf sie auf einen Kommilitonen ihres Bruders, den türkisch-ägyptischen Prinzen Abbas Hilmi.

Ägypten – Im Harem mini|Abbas II. Hilmi Im Jahr 1900, May war 23, kam es zur zweiten Begegnung zwischen ihr und Abbas Hilmi, diesmal in Paris. Diese Begegnung war mit ungeahnten Folgen sowohl für May als auch für Abbas verbunden, der 1892, mit gerade erst 18 Jahren, seinem inzwischen verstorbenen Vater, Mohammed Tewfik Pascha, als Khedive Abbas II. auf den ägyptischen Thron gefolgt war. May nahm die Einladung Abbas Hilmis, nach Ägypten zu kommen, an und sollte während der nächsten rund dreizehn Jahre in dessen Harem leben. Das Paar konnte zunächst nur heimlich heiraten, denn die Walde-Hanum, die Mutter des Khediven, war gegen die Ehe mit einer „Ungläubigen“. May, als Kind ohne religiöse Bindung erzogen, nahm nun den Islam als Glauben an und nannte sich zunächst Zubeida und fortan Djavidan. Erst am 28. Februar 1910 konnte die offizielle Trauung stattfinden, und aus May Gräfin Török von Szendrö wurde nunmehr die Hanum-Effendi, die Gattin des Herrn und türkischen Vizekönigs von Ägypten.

Was auf den ersten Blick anmutete wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ein Leben voll schroffer Gegensätze: Einerseits größter Reichtum und unendliche Prachtentfaltung, andererseits strengstes religiöses und höfisches Zeremoniell, wonach Frauen vom offiziellen Leben ausgeschlossen blieben. Es gilt als eines der großen Verdienste von Djavidan, dass sie in ihrem 1930 erschienenen Buch Harem mit vielen Vorurteilen und falschen Bildern von den „Häusern der Glückseligkeit“, wie die Haramliks, die Harems, auch bezeichnet wurden, abrechnete; dies war ihr nicht allein auf Grund eigener Anschauung, sondern vor allem infolge eifriger Islam-, Geschichts- und Sprachstudien möglich. Doch sosehr Djavidan sich auf ihr Leben am ägyptischen Hof auch vorbereitet hatte – im Kern war sie doch eine aufgeklärte und emanzipierte Europäerin geblieben. Als erschwerend mag hinzugekommen sein, dass die Ehe zwischen ihr und Abbas Hilmi kinderlos geblieben war; den letzten Anstoß zur Trennung dürfte Abbas Hilmis Liaison mit der Pariser Tänzerin Andrée de Lusange (Georgette Mesny) gegeben haben, welcher der ehemalige Getreue und Hilmi-Berater Clemens von Arvay späterVgl. Aus den Geheimnissen der Fürstenhöfe. Abbas Hilmi, der letzte Khedive. Aus den Erinnerungen seines Beraters Clemens von Arvay; in: National-Zeitung, 3. Mai 1928 (1. Beiblatt des 8-Uhr-Abendblattes zu Nr. 103). die Schuld daran gab, dass Prinzessin Djavidan den Khediven verließ (...) und dass sich seine treuesten Freunde und ergebensten Angestellten von ihm abwandten.

Wien – In der Künstlerszene 1913, nach der ScheidungScheidungsurkunde vom 7. August 1913. von Abbas Hilmi, kehrte Djavidan Hanum nach Österreich zurück, ließ sich in Wien nieder und gründete ein „Schönheitsinstitut“Hanum. Institut für Schönheitspflege, Wien I., Tegetthoffstraße 4; Inserat in: „Illustrierte Zeitschrift für die vornehme Welt“, Wien, 18. November 1917., das sie mit dem Erlös aus Verkäufen von Juwelen, Kleidung und Silber finanzierte. Die Klientel setzte sich aus Damen der „höchsten“ und „besten“ Gesellschaft Wiens zusammen. In diese Zeit fallen auch Djavidans Kontakte zu Künstlern wie etwa dem Schriftsteller Robert MusilMusil erwähnte May (zuerst phonetisch: Meh) in den Tagebüchern und porträtierte sie 1919/20 unter „Zeitfiguren“. Karl Corino weist darauf hin, dass Züge May Töröks sowohl in Musils Posse Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer als auch in die Figur der Bonadea in dessen Mann ohne Eigenschaften eingegangen seien. Vgl. Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek 2003, ISBN 3-498-00891-9, S. 675, 874, 663, 673–675, 847–849, 1668, 1713, 1889., dem Pianisten Eugen d’Albert, dem Dichter Gerhart Hauptmann, dem Zeichner Olaf Gulbransson oder dem Autorenpaar Otto Kaus und Gina Kaus.Vgl. Gina Kaus: Und was für ein Leben... mit Liebe und Literatur, Theater und Film (Autobiographie), Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1979, ISBN 3-8135-0711-4, S. 81. Bei Eugen d’Albert nahm Djavidan Klavierunterricht;Vgl. Prinzessin Zubeida von Ägypten: Erlebnisse mit Eugen d'Albert, in: Die Neue Front. 13. Mai 1949. in einem späteren Empfehlungsschreibenvom 23. Juli 1928 des Komponisten und Pianisten heißt es: Prinzessin Djavidan Hanum hat in Wien längere Zeit bei mir studiert und ihr Klavierspiel hat mich stets interessiert. Ich hörte sie erst vor kurzem wieder und konnte große Fortschritte konstatieren. Ich kann sie in jeder Weise empfehlen, sie ist heute eine ausgezeichnete Pianistin.

Berlin – Radio, Film, Spionage Ab etwa 1920 lebte Djavidan Hanum in Berlin. Sie verfasste Hörspiele für den Rundfunk, komponierte und gab Klavierkonzerte, schrieb Erzählungen und publizierte in verschiedenen Tageszeitungen, so in der Vossischen Zeitung, im Berliner Tageblatt und in der Neuen Berliner Zeitung. Mit dem Buch Harem errang sie 1930 ihren größten Erfolg; 37 Rezensionen waren dazu erschienen. Bald wurde Harem in mehrere Sprachen übersetzt und Gerhart Hauptmann schrieb ihr zu dem WerkBrief vom 25. Oktober 1930.: Gnädigste Prinzessin! Haben Sie Dank für die Übersendung Ihres Buches, das ich auszugsweise kannte. Es zeigt Sie, und zwar sehr entschieden, als Schriftstellerin von Rang.

1921, in Danzig, hatte Djavidan Hanum eine weitere Begegnung, die ihrem Leben erneut eine entscheidende Wendung geben sollte. Zu Besuch auf dem Landgut einer Freundin, traf sie mit Simon „Senia“ Kulatschkoff* 10. April 1893, Orel; † 5. Februar 1978, Graz. zusammen, einem zaristischen Offizier, der aus der weißrussischen Armee desertiert war und als Landarbeiter auf diesem Gut beschäftigt wurde. Kulatschkoff fiel Djavidan auf, weil er ganz abgemagert war und kaum Deutsch sprach. Sie konnte etwas Russisch und nahm ihn schließlich mit nach Berlin, wo sie ihm eine Gesangsausbildung finanzierte und behilflich war, seinen ursprünglichen Beruf, die Schauspielerei, wieder auszuüben.

In Berlin kamen Djavidan Hanum und Simon Kulatschkoff auch mit dem Film in Berührung; in einem ZeitungsartikelIch bekomme eine Rolle... von Djavidan Hanoum, in: Neue Berliner Zeitung / Das 12 Uhr Blatt. 15. Januar 1929, Nr. 12, 11. Jg. schrieb Djavidan: ... Als Statistin habe ich schon mitgefilmt, das heißt als Edelkomparse. Ich habe Pariser Toiletten, und bei Gesellschaftsszenen stehe ich ganz vorne. Ich komme auch immer in den Apparat hinein. Der Schminkfrau gebe ich zehn Mark, man muss doch etwas für die Kunst tun! Sie schminkt mich dafür volle zwei Stunden. Die Augenlider grün, das wirkt weicher als braun. Alle anderen müssen natürlich warten. (...) Nach dem letzten Film, „Die Wollust der sibirischen Nächte“, wurde ich vom Regisseur, vom Aufnahmeleiter und vom Hilfsregisseur zum Souper eingeladen. Nicht zusammen ... von jedem separat. (...) Jeder hat mir sein Herz ausgeschüttet. Doch davon will ich nicht sprechen - ich weiß, dass Diskretion die erste Vorbedingung ist, um Karriere beim Film zu machen...

Auch Simon Kulatschkoff konnte sich in Berlin als Sänger und Schauspieler etablieren; in dem 1928 produzierten Stummfilm Der ZarewitschProduktion: Hegewald-Film, Berlin; Regie: J. und L. Fleck. spielte er den Adjutanten des Zaren. In Berlins gehobener Gesellschaft jener Zeit war es en vogue, sich mit Spiritismus und mit Hellseherei zu beschäftigen, und so war Kulatschkoff auch als Graphologe und Astrologe tätig; gelegentlich soll er sogar der Polizei bei der Suche nach Verschwundenen geholfen haben.

Prinzessin Djavidan und Simon Kulatschkoff lebten fortan zusammen, wenn auch in getrennten Wohnungen. Sie verkehrten in höchsten Gesellschaftskreisen, in die sich mitunter aber auch mediokre Figuren mischten; so waren die beiden häufig zu Gast im Haus des polnischen Majors Jerzy Sosnowski, der für seine eleganten Feste samt honorigen Gästen berühmt war. Allerdings wurde er später als hochkarätiger Spion enttarnt und verhaftet. Er hatte sich – mit Hilfe zweier bestochener bzw. erpresster Sekretärinnen im ReichswehrministeriumRenate von Natzmer und Benita von Falkenhayn, nota bene bereits 1934 – den deutschen Aufmarschplan gegen Polen besorgt. Ausgerechnet am Abend der Razzia27. Februar 1934 war Djavidan Hanum nicht unter SosnowskisVgl. Michael Graf Soltikow: Rittmeister Sosnowski, Verlag der Stern Bücher, Erstausgabe, Hamburg 1954, S. 285 (Roman nach Motiven der Spionageaffäre). Gästen.

Wien, Innsbruck, Paris – Schreiben, Dolmetschen, Public Relations Zwischen 1936/38 und 1945 lebten Prinzessin Djavidan und Senia Kulatschkoff erneut in Wien. Hier schrieb Djavidan Hanum wieder für den Rundfunk (RAVAG) und für Zeitschriften. 1942 veröffentlichte sie im Münchner Zinnen-Verlag ihr zweites Buch, Gülzar - Der Rosengarten, einen Band mit Erzählungen aus dem Orient. Auf das Heranrücken der Roten Armee an Wien kurz vor Kriegsende reagierte das Paar mit Flucht nach Innsbruck, durfte doch Simon Kulatschkoff als ehemals zaristischer Offizier von den siegreichen kommunistischen Truppen nichts Gutes erwarten. Am 24. April 1945 meldete Djavidan sich bei der Polizei in Innsbruck unter dem Namen „Bajan Djavidan“ anMaria-Theresien-Strasse Nr. 25; als Beruf gab sie „Schriftstellerin“ zu Protokoll. Nach Kriegsende, ab Mitte Juli 1945, wurde sie von der französischen Militärregierung in Tirol als Dolmetscherin beschäftigt.Ausweis der Französischen Militärregierung vom 13. Juli 1945. Von 1946 bis 1951 erschienen in der Tiroler Tageszeitung, in der Heimat-Rundschau, in der Neuen Front und im Mannheimer Tagblatt einige Artikel und Kurzgeschichten von ihr, die sie mit „Zubeida Djavidan“, „Prinzessin Zubeida Djavidan“ oder „Djavidan Hanum“ signierte.